Titelstory: The Doors – Can You Picture What Will Be?

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Titelstory: The Doors – Can You Picture What Will Be?

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Andy Warhol versuchte unterdessen, Jim als Darsteller für sein nächstes Filmprojekt mit dem schlichten Titel „Fuck“ zu engagieren. Er bettelte den Sänger an, sich beim Sex mit Velvet-Underground-Chanteuse Nico filmen zu lassen. Als der ihm ins Ge­­sicht lachte, flehte er: würde er sich wenigstens vor der Kamera von Nico einen blasen lassen? „Fuck off, Andy“, lautete die Antwort.

The-Doors-Album-Cover

Jim spielte nun ernsthaft mit dem Gedanken, seinen Namen in Jim Phoenix zu ändern und bat Elektra sogar, die Credits auf der Plattenhülle zu korrigieren. Der Rest der Band ging davon aus, dass er mehr wie ein Warhol’scher Rockstar klingen wollten. Insgeheim jedoch befürchtete der Frontmann, dass sein wachsender Ruf für Exzesse sich negativ auf die Karriere seines entfremdeten Vaters beim US-Militär auswirken könnte, wo er bald zum Konteradmiral befördert werden sollte.
Als die anderen ihm das Vorhaben ausredeten – „das klang einfach idiotisch, selbst für einen Krieger-Poet­en“, so Ray –, entschied er sich stattdessen dafür, ein Waise zu sein. Als die Band an Weihnachten nach L.A. zurückgekehrt war, fragte Elektra die vier Mitglieder nach biografischen Informationen für das Pressematerial, das vor der Veröffentlichung im Januar verschickt werden sollte.

Jim be­­hauptete, seine gesamte Familie sei tot. Auf die Frage, wer seine Lieblingssänger seien, antwortete er: „Frank Sinatra und Elvis Presley“. Das wiederum war kein Witz. Er vergötterte beide und tat alles, um wie sie zu klingen. Auf die Frage nach seiner persönlichen Philosophie trug er dafür umso dicker auf: „Es ist das Gefühl einer Bogensehne, die 22 Jahre lang ge­­streckt wurde und plötzlich losgelassen wird … Ich wurde schon immer von Ideen angezogen, bei denen es darum ging, gegen Autorität aufzubegehren. Mich interessiert alles an Revolte, Aufruhr, Chaos – vor allem Taten, die keine Bedeutung zu haben scheinen.“

Elektra hatte jedoch ganz eigene Vorstellungen von der „Bedeutung“, die manche Leute in die Songs der Doors interpretieren könnten. Gegen den Willen und zum Entsetzen der Band wurde die erste Single ›Break On Through (To The Other Side)‹ so geschnitten, dass die Worte „she gets high“, die Jim viermal singt, zu „she gets … she gets … she gets … she gets“ verstümmelt wurden. Bei ihrem ersten Fernsehauftritt in der Sendung „Shebang“ am 1. Januar 1967 mussten sie auch noch dazu die Lippen bewegen. Man sieht förmlich den Frust in Jims gequält unenthusiastischer Darbietung. Sein Mund be­­wegt sich kaum, seine Augen sind geschlossen, und während er da so steht, frisch für die Kamera aufgestylt in einer beigen Hose mit schmalem Bein, schwarzem Hemd und dunkler Jägerjacke, schmollt er wie eine Teenie-Punkerin, der man für den Abschlussball ein hübsches Kleidchen aufgezwungen hat.

Die Show stand in krassem Gegensatz zu dem Video, das Holzman in Auftrag gab: Ein passend düsterer Clip, definiert von kalten Schwarztönen, in dem in der ersten Minute niemand außer dem zähnefletschenden Jim zu sehen, dann Ray an seinem Keyboard fast nur als Silhouette zu erkennen ist, wie der Priester am Rednerpult, und Robby überhaupt erst auftaucht, als der Song fast schon vorbei ist. Doch genau diese finstere, schlafwandlerische Ästhetik – die Antithese zu den strahlenden kalifornischen Gesichtern der Beach Boys oder Byrds – trug dazu bei, die Doors als etwas anderes, Besonderes zu definieren. Als der Clip in der lo­­kalen TV-Show „Boss City“ ausgestrahlt wurde, folgte erstmals nennenswertes Airplay im Radio von Los Angeles. Nichts davon reichte allerdings aus, um die Single landesweit bekannt zu machen und der Band zu ihrem ersten nationalen Hit zu verhelfen.

Danny Fields be­­hauptet, er habe Holzman als Erster auf das kommerzielle Potenzial von ›Light My Fire‹ hingewiesen: „Sie hatten schon einen anderen Song veröffentlicht, aber ›Light My Fire‹ war der Wendepunkt. Damit wurde das Label von einem kleinen, feinen Namen zu einer echten Macht auf dem Markt.“ Heute besteht Holzman darauf, dass er ›Light My Fire‹ schon immer im Blick gehabt hatte, und weist darauf hin, dass die komplette siebenminütige Al­­bumversion schon bei den neuen FM-Stereo-Radiosendern gespielt wurde, die auch längere Nummern ins Programm nahmen: „Ich zählte darauf, dass die FM-Sender die AM-Sender dazu zwingen würden, es auch zu spielen“. Das Problem war, dass es dort strenge Regeln zur „Nadelzeit“ gab – nicht kürzer als 2:45 Minuten, nicht länger 3:00. Also bat Jac Paul, eine passende Version zu schneiden. Paul war skeptisch, doch Jac be­­stand darauf. Letztlich kürzte der Produ­zent fünf Mi­nuten der Soli heraus, an denen Ray und Robby so lange gefeilt hatten. Das Er­­gebnis war der definitive Hit des Summer Of Love. Nicht mal Jac Holzman hätte das vorhersehen können.

