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Ben Harper & Charlie Musselwhite – Gute Nachrichten vom Blues

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Seit mehr als 20 Jahren vermengt Ben Harper nun bereits mit leichter Hand und großem Erfolg Folk, Reggae, Soul und Rock. Auch der Blues in all seinen Schattierungen war dabei stets nur eine Armlänge entfernt. Auf seinem neuen Album, GET UP!, geht der charismatische Kalifornier nun mit dem traditionellsten aller Genres auf Tuchfühlung und macht auf seinem Debüt für das legendäre Stax-Label mit einem der ganz großen alten Männer des Chicago Blues gemeinsame Sache: Mundharmonika-Größe Charlie Musselwhite. Das Ergebnis ist ein Blick zurück nach vorn.

Für mich war die Zusammenarbeit mit Charlie ein echtes Privileg“, verrät Harper gleich zu Beginn unseres kurzen Gesprächs. Kein Wunder, schließlich verehrt der 43-jährige Amerikaner den Bluesharp-Virtuosen Musselwhite schon seit seiner Kindheit. Im Hause seiner Eltern liefen Platten wie STAND BACK! HERE COMES CHARLIE MUSSELWHITE’S SOUTHSIDE BAND oder MEMPHIS CHARLIE ebenso wie im Musikalienhandel seines Großvaters vor den Toren von Los Angeles. Als sich der junge Adept und der Altmeister des Chicago Blues Mitte der 90er bei Auftritten in San Francisco und im australischen Byron Bay persönlich begegneten, konnte Harper sein Glück kaum fassen. An ein gemeinsames Album dachte er damals aber noch nicht einmal im Traum. Dennoch ist GET UP! keinesfalls die erste Kollaboration der zwei. Wenige Jahre nach ihrem ersten Treffen führten die Aufnahmen für John Lee Hookers THE BEST OF FRIENDS Harper und Musselwhite auch im Tonstudio zusammen. Auf der Nummer ›Burnin’ Hell‹ waren sie erstmals gemeinsam zu hören. Obwohl sie nur für eine Nummer zusammenarbeiteten, war allen Beteiligten – sogar Hooker selbst – sofort klar, dass sich hier zwei Seelenverwandte gefunden hatten. Die Idee für ein gemeinsames Album wurde also bereits bei dieser Session vor 15 Jahren geboren. 2004 kollaborierten die beiden immerhin schon für zwei Songs auf Musselwhites Großtat SANCTUARY, die von der Harper-Coverversion ›Homeless Child‹ eröffnet wird, doch für ein komplettes Album fanden die beiden Vielbeschäftigten erst jetzt Zeit. „Diese Platte gemeinsam mit Charlie aufzunehmen, war etwas ganz, ganz Besonderes für mich“, unterstreicht Harper typisch kalifornisch. „Einen Song mit jemand anders aufzunehmen ist das eine, aber ein komplettes Werk zusammen zu erschaffen, das macht man nur sehr selten und lediglich mit ganz außergewöhnlichen Menschen.“

Das Timing hätte nicht besser sein können. Schließlich hat Harper bereits mit seinen letzten beiden Alben, WHITE LIES FOR DARK TIMES (2009) und GIVE TILL IT’S GONE (2011), sein (wieder-)erwachtes Interesse an traditionelleren Blues-Formen unterstrichen und sich mit den Relentless7 Musiker gesucht, die im texanischen Blues-Mekka Austin ihre Wurzeln haben. Mit ihnen wurde GET UP! praktisch komplett live im Studio eingespielt. Wo andere Künstler hochmoderne Studiotechnik einsetzen und sich am Ende über den sterilen Klang ihrer Alben wundern, besannen sich Harper und Musselwhite altgedienter Studiotricks der 60er und 70er Jahre. So sang Harper bei den Aufnahmen beispielsweise häufig fernab des Mikros und ließ den Raumklang des Studios für zusätzliche Atmosphäre sorgen. „Die Idee, dass der Sänger praktisch am Mikrofon klebt, ist eine Erfindung der modernen Popmusik“, ist er sich sicher. „An den alten Blues-Platten habe ich dagegen schon immer geschätzt, dass die Sänger immer weit weg vom Mikro gesungen haben.“ Auch wenn er Details wie dieses von vornherein im Kopf hatte – einen Masterplan gab es für GET UP! nicht. „Wir waren noch nicht einmal sicher, dass aus unserer Zusammenarbeit eine Platte werden würde“, betont Harper. „Wir wussten lediglich, dass wir gemeinsam eine Menge Musik zu machen hatten. Es hat zwar 15 Jahre gedauert, bis wir endlich zusammen ins Studio gegangen sind, aber durch unsere geteilte Leidenschaft für den Blues und unsere über die Jahre gewachsene Freundschaft waren wir in der Lage, eine Blues-Platte aufzunehmen, auf die womöglich sogar einige der ganz alten Haudegen des Genres stolz sein würden.“

