AC/DC: Die Ballade von Bon Scott

Mit dem Kommen und Gehen diverser Mitglieder wurde die anfängliche Mission etwas komplexer. „Es gab bizarre Auftritte, wo wir einen Geiger von einem Sinfonieorchester, einen Gitarristen von Fraternity, einen Ziehharmonika- oder Sitar-Spieler hatten“, so Head. „Das war ein Amalgam aus so seltsamen Instrumenten und Menschen. Wir spielten alles, von Jazz über Rock bis zu indischer Musik.“ Das Original-Line-up aus Mitgliedern von Fraternity und HeadBand jammte erstmals im Januar 1974 in einer Garage in einem Vorort von Adelaide. Diese Proben dehnten sich oft auf den Bürgersteig aus und mutierten zu Straßenfesten.

„Ich glaube, wir waren zeitweise zu zehnt“, sagt Head über dieses erste Treffen, „aber Bons Stimme schnitt durch die Gitarren und Drums. Man wusste, da entstand etwas Besonderes, wenn er sang. Bei den Rangers sang er hauptsächlich Country. Wir spielten viel schnellen Bluegrass-Country, den Bon liebte. Er mochte auch Jazz und Blues, nicht nur die Sachen, für die er berühmt war. Das möchte ich mit den alten Aufnahmen zeigen: Dass es eine andere Seite an Bon gibt neber der AC/DC-Seite, die jeder kennt.“

Das wilde Temperament des Sängers war aber immer noch da. Head erinnert sich, wie er eines Abends mit Bon durch Adelaide zu ihrer Lieblingsbar ging, dem Largs Pier Hotel. Als sie ihrem Ziel näher kamen, traten drei Männer aus der Dunkelheit. Es stellte sich heraus, dass alle ihre Freundinnen auf den Frontmann standen – damals keine Seltenheit, trotz Scotts spindeldürrer Figur und hartem Äußeren – und sie davon nicht gerade begeistert waren. „Bon stellte sich ihnen sofort entgegen und schüchterte sie ein“, kichert Head heute. „Sie sahen, wie kampfbereit er war und hauten ab. Er schlug sie in die Flucht.“

Bei einer anderen Gelegenheit spielten die Mount Lofty Rangers in Adelaides berüchtigtem Yatala-Gefängnis, wo Head Gitarrenunterricht gegeben hatte. Nachdem er von Johnny Cashs Auftritt in San Quentin gehört hatte, schlug er den Gefängnisleitern vor, dass die Rangers dort spielen könnten. Dass viele der Häftlinge wegen Marijuana einsaßen – einer Droge, deren Genuss Head und Scott nie leugneten –, schaffte eine Verbindung zwischen ihnen und der Band, die über die Liebe zur Musik hinausging. Die Rangers wurden folglich wie Helden empfangen. „Als wir fertig waren, war es ein ziemlich langer Weg von der Bühne zum Ausgang, und es fühlte sich an, als würde praktisch jeder Insasse in seiner Zelle mit seinem Geschirr klappern und rufen, ‚Hey Bon! Danke, dass du vorbeigekommen bist!‘ Auf dem Weg nach draußen bekamen wir fast vom gesamten Knast eine Standing Ovation.“

So draufgängerisch er auch gewesen sein mag, stand Scott doch an einem Scheideweg in seinem Leben, als er bei den Mount Lofty Rangers das Handtuch warf. Niedergeschlagen von einem Jahrzehnt verpasster Chancen in Bands wie The Spektors, The Valentines und Fraternity, hatte er Angst, dass er mit 27 Jahren schon zu alt war, um es als Sänger noch zu etwas zu bringen. Ein Gemütszustand, der sich keineswegs verbesserte, als er Gelegenheitsjobs annehmen musste, um über die Runden zu kommen, während Fraternity im Sand verliefen und nur noch selten auftraten. Es war nicht das erste Mal – Head arbeitete Anfang der 70er in einer Kunstgalerie, deren Besitzer Bon einstellte, um den Rasen zu mähen oder kleine Arbeiten zu erledigen. „Wir saßen oft stundenlang da und niemand kam in die Galerie“, erinnert sich Head. „Wir hatten ein paar akustische Gitarren und fingen an, zusammen Songs zu schreiben.“

