Titelstory: Aerosmith – Tanz auf dem Vulkan

Doch trotz gezielter Fragen und dem Versuch, ein bisschen Humor ins Spiel zu bringen: Zunächst einmal bleiben sie bei ihrer Linie, handeln Gastauftritte von Mia Tyler und Johnny Depp (letzterer in ›Freedom Fighter‹) mit einem nichtssagenden „sie waren halt gerade in der Gegend“ ab und ergehen sich in einer Selbstbeweihräucherung, die beinahe unerträglich ist. Eben als wollten sie Musik als hochtrabende Kunst verkaufen, ihre eigene Rolle in der Rockgeschichte, die eh unbestritten ist, aufpolieren und sich verbal ins rechte Licht rücken.

Fast so, als hätten sie das nötig oder als wurde ihnen das als Motto der heutigen Veranstaltung eingetrichtert. So ist zum Beispiel die simple Frage, ob es sich bei MUSIC FROM ANOTHER DIMENSION um ein klassisches, wenn nicht typisches Aerosmith-Album handele (weil alle vertrauten Zutaten vorhanden sind), Anlass für einen ausschweifenden Monolog, mit dem Perry, der an den Adler aus der Muppet-Show erinnert, seinem Ego Freilauf lässt: „Die Frage müsste doch eher lauten, was ein typisches Aerosmith-Album ist. Denn im Grunde ist jedes anders und folgt seinem ureigenen Ansatz. Wenn überhaupt, finden sich auf dem neuen also einzelne Referenzen an unsere Geschichte – und natürlich dieselben Einflüsse, die wir schon immer aufgegriffen haben: Ein bisschen Muddy Waters, ein bisschen Howlin´ Wolf oder auch Yardbirds. Das sind die Bands, von denen wir gelernt haben. Aber mittlerweile haben wir unseren eigenen Sound. Was dafür sorgt, dass ich beim Hören bestimmter Passagen nicht mehr denke: ,Das kenne ich von Fleetwood Mac.‘ Sondern: ,So etwas ähnliches hatten wir schon mal vor 20 Jahren.‘ Und das ist ja nicht schlimm. Als Künstler ist es ganz legitim, sich auf seine eigene Tradition und Geschichte zu beziehen. Und den Fans damit das Gefühl von etwas Vertrautem zu geben. Ich finde es viel schlimmer, wenn sich jemand hinstellt und sagt: „Wir müssen uns immer wieder neu erfinden und ständig anders klingen“. Das ist doch Blödsinn. Macht das, was ihr am Besten könnt, und macht es richtig.“

Freiheitskämpfer

So, wie er es mit dem von ihm geschriebenen und gesungenen ›Freedom Fighter‹ vorexerziert: Ein Stück dreckiger, bluesiger Power-Rock mit Reibeisenstimme und einem Text, der – auf den ersten Blick – die Motivation hinter den amerikanischen Invasionen in Afghanistan und im Irak in Frage stellt, mit großartigen, bissigen Zeilen wie „there was once a time we believed in your lies/now you can´t walk the streets ´cause you´d never survive“ aufwartet, und den bekennenden Republikaner Perry als weltoffenen, kritischen Zeitzeugen präsentiert, der die Intrigen der Bush-Administration nur zu gut durchschaut. Doch weit gefehlt: „Ich habe eine TV-Reportage über einen Typen gesehen, der Kriegsdokumentationen dreht. Und da wurde mir klar, wie wichtig solche Leute – also Journalisten – sind, wenn es darum geht, die Wahrheit zu finden, und sie der Öffentlichkeit zu vermitteln. Nämlich fast so wichtig, wie diejenigen, die Waffen in die Hand nehmen, um für unsere Freiheit zu kämpfen.

Wovor ich mich nur verneigen kann. Genau wie vor diesen Journalisten, die ihr Leben riskieren, um unsere demokratischen Grundwerte zu retten. Denn das ist es doch, was unsere Freiheit sichert – die Wahrheit. Und die Möglichkeit, sie auch aussprechen zu dürfen.“ Dass es sich bei den meisten Kriegsberichterstattungen um reine Propaganda des jeweiligen Aggressors handelt und sie auch nie ungefiltert über den Äther gehen würden, scheint sich noch nicht bis zur Sleepy Hollow Farm in Vermont rumgesprochen zu haben, wo der 62-Jährige mit Ehefrau Billie Paulette Montgomery residiert, friesische Pferde züchtet und seine eigenen „Joe Perry´s Rock Your World Hot Sauces“ kreiert – eine Kollektion an Salsa- und Tabasco-Variationen, die mittlerweile in jedem gut sortiertem US-Supermarkt erhältlich ist. Und die – so betont er – auch beim Band-eigenen Catering zum Einsatz kommt. Wobei er zum ersten Mal den Hauch eines Lächelns auf seinen wie in Stein gemeißelten Gesichtszügen erkennen lässt. Und auch von Tyler ist ein dezentes Glucksen zu vernehmen.

