Black Star Riders: Transformers

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Black Star Riders: Transformers

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Drummer Downey, der in Dublin lebte, hatte ewig nicht mehr gespielt. Gorham befürchtete, dass er sich den Stress im Studio und auf Tour vielleicht nicht mehr antun würde und war ziemlich nervös, als sie sich in einem Dubliner Restaurant trafen. Doch zu seiner Überraschung schien es so, als habe der alte Kumpel nur auf diesen Vorschlag gewartet. Er schlug sofort ein, ebenso wie Darren Wharton, mit dem Gorham dann nicht einmal mehr essen gehen musste. Der frühere Thin-Lizzy-Keyboarder, mit Dare auch seit Ewigkeiten in ein eigenes Langzeitprojekt involviert, sagte telefonisch zu. Und da es schon so gut lief, war es ein Klacks, auch den langjährigen Bassisten Michael Mendoza wieder zurückzuholen.

Fehlte noch die Besetzung des zweiten Gitarrenparts, für die Def-Leppard-Sänger Joe Elliott als Vermittler einsprang. Es habe sich herumgesprochen, so der Kollege, dass Thin Lizzy wieder auferstehen soll. Da seine eigene Band eine längere Pause einlege, habe ihn Vivian Campbell gebeten nachzufragen, ob er als zweiter Gitarrist infrage käme. Wer hätte das gedacht? Wie durch ein Wunder erfüllte sich plötzlich innerhalb von nur zehn Tagen, was Scott Gorham nun schon in jahrelanger Ziellosigkeit umgetrieben hatte: Thin Lizzy gab es wieder.

Fast jedenfalls. Denn da fehlte ja noch immer eine Kleinigkeit: Wer würde den neuen Phil Lynott geben? Den überzeugenden Mittelpunkt der Show, oder – um es mit Scott Gorhams eigenen Worten auszudrücken – „den Vulkan, den Hot Spot?“

Erneut stand der Musiker an dem Punkt, an dem sich bei Thin Lizzy die Geister scheiden. Und erneut meldete sich eine gute Fee, die wieder Joe Elliott hieß. Der Def-Leppard-Sänger, offenbar auch mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet, erinnerte ihn an eine alte Session in seinem Studio: „Kennst du diesen Sänger noch, für dessen Soloalbum du mal bei mir ein paar Gitarrentracks eingespielt hast?“ Der Mann war Ricky Warwick, selbst ein bekannter Gitarrist, der seine Karriere bei der Gruppe New Model Army gestartet hatte und sich danach als Frontsänger bei The Almighty einen noch besseren Namen machte. Er sah gut aus und war, nicht zuletzt durch die inzwischen geschiedene Ehe mit der MTV-Moderatorin Vanessa Warwick, sogar der Klatschpresse kein Unbekannter. Vor allem aber war dieser Ricky Warwick ein begabter Songwriter und als gebürtiger Nordire bestens mit den speziellen Milieus und Folk-Spielarten vertraut, aus denen schon Lynott viele Inspirationen gesaugt hatte. Da hätte es seiner weiteren Referenzen, wie den Studiojobs für Def Leppard, die ganzen Gastauftritte bei Stiff Little Fingers, Sheryl Crowe und Bob Dylan oder seine Solo-Alben gar nicht mehr bedurft. Privat will Ricky, der schon in frühester Jugend mit den Eltern nach Schottland übersiedelte, sogar schon immer „auf Thin-Lizzy gestanden sein“. Schon am Telefon wurde die Sache besiegelt.

Das Auftaktkonzert der reformierten Thin Lizzy ging – ein perfektes Datum – am 4. Januar 2011 über die Bühne, dem 25. Todestag von Phil Lynott. Es folgten weltweite Live-Konzerte, unter anderem als Vorgruppe der ebenfalls renovierten Kiss. Unterwegs begannen Warwick und Gorham mit den anderen schon an neuen Songs zu basteln. Denn es musste ja auch rasch ein neues Album her. Und dann kam der Tag, an dem Ricky Warwick, wie Lynott mit seinen „Cowboy“-Songs ein leidenschaftlicher Western-Fan, bei einem Zwischenstopp zuhause in sein Bücherregal griff: „Unsere ganze Band ist verrückt nach Western-Filmen“, so der Musiker. „Deshalb fanden wir es passend, uns wie eine Gang zu nennen, die im Stil der glorreichen Sieben in eine Western-Stadt geritten kommt“.

