Titelstory: Frank Zappa – Der fabelhaft freigeistige Freak-Bruder!

'200 MOTELS' FILM STILL - 1971Die sechs Monate nach Prestons und Gardners Einstieg probte die Band acht Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche. Es gab strenge Regeln: Wer krank war, konnte nach einem Attest gefragt werden oder den Tageslohn verlieren. Preston bezeichnet die Band als „demokratisch“, obwohl stets klar war, wer das Sagen hatte.

Zappa hatte schon begonnen, in einem anderen Hotel als der Rest der Band zu wohnen. Der Schlagzeuger und Trompeter Jimmy Carl Black erinnerte sich später: „Die Mothers standen auf Sex, Drogen – keine harten Drogen – und Rock’n’Roll.“ Zappa hingegen stand nur auf eines dieser Dinge. Er war zwar neugierig genug, um zuzusehen, als Ray Collins LSD nahm, aber nicht beeindruckt genug, um es selbst auszuprobieren. Zappas einziger dokumentierter Ausflug in die Drogenwelt, als er einmal zehn Joints rauchte, habe ihm nichts als Halsweh eingebracht, wie er sagte. Und er mochte definitiv keinen Rock’n’Roll.

Aber wenn es um Sex ging, packte er die Gelegenheit der gerade ausgerufenen „freizügigen Gesellschaft“ beim Schopf und war ein echter Vorreiter. Schon vor den Mothers war er verheiratet gewesen (mit seiner Jugendliebe Kay Sherman) und wieder geschieden. Nun genoss er alle Aspekte der Freak-Szene, die sich um Groupies, Fickbeziehungen und One-Night-Stands drehten. Selbst als er mit Pamela Zarubica zusammenlebte, war es nichts Ungewöhnliches für sie, nach Hause zu kommen und ihn mit anderen Mädchen im Bett zu finden. Durch ihre offene Beziehung waren Filzläuse ebenso normal wie Tripper. Erstere sollten später sogar Zappa-Klassiker wie ›Toads Of The Short Forest‹ inspirieren.

Seine zweite Frau Gail, die ihre Jugend in London in denselben Zirkeln wie die Beatles und Stones verbracht hatte, war ebenfalls kurzzeitig Groupie gewesen. „Und ein hervorragendes Groupie“, wie Frank in Interviews prahlte. „Es war mir egal, dass sie auch mit anderen Beat-Typen geschlafen hatte.“

Doch Pauline Butcher sagt, er habe eine traditionellere Sichtweise von der Ehe gehabt: „Er glaubte nicht, dass die Ehe halten würde, wenn Gail andere Sexpartner hat. Er hatte andere Frauen, aber nicht in dem Maße, dass er dafür Gail verlassen oder die Familie zerstören würde.“

Gail, eine blonde Schönheit, hatte Frank Anfang 1966 kennengelernt. Er hatte den Tripper und Filzläuse, die sich schon in sein Kopfhaar ausgebreitet hatten. Sie heiratete ihn ein Jahr später nach seiner ersten Europatour. Heute beschreibt sie ihn als „unglaublich treu“, wenn er zu Hause war. „Aber natürlich ändert sich das alles, wenn er auf Tour ist. Vom Standpunkt einer Ehefrau oder Freundin hast du dann all die Berufsrisiken, die Rock’n’Roll so mit sich bringen kann. Ich kann nur sagen, das Geheimnis dahinter, sich nicht umzubringen wegen sowas, ist sich auf das zu konzentrieren, was du für dich selbst in deinem Leben willst.“

Zappa sang unablässig über Sex, in jeder Variante und Situation, die er sich vorstellen konnte. Manchmal war das kindisch (›Penis Dimension‹), manchmal tiefgründig (›America Drinks And Goes Home‹), aber es war immer irgendwo da. Vielleicht sowas wie Proto-Feminismus? Oder doch nur eine cleverere Form von Männerschwein-Chauvinismus? Als Zappa dem „Rolling Stone“ erzählte, er finde die Arbeit der Groupies Cynthia und Dianne Plaster Caster – Gipsabdrücke von Rockstar-Gemächten – „künstlerisch und soziologisch…wirklich intensiv“, wusste niemand, ob er es ernst meinte. Später stellte er Cynthia als Vollzeit-Babysitterin für Gail ein, was sie offenbar sehr gut machte.

Im Tagesgeschäft wurde währenddessen die Kluft zwischen den Mothers und ihrem Anführer noch tiefer, als Verve das nächste Album nicht optionierte und Zappas gerissener Manager Herb Cohen dieses Schlupfloch nutzte, um einen besseren Deal für ihn auszuhandeln. Dieser beinhaltete die Gründung seiner eigenen Produktionsfirma, über die er nicht nur das Erscheinen aller zukünftigen Mothers-Of-Invention-Alben kontrollieren würde, sondern auch all seiner Soloprojekte und jeglicher anderer Künstler, die er sponsern wollte. Diejenigen, die dabei waren, bezeichnen es als den Schlüsselmoment in Zappas Verwandlung vom Bandleader zum Gruppendiktator.

„Zappa war immer der Anführer, aber wir hatten alle dieselbe Verantwortung“, so Don Preston. „Als wir dann ins Holzhaus zogen, war Zappa schon der Boss; er war der Alleinherrscher. Es fühlte sich isolierter an.“ Dieser Wandel wurde endgültig mit dem Erscheinen von Zappas erstem Soloalbum LUMPY GRAVY im August 1967 vollzogen, nur fünf Monate nach ABSOLUTELY FREE. Dann wurde es richtig kompliziert. Und blieb es für den Rest seines Lebens.

