Review: Christian Kracht – Die Toten

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Review: Christian Kracht – Die Toten

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christian kracht die totenDie Macht der Bilder.

Auf die Helden der Pop-Literatur der 90er ist in diesem Jahr Verlass. Einige Monate nach Benjamin von Stuckrad-Barre veröffentlicht mit Christian Kracht der zweite von ihnen einen neuen Roman. Dabei hätten sich die beiden Schreiber nicht gegensätzlicher entwickeln können. Stuckrad-Barre rekapitulierte in „Panikherz“ jüngst sein Dasein in der (deutschen) Popkultur der vergangenen gut 20 Jahre, bekannte sich aus Fanperspektive zu Idolen wie Udo Lindenberg und Helmut Dietl und war dabei gegenwärtig, schnell und jung. Kracht pflegte nach „Faserland“ einen Hang zum Überzeitlichen, Monumentalen und Mystischen. Schauplätze seiner Werke waren Schweizer Bergfesten und deutsche Kaiserreichs-Kolonien im Südpazifik, die Handlungen stets in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts situiert. Letzteres gilt auch für „Die Toten“. Darin wird der Schweizer Filmregisseur Emil Nägeli – um das Jahr 1933 – von den Deutschen und Japanern zunächst nach Berlin und dann nach Tokio beordert. Sein Auftrag: einen Film zu drehen, der die kulturelle Vorherrschaft der Amerikaner brechen soll. Denn Kino sei „Krieg mit anderen Mitteln“, wie der deutsche Reichsminister Hugenberg erklärt. Einer der Köpfe hinter diesem Plan ist der japanische Beamte Masahiko Amakasu, die zweite Hauptfigur des Romans. Die Protagonisten treffen im Mittelteil des Buchs aufeinander, ebenfalls dabei: Nägelis Verlobte Ida, die zwischen den beiden Männern steht. Neben den zentralen Charakteren betreten historische Personen wie Heinz Rühmann, Fritz Lang und – recht prominent – Charlie Chaplin die Szene. Mit geschichtlichen Fakten nimmt Kracht es dennoch nicht zu genau. Vielmehr entlässt er seine Figuren in eine geisterhafte „Zwischenwelt, in der Traum, Film und Erinnerung sich gegenseitig heimsuchen.“ Stilistisch erinnert der Roman in seiner ironischen Eleganz manchmal an Thomas Mann. Auch romantische Passagen finden sich. Dass das nicht gestrig wirkt, liegt an Krachts aufgeräumter, nun ja: zeitloser Sprache. Wie entsteht Kunst? Inwiefern bestimmt sie unsere Wahrnehmung? Welche Rolle spielt die Erinnerung für das Ich? Es sind Fragen wie diese, die der Roman stellt. Und nicht zuletzt: Welche Macht haben (Film-)Bilder und wie darf Gewalt dargestellt werden? Im Jetzt der Smartphones, allgegenwärtiger Gewaltbilder und dem schwierigen medialen Umgang damit hat das natürlich eine aktuelle Dimension.

8/10

Die Toten
Von Christian Kracht
Kiepenheuer & Witsch

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