Black Star Riders: Transformers

Thin Lizzy sind Geschichte, lang leben die Black Star Riders: Scott Gorham und Ricky Warwick über ein Erbe, das verpflichtet. Und wie es trotz neuen Namens in Ehren gehalten wird.

Um die Weihnachtszeit 1985 kam es im englischen Salisbury zu einer Begegnung von gewisser rockhistorischer Bedeutung: Scott Gorham, Gitarrist der zwei Jahre zuvor aufgelösten Band Thin Lizzy, besuchte deren inzwischen auf Solo-Pfaden wandelnden Gründer und Frontmann Phil Lynott, um auszuloten, wie ernst der es mit seinem etwas überraschenden Plan für einen Neustart meint: „Phil stand da in einem Bademantel, in Hausschuhen und mit völlig zerzausten Haaren. Er hatte einen wirren Blick und sah wirklich übel aus. Man konnte sofort erkennen, dass es ziemlich schlecht um ihn stand.“

Wie schlecht, wurde knapp zwei Wochen später deutlich. Am 4. Januar 1986 erhielt Scott Gorham die telefonische Nachricht, dass Phil Lynott im Krankenhaus einem Herzversagen erlegen war. Ein menschliches Drama und vermutlich das Aus einer Band, die seit den 70er-Jahren zur Prominenz der Rock-Szene zählte. An Beispielen von Formationen, die mit ihren Frontfiguren standen und fielen, herrscht ja kein Mangel. Das war bei den Doors und Jim Morrison so und bei Queen mit Freddy Mercury nicht anders. Was blieb von Grateful Dead nach dem Tod von Jerry Garcia? Und man stelle sich nur mal die Rolling Stones ohne Mick Jagger vor… rein theoretisch.

Auch die Gruppe Thin Lizzy stürzte dieser Tod in besagtes Dilemma. Denn bei ihr war Phil Lynott – bei allem Respekt vor dem Rest der Band – die alles überstrahlende Figur. Der Sohn einer irischen Mutter und eines Vaters aus dem südamerikanischen Guyana ragte mit seiner üppigen Jimi-Hendrix-Matte nicht nur optisch heraus. Er war der Bassist und Shouter, der jederzeit eine Hookline mit Chart-Appeal schreiben konnte. Er ertränkte seine Zerrissenheit, woher sie auch immer kam, in einem bluesgefärbten Cocktail aus Hardrock, Pop und Folk-Sounds nach eigener Mixtur. Und er besaß diese geheimnisvolle Zerbrechlichkeit, die seinen Interviews und selbst den wütendsten Texten über die Enttäuschungen von Liebe, Leben und Gesellschaft eine so schöne, melancholische Krone aufsetzen konnten. Er war der klassische und ewig unverstandene Rock’n’Roller.

Was also tun, wenn einem solch eine Galionsfigur abhanden kommt? Bei jedem neuen Album, jedem Live-Konzert und jedem alten Song schwingen für Musiker und Fans von nun an auch schmerzliche Erinnerungen mit. Die Lösung des Problems sollte für Scott Gorham, der in dieser Band seine künstlerische Bestimmung gefunden hatte, so etwas wie eine Lebensaufgabe werden. Ein Werk, in dem er jetzt ein neues Kapitel aufschlägt: Die Black Star Riders, eine Formation die neu ist, aber auf ganz gewisse Weise noch immer Phil Lynotts Einfluss atmet. Die eigenständig sein will, sich aber auf Konzertpostern ganz in „Prince-Manier“ als „the band formerly known as Thin Lizzy“ verkauft. Die laut Gorham so klingt, „wie Thin Lizzy heute klingen würden.“ Obwohl nur noch er selbst aus den alten Erfolgszeiten übrig ist. Es herrscht also Aufklärungsbedarf.

Die liefert Scott Gorham mit neuer, richtig jugendlicher Begeisterung natürlich gerne und begibt sich dafür weit zurück zu den Wurzeln: „Durch Phils Tod fühlte sich das alles auf einen Schlag so unvollendet an“, erzählt der Gitarrist. „Wir waren doch noch so voller Ideen. Thin Lizzy hatte schon so viele Leute erreicht. Durch Phils Tod bekamen wir nun plötzlich nicht mehr die Chance herauszufinden, ob es noch einmal funktionieren würde. Es wirkte wie ein Stillstand mitten in einem Prozess.“

