Queen: Keine Zeit für Verlierer

queen promo45 Jahre nach ihrem ersten Album sind Queen für viele immer noch die „champions of the world“. Wir blicken auf ihre ersten 15 Jahre zurück, in denen sie sich von hoffnungsvollen Anwärtern zu globalen Superstars entwickelten, einen besorgniserregenden Durchhänger erlebten, um dann Live Aid zu regieren. Es war „no bed of roses, no pleasure cruise“, aber sie haben nie aufgegeben.

„Wenn das die größte Zukunftshoffnung ist, begehen wir den Rock’n’Roll-Selbstmord.“

(Der „Record Mirror“ in den frühen 70ern)

Wembley-Stadion, 13. Juli 1985. Als Freddie Mercury wie ein Dressurpferd auf die Büh­ne des Live-Aid-Festivals galoppierte und mit dem rechten Arm Luft-Kinnhaken an die Menschenmassen vor ihm austeilte, war es eine triumphale Geste – dabei sollten wir nicht vergessen, dass Queen damals einen neuen Tiefpunkt in ihrer Karriere erreicht hatten. Nach ihrer hitzig diskutierten Entscheidung neun Monate zuvor, in Sun City aufzutreten, dem Vorzeige-Resort im rassengetrennten Südafrika – eine direkte Verletzung der UN-Sanktionen, die ihnen eine Strafe seitens der britischen Musikergewerkschaft sowie einen Eintrag auf einer schwarzen Liste der Vereinten Nationen einbrachte –, waren sie die Ausgestoßenen der Pop- und Rockwelt und sozial, musikalisch wie politisch ge­­ächtet.

Dass sie in der Presse stets als aufgeblasen, abgehoben und sogar arrogant dargestellt worden waren, war wenig hilfreich. Es war hörbar in ihrer gerissenen, pompösen, majestätischen Musik. Es war sichtbar in ihren Darbietungen, wenn Freddie im Madison Square Garden das Publikum mit Champagner begoss, behauptete, das Ballett massentauglich gemacht zu haben, und erklärte: „Darling, ich triefe nur so vor Geld! Das ist vielleicht vulgär, aber es ist wunderbar.“Doch nichts von alledem hatte die Fans jemals davon abgehalten, Queen zu lieben, ebenso wie sie die britischen Royals lieben: unmissverständlich, unleugbar, ohne jede Scham, komme, was wolle.

Der üble Beigeschmack jener Auftritte im Apartheid-Südafrika schien jedoch nur schwer abzuschütteln zu sein. Bis zu jenem Moment, als Freddie sich an diesem heißen, auf alle Zeiten unvergesslichen Tag im Wembley-Stadion ans Klavier setzte und das so freudvoll ins kollektive Ge­­dächtnis gebrannte Intro von ›Bohemian Rhapsody‹ anstimmte – und alle 72.000 Anwesenden sowie 1,9 Milliarden Menschen an den Fernsehschirmen rund um den Globus förmlich durchdrehten.

Von da an wurde es besser und besser. Beim Übergang zum Intro von ›Radio Ga Ga‹ stolzierte Freddie wieder über die Bühne, mit ro­­tierenden Schultern und zugespitzten Lippen, und seine Augen funkelten, während er diesen phallischen, gekürzten Mikroständer kreisen ließ wie ein Zepter. Sieht man sich heute den YouTube-Clip dieses Auftritts an, erzeugt jener grandiose Moment, in dem die ekstatische Menge in Wembley das synchronisierte Klatschen wie im Video zu ›Radio Ga Ga‹ nachmacht, immer noch wohlige Gänsehaut. Es ist ein Augenblick musikalischer Göttlichkeit. Eine tatsächliche Momentaufnahme der Unsterblichkeit im Rock. Und Freddie wusste es.

Live-Aid-Organisator Bob Geldof sagte es so: „Queen war definitiv die beste Band des Tages. Sie spielten am besten, hatten den besten Sound, holten das meiste aus ihrer Zeit heraus. Es war die perfekte Bühne für Freddie – die ganze Welt. Und er konnte den Pfau geben, der ›We Are The Champions‹ schmettert. Wie viel perfekter hätte es noch werden können?“
Die Antwort: konnte es nicht.

No time for losers – so hatte das Credo von Queen schon immer gelautet. Aber nur in Bezug auf den Ehrgeiz der Bandmitglieder. Wie Brian May mir später er­­klärte: „Das sollte nicht herablassend oder arrogant sein. Als Freddie das schrieb, bezog er es mehr auf sich selbst, um sich selbst anzufeuern. Wenn man ihm sagte: ‚Das kannst du nicht tun! Die werden uns fertigmachen‘, sagte er einfach nur: ‚Doch, das können wir.‘ Und er hatte Recht.“

