Def Leppard: A wild ride over stony ground

Nach HYSTERIA machten Def Leppard eine lange Pause, bevor sich wieder trafen, um an Material für den Nachfolger zu ar­­beiten. Erneut war Mutt nicht verfügbar, da er für Bryan Adams gerade den Megaseller WAKING UP THE NEIGHBOURS mit dem Dauer-Nr.-1-Hit ›(Everything I Do) I Do It For You‹ produzierte. Doch immerhin beteiligte er sich am Songwriting-Prozess mit Leppard. Wie Elliott es heute formuliert, war er „immer nur einen Anruf entfernt“. Doch in einem tragischen, seltsamen Echo von PYROMANIA und HYSTERIA schlug das Schicksal erneut zu, als Steve Clark eines Abends im Januar 1991 einschlief und nie wieder aufwachte.

Def Leppard Hysteria Video

Wir haben vorher schon Steves Tod erwähnt. Eine Frage dazu: Warst du auch erleichtert, in dem Sinne, dass jemand, der so offensichtlich verletzt und gebrochen war, endlich nicht mehr leiden musste – und auch dass die Band nun ohne diese Last weitermachen konnte?
In keiner bestimmten Reihenfolge war ich unglaublich traurig, als ich hörte, dass er gestorben war. Aber ein Teil von mir war tatsächlich auch sehr er­­leichtert. Denn ich wusste, dass es früher oder später passieren würde. Jetzt konnten wir endlich beide unseren Frieden damit schließen und weitergehen. Wir hatten ihm sechs Monate freigegeben und gesagt, er solle ein bisschen Zeit in dem wunderschönen Haus in Chelsea verbringen, das er sich gekauft hatte, seine Klamotten aus dem Koffer holen und im Kleiderschrank aufhängen. Stattdessen verbrachte er die meiste Zeit im Pub um die Ecke und stellte Sachen an wie sich so zu betrinken, dass er die Treppe hinabstürzte und sich eine Rippe brach. Dafür musste er dann starke Schmerzmittel nehmen. Und dann trank er weiter. So starb er. Es war nicht das Kokain. Warscheinlich hatte er Morphium genommen, weil ihm das verschrieben worden war. Das spülte er mit Wodka runter und wachte nie mehr auf. Er fiel einfach in einen so tiefen Schlaf, dass er starb.

Wenn er nicht gestorben, sondern nach sechs Monaten immer noch als Alkoholwrack zurückgekommen wäre, hättet ihr ihn dann gefeuert?
Ja. Das ist die ehrliche Antwort darauf. Aber deswegen hatten wir ihm sechs Monate freigegeben. Pete Willis wollten wir loswerden. Doch bei Steve wollten wir, dass er zurückkehrt. Er war kreativ, er war unser Freund, und er litt. Die Sachen, die im Zusammenhang mit Steves Sauferei passierten und nicht ans Licht kamen – und auch nie mehr ans Licht kommen werden –, führten einfach zu einer Lage, wo man sagte: „Ich kann das nicht mehr.“
Auf Tournee, wenn mein Hotelzimmer neben seinem lag, gab es Zeiten, wo ich mir dachte, ich wäre nicht sehr überrascht, wenn er am nächsten Morgen nicht mehr aufwacht. Dann sah ich ihn am nächsten Tag und fragte: „Was zur Hölle war da letzte Nacht los bei dir?“ Lärm und einfach aller möglicher Scheiß, der in seinem Zimmer abging. Das vermisse ich wirklich nicht. Mich stresste das damals unglaublich. Und das gibt es jetzt nicht mehr. Und das meine ich, wenn ich sage, dass ich auch ein bisschen erleichtert war. Denn ich wusste, dass ich seinen Schmerz nicht mehr ertragen musste, und er auch nicht.

ADRENALIZE nahmt ihr dann zu viert auf. Ein gutes Album, aber nicht in derselben Liga wie HYSTERIA. Würdest du das als ein faires Urteil bezeichnen?
Wir kamen ganz gut ohne Mutt klar, weil wir ja auch ein bisschen erwachsener geworden waren. Wir setzten die Werkzeuge ein, die wir entwickelt hatten, nur waren wir jetzt etwas qualifizierter und reifer, um Entscheidungen zu treffen. Wir hatten eine stärkere, selbstbewusstere Meinung darüber, wie wir die Dinge angehen sollten. Mutt war in seinem Studio in Guildford mit Bryan Adams und wir waren in Dublin. Wir sprachen jeden Tag miteinander, sogar mit Bryan. Doch es war nicht so ein Abenteuer wie HYSTERIA, sondern mehr ein Rockalbum, nicht so experimentell. Es ist wie bei Pink Floyd. Für mich war ADRENALIZE unser WISH YOU WERE HERE und HYSTERIA un­­ser THE DARK SIDE OF THE MOON.
Mit dem nächsten Album SLANG veränderte sich das alles, aber das hatte wohl mehr mit der Ankunft des kalten, verregneten Grunge zu tun, oder?
Die Landschaft hatte sich komplett verwandelt. Die Fans, die ADRENALIZE gekauft hatten, waren nicht verschwunden, doch da war diese neue Generation von Kids, die in das Alter zum Plattenkaufen kam, als auf MTV die Videos von Nirvana, Alice In Chains, Pearl Jam und Soundgarden liefen. Wir machten weiter unser Ding, doch wir wussten, dass sich das Um­­feld verändert hatte.

