Dave Grohl: „Man fühlt sich wie auf Autopilot“

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Dave Grohl: „Man fühlt sich wie auf Autopilot“

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„Fuck you, 2020“, sagt sich Dave Grohl und spricht damit allen aus der Lockdown-geplagten Seele. Doch kaum hat das neue Jahr begonnen, geht er mit seinen Foo Fighters in die Offensive – und verabreicht den Fans zu Pandemie-Zeiten eine ordentliche Dosis Rock: MEDICINE AT MIDNIGHT kann man in diesen nervenzermürbenden Zeiten wirklich gut gebrauchen! Das nunmehr zehnte Album der Band um den Ex-Nirvana-Drummer war auch Anlass für dieses Interview. Wir verabredeten uns mit Dave zum Zoom-Call und sprachen mit dem 52-jährigen Foo-Fronter über das neue Werk, die geplante Welttour zum 25. Bandjubiläum, Corona-Maßnahmen, Kurt Cobain und Nirvanas bahnbrechenden Grunge-Klassiker NEVERMIND, der in diesem Jahr 30. Geburtstag feiert …

Dave, die Corona-Krise betrifft nach wie vor die ganze Welt – aber du beglückst die Fans jetzt mit einem neuen Foo-Fighters-Album …
Das Album ist schon ein Jahr im Kasten, aber jetzt war es einfach an der Zeit, das Ding endlich rauszuhauen, Corona hin oder her. Songs wie ›No Son Of Mine‹, ›Making A Fire‹, ›Shame Shame‹ oder ›Chasing Birds‹ sollen einen in bessere Stimmung versetzen, zumindest im Wohnzimmer, denn unsere Welttour können wir uns ja nun abschminken. Alle neuen Songs entstanden bereits 2019, also noch vor der großen Krise. Aber wenn man die Tracks anhört, klingen sie erstaunlich aktuell. Eigentlich könnte man das Album auch VACCINE AT MIDNIGHT nennen (lacht), dann wäre es brandaktuell.

Was hat es denn mit der „Mitternachts-Medizin“ auf sich?
MEDICINE AT MIDNIGHT handelt nicht etwa von irgendwelchen Medikamenten, sondern von dem Gefühl, dass einem irgendetwas im Leben fehlt, dass man nicht zufrieden ist und einem das Heilmittel fehlt. Der Titelsong fiel mir ein, als ich mich eines Abends ins Bett legte. Ich konnte beim besten Willen nicht einschlafen und fragte mich, warum. Was fehlt mir? Ich bin ein „Insomniac“, ein Rastloser, ein fürchterlich schlechter Schläfer. Ich habe wohl einfach zu viel Energie – und zwar immer. Es geht also um die Frage, was die Medizin ist, die mich gut schlafen und zufrieden sein lässt.

Mit deiner Karriere kannst du mehr als zufrieden sein. Längst zählst du zu den Superstars im Rock-Business, scheinst aber selbst auch Fan geblieben zu sein. Das zeigt sich daran, dass du den 7. August 2008 als „größten Tag“ deines Lebens bezeichnest …
Stimmt. An jenem Tag spielten wir als Headliner im ausverkauften Wembley Stadion in London vor über 80.000 Fans. Eine überwältigende Kulisse. Und dann kamen plötzlich meine Jugendhelden auf die Bühne,
um mit uns zu jammen: Jimmy Page und John Paul Jones von Led Zeppelin. Wir spielten ihre Klassiker ›Rock And Roll‹ und ›Ramble On‹, bei dem ich ans Schlagzeug wechselte und unseren Drummer Taylor Hawkins singen ließ. Ich dachte echt, ich träume. Kurz vor dem Gig hatte ich Jimmy Page angerufen und ihm erzählt, dass wir in London spielen. Erst traute ich mich kaum, ihn zu fragen, ob er auf die Bühne kommen wolle. Aber er sagte sofort zu und brachte gleich noch John Paul Jones mit. Unglaublich!