Also nahm Warwick, der sein drittes Solo-Album sinnigerweise BELFAST CONFETTI betitelt hatte, ein Verzeichnis mit den wichtigsten Westernfilmen zur Hand, schnitt sich einige wohlklingende Titel und Wortfetzen heraus und ließ sie wie Konfetti-Schnipsel zu Boden regnen. Denn bei einem ersten Brainstorming hatte sich der Bandname Star Riders herauskristallisiert. „Doch da schien mir“, so Ricky, „noch irgendein wichtiges Element zu fehlen. Also kam ich auf die Idee, über die Schnipsel einfach den Zufall zu Hilfe zu nehmen. Und als sich alle Papierfetzen auf dem Boden verteilten, lagen da plötzlich vor mir die Black Star Riders.“

Nanu, wie ist das zu verstehen? Sollte da plötzlich der Bandname geändert werden? Hatte sich Scott Gorham etwa jahrelang mit der Neugründung der Legende Thin Lizzy herumgeschlagen, die ersten Konzerte gespielt, die Neugier des Publikums geweckt, seinen Traum verwirklicht, einen Nachfolger für Phil Lynott engagiert, viele Fans zurückerobert, um seine Bemühungen in einer Weise ihres Wiedererkennungswertes zu berauben, die jedem Werbefachmann die Haare zu Berge stehen lassen würde? Was also hatte diese absolut merkwürdige Aktion zu bedeuten?

„Wir brauchten einen Cut“, sagt Scott Gorham, darin waren wir uns alle einig. „Denn als wir anfingen, an einem neuen Album zu arbeiten, waren wir zwar zunächst noch Thin Lizzy. Doch neues Personal bedeutet auch sofort einen veränderten Sound“. Erneut hatte sich das Personalkarussell gedreht, weil Brian Downey und Darren Wharton plötzlich nicht mehr wollten. „Es kam zur Trennung, allerdings ganz ohne Tränen, Streit oder Stampfen mit den Füßen“, beschreibt Scott Gorham die Vorgänge auf sehr entspannte Weise. Das, was in diesem Business allzu oft nach Knatsch um Rechte und Personalien riecht, klingt in seiner Schilderung wie die professionelle Scheidung einer Vernunftehe von durch und durch erwachsenen Menschen: „Wir hatten bereits in Hotelzimmern akustische Versionen unserer neuen Songs vorbereitet“, so Gorham. „Als wir dann mit konkreteren Demos begannen, wurde Brian wohl klar, dass das ein Neustart bedeuten würde, verbunden mit einem ganzen Haufen Arbeit. Da kommen jede Menge Studiotermine, Tournee-Stress und natürlich auch der ganze Presserummel auf einen zu. Und er war ja der Drummer, er hatte den körperlich anstrengendsten Job, musste pausenlos spielen. Ich glaube, darauf hatte Brian einfach keinen Bock mehr. Wir waren ja sowieso schon zweieinhalb Jahre auf Tournee und kaum zuhause. Das muss ihm dann irgednwann doch zu viel geworden sein. Im Grunde holte er jetzt mit Verzögerung nach, was ich damals schon bei unserem Essen in Dublin befürchtet hatte.“

Ebenso freundschaftlich soll auch die Trennung von Darren Wharton über die Bühne gegangen sein. Der kinobegeisterte Keyboarder trieb ohnehin gerade sehr intensiv sein eigenes Filmprojekt mit dem englischen Serien-Schauspieler Bruce Jones voran. Als er das neue Material erstmals hörte, musste er sich vorgekommen sein wie Gorham, als der einst bei Supertramp vorspielte: „Darren war sich mit uns völlig einig, dass das neue Material keine Tastensounds verträgt.“

Da waren es also nur noch drei und mit Gorham ohnehin nur einer, der überhaupt noch mit Phil Lynott gespielt hatte. Dass die alten Zeiten damit endgültig vorbei waren, lag jetzt eindeutig auf der Hand. Gitarrist Vivian Campbell, dessen Gastjahr beendet war, wurde zunächst von Richard Fortus und anschließend von Damon Johnson ersetzt. Ans Schlagzeug rückte der amerikanische Ex-Megadeth-Drummer Jimmy DeGrasso, wie Johnson auch ein ehemaliger Mitstreiter von Alice Cooper.