Die einzige wirkliche Forderung der Band kam auf Jims Bestreben zustande: Sie sollte eine gleichberechtigte, vierköpfige Demokratie sein, deren Songwriting-Credits schlicht „The Doors“ lauten sollten und in der nichts Kreatives oder Geschäftliches be­­schlossen werden konnte, ohne dass alle vier Mitglieder ihren Segen gaben. Es schien die perfekte Alle-für-einen- Strategie zu sein, um sie gegen die Untiefen zu wappnen, die aus einem Vertrag mit einem Major-Label und -Management entstehen konnten: Wenn alles den Bach runtergehen sollte, hatten sie immer noch einander. Doch es war eine Entscheidung, die sie später alle bereuen würden.
Zunächst lief jedoch alles blendend. Als ›Break On Through (To The Other Side)‹ und THE DOORS erschienen waren, zogen die Manager Sal und Asher die richtigen Strippen, um die Band Anfang 1967 an zwei Wochenenden ins legendäre Fillmore von Bill Graham in San Francisco zu bringen, als Vorgruppe für die Young Rascals am ersten und Grateful Dead am zweiten.

Eine Woche darauf waren sie wieder in New York, um er­­neut als Hausband im Ondine’s aufzutreten. Und es war auf dieser Reise, dass die berühmten „Young Lion“-Bilder von Morrison entstanden, aufgenommen vom renommierten New Yorker Fotografen Joel Brodsky. Schon bei ihrem vorigen Besuch in der Stadt hatte er eine Session mit ihnen gemacht, und ein Bild daraus findet sich auf der Rückseite der Hülle von THE DOORS: ein für damalige Verhältnisse fortschrittliches, vierfach belichtetes Bild, das die Porträts der vier verband und später für einen Grammy nominiert wurde. Doch nun würde er die legendärsten Fotos seiner – und ihrer – Karriere machen. „Ich habe nie mitbekommen, dass er sich tatsächlich die Musik der Leute anhörte, die er fotografierte“, sagte sein Schwiegersohn Sid Holt, ein einstiger Verlagsleiter des „Rolling Stone“. „Er mochte die Doors ei­­gentlich nicht besonders.“

Das mag sein, doch genau diese ausgedehnte Bilderreihe stellt bis heute die definierenden Motive von Morrison und den Doors dar: schwarz­weiß, Jim ohne Hemd und mit einer Perlenkette um den muskulösen Hals, sein Haar ein Wasserfall aus Locken wie ein Heiligenschein, sein Gesicht so ausdruckslos wie der Mond, die Arme von sich gestreckt, als würde er ge­­kreuzigt.

Jim Morrison Young Lions

Wie immer hatte Morrison den ganzen Tag getrunken und war „ziemlich locker“, als Brodsky anfing, diverse Posen vorzuschlagen. Das „Amerikanischer Poet“-Bild, wie der Fotograf es nannte, entstand als letztes. Und während der Sänger „nicht das beste Gleichgewichtsgefühl“ hatte, war er „toll zu fotografieren, weil er so interessant aussah“.

Eine Woche später war dieses legendäre Foto von ihm, der mit ausgestreckten Armen wie Jesus fleht, in der „Village Voice“ zu dem Hauptartikel von Autor Howard Smith unter der Überschrift „New Teen Idol“ zu sehen und Brodsky wurde von „etwa 10.000 Anfragen für das Bild“ überwältigt. „Weißt du, Morrison sah ei­­gentlich nie wieder so aus“, sinnierte er, „und diese Fotos wurden zu einem großen Teil der Doors-Legende. Ich denke, ich habe ihn auf seinem Höhepunkt abgelichtet.“

An der Westküste fand das Debütalbum unterdessen mehr als 10.000 Käufer pro Woche, selbst wenn es an­­derswo – außer in New York – kaum wahrgenommen wurde. Jims Gespielin Pamela Courson, die seit kurzem einen Ehering trug und sich als „Mrs. Morrison“ bezeichnete, ging nun zu so vielen Konzerten, wie sie konnte, zunehmend besessen von dem Gedanken, dass ihr „Ehemann“ tausende Möglichkeiten haben könnte, mit einer anderen Frau als ihr die Halle zu verlassen. Einmal begleitete sie dabei Tom Baker, ein Theaterschauspieler aus New York, der kürzlich mit Norman Mailer an einer kurzlebigen Off-Broadway-Produktion seines Romans „Der Hirschpark“ gearbeitet hatte. Wie Jim war auch Tom ein gutaussehender, aber psychisch labiler Junge aus einer Militärfamilie, dessen Talent nur von seinem unstillbaren Verlangen nach Alkohol, Drogen und „guten Zeiten“ übertroffen wurde. Als die Doors das nächste Mal die Stadt verließen, begann Pam eine sehr öffentliche Affäre mit Baker – vielleicht als Rache für Jims eigene, kaum verborgene Untreue. Oder vielleicht wollte sie nur beweisen, dass sie alles, was Jim konnte, besser konnte. Wie der zukünftige Morrison-Biograf Jerry Hopkins feststellte, war sie Jims „Spiegelbild mit Titten“.

1 Kommentar

  1. Klasse Story über eine meiner Lieblingsbands aus dieser Zeit. Höre die Songs heute noch und Jim… ein Idol meiner Jugend.
    Vielen Dank, schön dass es Classic Rock gibt

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