Thunder im Interview: „Es ist doch nur Rock’n’Roll…“

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Thunder im Interview: „Es ist doch nur Rock’n’Roll…“

Als ich diese Songs schrieb, hörte ich sie immer wieder. Sie fühlen sich an wie die Glasur auf dem Kuchen. Es gibt nicht viele Hardrockbands, die das machen. Das fügt dem Sound ein weiteres Element hinzu. Wenn wir damit auf Tour gehen, werden wir definitiv Sängerinnen mitnehmen. Sie sind ein
so wichtiger Teil des Albums, dass es absurd wäre, es nicht zu tun.“

Noch deutlicher auf der Platte ist allerdings der wütende Ton, für den sich Morley keinesfalls entschuldigt. „Du kannst nicht dein ganzes Leben lang darüber schreiben, Mädchen hinterher zu rennen! Dafür bin ich ein bisschen zu alt.“ Und Bowes fährt fort: „Es gab auf jedem unserer Alben Gesellschaftskritik in irgendeiner Form. ›Distant Thunder‹, ›Low Life In High Places‹, ›It Happened In This Town‹ … Aber ja, ich war überrascht von der schieren Anzahl wütender Songs.“ „Mir war nicht bewusst, wie angepisst ich war“, sagt Morley mit einem Kichern. „Natürlich war da der Brexit: ›Last One Out Turn The Lights Off‹ gibt meinem Frust über dieses Debakel ein Ventil. Vier oder fünf Jahre, in denen sich die Regierung um niemanden gekümmert hat und Leute diese alten Rassen-Stereotypen verbreiteten.“ Wie im Song ›St. George‘s Day‹? „Ja. Es fühlt sich an, als seien wir rückwärts gegangen. In meiner Erinnerung war es nicht mal in den 70ern so schlimm. Das finde ich zutiefst traurig. Schrecklich. Die Sache mit Europa finde ich besonders verstörend. Na ja, ich weiß, wie es dazu kommen konnte – Leute wie [Nigel] Farage heizten diese furchtbaren Gefühle der Angst und Fremdenfeindlichkeit an. Und dann war da noch Trump …“

Morley verweist auf ›Force Of Nature‹. Bowes benennt es als einen von „zwei Songs, die man an den orangenen Tölpel richten könnte, wie ich ihn nenne. Luke schrieb es aus der ersten Person und versuchte, sich in ihn hineinzuversetzen. Ich würde nicht sagen, dass ich das auch versucht habe – der Song ist technisch schon schwer genug, aber der Text ist es noch mehr. Das andere Stück ist ›The Smoking Gun‹, eine Warnung vor dem Populismus, der auf der ganzen Welt tobt. Die Social-Media-Kanäle haben dieses Feuer angefacht, sie geben den Leuten die ‚Wahrheiten‘, die sie hören wollen. Das sind Dinge, die Luke wichtig sind.“

Sie sind ihm wichtig, doch er will keine Angst verbreiten, wie Morley klarstellt: „Wenn man Songs schreibt, kann man nicht nur schimpfen. Das muss auch ein gewisses Gespür für Poesie und Musikalität haben. Und Humor.“

Auch dieser Humor (ebenso wie ein paar Songs über Mädchen) findet sich auf dem Album. Das Lachen hat Bowes und Morley über Wasser gehalten, seit sie sich vor bald 50 Jahren auf der Schule kennenlernten, und ist nie weit weg, wenn sie sprechen. Ein bisschen wirken sie wie das legendäre britische Comedy-Duo Morecambe & Wise, ebenso wie der Titel, der an einen ihrer Sketche erinnert, in dem Ersterer den bekannten Dirigenten Andre Previn am Revers packt und zischt: „Ich spiele die richtigen Noten – nur nicht unbedingt in der richtigen Reihenfolge!“

Bowes weist daraufhin, dass ALL THE RIGHT NOISES vielmehr eine Passage aus dem zweiten Track ›Destruction‹ ist, ein todernster Song über psychische Gesundheit, Demenz und Depressionen. „Einmal mehr … große Riffs, eine fette Rockmelodie, aber über ein ernsthaftes Thema. Jedes Mal, wenn er mir ein Demo schickt, will ich, dass er mich überrascht. Und dass er das nach all den Jahren und all den Alben noch immer schafft – und mit so einem Song –, ist eine Offenbarung. Wenn er ins Schwarze trifft und mich umhaut, ist das ein tolles Gefühl. Er ist mein Kumpel, er schreibt diese Melodien und er kann mich immer noch überraschen. Das ist der Wahnsinn.“

Die Parallele zu Morecambe & Wise ist ein Vergleich, dem Bowes gerne zustimmt, ist er doch ein großer Fan der verstorbenen Comedy-Könige. „Ihre Sachen sehen so mühelos und spontan aus, aber sie waren sehr gut einstudiert. Wir haben immer versucht, das genauso zu machen. Das ist uns nicht immer gelungen, aber wir haben es probiert.“

Der Titel inspirierte dann eine Google-Suche nach „bizarren Musikinstrumenten“, die zu The Singing Ringing Tree führten – einer drei Meter hohen, windkraftbetriebenen Klangskulptur, die auf einem Hügel über Burnley in Nordengland steht. Sie besteht aus verzinkten Stahlrohren, die jeweils auf eine andere Note gestimmt sind. Ein Bild davon verleiht dem Album sein markantes Cover. „Sobald ich das sah, fand ich, es sah aus wie etwas, das Storm Thorgerson und Aubrey Powell von Hipgnosis benutzt hätten“, so Morley. „Wir hatten ein paar Covers mit Storm gemacht und ich mochte ihn sehr. Ich liebte den Gedanken, dass dieses Ding auf einem Hügel steht und auf Burnley hinabblickt, wie ein Außerirdischer, der dort gelandet ist und einfach die Stadt beobachtet – aber Musik macht, wenn der Wind durch es hindurch weht. Sehr englisch!“

Morley und der Fotograf Jason Joyce fuhren also im Juli in den Norden und Joyce nahm zu verschiedenen Tagesund Nachtzeiten Bilder auf. Später einigten sie sich auf eines, das um drei Uhr morgens gemacht worden war, als die Sonne aufging. „Sie sagten, es war eiskalt“, so Bowes. „Luke schickte mir Videos von sich und Jason, dick eingewickelt und mit kleinen Stirnlampen.“

Albumcover Thunder All The Right Noises

Die Farben sind natürlich und wurden nicht in Photoshop verfremdet. Es ist ein großartiges Bild und ein sehr passendes für das, was das bislang beste Werk der Band sein könnte. Und das war natürlich immer der Plan. Thunder arbeiteten so hart wie möglich, mit demselben Engagement wie immer, aber mit dem zusätzlichen Vorteil der Erfahrung. „Es gibt keinen Grund, warum man nicht immer besser werden sollte, je älter man wird“, bekräftigt Morley. „Ich bin über die Jahre so vielen Menschen begegnet, die mir sagten: ‚Ah, aber ihr werdet nie wieder ein Album machen, das so gut ist wie [das Debüt] BACKSTREET SYMPHONY‘. Das finde ich wirklich deprimierend. Denn auch wenn BACKSTREET SYMPHONY damals fantastisch war, kann man nicht auf der Stelle treten. Man muss sich weiterentwickeln. Diese neue Platte ist besser. Sie ist völlig anders und sehr reif. Wie in jeder anderen Kunst oder jedem anderen Handwerk machen die Leute, die wirklich ernsthaft dabei sind, weiter, bis sie tot umfallen, denn man lernt nie aus.“

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