Ann Wilson im Interview

Die Sängerin von Heart über tote Helden, seelenlose Musik, den Dämon Alkohol, Sexismus in der Musikindustrie und ihre Schwester Nancy.

Ann Wilson gab einst zu Protokoll, Cover-Alben zu hassen. Wa­­rum sollte sie schließlich Lieder aus zweiter Hand brauchen, wo sie mit ihrer kleinen Schwester Nancy bei Heart doch ihre ei­­genen Klassiker vom Kaliber ›Ma­­gic Man‹ und ›Barracuda‹ ab­­lieferte? Doch die Zeit hat ihre Haltung verändert. Erst kam 2007 HOPE & GLORY, auf dem sie mit sorgfältig ausgewählten Songs die Themen Krieg und das Schicksal von Flüchtlingen beleuchtete.

Nach einem Vorfall von 2016 zwischen den Familien der beiden Schwestern liegen Heart nun auf unbestimmte Zeit auf Eis und die 68-Jährige befasst sich auf IMMORTAL mit weiteren Evergreens, die ebenfalls eine traurige Gemeinsamkeit haben. „Sie sind alle tot“, sagt sie lapidar über die Künstler, die sie sich ausgesucht hat, „ausnahmslos. Es ist wirklich schön für mich, diese Leute zu ehren, die von uns ge­­gangen sind.“

Vermutlich bist du glücklich damit, wie IMMORTAL geworden ist?
Oh ja. Das ist eine Abkehr von allem, was ich je mit Heart gemacht habe. Da sind so einige Überraschungen auf dieser Platte. Diese Songs sind relevant für die Welt von heute, etwa David Bowies ›I’m Afraid Of Americans‹. Das wollte ich machen, weil es für eine Amerikanerin wie mich gut ist, an einem sardonischen Blick auf Amerikaner teilzunehmen. Es ist so verrückt hier bei uns und Amerikaner scheinen nicht zu begreifen, dass wir uns das selbst eingebrockt haben. Man kann es sich leicht machen und Trump die Schuld an unserer misslichen Lage geben, aber das wahre Problem ist, dass die Leute dumm, eitel und materialistisch sind. Da wollte ich also ein bisschen Dampf ablassen. Dann ist da ›Politician‹, der alte Cream-Song von Jack Bruce [Der Text ist aber tatsächlich von Pete Brown, der noch am Leben ist…]. Wir sind an einem Punkt, wo es zwischen politischen und Unterhaltungsmedien keinen erkennbaren Unterschied mehr gibt. Ich dachte mir: „Lasst uns einen Diskurs starten und die Politiker von ihrem Podest holen.“ Es ist deprimierend, dass dieser Text immer noch relevant ist. Aber für jeden, der wach ist, ist es eine Pflicht, darüber zu reden, die Dinge voranzutreiben, einen Dialog in Gang zu setzen. Wer das nicht tut, steckt einfach nur seinen Kopf in den Sand.

Diese Songs müssen dir persönlich sehr viel bedeuten.
Ich habe versucht, Songs von Künstlern auszuwählen, die protestierten über die Lage der Welt. Gerry Raffertys ›Baker Street‹ ist wohl der am wenigsten politische Song darauf. Da geht es darum, genug davon zu haben, in einer kommerziellen Welt zu existieren, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen und schließlich aufzugeben und nach Hause zu gehen. Ich finde, das ist eine tolle Botschaft. Wirst du dein Leben mit etwas verschwenden, das zwecklos und nicht real ist? Am meisten be­­rührt mich ›A Thousand Kisses Deep‹ von Leonard Cohen. Da geht es um jemanden, der die reale Welt wahrer Liebe entdeckt und dem Materialismus und der Eitelkeit den Rücken kehrt. Am anstrengendsten in praktischer Hinsicht war es, ›I Am The Highway‹ von Au­­dioslave niederzuringen. Ich dachte: „Nun, da fehlt noch ein Flötensolo.“ Also musste ich dann natürlich meine Flöte ausgraben und wieder lernen, wie man sie spielt.

