Rückblende Motörhead: ›Motorhead‹

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Rückblende Motörhead: ›Motorhead‹

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motorhead1974, ein Hotelzimmer in Hollywood: Bassist Lemmy Kilmister ist auf US-Tour mit Hawkwind, total high auf Speed – und schreibt das Stück, das sein Leben für immer verändern wird.

Es gab einer der großartigsten und lautesten Bands der Erde ihren Namen, definierte den Mann, der es schrieb, als Inbegriff des „Sex and drugs and rock‘n‘roll“-Lifestyles und hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf Metallica, Venom und Napalm Death. Doch als Lemmy Kilmister vor fast 40 Jahren ›Motorhead‹ schrieb, war es, in seinen Worten, „einfach ein Lied“. Niemand, zuallerletzt Lemmy selbst, hätte vorhersehen können, dass es das wohl wichtigste Lied werden würde, das er je verfasste.

1974 war Lemmy 28 und Bassist bei den Spacerock-Gurus Hawkwind. Er war seit drei Jahren in der Band und hatte auf ihrem größten Hit ›Silver Machine‹ – Platz 3 der UK-Charts im Juni 1972 – Leadvocals gesungen. Aber als Songwriter war er frustriert. „Bei Hawkwind interessierte sich nie jemand für meine Songs“, erinnert er sich müde.

Trotzdem gab er nicht auf. Und als Hawkwind 1974 nach Los Angeles kamen, fand er die Inspiration für ein neues Lied in einer durchsoffenen und -drogten Nacht. Die Band war im Continental Hyatt House-Hotel am Sunset Boulevard abgestiegen, dessen Spitzname dank wilder Partys von allerlei Rockstars auf der Durchreise „Riot House“ lautete. Der perfekte Ort für Lemmy also, um komplett im Rock‘n‘Roll-Lifestyle aufzugehen – und ein Lied darüber zu schreiben.

Auf dem Balkon seines Zimmers im siebten Stock schrieb er das Stück in einer whisky- und speedbefeuerten Marathonsession in einer Nacht auf einer akustischen Ovation-Gitarre, die er von Roy Wood geborgt hatte, dessen Band Wizzard auch gerade im Hyatt wohnte.

„Ich kann mich nicht an den genauen Ablauf jener Nacht erinnern“, sagt er verständlicherweise, „aber um sieben Uhr morgens war ich immer noch wach und krähte immer noch, so laut ich konnte.“ Er erinnert sich auch daran, dass Autos auf der Straße unter ihm anhielten und die frühmorgendlichen Pendler entsetzt zu dem schreienden, langhaarigen Verrückten aufblickten, der offenbar gleich in den Tod springen würde. Und doch gab es keine Beschwerden von anderen Hotelgästen. „Na ja, damals ging es im Hyatt noch viel wilder zu.“

Was Lemmy in jener Nacht zustande brachte, war in seinen Worten „eine einfache Rock‘n‘Roll-Nummer“. Und der Text war im Prinzip ein laufender Kommentar zu den Ereignissen der Nacht. Die ersten beiden Zeilen zeigten ihn als durchgeknallten Engländer im Ausland: „Sun­rise, wrong side of another day/Sky high, six thousand miles away“. Der Refrain „Remember me now…“ bezog sich auf seine vielen One-night-stands. Der Songtitel dagegen war ein amerikanischer Slang-Begriff. „Ein ‚motorhead‘“, erklärt er, „ist jemand, der ständig redet. Ich hörte den Ausdruck und fand ihn ziemlich passend.“ Lemmy ist außerdem „sehr stolz“ darauf, dass ›Motorhead‹ der erste und vermutlich einzige Rocksong aller Zeiten ist, in dem das Wort „Parallelogramm“ vorkommt.

Lemmy war überrascht, als Dave Brock zustimmte, dass Hawkwind das Lied aufnehmen sollten. Das geschah im Januar 1975 in den Olympic Studios in Barnes, Südlondon, mit Lemmy am Mikro. Und auch wenn diese erste aufgenommene Fassung für Lemmys Geschmack etwas langsam war, gefiel ihm das jazzinspirierte Geigensolo des Hawkwind-Keyboarders Simon House. ›Motorhead‹ wurde schließlich als B-Seite für die Hawkwind-Single ›Kings Of Speed‹ ausgewählt. „Wie ironisch“, bemerkt Lemmy.

