She Rocks: Jinx Dawson von Coven

Jinx_Dawson_Coven_Press_2018Black Magic Woman: Missverstanden, komplett wahnsinnig oder wirklich eine Hexe? Nach dem intensiven Gespräch mit Jinx Dawson ist unsere Autorin sicher: Hexe!

Man stelle sich vor, man be­­findet sich im Jahr 1969. Aus den Lautsprechern dröhnen hauptsächlich verträumte Liebesbotschaften, Blumen wehen allgegenwärtig durch wallende Mähnen, die Hippiebewegung und ihr Peacezeichen sind gerade noch so am Höhepunkt, kurz davor, endgültig in tausend utopische Splitter zu bersten. Auf einmal hält man da diese Platte in der Hand: Von der Innenseite des Vinyls springt ei­­nem eine wunderschöne Blondine ins Auge, wie sie nackt auf einem Altar mit umgedrehten Kreuzen liegt, Totenschädel auf ihrer Scham, von dunklen Gestalten umgeben, die die Hände zu Teufelshörnern geformt halten. Dazu erklingen betörend ge­­formte Textzeilen, die von schwarzen Messen, Hexen und dunkler Magie singen.
Coven - Witchcraft Destroys Minds And Reaps Souls
Die Rede ist hier natürlich vom un­­sterblichen Untergrundklassiker WITCH­CRAFT DES­TROYS MINDS AND REAPS SOULS. Was heute im Zeitalter von Cannibal Corpse und Co. keine müde Maus mehr hinter dem Ofen hervorlocken mag, sorgte Anfang der 70er-Jahre für ganz schön viel Aufregung: Coven aus Detroit wurden gefürchtet, gehasst und trotz mehrerer solider Alben und einem kleinen Hit am Erfolg gehindert. Vor allem ihre schöne Frontfrau Esther „Jinx“ Dawson aus reichem Hause war den Wenigsten geheuer, schließlich war und ist die Künstlerin der Überzeugung, eine echte Hexe zu sein. Sie entstammt einer Familie, die den Pfad zur linken Hand gewählt hat, okkulte Riten und Zirkeltreffen gehören von jeher zur Realität der jungen Augenweide. Gerade diese Ernsthaftigkeit un­­terscheidet Jinx – die seit einigen Jahren erstmals wieder mit Coven tourt und neue Musik produziert – bis heute von ihren Kollegen des Schockrocks, denn: Die Dame meinte es schon immer verdammt ernst, während Konsorten à la Kiss und Black Sabbath die gleichen Thematiken als bloße Showelemente nutzten. Apropos Black Sabbath und Kiss… Nicht nur mit denen hat die mystische und fast 70-jährige Blondine ein Voodoo-Hühnchen im sehr persönlichen Interview mit CLASSIC ROCK zu rupfen. In über 60 Minuten er­­klärte die überraschend realistisch und sympathisch wirkende Esther mit so­­norer Sprechstimme ihre Ge­­schichte, warum sie ein großes Faible für Fakten hat und wieso man es als Frau wirklich schwer in der Mu­­sikwelt haben kann…

Ihr seid 2018 zum ersten Mal nach Deutschland gekommen. Warum so spät?
Oh, weil wir damals nicht einreisen durften, als unser Debüt rauskam. Wir bekamen kein Visum.

Wieso das denn?
Na ja, wegen des Wesens der Platte. Heute mag das lächerlich erscheinen, weil es inzwischen tausend Gruppen gibt, die so etwas Ähnliches machen. Aber früher hatten die ganzen Bibelwerfer echt Angst vor uns. Das war wirklich schlimm, sie rissen unsere Alben aus den Regalen, wir konnten nicht mal in den Staaten normal touren. Heute beschäftigen sich diese Leute mit anderem Zeug, ich bin froh, dass sie sich von mir abgewandt haben.

Wie sehr setzten euch die damaligen soziokulturellen Umstände zu?
Na ja, es war die Hippiezeit, alle faselten nur von Liebe und Blumen, um düstere Themen ging es nicht. Ich denke, dass es sich oft so verhält: Der, der an­­fängt, hat es am schwersten, die Nachzügler oder Imitatoren kommen dann durch damit. Auch wenn es in den 80ern die berühmte „Satanic Panic“ gab… Initiatoren haben es einfach nicht leicht. Wir haben den Nachfolgern den Weg geebnet. Schau dir unsere erste Platte an: Da ist alles drauf, ich habe alles in dieses Werk gesteckt. Die schwarze Messe, alle wichtigen Themen des Okkultismus sind auf einer Scheibe vereint.