Dieses Gefühl der Unfertigkeit sollte Scott Gorham in Zukunft nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Der Kalifornier war ja ursprünglich nach England gespült worden, weil er davon hörte, dass die Gruppe Supertramp einen Gitarristen suchte. „Ein Gitarrengrab“, wie er es heute lachend nennt, denn bei Supertramp-Patriarch Roger Hodgson mussten sich die Saiteninstrumente dem Gesamtklang unterordnen und wenn überhaupt, dann spielte der Chef die wichtigen Parts ohnehin selber. Entsprechend durfte Scott auf dem 1974er-Album CRIME OF THE CENTURY auch nur bei einem einzigen Track mitmischen, an den er sich übrigens heute, wie er behauptet, „nicht ein mal mehr erinnern kann“.

Erst als ihn also der Ruf von Thin Lizzy ereilte, bei denen Gary Moore im selben Jahr ausgestiegen war, konnte Gorham sein wahres Können zeigen. Und wie: Zusammen mit Brian Robertson drückte er der Band gleich das neue, härtere und stilbestimmende Markenzeichen mit den zwei Leadgitarren auf. Vor diesem Background flossen Lynott nun zukünftige Klassiker wie ›The Boys Are Back In Town‹, ›Jailbreak‹, ›Do Anything You Want To‹ und ›Sarah‹ umso leichter aus der Feder. Mit dem zunehmend härteren Sound schrieben Thin Lizzy ihre Erfolgsstory, die etwas unerwartet mit dem Welthit ›Whiskey In The Jar‹ im Jahre 1972 begonnen hatte, nun nahtlos weiter.

Zwar wurde Scott Gorham dabei auch in Sachen Drogen und Alkohol Lynotts gleichwertiger Partner. Trotzdem entwickelte er sich in der stets wechselvollen Geschichte der Band zu einer treibenden Kraft und ihrer zuverlässigsten Konstante: Der flatterhafte Robertson stieg aus und wieder ein, bis er dann endgültig geschasst wurde. Drummer und Mitbegründer Brian Downey zwang eine labile Gesundheit immer wieder zu Pausen. Sogar Gary Moore, Lynotts alter Kumpel aus frühester Zeit mit der Gruppe Skid Row, sprang nochmals in die Bresche. Ganz zu schweigen von jeder Menge Wechselspielchen mit Midge Ure, Mark Nauseef, Dave Flett, Snowy White und John Sykes – um nur einige zu nennen. Wer immer blieb, war der gute alte Scott Gorham. Er überdauerte sie alle und stand jetzt dennoch, nach dem tragischsten aller denkbaren Verluste, vor einem ziemlichen Trümmerhaufen.

So begann er zunächst, den Nachlass wie ein Chronist zu verwalten, indem er über viele Jahre hinweg, in ständig wechselnden Thin-Lizzy-Besetzungen, sporadische Einzelkonzerte und Festivalauftritte spielte. Parallel dazu versuchte Gorham sogar mit Freund und Autor Harry Doherty, sich in dem Buch „The Boys Are Back In Town“ die Bandgeschichte von der Seele zu schreiben. „Doch all das machte mich nicht wirklich zufrieden,“ so der Künstler, der es mit seinem sonnigen, kalifornischen Wesen auch noch im fortgeschrittenen Rock’n’Roller-Alter schafft, im klassischen „Mucker-Look“ mit langen Haaren, Sonnenbrille und Lederjacke nicht wirklich peinlich auszusehen.

Scott Gorham wirkt irgendwie zeitlos, scheint den Spagat vom Analogzeitalter zum iPhone mühelos geschafft zu haben. Und gerade deshalb wollte er es vor rund drei Jahren noch mal richtig wissen: „Ich war plötzlich wie besessen davon, meine alte Band noch einmal auferstehen zu lassen.“ Für diesen letzten Versuch zog es ihn, inzwischen längst in London lebend, wie magisch zurück auf die Irische Insel. Hier hatte ja alles begonnen, hier hatten sich Phil Lynott, Brian Downey und Gitarrist Eric Bell einst aus den Städten Belfast und Dublin zu der Band Thin Lizzy zusammengeschlossen. Hier hatten sie sich auch ihren lustigen Bandnamen – den eines weiblichen Roboters – aus einem Comic-Heft gefiltert.

„Für mich war klar, dass ich mir diesen Traum mit einem möglichst originalgetreuen Line-up erfüllen musste“, so Scott Gorham. „Deshalb lag für mich der Schlüssel bei Brian Downey.“

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