Im Mai 1975 wurde Lemmy an der US-kanadischen Grenze wegen Kokainbesitzes festgenommen, weswegen mehrere Hawkwind-Auftritte abgesagt werden mussten. Aber obwohl er entlassen wurde, nachdem sich die Drogen als Amphetamine erwiesen – ein geringfügigeres Verbrechen, für das die Anklage fallen gelassen wurde –, kehrte er arbeitslos nach London zurück.

Lemmy war am Boden, aber noch längst nicht am Ende. Und mit einem Lied, das Hawkwind gerade mal als B-Seite abtaten, hatte er die Blaupause für eine neue Band. Er tat sich mit Gitarrist Larry Wallis und Drummer Lucas Fox zusammen und nannte diese Band zunächst Bastard. Doch, wie er sich erinnert, „sagte mir ein Freund: ‚Du wirst wahrscheinlich nicht viel auf ‚Top Of The Pops‘ laufen mit so einem Namen.‘ Also entschied ich mich für Motörhead.

Der Name passte perfekt zur Musik der Band: „lauter, schneller, urbaner, rotziger, arroganter, paranoider Speed-Freak-Rock‘n‘Roll“, in Lemmys eigenen Worten. Es dauerte allerdings eine Weile, bis man diesen Sound perfektioniert hatte – unschwer zu erkennen an der ersten Aufnahme des Markenzeichen-Tracks der Band 1976. Lemmy fand sie „zu langsam“. Erst 1977, nachdem Fox gefeuert worden und Wallis ausgestiegen war, wurde die definitive Vollgasversion des Stücks vom klassischen Motörhead-Line-up aus Lemmy, Gitarrist „Fast“ Eddie Clarke und Drummer Phil „Philthy Animal“ Taylor aufgenommen. Diese Version entstand, als die gesamte Band – und der passenderweise „Speedy“ Keen genannte Produzent – auf Amphetaminen war. „Wir waren total high“, erinnert sich Lemmy. „Speedy machte 19 fucking Mixes von ›Motorhead‹ und fragte: ‚Welcher gefällt dir am besten?‘ Ich zeigte einfach auf einen und sagte: ‚der da.‘“

Diese rüpelhaft-rotzige Rock‘n‘Roll-Hymne kam nicht nur bei Punks und Headbangern gleichermaßen gut an, sondern wurde auch zum Referenzpunkt für viele, die noch folgen sollten.

„Dieses Stück hatte eine Urgewalt“, sagt Napalm Death-Frontmann Barney Greenway. „Es war schnell, als würde es gleich entgleisen. Es hatte eine echte ‚Scheiß drauf‘-Mentalität. Und es wurde ein riesiger Einfluss für Punkbands wie Discharge und Metalbands wie Venom und Metallica.“

„Es ist einfach ein Lied, das ich für Hawkwind schrieb und für Motörhead überarbeitete“, sagt Lemmy lapidar. Aber bei all seiner Nonchalance ist die größere Wahrheit über ›Motorhead‹, dass es sein Leben veränderte.

›Motorhead‹ wurde nicht nur von Hawkwind und natürlich Motörhead aufgenommen, sondern von einer Reihe anderer Bands, von den Thrash-Metal-Clowns Lawn­mower Deth über die US-Hardcore-Punks Poison Idea bis zu den 90s-Acid Jazz-Mitläufern Corduroy. Primal Scream veröffentlichten auf ihrem Album VANISHING POINT von 1997 ebenfalls eine Coverversion.

„Ich bekam eine Platinplatte, nachdem Primal Scream es aufgenommen hatten“, so Lemmy. „Sie sind eine beliebtere Band. Na ja, sie waren es einen Moment lang.“ Beeindruckt war er von ihrer Version aber nicht: „Ich kann nichts damit anfangen.“ Er bevorzugt die Fassung der Cockney Rejects auf ihren GREATEST HITS VOL. 3: LIVE & LOUD. „Das gefiel mir.“ Und was war die schlechteste Aufnahme? „An schlimmsten waren Corduroy – eine Discoversion. Schrecklich.“

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