Steve Perry: Zurück ins Leben

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credit @Miriam Santos
Das Comeback von Steve Perry ist eine der Überraschungen 2018, denn knapp ein Vierteljahrhundert lang hatte sich der ehemalige Journey-Sänger vom Musikgeschäft verabschiedet. Sein Weg, beginnend mit dieser folgenschweren Entscheidung bis hin zum famosen Werk TRACES, ist eine emotionale Achterbahnfahrt, an deren Startpunkt Perry sogar seine Liebe zur Musik verlor.

 

Steve, TRACES ist dein erstes Album seit FOR THE LOVE OF STRANGE MEDICINE (1994) und Journeys TRIAL BY FIRE (1996). Warum hast du dich für so lange Zeit aus dem Musikgeschäft zurückgezogen?
Ich habe Journey um den 1. Februar 1987 verlassen und war nach unzähligen Tourneen endlich daheim und konnte abschalten. Mein damaliges Leben hatte etwas von einem Satelliten, der den Planeten umkreist. Ich musste zwingend wieder in die Erdatmosphäre eintreten, um den Boden unter meinen Füßen zu spüren. Als ich in meiner Heimatstadt ankam, kaufte ich mir eine Harley-Davidson, fuhr über die Landstraßen und entdeckte für mich dieses Stückchen Land aufs Neue. Ich kam an vielen, in meiner Biographie wichtigen Orten vorbei, etwa dem Friedhof, auf dem meine Eltern ihre letzte Ruhe fanden. Da ich ihr einziges Kind war, verspürte ich mehr und mehr das Bedürfnis ein komplettes Homecoming durchzuziehen. Im Laufe der Tage und Monate ging ich auf einmal wieder vielen einfachen Dingen nach.

Besuche auf der State Fair im Sommer oder Frühstücke mit Freunden standen auf meiner Agenda – eben das genaue Gegenteil vom schnelllebigen Musikzirkus, in dem ich mich all die Jahre befunden hatte. Als ich ein Weilchen dieses normale Leben lebte, was für mich manchmal gar nicht so leicht war, denn mir fehlte der Trubel und der Applaus in manchen Momenten ganz extrem, wusste ich, dass der eingeschlagene Weg in eine gesunde Richtung ging, denn mein Innerstes sagte mir ständig: „Zieh die Notbremse!“. Es enttäuschte da­­mals sicher viele Fans, aber wenn dir als Künstler die Leidenschaft für Musik abhanden kommt, dann gibt es nur einen Ausweg.In der Retrospektive ist dieses Szenario na­­türlich etwas gespenstisch. Musik traf mich im Alter von sechs Jahren wie ein Blitz, und dann bist du plötzlich 45 und dieses unbeschreibliche Gefühl, dass mich seit meiner Kindheit begleitet hatte, war von einem auf den anderen Moment wie ausgelöscht. Was blieb mir denn auch anderes übrig als diese Tür zu schließen und eine andere zu öffnen? Zwischendurch versuchte ich einen Anlauf mit FOR THE LOVE OF STRANGE MEDICINE, aber mir gefiel das Leben wie ihr alle da draußen es lebt, zu diesem Zeitpunkt einfach besser.

Ich traf dabei Kellie (Nash; Steves verstorbene Freundin – Anm.d.A.), die um ihr Leben kämpfte. Man sah ihr nicht an, was sie durchmachte. Sie versuchte ganze drei Jahre den Brustkrebs zu besiegen. Wir verliebten uns ineinander und waren für eineinhalb Jahre ein Paar, bis ich sie verlor. Die Trauer um sie riss mich in ein tiefes Loch und ich musste deswegen ganze zwei Jahre in Therapie. Der ganze Prozess spielte mir emotional immens mit, es war ein hartes Stück Arbeit damit klar zu kommen. Inzwischen geht es mir wieder besser. Dieser Umstand brachte mir irgendwie die Leidenschaft für die Musik zurück. Ich schrieb urplötzlich wieder Songs. Nicht nur traurige Stücke, es waren auch fröhliche Lieder dabei. Ich beobachtete die Kids, die ihren Weg – wie wir früher auch – in die Welt suchten und fühlte mich ihnen sehr verbunden. Durch sie erlebte ich alles noch einmal und komponierte einfach drauf los. In meinen Texten verarbeitete ich Beziehungen, die Kreuzungen des Lebens oder was jeden Tag vor unseren Türen passiert.