Aerosmith @ Sony MusicYah Yah Babes

Eine Chance, die es zu nutzen gilt. Etwa mit der Frage nach des Sängers Lyrik, die sich mit Formulierungen wie „A yah-yah baby til out go the lights“ oder „hot monkey sex on a hot tin roof“ wieder einmal selbst übertrifft und auch im fortgeschrittenen Mannesalter einen gut kodierten Lobgesang auf die eigene Libido serviert. „Was ein Yah-Yah-Babe ist?“, lacht Tyler. „Das ist wahrscheinlich das letzte, was du sagst, bevor du kommst, Mann. Eben ,yah, yah, babe.‘ Also zumindest bei mir ist das so. Und ich habe gerne Sex wie ein geiler, kleiner Affe. Wobei ich ehrlich gesagt keine Ahnung habe, wie ich auf diese Formulierungen komme. Sie fallen mir halt einfach so ein, ich schreibe sie auf, und zwei Wochen später wird mir klar: ,Wie cool ist das denn?‘ Aber ich verfolge damit keine tiefere Intention.“ – „Und ich finde es auch cool. Selbst wenn ich mich natürlich frage: ,Was raucht der Mann?’“, fällt ihm Perry ins Wort.

Und plötzlich ist die Situation locker und entspannt. So sehr sogar, dass Tyler offen zugibt, oft etwas exzentrisch und schwierig gegenüber seinen Bandkollegen zu sein, sich selbst als abgedreht und wankelmütig beschreibt und seine Schuld an der Krise der letzten Jahre einräumt: „Ich habe mich nicht immer so verhalten, wie ich das vielleicht sollte. Aber hey, ich bin auch nur ein Mensch. Ich habe meine Höhen und Tiefen und muss auch mal etwas anderes tun. Ich meine, kann sich einer vorstellen, was es heißt, von seiner Frau verlassen zu werden, nur weil man sich mit Hepatitis C infiziert hat – was nicht unbedingt beim außerehelichen Sex passiert sein muss? Oder von einem Arzt einen Gehirntumor diagnostiziert zu bekommen, der sich im Nachhinein als harmlos erweist? Ich habe wirklich ein paar rabenschwarze Jahre hinter mir.“

Sex, Sex, Sex

Was nach gesteigerter Midlife Crisis klingt, die er – so Tyler – nicht zuletzt wegen seiner aktuellen Verlobten, Ex-Model Erin Brady, überwunden habe. Und die er genau deshalb noch vor Jahresende zu heiraten gedenke. Einfach, weil sie Anlass für ein neues optimistisches Lebensgefühl ist. Was sich – so deutet Tyler im Song ›Luv XXX‹ an – nicht zuletzt in einem ausschweifenden Sexualleben manifestiert: „Love three times a day/there ain´t no other way“. Sprich drei Mal täglich, und so wild wie es nur geht. „Hör mal, ich bin vielleicht ein alter Mann, ich habe kaputte Knie, ich sehe schlecht und trage bereits meine dritten Zähne, aber das kriege ich immer noch hin – und darauf möchte ich auch nicht verzichten. Ich kann nur jedem raten: Habt mehr Sex, Leute! Lasst euch mal wieder richtig gehen! Lasst es raus! Dann würde es gleich wesentlich weniger Spannungen auf dieser Welt geben, alle wären viel lockerer und glücklicher.“

Ein Satz, dessen voller Tragweite er sich noch vor seiner Vollendung bewusst wird, verlegen in die Runde blickt und fast entschuldigend stammelt: „Das gilt natürlich auch für alle Anwesenden in diesem Raum“. Was etwas von einem großen Erwachen hat, und für ausgelassene Stimmung zum Finale sorgt. Eben so, wie es eigentlich und ursprünglich hätte sein sollen. Einfach, weil es überhaupt keinen Grund für die seltsame Zurückhaltung gibt. Denn: Aerosmith haben ein überzeugendes Spätwerk abgeliefert, als Band sämtliche Höhen wie Tiefen gemeistert und beehren uns – daran besteht kein Zweifel – 2013 noch einmal mit einer flächendeckenden Welttournee. Alles, was danach kommt, wird sich zeigen. Und alles, was nebenbei passiert, ist allenfalls unterhaltsam, hat aber nichts mit der Musik des Quintetts zu tun. Und wäre da nicht wieder Ross Halfin, der unbedingt wissen will, ob Tyler heute Abend noch auszugehen gedenkt, vielleicht hätte sich sogar noch ein richtig langes, nettes Gespräch entwickelt. So hingegen endet das Ganze abrupt, gerade als Tyler über seine Freundschaft zu Charlie Sheen und sein Auftritt als Burger King-Mitarbeiter sinniert. „Die haben mir so viel Kohle geboten, dass ich nicht nein sagen konnte, selbst wenn ich Fastfood gruselig finde“, spricht´s und erhebt sich aus seinem Sessel. Ein kurzes Shakehands, ein „see you next time“, und schon steht man auf der Straße. Richtig nett ist anders.

 

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