Styx: Neues Album mit dem „Neuen“ am Keyboard

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Styx: Neues Album mit dem „Neuen“ am Keyboard

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Styx ohne Keyboard? Selbst Lawrence Gowan, einer der drei Leadsänger und der Keyboarder von Styx, muss lachen, als er morgens um 10:00 Uhr in seiner Heimatstadt Toronto mit dieser absurden These konfrontiert wird. Obwohl, so weit er sich erinnern kann, ›Midnight Ride‹ von 1975 als wahrscheinlich einziger Song der Bandgeschichte auch ohne Keyboard auskam.

Seit er 1999 den Classic Rockern beitrat, gab und gibt es das aber nicht mehr, was Gowan so erklärt: „Ich denke, das Keyboard ist ein sehr wichtiger Teil. Es macht den Sound der Band orchestraler. Man muss es irgendwo zwischen den beiden Gitarren einflechten und dann sorgt es für diese Art von klassischem Rocksound“. Dementsprechend viel Fantast(en)isches gibt es auf dem neuen Werk CRASH OF THE CROWN zu hören. Aber natürlich spielen auch die drei Leadstimmen von Tommy Shaw, James „JY“ Young und Gowan selbst eine große Rolle. Im Titelsong agieren sogar alle drei erstmalig gemeinsam. Darauf angesprochen, schmunzelt Gowan: „Wir kicken den Gesang immer etwas hin und her wie beim Fußball. Normalerweise übernehmen Tommy und ich die hohen Parts und JY den tiefen“. Das Ergebnis kann sich hören lassen.

Ohne Corona wäre das Album schon Ende letzten oder Anfang dieses Jahres erschienen, aber jetzt kommt es immerhin rechtzeitig zu den anstehenden US-Dates zusammen mit Collective Soul heraus. Exakt zwei Tage vorher, bevor es dann „wahrscheinlich erst mal für ein Jahr durch die Vereinigten Staaten geht, ehe wir überhaupt nach Kanada kommen“. Setlist? „Ich denke, wir spielen zwei neue Nummern. Wir werden das ähnlich wie auf der Tour zu THE MISSION handhaben. Normalerweise fangen wir mit etwas Neuem an, das dann in einen Klassiker überführt wie ›Blue Collar Man‹ oder ›Grand Illusion‹. Oder wir packen einen neuen zwischen zwei alte Titel, ohne ihn anzukündigen. Unsere Platten sollen immer irgendwie wie in den 70ern klingen. Es ist schwierig für das Publikum, neue Songs von einer Band mit einer solchen Geschichte und einem derartigen Vermächtnis wie Styx zu akzeptieren.“

Dabei bietet CRASH OF THE CROWN gute 40 Minuten sehr „akzeptablen“ Sound. Trotz der geschlossenen und stimmigen Anmutung ist es aber kein Konzeptwerk, zumindest nicht direkt, wie Gowan erläutert: „Nicht so sehr was die Mission, sondern eher was das Thema anbelangt. Es geht um Erneuerung und um die Rückkehr ins Leben nach einem kataklystischen Ereignis, einer Katastrophe. Das kommt bestimmt vielen Menschen bekannt vor, weil das die Realität ist, mit der wir gerade alle konfrontiert sind. Wie kann man alles neu starten, aber auf eine andere Art und Weise?“ Es gibt also nicht die durchgehende Story, aber: „Das übergreifende Thema einer positiven Reaktion auf ein negatives Ereignis“. Verblüffend ist, dass das Album bis auf zwei Songs schon vor der Krise fertig geschrieben war. Auch das Cover passt.