Wie denkst du heute mit etwas zeitlichem Abstand darüber, dass du so oft kopiert worden bist?
Ach, da habe ich gemischte Gefühle. Generell habe ich diese Platte nie aus kommerziellem Interesse heraus ge­­macht oder weil ich ein neues Genre etablieren wollte. Das war eher für Kenner gedacht, außerdem hatte meine Familie wirklich schwer etwas dagegen. Wir folgen dem Pfad zur linken Hand, daher kam die gesamte Inspiration. Ich meine, sie vollzogen Rituale und alles, bald kommt auch das Buch zu meiner Ge­­schichte raus.

Daran arbeitest du also weiterhin?
Ja, es dauert halt sehr lange, schon über fünf Jahre. Es ist so eine komplizierte Geschichte und es gibt bestimmte Dinge, von denen ich nicht weiß, ob ich sie der Welt wirklich offenbaren soll. Manches davon geht einfach zu tief, manches enthüllt zu viel. Ich weiß nicht, ob ich möchte, dass irgendwelche Anfänger sich darin verstricken. Ich habe gewisse Dinge gesehen und getan, die mir nicht viel Gutes gebracht haben. Meine beiden Tanten waren wirklich An­­führerinnen eines Zirkels (engl. Coven), daher habe ich den Namen. Weißt du, ich habe mein gesamtes Erbe da­­durch verloren, dass ich diese Musik gemacht habe.

Ich habe von den Problemen mit deiner Familie gehört…
Oh ja, das war schon krass. Sie wollten ihre Geheimnisse nicht enthüllt wissen. Zum Beispiel das Zeichen der Hörner, das war alles streng geheim.

Warum hast du dich trotzdem dafür entschieden, das auch in deinem Buch zu erzählen?
Na ja, die meisten sind ohnehin verstorben und ich denke, vielleicht sollte ich… Andererseits könnte ich eben auch Unwürdige in Dinge einführen, die sie nicht kontrollieren können. Ich meine, schau dir all die Bands an, die nach uns kamen. Ich dachte mir nur „Oh oh“. (lacht) Das lief damals ein bisschen wie heute mit der #metoo-Geschichte, alles, was man damals sah war: Oha, das ist eine Frau, die da so düsteres Zeug treibt! Das hat ihnen nicht gefallen. Frauen hatten damals bei Weitem noch nicht die Macht, die sie heute besitzen, auch wenn es immer noch nicht sehr viel ist…

Was bedeutet es eigentlich genau, wenn du sagst, dass du aus einer Familie kommst, die dem Pfad zur linken Hand folgt?
Zu allererst: Das hat nichts mit Satanismus zu tun. Der Pfad zur linken Hand wendet sich gegen Religionen jeglicher Art, deswegen hatten wir auch Probleme. Religion ist eine menschengemachte Si­­tuation und passt eigentlich nicht zur Menschheit und zu Kulturen. Die Leute werden in die Irre geführt, wir sind der Ansicht, dass die Religion ein einziges Märchen ist. Wir glauben an die Natur und auch an das Übernatürliche, jedoch in Kombination mit Wissenschaft. Nehmen wir als Beispiel mal die Geisterjagd: Wir finden nicht, dass das seltsam ist, wir denken, es gibt eine wissenschaftliche Erklärung dafür. Außerdem arbeiten wir viel mit Ritualen, es geht um Sex, weil der menschliche Körper im Zen­trum steht und frei ist. Eigentlich ist es wirklich schön, so zu leben. Ich bereue nicht viel, weil ich das meiste schon beim ersten Mal richtig mache. Wir folgen ja trotzdem einem ausgeprägten Moralkompass. Wir laufen nicht durch die Gegend und verstoßen gegen die Zehn Gebote oder so etwas…

Du hast das Thema Sexualität schon angesprochen. Ich möchte nicht doof klingen, aber du bist eine sehr schöne Frau mit einer starken sexuellen Aura. Wie wichtig ist das für Coven?
Na ja, der Gedanke an eine schöne Hexe ist natürlich aufregender als der Gedanke an eine hässliche Hexe. (lacht) Meine Tanten und Großtanten waren nicht sehr attraktiv, dafür um so mächtiger, das heißt also nichts. (lacht) Ich habe immer versucht, genau aufzupassen und zuzuhören… Denn am Ende ist es viel besser, Macht zu haben statt ein wenig Schönheit. Schönheit ist vergänglich…