Du singst diese Songs mit so viel Gefühl. Das ist selten geworden in der Musik von heute.
Ich finde die Musikindustrie gerade sehr seltsam. Sie ist so automatisiert – da wird eine Stimme einfach so modifiziert, dass sie keine Fehler mehr hat. Das hat keine Seele, nichts mehr, das auf ein tatsächliches Individuum hinweist. Es ist einfach nur robotisch. So kommerzialisiert habe ich das Musikgeschäft noch nie erlebt. Da ist kaum noch Raum zum Atmen für Künstler.

Gibt es Rockstars, bei denen du überrascht warst, dass sie nicht für IMMORTAL qualifiziert sind?
Ja, jede Menge. Paul Simon, Robert Plant, Elton John – all diese Leute, die ich einfach nur verehre und von denen ich hoffe, dass sie noch so lange wie möglich leben werden. Wir kamen an den Punkt, wo wir sagen mussten: „Okay, das ist unsere Setlist, wir werden nicht mehr warten.“ Na ja, ich wollte nicht mit der Veröffentlichung warten, bis noch jemand gestorben war. (lacht)

Du hast auch ›Back To Black‹ von Amy ­Wi­­ne­­house gecovert. Wie hat es sich angefühlt, ihr Leben zu betrachten?
Sie fühlte sich wohl wirklich einsam und entfremdet. Diesem Song habe ich ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet, ich wollte, dass er besonders viel Kraft hat. Sie schrieb äußerst persönliche, herzzerreißende Texte, die sie dann mit diesem Motown-Feeling ganz locker raushaute. Ich wollte diese Worte einfach schreien lassen. Es ist ziemlich düster, aber schön.

Auch du hast mit Alkoholismus gekämpft. Konntest du dich in sie hineinversetzen?
Yeah. Ich hatte viele Aufs und Abs in meinen mehr als 40 Jahren. Zeiten, in denen ich mich wirklich allein fühlte. Oder sehr fröhlich und lebendig. Ich bin kein Mensch, der je im Leerlauf ist. Ich habe viele Höhen und Tiefen. Amy hatte diese Fähigkeit wohl nicht. Ich denke, sie stürzte einfach ab.

Als du noch getrunken hast, sagtest du, du wärest gerne der weibliche Keith Richards. Würdest du so einen Lebenswandel empfehlen?
Nein. Irgendwann bist du einfach nicht mehr jung, da sieht das dann auch nicht mehr niedlich aus. Wenn du noch ganz jung bist, kannst du dich besaufen, Mist bauen, und dann bist du ein glamouröses Desaster. Aber das wird nicht für immer so gehen. Dein Körper wird dir sagen: „Okay, wir sind jetzt an einem Scheideweg. Die Leber macht das nicht mehr mit. Du kannst also so weitermachen und sterben, oder du kannst nüchtern werden, überleben und wunderschön sein.“ Ich kam an diesen Scheideweg und beschloss, nicht zu sterben.

Denkst du, die Dinge in der Musikindustrie haben sich verbessert, seit du ›Barracuda‹ geschrieben hast?
Oh, der Sexismus im Business ist absolut wohlauf. Und einige der sexistischsten Figuren darin sind Frauen. Das war schon immer so. Solange Frauen ihre Sexualität für ihre Macht einsetzen, wird der Sexismus nicht einzudämmen sein.

Wir müssen fragen – hast du dich mit ­Nan­cy vertragen?
Ja. Wir machen eine Pause. Ende 2016 sahen wir uns beide um und in den Spiegel und sagten: „Oh Mann, das ist eine Maschine.“ Ich weiß nicht, was in Zukunft passieren wird, aber das tut uns beiden gut. Und es ist gut für alle, die Heart lieben, Nancy lieben, mich lieben und hoffen, uns glücklich zu sehen. Das ist alles, was ich dazu sagen kann.

Bedeutet IMMORTAL, dass du aufgehört hast, Songs zu schreiben?
Überhaupt nicht. Worum wird es in den nächsten Songs gehen? Ich weiß es nicht. Ich muss da raus gehen und ein bisschen Erfahrung sammeln. Im Moment gibt es nichts, was mich nachts wach hält. Ich schlafe wie ein Baby. Aber nächste Woche gehe ich wieder auf Tour, das ist also nur die Ruhe vor dem Sturm.

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