The Beach Boys im Interview: „Die Welt braucht uns jetzt“

Beach Boys OriginalmitgliederWer sind die Beach Boys heute? Keine leichte Frage. Die Namensrechte hält Mike Love, Brian Wilson ist mit den Songs des Meisterwerks PET SOUNDS unterwegs, Al Jardine begleitet ihn dabei oder geht gleich selbst auf Storytelling-Tour. Fest steht: Es gibt ein neues Album der Westküsten-Ikonen mit Orchesterbegleitung. Deshalb sprachen wir mit den drei verbliebenen Gründungsmitgliedern darüber, was ihre Band ausmacht, wie damals alles angefangen hat, ob eine künftige Zusammenarbeit möglich ist und warum die Welt ihre Musik gerade jetzt nötig hat.

Text: David Numberger

Zunächst muss gesagt werden, dass das Ge­­spräch ein bisschen anders stattfand, als man sich das vielleicht vorstellt bei einer gewöhnlichen Band: etwa, dass alle gemeinsam an einem Tisch oder auf einem Podium sitzen und ihre Sicht der Dinge erzählen, miteinander reden. Doch miteinander geredet hat man bei den Beach Boys in den vergangenen Jahren, ja Jahrzehnten nur selten. Die Gründe dafür gehen zu­­rück bis in die 60er, und die Situation hat sich bis auf einzelne Ausreißer nicht nennenswert gebessert. Darauf wird noch einzugehen sein. Jedenfalls: Dieser Text setzt sich zusammen aus drei ge­­trennt geführten Telefonaten mit Brian Wilson, Al Jardine und Mike Love.

Alle drei sind zum aktuellen Zeitpunkt, Anfang Juni, in den Staaten unterwegs. Wobei Wilson gerade eine kurze Pause einlegt. Anfang Mai musste er all seine zumindest für den Monat geplanten Auftritte absagen und sich wegen Rückenproblemen behandeln lassen, ein Leiden, das in der Familie liegt. Auch sein Bruder Carl habe dagegen gekämpft, erzählt der Musiker, der aus einem Rehazentrum in Kalifornien heraus aus dem Hörer spricht. Es gehe ihm aber „ein bisschen besser“ mittlerweile, schon Mitte Juli soll er wieder auf der Bühne stehen, so zu­­mindest vermeldet es seine Homepage, im Rahmen seiner Konzertreihe „Pet Sounds: The Final Performances“, auf der er das maßgeblich von ihm komponierte Meisterwerk aus dem Jahr 1966 – zum letzten Mal – live spielt.

Begleitet wird er dabei von Al Jardine an Gitarre und Gesang. Die beiden kennen sich seit der Schulzeit und gemeinsamen Football-Matches und bilden heute gewissermaßen das eine Lager unter den drei lebenden Urmitgliedern. Die Pause von Wilson nutzt Jardine für seine „Storytelling“-Auftritte, bei denen er, gemeinsam mit Sohn Matt, im kleinen Rahmen Songs der Beach Boys spielt und dazwischen Geschichten zu deren Entstehung zum Besten gibt. Und ach ja, vor dem Interview mit ihm heißt es ausdrücklich: keine Fragen zur aktuellen Situation mit Mike Love! Der wird immer wieder als Gegenspieler vor allem Wilsons gesehen, es ist ihm – nach einigen Prozessen – als einzigem erlaubt, als „The Beach Boys“ aufzutreten. Ein Recht, das er fleißig nutzt: 2018 ist er quasi ganzjährig auf Tour unterwegs – des öfteren auch mit Begleitung eines Orchesters.

Gutes Stichwort. Denn hier sind wir ganz nahe dran an der Frage, warum Wilson, Jardine und Love quasi zur selben Zeit getrennte Interviews geben, und das auch noch aus demselben Grund: Dieser Tage erscheint das Album THE BEACH BOYS WITH THE ROYAL PHILHARMONIC ORCHESTRA. Darauf finden sich 17 Songs der Band, großteils aus den 60ern, darunter Klassiker wie ›California Girls‹ (bis heute Wilsons Favorit, wie er verrät), ›Fun, Fun, Fun‹ oder auch der von Fans oft geschmähte späte Hit ›Kokomo‹. Hinter dem Projekt stecken dieselben Produzenten wie hinter den analog betitelten Elvis-Platten vor drei beziehungsweise zwei Jahren. Und wie dort sind auch hier sämtliche Stücke mit Arrangements des Royal Philharmonic Orchestra hinterlegt worden, auch die Parts der Rhythmussektion wurden neu eingespielt. „Wir haben die Songs erstmals im fertigen Zustand gehört, wie jeder andere“, so Jardine. Sie schickten uns ein Vorabexemplar und fragten: Gefällt’s euch? Wir sagten, Daumen hoch, wir lieben es. Und mussten dabei selber gar nichts tun.“

„Was Brian Wilson komponiert hat, zumindest einiges davon, gehört zur einflussreichsten Musik der Welt.“ (Al Jardine)

Die Vocals sind dieselben wie auf den ursprünglichen Aufnahmen von da­­mals. Es habe „bei bestimmten Leuten“ die Versuchung gegeben, auch den Ge­­sang neu aufzunehmen, erzählt Love. Das sei aber keine gute Idee gewesen: „Mein Cousin Carl ist nicht mehr da, wie sollte er ›God Only Knows‹ singen, so wie er es damals getan hat?“ Sänger und Gitarrist Carl Wilson ist 1998 an Krebs gestorben, sein Bruder Dennis am Schlagzeug war bereits 1983 ertrunken, wohl unter Einfluss von Alkohol und Drogen.