Als er bei den Rangers einstieg, arbeitete Bon in einer Düngerfabrik in Wallaroo, ein paar Stunden von Adelaide entfernt. Es war ein Knochenjob. „Einmal traf ich ihn, nachdem er zehn Stunden lang auf der Ladefläche eines Lkw Säcke voll Scheiße geschleppt hatte, was echt harte Arbeit ist“, so Head. „Er kam nach diesem Tag bei mir vorbei und sagte: ‚Während ich diese Säcke trug, gingen mir zwei Songs durch den Kopf‘. Er bat mich, ihm dabei zu helfen, sie zusammenzubekommen, denn er beherrschte gerade mal drei Akkorde auf der Gitarre. Also hingen wir noch sechs Stunden gemeinsam ab und setzten sie zusammen.“

Die beiden Stücke hießen ›Clarissa‹ – laut Head „eine schöne Ballade“ – und das knackigere ›I’ve Been Up In The Hills Too Long‹. Im Gegenzug stimmte Scott zu, auf den Demos von zwei Liedern zu singen, die Head geschrieben hatte: dem Klavier-Boogie-Rocker ›Round And Round‹ und dem gemächlichen ›Carey Gully‹, das nicht weiter entfernt von AC/DCs Drei-Akkorde-Getobe hätte sein können. Entschlossen, Heads Stücke auf Band zu bannen, buchten sie eine Session in den Slater Studios in Adelaide, dem ersten Achtspur-Aufnahmestudio der Stadt. Die 40 australischen Dollar, die zwei Stunden dort kosteten – der durchschnittliche Wochenlohn in Australien betrug 1974 ca. 120 Dollar –, konnten sich viele nicht leisten, aber Head und Scott waren so angetan von dem Gedanken, von Vierspur-Aufnahmen auf ein professionelleres Level zu kommen, dass sie dafür gerne ein paar Tage in den Straßenbau gingen.

Head kann sich nicht an das genaue Datum dieser Session erinnern, aber er weiß, dass sie zwei Stunden dauerte. Dabei stießen noch die befreundeten Musiker Phil Caulson an der Gitarre, der Fraternity-Schlagzeuger John Freeman und der zukünftige Angels-Bassist Chris Bailey dazu. Scott und Head brachten ihnen die Songs bei und nahmen sie dann auf. Zeit für Feinheiten gab es nicht. „Auf den Bändern kann ich hören, wie sich Bon am Ende eines ersten Takes kaputtlacht, weil er einen echt hohen Ton singen wollte, ihn aber nicht traf“, so Head. „Beim zweiten Anlauf hat es dann gesessen. Er war schnell und effizient.“

Es sollte nicht die einzige Erfahrung der beiden in einem Studio bleiben. „1974 machten wir ein paar Jingles für einen Country-Sender namens 2ST, die hauten wir so am laufenden Band raus“, sagt Head. „Ich habe noch irgendwo eine Kopie davon. Ich glaube nicht, dass dem Radiosender jemals bewusst war, dass sie da Bon Scott singen ließen.“

Heads Ambitionen für ›Round And Round‹ und ›Carey Gully‹ waren begrenzt. „Wir hofften, ein paar Dutzend Stück in Adelaide zu verkaufen. Wir hatten keine Plattenfirma. Wir taten es für die Musik, sonst nichts. Aber Bon half mit großem Enthusiasmus und sagte, ‚Ich hoffe, damit passiert eines Tages etwas, und ich hoffe, es funktioniert für dich‘.“

Bons Motorradunfall im Mai 1974 besiegelte sein Ende bei den Mount Lofty Rangers. Nach dem Crash verließ Head selbst die Rangers vorübergehend, um solo in Pianobars aufzutreten, ausgelaugt von der Verantwortung, eine Band am Laufen zu halten. Er und Bon verbrachten immer noch Zeit miteinander. Zeitweise klebten sie für den örtlichen Veranstalter Vince Lovegrove Konzertplakate – u.a. von AC/DC, für die Scott kurz nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus als Fahrer und Touristenführer arbeitete. Aber Scott und Head arbeiteten nie wieder musikalisch zusammen. Das nächste Mal ging Scott im November 1974 ins Studio – als Mitglied von AC/DC.

„Wir dachten, dass er es sich damit ein bisschen einfach machte, den sie waren eine ziemlich simpel gestrickte Rockband“, so Head. „während Fraternity eine richtig komplexe Prog-Rock’n’Roll-Band auf dem Niveau von King Crimson waren. Also dachten wir, dass Bon in die kommerzielle Richtung gehen wollte. Aber niemand machte ihm einen Vorwurf daraus, denn wir wussten alle, wieviele Jahre er sich durchgeschlagen hatte bei dem Versuch, wahrgenommen zu werden. Wir wünschten ihm alle Glück und sagten: ‚Hoffentlich klappt es.‘ Und das tat es.“

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