„Wir waren sofort ein perfektes Team, hatten jede Menge Spaß und Jimmy hatte die neuen Sachen mit seiner Routine schon nach zwei Tagen im Kasten,“ sagt Ricky Warwick. In dieser Besetzung wurden die zwölf Songs des neuen Albums ALL HELL BREAKS LOOSE mühelos in der Rekordzeit von nur zwölf Tagen komplett eingespielt. Auch auf Wunsch von Produzent Kevin Shirley, der richtig Tempo machte und sich von dieser Methode die volle Energieausbeute erhoffte. Der gebürtige Südafrikaner, durch seine Produktionen mit Iron Maiden, Aerosmith, Led Zeppelin und Journey sehr erfahren und angesehen, legte Wert darauf, dass im Studio in Los Angeles gefühlsechte Live-Atmosphäre herrschte: „Da gab’s kaum Overdubs oder langes Herumschrauben an irgendwelchen Klängen oder Effekten“, so Scott Gorham, „da hieß es: losrocken und die Takes müssen stehen.“

Erleichtert wurde der Band diese Tour-de-Force, indem sie von den Drumsticks bis zum kleinsten Effektpedal auf ihr originales Live-Equipment zurückgreifen konnte. Auch das trug zu diesem lebendigen Soundformat bei. „Außerdem waren die Arrangements bei Arbeitsantritt bereits zu 95 Prozent vorbereitet“, wie Warwick ausführt.

Dazu gehörte auch der Plan, dass ALL HELL BREAKS LOOSE ein reines Gitarren-Album werden sollte. Genauer gesagt, ein Album mit den typischen, harten Gibson-Klängen. „Die einzige Fender-Stratocaster-Gitarre“, so Scott Gorham, „ist auf dem Titel ›Blues Ain’t So Bad‹ zu hören“, einer Sympathieerklärung für die Welt der Außenseiter und Verlierer in Belfasts und Glasgows Straßen. „Den Song“, so der Gitarrist mit vielsagendem Schmunzeln, „kann man am besten zugedröhnt genießen.“

Der Text der Nummer stammt, wie alle auf dem Album, aus Ricky Warwicks Feder, der die Inhalte aber stets mit den anderen abstimmt. Und bei den Aufnahmen spielte er, im Gegensatz zu den Live-Performances, nicht Gitarre, um sich voll auf den Gesang zu konzentrieren. Es ist die wuchtige Stimme eines Hardrock-Shouters, auf den Phil Lynott einen prägenden Effekt ausgeübt hat: „Ich haben seinen Geist und seinen Gesang drei Jahre lang gelebt, geatmet und eingesaugt,“ so Warwick. „Er beeinflusste meinen Stil, mein Songwriting und die ganze Art, mich zu präsentieren.“

Doch der selbstbewusste Sänger tappte nie in die Falle, Lynott stimmlich zu kopieren oder ihn eins zu eins ersetzen zu wollen. Wenn die Roots des großen Gründers heute noch durchscheinen, dann in einem folkgeprägten Song wie ›Kingdom Of The Lost‹, in dem Ricky Warwick die gemeinsamen Heimatliebe zelebriert. „Ich bin wie Phil immer mit irischer Musik aufgewachsen und ich liebe sie. Zum Text des Songs inspirierte mich ein Freund, der einst nach Amerika ging, um sein Glück zu finden und alles verlor. Es ist, wenn du so willst, eine Metapher für das Schicksal der Iren, die in der Fremde vergeblich eine Zukunft suchen. Deshalb habe es das Königreich der Verlorenen genannt. Ein Königreich, das überall verstreut ist. Deshalb findest du heute auch in jeder Stadt dieser Welt einen irischen Pub.“

