Rückblende: Prince & The Revolution – ›Purple Rain‹

Prince mit Purple RainEs war die epische Ballade, die den Rock wieder für schwarze Musiker zurückeroberte, und lief überall von Country- bis zu Rockstationen rauf und runter. Lisa Coleman und Bobby Z blicken zurück auf Princes Meisterwerk.

Text: Nick Hasted

„Prince war sehr aufgeregt“, erinnert sich Bobby Z, Schlagzeuger von The Revolution, an den Abend, an dem ›­Purple Rain‹ der Welt vorgestellt wur­de. „Er sagte: ‚Wir werden Ge­­schichte schreiben‘. Dazu trieb er uns an.“

Prince und seine gerade neu getaufte Band waren in der Garderobe des First Avenue, der schwarz gestrichenen Lobby ­­­­­­eines einstigen Busdepots in Min­neapolis, an die sich Bobby als „verehrte“ Bühne für die Musiker der Stadt erinnert. Prince probierte hier regelmäßig neue Songs aus, doch im kleineren Nebenraum konnte man allabendlich auch Acts wie The Replacements, Hüsker Dü oder Soul Asylum sehen.

Am 3. August 1983 unterbrachen Prince und seine Revolution die Dreharbeiten am Film „Purple Rain“ und die Aufnahmen zum gleichnamigen Album, um ein 45-minütiges Benefizkonzert für ihren Choreografen Loyce Holton zu spielen. Sie schlossen ab mit ›Purple Rain‹, einer sich langsam aufbauenden Zehn-Minuten-Ballade, die mit einer akustischen Gitarre begann und in elektrischen Wahnsinn ausbrach. Mit nur minimalen Overdubs bildete diese Performance das Ende der Platte und des Films, die Prince in den Olymp der 80er katapultierten. Außerdem erfüllte PURPLE RAIN endgültig Princes Mission, den Rock für schwarze Musiker zurückzuerobern – und ihn mit allem Möglichen sonst zu verbinden, was ihm in den Sinn kam.

„Einer der großen Erfolge, die wir erzielten, war dass man uns nicht nur als schwarze R&B-Band betrachtete“, glaubt Lisa Coleman, Keyboarderin von The Revolution. „Wir hatten ein paar Jahre kämpfen müssen und versucht, einen Song für schwarze Ra­­diosender zu schreiben, einen anderen für Rocksender. Doch der Song ›Purple Rain‹ lief überall im Radio, ob in Country-, Americana- oder Rockballaden-Formaten. Und es ist einfach so perfekt, dass der Song von Prince kam, den sowieso niemand einordnen konnte. Echt jetzt? Wer ist dieser Typ?“

„›Purple Rain› ist wie ein ›Stairway To Heaven‹… Selbst wenn man in ein Casino kommt und ir­­gendeine miese Hausband es dort spielt, hat es immer noch etwas ganz Besonderes an sich.“ (Bobby Z)

Diese Frage ging Prince zu Herzen, wie Coleman glaubt: „Er wollte nie sein schwarzes Publikum verlieren, das war sehr wichtig für seine Identität. Denn selbst innerhalb der schwarzen Community gab es Spannungen darüber, wie hell seine Haut war, ob er schwul war oder nicht. Können wir ihn wirklich als einen von uns bezeichnen? Diese Mentalität war ihm wichtig, aber er versuchte auch, über sie hinaus zu wachsen. Ich denke, das war ein Kampf für ihn, sein ganzes Leben lang.“

Die Reaktionen bigotter Stones-Fans, als er 1981 in an­­drogynen Outfits für die Briten eröffnete, hatten ihn zum Weinen gebracht. Auf dem Artwork von PURPLE RAIN war er nun mit Little-Richard-Pompadour auf einem Motorrad zu sehen und gab sich auf der Platte als Hendrix-mäßiger Virtuose in einer trotzigen Antwort auf eine Musik, die ihre afro-amerikanischen Wurzeln begraben hatte.
The Revolution hörten den Song zum ersten Mal in der Lagerhalle in Minnesota, wo sie einen Großteil des Al­­bums aufnahmen. „Das war am Highway 7, am Arsch der Welt“, so Coleman. „Er machte an der Gitarre herum, rief uns die Akkorde zu. Und dann fing Wendy [Melvoin, die Rhythmusgitarristin und Background-Sängerin der Band, damals noch im Teenager-Alter] an, diese Akkorde auf ihre Wendy-Art zu spielen, und er liebte es! Das Intro ist Wendy, und ihre Interpretationen dieser Klänge sind so wunderschön und erinnern an Joni Mitchell. Ich hatte die Idee mit den Streicherparts. An diesem Tag – oder waren es zwei? – kam das einfach alles aus uns heraus.“

Als sie in jenem August im First Avenue aufkreuzten, stand ein mobiler Aufnahme­truck von Record Plant bereit. Drinnen war es unglaublich heiß. „Es war über 30 Grad warm und stickig vor Zigarettenrauch“, er­­klärt Bobby Z. „Das war ein giftiges Um­­feld.“ Coleman erinnert sich, dass der Club „rammelvoll“ war. Die Band war erschöpft von den Album- und Filmaufnahmen, was die nervöse Atmosphäre noch verstärkte. Und sie würden Musik spielen, die das Publikum noch nie gehört hatte.

Nach Melvoins eröffnenden Akustik-Akkorden war es Bobby Zs Schlagzeug – größtenteils ebenfalls akustisch, was dann Linn-Drums triggerte, die später dazugemixt wurden –, das Princes Gesang die ersten zwei Minuten begleitete. „Es ist nur ein Backbeat und er ist einfach aus dem Bauch heraus“, so Bobby. „Es ist einfach so roh für ihn. Ich erinnere mich an diese zwei Minuten. Denn der ganze Raum war still, außer diesem Muster, das wir spielten. Er war in den Moment versunken, und wir mit ihm, und das war etwas sehr Besonderes. Es war ein ganz anderer Planet.“

„An jenem Abend standen wir richtig in Flammen“, so Coleman, „und niemand sang mit. Es war so klassisch, so beruhigend, während Princes Stimme und Gitarre in immer größere Höhen kletterten. Es war diese gegensätzliche Bewegung, die es so cool machte“, wägt Coleman ab. „Die Strophen sind so intim und persönlich, als würde er mit dir sprechen wollen. Er mochte, wie die Streicher langsam einsetzten, und ihre Wärme. Und dann, beim Finale, als sie wieder abklingen und er so richtig aufdreht, vielleicht hält ihn das davon ab, komplett davonzufliegen. Es ist repetitiv und sagt immer wieder: ‚Ich bin hier bei euch‘. Und dann fleht sein Gitarrensolo: ‚Seid bitte hier‘.“

„Da ist dieser Beat einer Ballade oder eines Klagelieds“, denkt Bobby Z nach. „Dann dieser flehende Gesang. Da ist diese Agilität, die Dreher und die Pirouetten im Gitarrensolo. Und dann gehen diese Streicher direkt ins Herz. ›Purple Rain› ist wie ein ›Stairway To Heaven‹. Es ist nicht religiös, aber die Leute verehren es genauso. Selbst wenn man in ein Casino kommt und ir­­gendeine miese Hausband es dort spielt, hat es immer noch etwas ganz Besonderes an sich.“

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