Um es so einfach wie möglich zu formulieren: LUMPY GRAVY entwickelte sich von einem orchestralen Werk, dargeboten von Sessionmusikern, die er das Abnuceals Emuukha Electric Symphony Orchestra taufte, zu einem drastisch umgeschnittenen Teil einer größeren Produktion namens NO COMMERCIAL POTENTIAL, zu der noch zwei weitere Alben gehörten, die wiederum Frank und den Mothers zugeschrieben wurden: WE’RE ONLY IN IT FOR THE MONEY (erschienen im März 1968) und CRUISING WITH RUBEN AND THE JETS (Dezember 1968).

Während keines dieser Alben auch nur im Entferntesten wie die anderen klang, war es laut Zappa alles ein Werk. Er behauptete, er könnte die Mastertapes in anderer Reihenfolge umschneiden und es würde immer noch Sinn ergeben. Es war, wie er erklärte, Teil seines „Projekt/Objekt“-Konzepts: Jedes Album war ein anderes „Projekt“, aber alle setzten sich zu einem größeren „Objekt“ zusammen.

Während also eines dieser „verwandten“ Alben – CRUISING WITH RUBEN AND THE JETS, eine Reihe von Doo-Wop-Nummern, die in ein „Konzeptalbum“ über die fiktive Gruppe Ruben & The Jets eingespannt wurden – die Kritiker verwirrte oder gar verärgerte, gehören die anderen beiden zu den großartigsten Platten, die je unter den Namen Zappa oder Mothers veröffentlicht wurden. LUMPY GRAVY blieb auch einer von Zappas Favoriten. Rund um die Uhr im Studio, mit einem kompletten Orchester zu seiner Verfügung und modernstem Zwölf-Spur-Equipment, war er in seinem Kontrollfreak-Element. „Er machte alle wahnsinnig“, so Preston, „und ließ uns 28 mal dieselbe kleine Bridge spielen.“

In Großbritannien war es dagegen das nächste Mothers-Album WE’RE ONLY IN IT FOR THE MONEY, das ihn etablieren sollte: eine Interpretation von SGT. PEPPER der Beatles aus einem alternativen Universum, inklusive grandios spöttischen Cover und einem Cameo eines stotternden Eric Clapton – eine der schneidendsten und gnadenlosesten Satiren auf die ganze sogenannte 60s-„Bewegung“. „Alle anderen dachten, sie seien Gott“, sagte Zappa über die Beatles. „Ich denke, das war nicht korrekt. Sie waren einfach nur eine gute kommerzielle Gruppe.“ Konsequent pervers, ließ er verlauten, dass er die Monkees bevorzuge.

Zappa lebte mittlerweile mit seiner neuen Frau Gail, schwanger mit ihrem ersten Kind, in einer kleinen Wohnung im dritten Stock in New York. Damals stieß der Schlagzeuger Arthur Dyer Tripp III zu den Mothers. Er war solo mit den Werken von John Cage und Stockhausen aufgetreten – schwere Kaliber, wenn man bedenkt, dass der damalige Gipfel drummerbezogener Höhenflüge darin bestanden hatte, dass Ringo Starr ›Yellow Submarine‹ gesungen hatte. Tripp hatte gerade ein zweijähriges Engagement beim Cincinnati Symphony Orchestra beendet und war zu allem bereit.

„Frank suchte ständig nach neuen Ideen und Inspirationen“, berichtet Tripp heute von zu Hause in Mississippi, „also wurde so ziemlich alles verwendet, über das wir redeten. Für mich war es paradiesisch, mit einem Typen zu arbeiten, der ‚alles geht‘ praktizierte, aber auf hohem Niveau. Ich teilte Franks Gegenkultur-, Anti-Mainstream-Philosophie und wir machten uns damals über alles lustig.“ Tripp erinnert sich, wie fehl am Platz Zappa sich in der Gesellschaft fühlte. „Er fühlte sich nur wohl, wenn er die Kontrolle über ein Thema und dessen Richtung besaß“.

Was meilenweit entfernt war von dem Bild, das die Fans von Zappa hatten. Als Jimi Hendrix in der New Yorker Wohnung vorbeikam, um hallo zu sagen, fand er nicht die „verrückte Szene“ vor, die er erwartet hatte, sondern Gail und Frank, die Abendessen machten. Was ihn nicht davon abhielt, am selben Abend zu den Mothers auf die Bühne zu gehen und mitzujammen, auch wenn Zappa ihm das Feld überließ und von der Seite zusah, wie Jimi spielte. Ebenfalls in New York erschien er auch in einer Episode von „The Monkees“ als Mike Nesmith, während Nesmith, angezogen wie er, ihn verkörperte. (Er spielte auch im Monkees-Film „Head“ mit, als Mentor von Davy Jones, während er einen sprechenden Ochsen führt.)

„Er war ein unglaublich intelligenter Mann in einem Geschäft, das nicht unbedingt vor intelligenten Menschen strotzt. Er stach hervor“, stellt Pauline Butcher fest. „Er verstand, dass er kein Schönling wie die Beatles oder die Stones war, er spielte nicht ihre Art von Musik, er mochte sie nicht mal, und wenn er gehört werden wollte, musste er etwas radikal anderes machen. Er legte großen Wert darauf, provokante Fotos von sich machen zu lassen: das eine auf der Toilette oder das, wo seine Zöpfe wie bei einem Spaniel abstanden, in Frauenkleidern. Das war alles Kalkül, denn er brauchte Aufmerksamkeit.“

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