„Ich denke, das ist ein zusammengestelltes Bild. Es wurde damit herumgespielt und am Ende ist etwas mit dem arktischen Ozean und einem Loch in der Welt herauskommen. Wir wollten den Albumtitel, CRASH OF THE CROWN, nicht wörtlich nehmen“, meint der Keyboarder. Und die Musik? „Da gibt es offensichtlich Progressive-, aber auch viel Classic Rock. Und ein Pop-Element bei ›Sound The Alarm‹, Heavy Rock mit ›A Monster‹ und natürlich Balladen. Das Schöne an einem Styx-Album ist, dass es den ganzen Bogen der klassischen Rock-Ära auf einmal spannt.“ Auch ein gewisser Beatles-Vibe ist bei einem Stück wie ›Coming Out The Otherside‹ nicht zu leugnen. Dazu der zum Zeitpunkt des Interviews mit seiner ersten Dosis Astrazeneca Geimpfte: „Zunächst einmal haben Bands in den 70er-Jahren viele Einflüsse genutzt. Als ich Styx beitrat, wollte ich etwas Beatles einbringen. Und andere Bands der progressiven Rock-Ära, mit denen ich aufgewachsen bin, wie Yes, Genesis und Queen. Queen, Elton John, Yes, Genesis und die Beatles sind meine Haupteinflüsse“.

So treffen auch bei CRASH OF THE CROWN einmal mehr unterschiedliche Inspirationen, vokale und instrumentale Bravourleistungen aufeinander. Zum auf Facebook präsentierten gewaltigen Drumset seines Kollegen Todd Sucherman meint der in Glasgow geborene schottische Kanadier schmunzelnd: „Er besitzt wahrscheinlich die Hälfte aller Drums in der Welt“. Aber auch er selbst kann einiges sein Eigen nennen und bewahrt viele Keyboards, Pianos, ein Melotron, ein Fender Rhodes und und und zu Hause, in seinem Studio in Toronto, in Nashville sowie in Lagerräumen in Toronto und Chicago auf. Als seinen Liebling nennt er ein Steinway-Klavier. Und würde dennoch gerne auch mal Gitarre auf einem Album spielen, aber: „Wir haben schon zwei fantastische Gitarristen“. Zumindest live greift er schon mal zur 12-saitigen Akustischen. Und natürlich in die Tasten diverser Keyboards, darunter auch ein spezielles, das er schon seit vielen Jahren hat.

„Damit habe ich 1990 auf einem Soloalbum, auf dem auch Alex Lifeson von Rush mitgewirkt hat, angefangen. Alex und ich haben ein Video für den Titeltrack gedreht. Ich habe das drehende Keyboard extra dafür anfertigen lassen. Alex hat gemeint, ich sollte darüber nachdenken, es auch auf der Bühne zu benutzen. Das habe ich getan und seitdem spiele ich es. Es ist sehr unterhaltsam.“ Gegenüber anderen „Spielereien“ on stage ist Gowan eher skeptisch: „Pre-recorded Vocals sind sehr tricky. Das merkt man immer im Publikum, weil die Energie nicht dieselbe ist. Selbst wenn der Sound großartig ist, merkt man das immer. Ich denke, dass es besser ist, wenn man stimmliche Probleme bekommt, sich durchzubeißen und bestmöglich zu singen. Auch wenn man die hohen Noten nicht mehr exakt trifft. Besser live!“

Angesichts der gesanglichen Glanzleistungen auf CRASH OF THE CROWN müssen sich Styx derartige Sorgen aber noch nicht machen. Gutes Beispiel auch das inale ›Stream‹, trotz des Titels kein Stück über die Plattenindustrie, sondern „ein schöner kleiner Song von Tommy über das Im-Gleichklang-mit-der-Natur-Sein und das Dem-Leben-seinen-Lauf-Lassen. Friede und klare Gedanken. Aber da das manche auch über das Internet hören werden, kannst du ›Stream‹ auch streamen“. Humorvoll ist dann auch das Ende des Gesprächs mit dem Deutschlandfan, der hierzulande besonders das Beethovenhaus in Bonn, die Reeperbahn in Hamburg, wo die Beatles gespielt haben, und „die große Bierhalle“ in München mag. Ob er trotz seiner langjährigen Zugehörigkeit zu Stxy ähnlich wie Ronnie Wood von den Rolling Stones immer noch der new boy ist? „New boy oder new guy. Ich denke, das wird nie aufhören. Aber in meinem Alter bin ich froh, wenn das Wort ‚neu‘ in Zusammenhang mit meinem Namen benutzt wird.“

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