Aber nicht so sehr, dass ihr den An­­schluss in den weltweiten Charts verloren hättet. Die Single ›Two Steps Behind‹ erreichte 1993 die Top 5 in den USA. ›When Love And Hate Collide‹ von der Compilation VAULT war 1995 ein Riesenhit in Großbritannien. Ich weiß noch, wie ich damals ein Interview im Radio mit dir hörte. Du klangst so zu­­frieden – und überrascht.
Ich erinnere mich an ein Ge­­spräch mit Jon Bon Jovi, und wir sagten: „Wo zum Teufel sollen wir jetzt hin? Was passiert hier?“ Alle sagten, eure Zeit ist jetzt vorbei, und da denkt man dann, okay, vielleicht haben die großen Rockbands in den 70ern damals das Handtuch ge­­worfen, als der Punk aufkam, aber wir wollten nicht so leicht aufgeben. Wir hatten diese kleinen Momente des Glücks, die ausreichten, um uns am Laufen zu halten und das zu tun, was wir eben taten. Wir hatten unseren größten Hit überhaupt in Großbritannien mit einem Song, der im Prinzip aus den 80er-Jahren stammte, aber eben 1995.

Doch SLANG war anders. Als hättet ihr die Alternative-Meute herausgefordert.
Als wir mit der Arbeit an SLANG be­­gannen, wussten wir einfach, dass wir um unserer selbst Willen kein zweites ADRENALIZE oder gar HYSTERIA machen konnten. Wir hatten die Trilogie von Alben mit riesiger Produktion gemacht, nun mussten wir uns reinigen und etwas anderes in Angriff nehmen. Also verzichteten wir auf all diese fetten Harmonien und ließen es einfach so klingen, wie wenn wir es live in Proberaum raushauen. Als wir die Platte schrieben, nannten wir sie im Scherz COMMERCIAL SUICIDE. In musikalischer Hinsicht war es wie eine Seelenreinigung, aber andererseits hatten wir uns auch in diese großartige Position gebracht, dass wir über etwas anderes schreiben konnten. Zum ersten Mal in unserem Leben, zumindest als Kollektiv, hatten wir Geburt, Tod, Ehe und Scheidung er­­lebt. All diese Sachen, mit denen sich alle Erwachsenen ir­­gendwann auseinandersetzen müssen.
Ich weiß, dass dieses Album polarisiert. Manche meiner Freunde sagen, es sei das Beste, das wir je gemacht haben, und ich weiß, dass es Leute da draußen gibt, die denken, es sei unsere schlechteste Platte. Und dann gibt es Leute, die es total kalt lässt – so „Äh, das klingt nicht wirklich nach Def Lep­­pard.“ Ja, und genau das war der Witz dabei. Hätten wir noch mal ADRENALIZE gemacht, hätte man uns in der Luft zerrissen, also konnten wir genauso gut die Platte machen, die wir wirklich, wirklich machen wollten. Wir wussten, dass wir beiseite ge­­schoben worden waren, aber wir wussten auch, dass wir uns davon erholen würden. Es ging nur darum, diese Zeit auszusitzen, denn uns war klar, dass wir nicht einfach aufhören wollten.

Mit EUPHORIA schwang das Pendel 1999 dann wieder zurück – eine faszinierende Rückkehr zu den „klassischen“ Leppard. Warum?
Die Landschaft hatte sich wieder verändert. Ich kann das schon aus der Perspektive eines Außenstehenden nachvollziehen: „Oh, sie haben mit SLANG mal was anderes versucht, und jetzt kehren sie wieder zu Altbewährtem zurück.“ Doch wir hörten einfach nur, was so passierte, im Radio, wir lasen viel und bekamen den Eindruck, dass alle wieder mehr auf Melodie setzten, dass Melodien nicht mehr uncool sind. Doch das hatte nicht wirklich Eier, keine Kraft. Wir dachten, wir haben beides, und wir wissen, wie man das macht.
Als es dann an EUPHORIA ging, ließen wir uns in jede Richtung treiben und setzten uns keine Grenzen. Bei SLANG hatten wir das getan, denn die Prämisse war da, dass wir nicht die typischen Lep­­pard-Sachen bringen. Bei EUPHO­RIA haben wir dann nichts ausgeschlossen. Wenn etwas aufkam, ak­­zeptierten wir es. Seit ADRENALIZE waren acht Jahre vergangen. Eine lange Zeit, um deinen Hauptstil ab­­zulegen. Also stiegen wir wieder auf ihn ein.

Außerdem kehrte bei EUPHORIA auch Mutt zurück, wenn auch nur kurz.
Wir waren wirklich glücklich über diese Entwicklung und Mutt kam wieder an Bord. Ich weiß nicht, wie oder warum. Es hieß nur, Mutt will vorbeikommen. Okay, super. Er würde die Platte zwar nicht produzieren, er war nur einfach gerade nicht im Studio beschäftigt, als wir mit den Aufnahmen begannen. Also kam er vorbei und Phil hatte diese Idee zu einem Song, der ein bisschen wie ›Photograph‹ klang: ›Promises‹. Wie sich dieser Song entwickelte von den Anfängen zu dem Moment, in dem Mutt dazukam, war, als wäre das alte Team wieder zusammen.
Wie war das, wieder mit Mutt im Studio zu arbeiten?
Seltsam. Es war irgendwie komisch, weil er nicht mehr so arbeitete wie früher. Er machte sich nicht mehr so sehr die Finger schmutzig, sondern beobachtete mehr. Er sagte nur „Stop“ und machte einen Vorschlag. Das war etwas eigenartig für Vivian [Campbell, Clarks Nachfolger], denn er hatte noch nie mit ihm zu tun gehabt, also war das ein Lernprozess. Wir schrieben dann noch einen Song, bei dem wir bei null angefangen hatten. Die Idee war, dass wir was komplett Verrücktes machen wollten. Daraus wur­de dann ›All Night‹ mit all den groovy Geräuschen und orgasmischen Klängen. Es ist total durchgeknallt.

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