So zeigt sich auch immer wieder, dass unter der rauen, aber sehr freundlichen und stark tätowierten Schale des mittlerweile 47-Jährigen ständig eine sensible und gereifte Künstlerseele wirkt. In dem Song ›Hey Judas‹, zu dessen Titel ihn die alte Beatles-Nummer ›Hey Jude‹ inspiriert hat, sinniert Ricky Warwick zu schweren Gitarren über den Reiz des Bösen, wie er beispielsweise so oft in unglücklichen Liebesbeziehungen dominiert. Und obwohl er sich früher gelegentlich mit Amerika-kritischen Texten unbeliebt machte, ist Warwick inzwischen sogar nach Kalifornien gezogen, wo er jede freie Minute seiner Familie und der kleinen Tochter widmet: „Die Prioritäten ändern sich eben mit den Jahren“, so Ricky Warwick. „Früher wusste ich nicht mal genau, wo ich gerade spielte, heute schaue ich mir manchmal sogar die Sehenswürdigkeiten an. In meiner wilden Zeit wollte ich es nur krachen lassen und mit irgendwelchen Mädels und viel Whisky in irgendwelchen Clubs abhängen. Heute geht es mir nur noch darum, ein perfektes Konzert abzuliefern. Dann nehme ich das nächste Flugzeug nach Hause.“

Die Zeiten haben sich geändert. Und so gerne Scott Gorham auch in der Vergangenheit schwelgt, aufgrund der Ereignisse hält auch er den Zeitpunkt dieser Wende endgültig für gekommen. Zudem er, ähnlich wie Warwick, ohnehin nicht den Eindruck erweckt, als messe er Image- und Markenfragen die oberste Bedeutung bei. Die beiden Musiker scharren förmlich mit den Hufen: „Wir sind echte Road-Dogs, wir sind scharf auf Tour zu gehen, wir werden spielen, so lange uns die Leute hören wollen, und sei es bis in alle Ewigkeit.“ Uff, Ricky hat gesprochen. Hauptsache es geht wieder los, Hauptsache es wird wieder Bühnenluft geatmet, egal unter welchem Namen.

Mit der Gelassenheit des Rock’n’Rollers, der schon alles erlebt hat, kann Gorham sogar eingestehen, dass er von der Namensschöpfung Black Star Riders am schwersten zu überzeugen war. So könnte immerhin auch ein Country-Act heißen, was die Fans womöglich verwirren würde. Aber weil es für ihn offenbar wichtigeres gibt, hat er sich damit mittlerweile bestens arrangiert. Ebenso mit der Tatsache, dass Nuclear Blast, die neue deutsche Plattenfirma der Black Star Riders, mit dem Slogan „The World’s biggest Heavy-Metal-Label“ wirbt und bevorzugt Schwerstmetaller beschäftigt.

„Ich habe mich, ehrlich gesagt, noch nie damit befasst, was der Unterschied zwischen Thrash Metal, Death Metal oder Super-Heavy Metal ist“, so Scott Gorham. „Wir gehören sowieso in keine dieser Metal-Kategorien. Wir spielen harten Rock und haben bei dem Label unterschrieben, weil den Jungs dort unsere Songs gefielen, egal ob wir uns nun Thin Lizzy, Black Star Riders oder sonst wie nennen. Alleine das ist es, was zählt.“

Parallel zum neuen Album ALL HELL BREAKS LOOSE wurde gerade die neue Single ›Bound For Glory‹ ausgekoppelt. Ein radiotauglicher Hardrock-Ohrwurm, dessen optimistischer Titel auch als Motto für die Zukunft der Band stehen kann. Doch was bleibt nun von Thin Lizzy, die wie ein U-Boot immer wieder an die Oberfläche auftauchen?

„Scott Gorham spielt seit 1974 in dieser Gruppe“, sagt Ricky Warwick, „und ich bin stark von Phil Lynott geprägt. Egal, wohin der Weg jetzt führen wird, das sind Dinge, die immer bleiben werden.“ Der zukünftige Weg führt wie geplant zur Welttournee, bei der die Black Star Riders allerdings auch wieder die wichtigsten Thin-Lizzy-Nummern im Gepäck haben werden. „Wir stehen halt wie unser Publikum auf die alten Klassiker“, so Scott Gorham, „warum sollen wir sie uns dann nicht auch gönnen?“ Und überhaupt sei nicht ausgeschlossen, dass Thin Lizzy auch in Zukunft sporadisch, in welcher Besetzung auch immer, auf diversen Special-Events oder Festival-Konzerten wie Kometen aufleuchten könnten. Unter diesen Umständen ist auch davon auszugehen, dass die Plakate und Konzerttickets der Black Star Riders weiterhin den dezenten Hinweis „The Band formely known as Thin Lizzy“ tragen werden. Die Nachfolger klingen zwar anders und der große Phil Lynott ist schon längst eine ferne Legende. Doch irgendwie scheint es, als würden die Black Star Riders die Vergangenheit einfach nicht mehr los.

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