R.E.M.: Grell kaputt

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R.E.M.: Grell kaputt

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REM 1994 MonsterAuf dem Höhepunkt ihres Erfolgs wollten R.E.M. „eine andere Band“ sein. Heraus kam ein Album, das auch 25 Jahre später verstört.

Die Sache war die: „Wir wussten, dass wir populär sind und Millionen Platten verkauft haben. Und das wollten wir reflektieren“. Das sagt ein leise und bedacht durch den Telefonhörer sprechender Peter Buck. Die Zeit, um die es geht, ist 1993. Der Gitarrist und seine R.E.M.-Kollegen, Sänger Michael Stipe, Bassist Mike Mills und Schlagzeuger Bill Berry, dachten nach, wie es weitergehen sollte. Die Entscheidung, die sie trafen, bedeutete das Ende ihrer Superstar-Phase, und es führte sie zu einem Album, das härter und dunkler ist als alles, was sie je gemacht haben.

R.E.M. gründeten sich 1980 als College-Band in Athens, Georgia. Schon die so cleveren wie sehnenden Lieder ihres Debüts MURMUR von 1983 ließen allerdings ein größeres Indie-Publikum aufhorchen. Bis zu ihrem sechsten Album, GREEN (1988), entwickelte sich die Gruppe um Stipe, der bei seinem ersten Fernsehauftritt bei „Late Night With David Letterman“ noch zu schüchtern gewesen war, mit dem Moderator zu reden, und stattdessen am Bühnenrand kauerte, zu einer der hoffnungsvollsten amerikanischen Rockbands. Sie waren jetzt die Everybody’s Darlings der Alternative-Szene, sangen über Umweltschutz, Krieg und innere Zerrissenheit.

Was dann passierte, konnte keiner vorhersehen, aber es folgte durchaus einem Plan. Die Songs zu Beginn der 90er klangen anders, der Uptempo-Rock der frühen Jahre machte akustischen Gitarren, Streichern und Kammerpop-Arrangements Platz, anstatt Konzerte zu spielen, tüftlelten Stipe, Buck, Berry und Mills im Studio. Dort entstanden die widerspenstigen und doch so unwiderstehlichen Balladen, die heute jeder kennt. In ›Man On The Moon‹ würdigte Stipe den genialen amerikanischen Komiker Andy Kaufman, das ikonische Musikvideo und die Clips zu ›Losing My Religion‹ und ›Everybody Hurts‹ machten ihn mit seinem Montgomery-Clift-Charme, seiner zurückhaltenden und dennoch bestimmten Art zu einem Gesicht der 90er. Stipe war zur Marke geworden, R.E.M. mit OUT OF TIME (1991) und AUTOMATIC FOR THE PEOPLE (1992) zur größten Band der Welt.

Und auch wenn Ruhm und Erfolg ihm wenig bedeuteten, sich sein Leben, abgesehen davon, mehr Geld zu haben, wenig geändert hatte, wie Buck heute sagt: Ein Zurück gab es nicht. Also wie weitermachen, eine Art AUTOMATIC II vielleicht? Auf keinen Fall! „Wir wollten uns wie eine andere Band anfühlen. Wir wollten weg davon, wer wir waren“, erzählt Buck. „Wir hatten die nächste Stufe erreicht.“ Das heißt: Sie hatten sich von einer Indie- zu einer Mainstream-Band entwickelt; wollten sie nicht stehen bleiben, mussten sie weitergehen. Und das wiederum hieß: nicht den Erfolg verwalten, sondern einen Schritt zurücktreten, sich die eigene verrückte, groteske, vielleicht ja auch witzige Situation anschauen.

„MONSTER bedeutete das Ende der Superstar-Phase von R.E.M., und es führte sie zu einem Album, das härter und dunkler ist als alles, was sie je gemacht haben.“

Die Aufnahmen zum nächsten Album MONSTER starteten im Oktober 1993 – zur selben Zeit starb Schauspieler River Phoenix, der ältere Bruder von Joaquin, mit erst 23 Jahren an einem Speedball, einem Gemisch aus Kokain und Heroin. Stipe war mit Phoenix befreundet gewesen und widmete ihm die Platte, an der sie gerade zu arbeiten begonnen hatten. „Wenn man Anfang 20 ist, wenn der Erfolg kommt, dann ist es schwer, damit klarzukommen“, sagt Buck im Blick zurück. „Zu wissen, wer du bist, wenn alle Leute eine Meinung zu dir haben.“ MONSTER sollte ein mörderischer Trip werden an einen grelldunklen, gefährlich verführerischen, aber auch zutiefst sonderbaren und verstörenden Ort.

Die Stimmung im Studio war angespannt. Erstmals seit den späten 80ern war wieder eine große Tour geplant, der Zeitplan also knapp. Und sie kamen nicht so richtig voran, es herrschte Uneinigkeit, wie genau die neuen Songs klingen sollten. Irgendwann hätte keiner mehr mit dem anderen sprechen wollen, sagte Stipe einmal über die Aufnahmen, die Band habe sich damals quasi aufgelöst, alle wohnten in verschiedenen Hotels. Buck sieht’s heute locker („Wir hatten eben inzwischen einfach das Geld, uns getrennte Hotelzimmer zu leisten“), wahr sei aber, dass es sich bis kurz vor Schluss nie so angefühlt habe, als würde bald eine fertige Platte da sein.