Angesichts der wenig vielversprechenden Situation, in der Queen 1973 in der Londoner Szene ankamen, hätten die meisten anderen Bands wohl gleich wieder aufgegeben. Da war also Brian, ein nerdiges Superhirn, das sich seine Gitarre aus einem Kaminsims (wie bitte?) selbst gebaut hatte und auf der Bühne gerne Capes und Holzschuhe trug. Dann John Deacon, noch ein Cleverle im Laborkittel, das immer am skeptischsten dreinblickte. Oder wie er es später formulierte: „Ich wusste, dass da etwas war, war aber nicht überzeugt davon“ – was sich erst lang, nachdem Queen zu Stars ge­­worden waren, änderte. Roger Taylor schließlich war der hübsche, blonde Privatschüler aus Cornwall, der Zahnmedizin studiert hatte. Und vorne stand der geniale Farrokh Bulsara – seinen vielen Freunden als Freddie bekannt –, der von einem Jungeninternat aus der Nähe von Mumbai, In­­dien gekommen war. Ein künstlerischer, mode- und Hendrix-besessener, pansexueller Dynamo, der sich nach einer Zeile in einem seiner eigenen Songs Mercury benannt hatte. („Mo­­ther Mercury, look what they’ve done to me“ aus ›The Fairy King‹).

Ein bunter Haufen eingebildeter Lackaffen also – die Kritik bezeichnete sie als noch viel Schlimmeres –, die zu spät zur Glam-Party gekommen waren, aber trotzdem auf Make-up und Satinhosen bestanden, während sie immer noch den schon längst überholten Schrulligkeiten von Led Zeppelin (›Ogre Battle‹, anyone?) huldigten? Der „Record Mirror“ brachte es damals drastisch auf den Punkt: „Wenn das unsere größte Hoffnung für die Zukunft ist, begehen wir gerade Rock’n’Roll-Selbstmord.“

Doch als im Sommer 1973 das selbstbetitelte Debüt von Queen erschien, konnte man nur schwer bestimmen, wo diese zu spät an­­tanzenden Neuankömmlinge hin­gehörten. Bowie hatte gerade Ziggy aufs Altenteil geschickt, Zep hatten schon fünf Alben und Millionen Regenbögen hinter sich, Yes und Genesis hatten das Privatschüler-Prog-Terrain schon für sich abgesteckt, während Rod Stewart und Elton John den Markt für sympathische Haudegen/weise Kneipenbewohner unter sich ausgemacht hatten. Wer brauchte noch eine Bande aus Angebern mit lackierten Fingernägeln und kreischenden Gitarren? In diesem Umfeld erschien das, was Queen zu bieten hatten, ziemlich gekünstelt – und das war 1973 so ziemlich die fieseste Beleidigung, die man einer Band mit dem Ehrgeiz, eine echte Macht unter den albumfokussierten Acts zu werden, entgegenschleudern konnte.

Selbst kleine Erfolgserlebnisse hatten einen üblen Beigeschmack. Als Mike Appleton, der Produzent der Sendung ›The Old Grey Whistle Test‹, einen animierten Clip in Auftrag gab, der in der Show als Begleitung zur Sub-Zep-Rocknummer ›Keep Yourself Alive‹ laufen sollte, gab er zu, dass er keine Ahnung hatte, dass es sich dabei um einen Track von Queen handelte. „Ich hatte in meinem Büro diese White-Label-Platte gefunden ohne einen Namen darauf, und der erste Song darauf gefiel mir.“

Eines konnte allerdings niemand leugnen: Queen waren immer eine groß­­artige Live-Band. In den zwei Jahren, die sie zur Fertigstellung ihres De­­büts benötigten, hatten sie ihre Performance kontinuierlich verbessert. Ihre große Chance erhielten sie dann im Oktober 1973, als sie bei 31 UK-Konzerten für Mott The Hoople eröffnen durften. Man konnte nicht „gekünstelt“ sein und Breitwand-Epen wie ›Father To Son‹ und ›White Queen‹ vom Stapel lassen. Dies war eindeutig eine Band, die wusste, wie man rockt. Aber würden sie sich lange genug den Gegebenheiten anpassen können, um Fuß zu fassen?

Auf jeden Fall mangelte es ihnen nicht an einer großen Klappe. May lachte, als ich ihn an jenes berühmte Zitat von Freddie aus der Zeit vor dem großen Ruhm erinnerte, der sich weigerte, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. „Das ist… ein bisschen ge­­schönt“, kicherte er. „Ich bin tatsächlich sehr oft mit Freddie Bus gefahren. Im Bus Nr. 9, oben links ganz vorne, da saßen Freddie und ich immer und fuhren zu den Trident-Studios [die damals ihren Managern gehörten, den Brüdern Norman und Barry Sheffield], um den beiden in den Hintern zu treten und zu versuchen, sie dazu zu bringen, was auf die Reihe zu kriegen, denn wir hatten viele Jahre das Gefühl, dass nichts in Bewegung kam.“

Diese Jahre endeten 1974, als im März QUEEN II erschien, oder genauer die Hitsingle ›Seven Seas Of Rhye‹. Oder noch genauer ihre spektakuläre Darbietung davon bei „Top Of The Pops“. In jenem Zeitalter vor der Übermacht des Videoclips bedeutete diese wöchentliche Chartshow im britischen Fernsehen einfach alles. Für mich als leicht zu beeindruckender, 15-jähriger Ziggy-Fan war diese Sendung der Ort, an dem Queen Mitte der 70er wirklich lebendig blieben. Eine Szene von ihnen mit weit aufgerissenen Augen, wie sie ›Seven Seas Of Rhye‹ zum Besten geben, war genug für mich, um aus der Handtasche meiner Mutter zehn Pfund zu klauen und mir dann am nächsten Tag in der Pause die Single zu kaufen.