Oder in deinem Fall eher nicht. Wirken Coven anziehender auf Männer oder Frauen?
Wenn man mal so im Internet recherchiert, scheint es, dass vor allem Kerle zwischen 24 und 34 darauf abfahren. Ich frage mich, warum da nicht mehr Frauen sind, schließlich setze ich mich dafür eigentlich ein, aber dann muss man auch wieder betonen: Der Pfad zur linken Hand unterscheidet nicht so sehr zwischen den Geschlechtern, man betrachtet eher die Person als Ganzes. Na ja, trotzdem denke ich, dass inzwischen auch viele Frauen interessiert sind. Früher standen eher Typen auf Bands, die etwas Okkultes auszustrahlen schienen. Ich muss das „schienen“ hier betonen.

Wie beurteilst du die Nutzung von Okkultismus zu reinen Unterhaltungszwecken?
Na ja, das passierte und passiert ständig, aber es war nie ein Grund für mich, unser erstes Album zu machen. Viele berühmte Musikerfreunde rieten mir damals sogar davon ab, weil sie dachten, ich ruiniere meine Karriere. Andererseits waren sie aber auch sehr neugierig, warum ich diese Bilder, Klamotten und so auf der Bühne nutze. Aber was war die eigentliche Frage? Sorry, ich bin gerade beim ersten Kaffee, ich stehe immer sehr spät auf, ich kann nicht so gut mit Tageslicht, meine Haut und meine Augen sind sehr empfindlich. Wäre ich zu lange draußen, würde ich wahrscheinlich verbrennen. (lacht)

Kein Problem. Wie beurteilst du die Rolle deines Geschlechts innerhalb der Musikindustrie?
Na ja, früher hatten Frauen überhaupt nichts zu melden und es gab auch nicht viele Musikerinnen. Heute gibt es in der Popmusik fast nur Frauen, aber früher war das echt schwer. Ich hatte also ein doppeltes Hindernis: Mein Geschlecht und den Okkultismus. Die Labels hatten damals sehr viel Macht, du konntest ja nicht einfach selbstständig etwas übers Internet veröffentlichen. Sie wollten ständig, dass ich Singles und Popmusik produziere. Ich wäre wahrscheinlich noch vor Madonna der erste Popstar geworden, aber das war nicht mein Ziel. Ich schlug alle Angebote aus und hatte deswegen einen ziemlich schlechten Ruf in Hollywood: Passt bloß auf, die ist schwierig.

So schwer sie es dir auch gemacht haben mögen, bis heute sind Coven ja vor allem so interessant, weil es echt wirkt und weit weg von einem Ausverkauf.
Oh danke, genau das war auch meine Intention. Das freut mich wirklich, ich höre so etwas zum ersten Mal.

Wirklich? Hmm, als ich Coven entdeckt habe, war ich wirklich erstaunt darüber, wie viel Pech ihr hattet. Eine andere Abzweigung, und ihr wärt vielleicht Stars geworden.
Vielleicht, aber das hat mich wirklich nie gestört. Was mich allerdings aufgeregt hat: Wie man uns einfach stillgelegt und andere Leute durchgeschleust hat. Ich fragte mich, warum unsere Plattenfirma eine andere Band groß machte, sogar mit dem Namen unseres Opener-Liedes. Das tut mir jetzt leid für die Fans, viele mögen mich nicht, weil ich das erzähle. Sie denken, es stimmt nicht. Aber es ist die Wahrheit. Was soll man tun, wenn Leute wie Gene Simmons auf einmal daherkommen, das Zeichen der Hörner falsch machen und dann auch noch sagen, sie wären die Ersten gewesen. Sorry Gene, das stimmt leider nicht. Das irritierte mich stark, die ganzen Falschinformationen. Ich habe da auf dem ersten Album echt alles geklärt, sogar das Wort „Coven“ wird definiert, viele wussten nicht mal, was das sein soll. (lacht) Na ja, die ganze Reise verlief sehr interessant und vielleicht war sie einfach genau so vorherbestimmt.

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