Aerosmith: Live-Rückblick

Joe Perry im Krankenhaus nach Billy Joel KonzertHeute hätten Aerosmith ihre Show in Mönchengladbach gespielt. Als Trost für die ausgefallene Show hier unser Rückblick auf vergangene Aerosmith-Konzerte.

Berlin, O2 World (2014)

Sieben Jahre haben Aerosmith seit ihren letzten Auftritten in Deutschland mit Zankereien, Krankheitsfällen und ihrem zu Unrecht relativ missachteten Album MUSIC FROM ANOTHER DIMENSION verbracht. Unter Vorfreude und dem Gefühl eines drohenden Hitzschlags bei 33 Grad mischt sich also auf dem Weg zur O2 noch eine unangenehme Frage: Was kann man 2014 noch von diesem gealterten Chaoshaufen erwarten?

Die O2 World ist voll bis unters Dach und zum Glück angenehm klimatisiert. Beste Voraussetzungen also für Aerosmith, sich noch einmal zu beweisen, zumal zur Show-Einleitung die Walking Papers um Duff McKagan eine überzeugend drückende Blues Hardrock-Show abliefern. Jetzt ist es Zeit für Aerosmith, „der größten Rockband Amerikas“!? Und tatsächlich: Mit ›Train Kept A-Rollin’‹ dampft eine der größtformatigen Rockshows seit langer Zeit an – zumindest dürfte man dies ungeniert behaupten, befänden wir uns nicht gerade mitten in den Berliner Welt-Rock-Tagen, denn abends zuvor erst haben Black Sabbath mit Soundgarden in der Waldbühne gespielt, wo gerade in diesem Moment die heutige Pause für den Aufbau der morgigen Stones-Show genutzt wird.

Aerosmith buschtrommeln sich im Anschluss in ein gewaltiges ›Eat The Rich‹, bei dem lediglich Drummer Joey kurze Orientierungsprobleme hat. Es folgt ein fünfstückiges Mega-Hit-Paket (eigentlich besteht dieser Abend ausschließlich und insgesamt aus 21 Hits) mit Songs wie ›Love In An Elevator‹, ›Cryin’‹, und einem mächtigen ›Livin‘ On The Edge‹, bevor Aerosmith ›Last Child‹ anstimmen. Jetzt bekommt Tyler, der an diesem Abend stimmlich und athletisch fitter als bei seinem letzten Besuch wirkt, eine zusätzliche, eigentlich überflüssige Motivationsspritze. Am Bühnenrand bemerkt er scheinbar unerwarteten Besuch. „Ladies and Gentlemen, Chris Cornell and Toni Iommi!“, platzt es aus ihm heraus. Und so wird Cornell samt Kind und Kegel gleich überschwänglich zum Mitsingen genötigt. Nach ›Rag Doll‹ und dem verdienten Solo-Auftritt des so herrlich unterkühlten Joe Perry (›Freedom Fighter‹) folgt der nächste fulminante Fünfer-Block bevor wohl eines der Highlights der „Berlin Rock Convention“ folgt: Aerosmith spielen ›Come Together‹ von den Beatles und Teile von Black Sabbath, Soundgarden und Guns N‘ Roses sehen dabei zu. Einige Song-Schwergewichte wie ›Dude Looks Like A Lady‹, ›Walk This Way‹ und die Zwei-Song-Zugabe aus ›Dream On‹ und ›Sweet Emotion‹ später geht das Licht an.

Doch anstatt sich effekthascherisch von der Bühne zu zaubern, trifft sich die gesamte Band am Ende des 20 Meter langen Bühnenstegs, um sich von Berlin zu verabschieden. Besonders Tyler, sichtlich stolz, ist nicht mehr von der Bühne zu bewegen. Bevor er aufgedreht wie ein Schuljunge am letzten Tag vor den großen Ferien herum hüpft und einen Kameramann mit seinem verschwitzten Shirt drangsalierend im Off verschwindet, gibt der „Demon Of Screamin’“ noch seine Weisheit aus dem ›Amazing‹-Outro zum Besten: „Always remember, the light at the end of the tunnel may be you!“ … Mit einer solchen Show und diesem Satz aus dem Mund einer derart schillernden Person gesegnet, brauchen weder Aerosmith selbst, noch sonst jemand der rund 15.000 sich jemals Sorgen um eine möglicherweise nicht glänzende Zukunft machen.

aerosmith
München, Königsplatz (2017)

Plötzlich stehen wir mit staubigen Schuhen mitten drin im Open-Air-Sommer 2017. Die Sonne über dem Münchner Königsplatz hat sich nicht eine Sekunde lang verzogen und 22.000 Rockfans dürfen sich über eine neue Bräune freuen. Den feierlichen Eröffnungs-Slot für diese schönste Zeit des Jahres haben sich – verdientermaßen, wenn auch unter Vortäuschung falscher Tatsachen – Aerosmith ergattert. Auch wenn sie es nie wörtlich gesagt haben, so ließ der Tour-Name „Aero-Vederci, Baby!“ doch das Ende von „America’s Greatest Rock’n’Roll Band“ befürchten.

Nur einen Tag vor dem ersten Deutschlandkonzert ihrer „Abschiedstour“ aber ruderten die Herren Tyler, Perry, Whitford, Kramer und Hamilton kurzerhand kräftig zurück. Es scheint ihnen also – bald 50 Jahre nach Bandgründung – noch immer miteinander zu taugen. Doch haben sie neben „Lust“ auch noch die nötige Kraft für ihre Show, die allen Mitgliedern sicherlich körperlich mehr abverlangt, als es beispielsweise die der Stones tun dürfte? Bevor die „Bad Boys From Boston“ ihre Fitness unter Beweis stellen, ist die Edel-„Vorband“ Foreigner an der Reihe. Sie, Mick „der Igel“ Jones und seine hervoragend funktionierende Live-Band, liefern, wie nicht anders zu erwarten war, eine einstündige 40-Jahre-Hits-Hits-Hits-Show ab, die das Publikum zwar schätzt, aber (zum ersten Mal an diesem Abend) verhälnismäßig kalt lässt. Und das bei diesen traumhaften Temperaturen! Jetzt aber muss doch Schwung zwischen Glyptothek und Antikensammlung kommen, denn hier kommen „Aerosmith from Boston, MA!“ mit ›Let The Music Do The Talking‹ und schieben direkt und genauso kraftvoll ›Young Lust‹ aus dem Jahr 1989 hinterher.

Ein klares Statement, das in Inhalt und Form deutlich macht: Der „Demon Of Screamin'“, „Joe fuckin‘ Perry“ (in geschriener Stimme) und ihre drei Kollegen können es noch immer und aufzuhören wäre wahrlich eine Schande. Insgesamt 16 Songs aus ihrer bewegten Karriere + drei Cover von Fleetwood Mac und den Beatles, reichen natürlich wie bei jedem ihrer Konzerte nicht aus, um alle Hit-Wünsche der „Blue Army“ zu befriedigen, sehr wohl aber um schon jetzt Vorfreude auf eine Jubiläums-Tour 2020 zu wecken… Dann nur bitte nicht mehr auf dem Königsplatz, der mit seinem royalen Ambiente und der daraus resultierenden unterkühlten Stimmung sogar Steven Tyler, einen der besten seiner Frontmann-Zunft, alles abverlangte. Wir sehen uns wieder, Baby!

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