Genauso war es, als sie dort mit ›Killer Queen‹ – der schlichtweg ge­­nialsten Single des gesamten Jahres 1974 – auftraten. Ganz zu schweigen von der Überdosis Adrenalin, als sie nur wenige Wochen später mit ›Now I’m Here‹ auf die Fernsehschirme zurückkehrten. Bei Queen gab es 1974 definitiv nichts von diesem ironischen, „Wir wissen doch, dass ihr ohnehin nur zum Playback so tut“-Nonsens der 80er. Man sehe sich nur den Clip von ›Killer Queen‹ an, wo Freddie mit wärmendem Fell am Hintern mit seinen schwarz lackierten Fingernägeln wedelt, während Brian und John sich in maximal coole Rockstarposen werfen und Ro­­ger das Gesicht verzerrt, während er auf seine Trommeln eindrischt – ge­­faked ist hier rein gar nichts.

Im Rückblick kann man den Rest von Queens Laufbahn leicht als beneidenswert ununterbrochenen Aufstieg betrachten. Man kann denken, dass nach dem Durchbruch mit QUEEN II und der Bestätigung dieses Erfolgs mit SHEER HEART ATTACK, das nur acht Monate später erschien, die siegreiche Formel ein für alle Mal etabliert war. May sorgte für den Hardrock (›Now I’m Here‹), Mercury für den ausgeklügelten Pop (›Killer Queen‹), während Taylor und Deacon als Ringo und George fungierten – der Beilagensalat zum Steak (wenngleich beide in späteren Jahren ihre eigenen wichtigen Hitbeiträge zum Queen-Kanon leisten würden).

Doch Tatsache ist, dass die Band Mitte der 70er-Jahre in einer ziemlich prekären Lage war. Zuhause in Großbritannien waren die vier schon groß, in Europa wurden sie es langsam dank ›Killer Queen‹, und auch in den USA gab es erste Anzeichen eines Durchbruchs, als sowohl ›Killer Queen‹ als auch SHEER HEART AT­­TACK in den jeweiligen Charts Platz zwölf erreicht hatten. Dennoch waren sie immer noch Lohnsklaven, die zur Miete wohnten, abends durch die Clubs tänzelten und am nächsten Morgen kaum ihre Rechnungen bezahlen konnten.

2 KOMMENTARE

  1. Also ich mochte das Lied „We are the Champions“ noch nie besonders und zwar genau wegen dieser Aussage, daß da welche meinen, sie seien die Größten und sie brauchten keine Zeit für Verlierer zu verschwenden. Diese Selbstgerechtigkeit ist meines Erachtens ein Grundübel der menschlichen Gesellschaft, genau deswegen ist diese Welt in so einem katastrophalen Zustand, darum hören die Kriege nicht auf, weil die einen meinen, ihnen gehöre alles und sie müßten auf niemand Rücksicht nehmen. Diese Demütigung stachelt die anderen zum Aufstand und zur Rache an. Diesbezüglich war nach dem 2. Weltkrieg der Marschall-Plan goldrichtig. Die Sieger halfen den Verlierern, ihr Land und ihre Wirtschaft wieder aufzubauen. Gleichzeitig habe es die Pflicht, anderen zu helfen. So sollte es auch nach Gottes Willen mit dieser Welt sein. Darum hat meines Erachtens den wertvollsten Song von Queen, wenn nicht überhaupt, Roger Taylor geschrieben: „Heaven for everyone“. So ist es und so sollte es von Anfang an sein. Ein ebenfalls wertvoller Titel, eigentlich sind es mehrere, dieses Album „Made in Heaven“ trägt meines Erachtens diesen Titel zurecht. Es scheint mir zumindest zum Teil göttlich inspiriert. Auch Brian’s Song „Two much Love …“ paßt gut dazu

  2. In den 70ern hörte ich im Radio die damals neu erschiene Single „Killer Queen“, die ich mir unbedingt zulegen musste. Queen waren damals wirklich die Hoffnung, das Erbe von Led Zeppelin zu übernehmen. Queen war bis zur LP „Jazz“ sehr gut, dann gings meiner Meinung nach bergab. „Radio gaga“ ist eine Scheibe auf Kindergartennieveau (kein Wunder, dass sie bald aus den Charts verschwand, das Video dazu war allerdings gelungen) und bei „I want to break free“ ist das Syntheziersolo, das schlimmste, was ich je gehört habe, allerdings finde ich das Video dazu „witzig“. Leider waren da Queen bereits am Ende.

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