Chrissie Hynde: Downgelockt mit seiner Bobness

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Chrissie Hynde: Downgelockt mit seiner Bobness

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Kann man ja mal machen. Manch einer wurde in der Corona-Isolation zum Heimbäcker mit Sauerteig-Expertise, andere glotzten sich einmal hin und zurück durchs Netflix-Programm. Pretenders-Sängerin Chrissie Hynde? Nahm ein Bob-Dylan-Coveralbum auf. Das Ergebnis kann sich hören lassen.

Nicht, dass man Chrissie Hyndes bisherigen Lebenslauf unbedingt mit Dylan assoziiert hätte. Fassen wir eben (sehr) kurz zusammen: 1973 zieht die Amerikanerin als stürmisches Mädchen Anfang 20 aus der Kleinstadt Akron, Ohio nach London. Durch Jobs beim NME und in Malcolm MacLarens Klamottenladen SEX erlebt sie die Geburt des Punk hautnah mit. Mit den Pretenders macht das Szenegirl nach ein paar Fehlstarts ihren Traum von der eigenen Band wahr, landet im Januar 1980 mit der Single ›Brass In Pocket‹ gleich eine UK-Nr-1. In der folgenden Ära der Synthies halten die Pretenders die Fahne der Gitarrenbands hoch, landen weitere Treffer wie ›Back On The Chain Gang‹ (1982) oder ›Don’t Get Me Wrong‹ (1986). Weg vom Fenster waren Hynde und ihre Band trotz Pausen und Umbesetzungen seitdem nie. Alle paar Jahre melden sie sich zurück, zuletzt mit dem von Kritikerlob überhäuften Album HATE FOR SALE (2019).

Warum also Bob Dylan? „Ich bin keine Dylanologin“, erklärt Hynde in der zum Album gedrehten Doku „Tomorrow Is A Long Time“, mit der die interviewscheue Endsechzigerin sich Reporterfragen erspart. „Ich bin ein Fan wie jeder andere auch. Nicht der Typ, der Uni-Vorlesungen über ihn besucht.“ Es war James Walbourne, 41, seit neun Jahren Gitarrist der Pretenders, der den Stein ins Rollen brachte. Der Brite erinnert sich: „Das war damals, nach ein paar Wochen Lockdown, als Bob Dylan wie aus dem Nichts sein ›Murder Most Foul‹ veröffentlichte. Ich weiß noch, wie ich es mir alle 16 Minuten anhörte und völlig baff war. Ich habe den Song gleich Chrissie weitergeleitet“. Die Sängerin teilte die Begeisterung: „Das Lied hat für mich alles verändert. Es riss mich aus der Niedergeschlagenheit und der Unsicherheit, in der ich davor gefangen war. Ich habe gleich James angerufen. Erst haben wir nur über dann Song geschwärmt. Ganz spontan meinte ich dann: ‚Hey, wir sollten ein paar Dylan-Cover spielen‘.“ Dass das Ganze später zu einem Album werden sollte, war da noch nicht abzusehen. Das entwickelte sich in den kommenden Wochen von selbst, spielerisch. Da schickten sich Hynde und Multiinstrumentalist Walbourne Files hin und her. Chrissie sang in ihr iPhone („Die Aufnahmen von dem Teil klingen besser als die Aufnahmen aus manch teurem Studio“), Warbourne addierte am Heim-PC sparsam Gitarre, Klavier, Mandoline oder Harmonium hinzu.

„Das Ideal, das man mit einer Aufnahme versucht, ist doch immer, die Magie einer Liveperformance einzufangen“, so Hynde. Will sagen: Je mehr man sich im Profi-Studio reinkniet, desto mehr ist der Versuch zum Scheitern verurteilt. Je schlichter und natürlicher dagegen der Aufnahmeprozess – so wie hier –, desto mehr Magie. Einen weiteren Trumpf hatte das Duo noch in der Hinterhand: Toningenieur-Legende Tchad Blake, seit den 80ern eng mit Hynde befreundet. Warbourne: „Ich mailte ihm unsere Files, und ein paar Tage später kam sein Mix zurück. Keine Ahnung, wie er das anstellt, aber er hat ganze Symphonien aus den Tonspuren herausgeholt!“ So bezieht STANDING IN THE DOORWAY: CHRISSIE HYNDE SINGS BOB DYLAN seinen Reiz daraus, dass es ein zwangloses Album ist, das nicht als intellektuelle Abhandlung, sondern beinahe als Zeitvertreib und als Liebesbrief an Bob Dylans Lieder entstand. Ein Hörspaß, nicht nur für Dylanologen.

Text: Hanns van Smetius

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