Slash hat mal in einem Interview erzählt, dass er nach Beendigung von Tourneen oft schlecht drauf war. In den eigenen vier Wänden wurde ihm schnell langweilig und dann hat er zu Heroin gegriffen.
Kann ich gut nachvollziehen, obwohl ich selbst keine harten Drogen nehme. Viele stellen sich das Tourleben eben wahnsinnig aufregend und glamourös vor. Das Gegenteil ist der Fall. Alles ist straff durchorganisiert, wie beim Militär. Du hast immer Termine: 15:30 Uhr Treffpunkt in der Lobby, Abfahrt zur Venue, 17 Uhr Soundcheck, um 21 Uhr musst du auf die Bühne. Das Leben on the road ist total strukturiert, es läuft nach einem engen Zeitplan. Der Tourmanager ist der Chef. Nur so kann es auch funktionieren, sonst würde alles im Chaos enden. Man fühlt sich aber stets wie auf Autopilot und lebt nur für die Show am Abend. Na ja, und wenn man dann irgendwann heim kommt und keine Konzerte mehr hat, fragt man sich, was man anstellen kann – und ist oft ratlos. Viele Musiker kommen dann auf schräge Ideen. Sie fangen an, Bilder zu malen, einfach, um sich abzulenken, oder landen bei Drogen, wie Slash erzählte. Tief drin wissen wir alle, dass das Einzige, was wir wirklich wollen, das Musikmachen ist.

Während der Pandemie sind nun keine Konzerte möglich. Für Musiker muss das doch Höchststrafe sein.
Absolut. Ende letzten Jahres haben wir lediglich ein Benefiz-Konzert ohne Publikum im Troubadour Club in Los Angeles gespielt, um die „Save Our Stages“-Hilfsaktion der US Regierung zu supporten. Dabei geht es um finanzielle Unterstützung für die kleineren Clubs, Independent-Hallen und andere kulturelle Einrichtungen in den USA. Die müssen erhalten bleiben, denn sie stellen eine Heimat für Millionen von Musikern und Fans dar. Die Konzerte fehlen nicht nur uns, dieses Gemeinschaftsgefühl, zusammen Musik zu erleben, ist für so viele lebenswichtig. Und ich hoffe für uns alle, dass wir dieses wunderbare
Erlebnis bald wieder haben werden.

Zum Schluss noch ein Flashback in die 90er. Damals hast du mit Nirvana Musikgeschichte geschrieben. Und am 1. März 1994 fand in München im Terminal 1 das allerletzte Nirvana-Konzert statt. Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit?
Keine allzu guten, um ehrlich zu sein. Die letzte Tour, von der wir nicht wussten, dass es die letzte sein würde, lief nicht rund. Wir waren ziemlich ausgelaugt. Und Kurt hatte gesundheitliche Probleme, die auch seine Stimme beeinträchtigten. Er musste sich förmlich von Gig zu Gig kämpfen. Es war für alle mühsam.

Ihr habt als Garagenband in Seattle angefangen und plötzlich wurdet ihr als Grunge-Superstars gefeiert.
Aus Starruhm haben wir uns nichts gemacht, das hatten wir nie angestrebt. Der Druck auf uns wurde mit zunehmendem Erfolg immer größer. An das letzte Konzert in München erinnere ich mich vage. Ich meine, wir haben mit einer Coverversion angefangen, ›My Girl’s Best Friend‹ von The Cars, und die letzte Zugabe war ›Heart Shaped Box‹. Keiner hätte zu dem Zeitpunkt geahnt, dass Kurt bald nicht mehr unter uns sein würde.

Euer NEVERMIND-Album feiert in diesem Jahr 30. Geburtstag. Haben Krist Novoselic und du eine Jubiläumsaktion geplant – auch in Gedenken an Kurt?
Mir ist momentan noch nichts bekannt. Aber das muss nichts heißen. Ich werde Krist mal anrufen, wir sind noch immer regelmäßig in Kontakt. Allerdings tue ich mich sehr schwer, Songs zu singen, die eigentlich Kurt gesungen hat.

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