Einigkeit bestand darin, dass man zu einem rockigeren, schnelleren Sound zurückwollte. So wie früher klangen die neuen Stücke dann aber nicht, und so fühlen sie sich ganz sicher nicht an. Die Single ›What’s The Frequency, Kenneth?‹ wurde mit ihrem eingängigen Refrain, ihrem rätselhaften, von Ironie und Ratlosigkeit erzählenden Text natürlich ein Hit, die auf dem Album folgenden ›Crush With Eyeliner‹ und ›King Of Comedy‹ machten aber klar: Hier hatte sich etwas verändert. Hier sprach nicht ein einzelnes Individuum, und mochte es in sich auch noch so zerrissen sein, nein, die Perpektive hatte sich geändert, und sie hatte sich aufgesplittert. Die Gitarren in beiden Songs sind mächtig kantig. „What can I make myself be, to make her mine“, fragt das Erzähler-Ich in ›Crush With Eyeliner‹, und versichert: „I could be your Frankenstein“. ›King Of Comedy‹ dreht sich, grob gesagt, um Kunst versus Kommerz, um Produktplatzierung, geplante Kontroverse („I’m straight, I’m queer, I’m bi“). „I’m not your king of comedy, I’m not your magazine“, ätzt Stipe.

Die seit 2011 getrennten R.E.M. waren nie für Sonnenschein-Texte bekannt, ein Lied wie ›Everybody Hurts‹ hatte aber etwas ungemein Tröstendes an sich. Tröstend ist auf MONSTER gar nichts. Die sehnende Melancholie, das unmittelbar Unbedingte, die emotionale Direktheit früherer R.E.M.-Songs war misstrauischer Distanziertheit, Künstlichkeit, Sarkasmus, Paranoia und Obsession gewichen. „Michael hat die Texte nicht autobiografisch in der ersten Person geschrieben“, sagt Buck. „Er schlüpfte stattdessen in verschiedene Charaktere.“ In den Begleittexten zur aktuell erscheinenden Jubiläumsausgabe von MONSTER (mit neuem Albumremix, Demos und einem Live-Mitschnitt von 1995) erklärt Stipe: „Ich habe nicht bewusst versucht, unheimliche Charaktere zu erschaffen. Sie waren ganz sicher nicht autobiografisch, ich habe einfach aus dem Moment heraus geschrieben, und das ist dabei herausgekommen“.

MONSTER beschreibt eine grell-kaputte Glamourwelt, die zugleich verstörend düster ist und die einen manchmal an ein quasi-apokalyptisches Szenario wie in „Blade Runner“ denken lässt. Besiedelt wird sie von korrumpierten Stars und jeder Menge Freaks, von Stalkern, von vom Ruhm besessenen Fans und Groupies, es ist eine Welt voller Eifersucht, Paranoia, Isolation, Geld, Obesssion und, mehr denn je bei R.E.M., voller Sex. Ganz besonders in ›Tongue‹, mit Klavier, Orgel, zerschossenem Gitarrensolo und heller, vor Erregung bebender Stimme. Die Lyrics erzählen von Verlangen und Ekel zugleich: „Don’t lay that stuff all over me/It crawls all over … All over me, uhh“.

›I Took You Name‹ führt den obsessiven Wunsch, eins mit dem anderen zu werden, im Titel zur Vollendung, in ›Circus Envy‹ wütet das „Monster Eifersucht“, der Protagonist von ›Star 69‹ wiederholt manisch „I know you called, I know you called …“ Echte Kommunikation kommt hier nirgends zustande, auch nicht im Kurt Cobain gewidmeten ›Let Me In‹. Kurz nach dem Tod Cobains muss die verzweifelte Bitte unerwidert bleiben.

Zwischen all den harten Gitarren und dem schwülen Soul auf dem Album sticht ein Stück heraus: ›Strange Currencies‹. Es kommt direkt nach ›Star 69‹ und ist ein bisschen ein Antwortsong darauf. „I don’t know why you are mean to me/When I call on the telephone“, singt Stipe hier. Musikalisch würde es auch auf AUTOMATIC passen, nicht zuletzt wegen seiner für R.E.M. so typischen, aufrichtigen Emotionalität. Wenn man nur auf den Refrain „you will be mine“ hört, könnte man es leicht als romantische Ballade einordnen, am Ende schlagen die Worte aber auf das Erzähler-Ich zurück: „These words, they haunt me, hunt me down“. Es geht hier vielleicht auch um so etwas wie Liebe, aber um eine obsessive, zerstörerische Version davon, in der das Gegenüber immer unerreichbar bleibt.

Was ist der Preis des Ruhms, wie reagieren andere Menschen darauf, inwiefern korrumpiert er einen? Gibt es so etwas wie unschuldige Emotionen, was auch immer das genau sein mag? „MONSTER ist oberflächlich gesehen diese harte, schnelle Rockplatte, aber tief drin, in den Texten, geht es um Paranoia und darum, nicht zu wissen, wer man ist, wenn man inmitten von all dem ist“, sagt Buck. Es ist ein klaustrophobisches Album, grell und gefährlich, und anders als alles, was R.E.M. davor oder danach gemacht haben.

1 Kommentar

  1. Man on the moon, ein großartiges Lied, dazu noch ein paar andere, aber irgendwie ist mir der Ruhm dieser Band unbegreiflich. Sorry, ich habe in der Zeit Soundgarden, Screaming Trees, Alice in Chains, Stone Temple Pilots und Ähnliches gehört, das hat mir mehr gegeben.

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