Die beiden Elvis-Alben zuletzt gerieten, nun ja, nicht durchweg überzeugend. Die Songs wirkten, beladen mit Streichern, nicht selten zu verspielt und kitschig. Das ist bei den Beach-Boys-Stücken nur bedingt anders. Bei langsameren Liedern wie ›The Warmth Of The Sun‹ oder ›Disney Girls‹ passen sich die Orchester-Passagen ganz gut ein, ›Fun, Fun, Fun‹ oder ›Sloop John B‹ bekamen etwas überkandidelte Intros verpasst, doch besonders bei einem Stück Pop-Perfektion wie ›Good Vibrations‹, bei dem nun wirklich jeder Ton da sitzt, wo er hingehört, muss eben jedes Extra fast zwangsläufig überflüssig erscheinen. Oder?

Die Beteiligten selbst sehen’s anders. Und eine gewisse Expertise ist ihnen da natürlich nicht abzusprechen. Love nennt es „ein Geschenk des Himmels, unsere Stimmen zum Orchester zu hören“. Jardine zufolge klingen die Songs jetzt sogar „besser, weil klarer und lebendiger“ als zuvor, sie erinnern ihn an einen Filmscore. Vor allem für jüngere Generationen sei es eine perfekte Möglichkeit, diese Art von Musik für sich zu entdecken. „Vielleicht hören sie erstmals ›Fun, Fun, Fun‹ und denken sich, hey, das klingt großartig! Oder sie stoßen auf ›God Only Knows‹ und sagen sich, hey, ich will das Original hören!“ Auch Wilson „liebt“ die Neuinterpretationen, sie seien „fantastisch und hörerfreundlicher als die früheren Fassungen“. Er selbst habe in den 60ern nie daran gedacht, mit einem kompletten Orchester zu arbeiten, er habe es einfach nicht für nötig gehalten damals, „aber es klingt echt gut“.

Es herrscht eine Einigkeit, die es so längst nicht immer gab. Zum letzten Mal traten die überlebenden Gründungsmitglieder der Beach Boys 2012 gemeinsam auf, um 50 Jahre Bandgeschichte zu feiern. Angeblich hätten Wilson und Jardine damals nichts ge­­gen weitere Shows einzuwenden ge­­habt, Love habe seine beiden Kollegen quasi gefeuert. Gibt’s das? Love bestritt das schon vor Jahren vehement, er habe gar nicht die Autorität, Brian Wilson aus der Band zu werfen, sagte er da. So ganz stimmt das vermutlich nicht, schließlich erstritt er sich Ende der 90er das Recht, unter dem Namen The Beach Boys zu touren, vor zehn Jahren verklagte er Jardine, weil der als Beach Boys Family & Friends unterwegs war. „Wir schauen auf unsere eigenen Projekte“, sagt er heute dazu. Um noch hinzuzufügen: „Es gibt Dinge, die auf dem Weg hierhin passiert sind.“

Kann man so sagen. Und diese Dinge begannen schon in den 60er Jahren. Es war die goldene Dekade der Beach Boys. 1961 von den Brüdern Brian, Carl und Dennis Wilson, ihrem Cousin Mike Love und dem Schulfreund Al Jardine gegründet, stiegen die Jungs aus Kalifornien dank unbeschwerter Sunshine-Hits wie ›Surfin’ Safari‹, ›Surfin’ USA‹ oder ›I Get Around‹ zu Jugendidolen auf. In ihrer Musik schien die Sonne nie unterzugehen, die Mädchen waren ewig jung und schön, der Sand brannte unter den Füßen und die Wellen brachen nie. Es liegt eine Direktheit, eine ins Gesicht springende Frische in den Singles der frühen und mittleren 60er, die bis heute ihren Reiz nicht verloren hat. Alben wie ALL SUMMER LONG, THE BEACH BOYS TODAY! oder SUMMER DAYS (AND SUMMER NIGHTS!!) knackten allesamt locker die Top Ten der US-Charts. So weit so gut.

Oder nur scheinbar gut. Denn der Zustand von Mastermind Brian Wilson wurde bis Mitte der 60er immer kritischer. In seiner Jugend hatte sein Vater die Musik buchstäblich aus dem übertalentierten Jungen herausgeprügelt (vor drei Jahren erzählte er ausführlich davon in seiner Autobiografie „I Am Brian Wilson“). Er hatte mit Angstzuständen zu kämpfen, konnte schon bald nicht mehr auf Tour gehen. Das für die Nachwelt Gute daran: Er verschanzte sich stattdessen im Aufnahmestudio und tüftelte an neuen, komplexeren Stücken. Was ihn von seinen Bandkollegen zusehends entfremdete, führte 1966 zum Jahrhundertwerk PET SOUNDS. An Ideenreichtum, Mut zum Experiment und schierer kompositorischer Brillanz konnte es die Platte mit allem bisher Dagewesenen aufnehmen. ›Wouldn’t It Be Nice‹ oder ›Sloop John B‹ kennt heute jedes Kind, klar. ›God Only Knows‹ gilt nicht wenigen als schönstes Liebeslied aller Zeiten. „Ich liebte einfach die Musik und wir konnten einige ganz gute Songs schreiben“, fasst Wilson sein Erfolgsgeheimnis heute salopp zusammen.

Doch die scheinbare Leichtigkeit vergangener Tage war weg, als Ganzes spiegelte das mit mehreren langsamen, schwermütigen Stücken versetzte Al­­bum die angeschlagene Lage ihres Chefkomponisten wider. Der hatte längst nicht mehr das Gefühl, für diese Zeiten gemacht zu sein.

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