War dieser Entschluss in seiner Ge­­samtheit nicht leichter gesagt als getan? Deine Songs werden schließlich dauerhaft von Radiostationen auf dem gesamten Planeten gespielt…
Absolut! Zurück ins Leben zu gehen, obwohl du dir noch gar nicht sicher bist, wo dich dieser Pfad hinführen wird, war eine harte Nuss.Dabei stellte ich mir essentielle Fragen wie „Was brauche ich, dass ich mir selbst genüge – abseits des Ruhms, des Jubels und der ständigen Aufmerksamkeit?“ Als Performer verlierst du meiner Meinung nach an einem ge­­wissen Punkt den Fokus auf dich als Person. Das war bei dem gesamten Unterfangen die Hauptaufgabe, an der ich arbeitete. Während dieses Selbstfindungsprozesses hörte ich fast keine Musik. Die einzigen Platten, die ab und an in den Player wanderten, waren Ambientscheiben. So entdeckte ich unter anderem Künstler wie Chuck Wild und seine LIQUID-MIND-Alben. LPs mit Gesang beschränkten sich auf Werke von Deep Forest. Die waren das mit Abstand Coolste, was ich je gehört hatte. Ihre Tracks basieren komplett auf Electro-Beats und Samples. Diese neuen, für mich ungewohnten Klänge stellten meinen Musikgeschmack auf den Kopf und zeigten mir, dass es da draußen noch viel mehr tolle Dinge außerhalb der Komfortzone gibt.

2010 gabst du in einem Interview mit CLASSIC ROCK PRESENTS AOR be­­kannt, dass du 50 neue Stücke geschrieben hast. Warum dauerte es ganze acht Jahre, bis zehn davon als TRACES das Licht der Welt erblickten?
Als ich vor gut drei Jahren anfing, die Songs aufzunehmen, war es für mich extrem schwer, wieder in einem Studio zu arbeiten. Es fühlte sich zuerst so an wie Albträume, wegen denen du nachts aufwachst und nicht mehr einschlafen kannst. Mein kreativer Geist ist ziemlich obsessiv und ich hatte Angst diese Tür zu öffnen. Die Erfahrungen mit und um Kellie halfen mir dabei, diese innere Furcht abzuschütteln. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch Patty Jenkins – die Regisseurin von „Monster“ mit Charlize Theron und Christina Ricci. Als ich sie traf, wurde sie für mich eine musikalische Mentorin. Patty inspirierte mich, einige kleine Gehversuche alleine an meinem Computer zu wagen. Ich sang einfach ein paar Melodien und da sie nur auf dieser Festplatte existierten, konnte ich sie jederzeit, wenn mir danach war, wieder löschen. Dieses Freiheitsgefühl war einfach wunderbar. Es gab keine Erwartungshaltungen, keinen Plattenvertrag, mir saß kein Management im Nacken und es existierte kein Zeitplan – ge­­nau deswegen fasste ich den Mut diesen Schritt in Angriff zu nehmen. Eine dieser Ideen spielte ich Jenkins während eines Mittagessens vor und ich traute mich dabei nicht, ihr in die Augen zu sehen. Ich blickte aus dem Fenster und war komplett aufgeregt. Als die Aufnahme verklang, fasste ich mir ein Herz, blickte zu ihr rüber und sie erwiderte: „Ich liebe es!“ Darauf antwortete ich: „Aber da gibt es doch noch nichtmal einen Text, sondern nur diese Melodie!“ Worauf sie mir tief in die Augen sah und sagte: „Ja schon, aber es klingt so wunderbar nach dir!“. Dieses Statement fühlte sich so unglaublich gut an! Dadurch fasste ich mir ein Herz, an diesen kreativen Ort tief in mir zurückzukehren.

In den Credits von TRACES findet sich eine beeindruckende Liste an Co-Komponisten – darunter auch der leider viel zu früh verstorbene George Harrison. Die Neuauflage seines Beatles-Stücks ›I Need You‹ nennt euch beide als Autoren.
Als ich ein Junge war, traf ich auf ›I Need You‹ zum ersten Mal, als ich begeistert HELP! lauschte. Ich liebte diese Version über alles und George wurde dadurch postwendend zu meinem Favoriten der Beatles. In meinen Ohren besaß das Lied aber immer auch das Potenzial, in einem R&B-Kontext eine gänzlich andere Wirkung zu entfalten. Komischerweise coverte ich es nie. Irgendwann reizte mich ›I Need You‹ dann doch so sehr, dass ich meine Vision des Tracks als Demo mit einem befreundeten Gitarristen festhielt. Während der TRACES-Sessions spielte ich meinem Toningenieur die Aufnahme vor. Dabei verschwieg ich ihm, um welchen Song es sich handelt, um seine objektive Meinung zu hören. Irgendwann merkte er natürlich, dass es ein Song der Beatles war und gab zu Protokoll, dass mei­ne Interpretation einen komplett neuen Vibe besitzt. Wir nahmen es im Zuge dessen auf, aber um es final auf TRACES zu packen, fehlte mir der Segen von Olivia Harrison. Ich fand durch etwas Recherche heraus, dass sie wegen eines Benefizkonzerts in Las Vegas weilte. Ein paar Mails und Anrufe später hatte ich eine Verabredung mit Olivia zum Dinner, um ihr das Stück vorzuspielen. Verdammt war ich nervös! An be­­sagtem Abend lauschte sie aufmerksam meiner Version und drücke nach dem ersten Durchlauf auf die Repeat-Taste…ich dachte mir: „Arghh! Sie mag es nicht!“ Ir­­gendwann stoppte sie den Song, sah mich an und sagte: „George würde deine Version lieben!“ Ich freute mich darüber unendlich, denn ohne ihre Zustimmung wäre ›I Need You‹ nie auf TRACES gelandet.

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