In der Tat ergänzen sich Harper und Musselwhite auf GET UP! ganz ausgezeichnet. So profitiert der inzwischen fast 70-jährige Altmeister davon, dass das exzellente, auch textlich angemessen düstere Storytelling des „Jungspunds“ weit über übliche 12-Takt-Klischees hinausreicht, und haucht im Gegenzug dem Sound von Harper und den Relentless7 ungemeine Authentizität ein. „Ich wusste, dass er dieses ganz besondere Feuer, das in ihm brennt, mit ins Studio bringen würde. Ebenso diese tiefe seelische Empfindsamkeit, wie man sie nur bei Charlie findet“, erklärt Harper. „Er ist ja einer der letzten Aufrechten der Chicagoer Blues-Szene und hat mit allen gespielt, von Muddy Waters bis Howlin’ Wolf. Ich wusste, dass er seine gesamte Geschichte mit einbringen würde.“
Dass die zwei im Studio überhaupt zum Musikmachen kamen, grenzt da fast an ein Wunder. Schließlich war Harper die meiste Zeit damit beschäftigt, Musselwhite über die gute alte Zeit auszufragen. „Ich liebe die Geschichten von früher!“, gesteht er. „Es ging sogar so weit, dass Charlie es am Ende fast leid war, mir Geschichten von damals zu erzählen.“ Besonders die Anekdote von Musselwhites erstem Auftritt mit Muddy Waters blieb Harper im Gedächtnis, zumal diese Show so viel Beachtung fand, dass sie dem Mundharmonika-As als Karrieresprungbrett diente. Wünscht sich Harper da nicht auch manchmal die Zeiten zurück, in denen man um vier Uhr morgens in einen schummerigen Kellerclub stolpern konnte, um Muddy und Charlie jammen zu hören – ohne Hintergedanken, ohne Kamerateam, das für die Bonus-DVD zum nächsten Album mitfilmt, ohne Aufnahme fürs nächste iTunes-Special? Harper schüttelt den Kopf. „Die alten Zeiten sind lange vorbei, aber das Tolle ist, dass es eine neue Ära gibt“, sagt er bestimmt. „Ich kann in L.A. in jeden x-beliebigen Schuppen reingehen und finde großartige Bands, die dort zu jeder erdenklichen Tages- oder Nachtzeit spielen – und das oft sogar kostenlos! Vielleicht erwischt man dabei mal den nächsten Muddy Waters – vielleicht auch nicht! Es gibt jedenfalls eine Menge toller Musik da draußen.“

Keine Frage, für Harper ist der oft totgesagte Blues auch anno 2013 quicklebendig: „Natürlich hatte der Blues seine Blütezeit in der Vergangenheit, aber die gute Nachricht ist: Egal, wie es heute um den Blues bestellt ist – Charlie und mir ist es gelungen, ihn mit unserer Platte ins rechte Licht zu rücken!“

 

Steven Wilson – Smart, aber herzlich

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Hat dieser Mann insgeheim schon längst eine Klonarmee aufgebaut, mit der er die Welt erobern will? Sein gigantischer Output über die letzten gut 20 Jahre deutet zumindest darauf hin, denn wie könnte ein einziger Mensch jemals so viel Musik produzieren? Viel erstaunlicher dabei ist, dass Quantität bei ihm nie zu Lasten der Qualität ging. Als Interviewpartner bleibt er diesem Prinzip treu: Er redet nicht nur viel, sondern auch noch äußerst eloquent. Und hat zu seinem neuen Album viel Geistreiches zu berichten.

Köln im Januar an einem dunkelgrauen Nachmittag. Die Schneemassen der letzten Woche versiffen zu einem schmutzig-feindseligen Eismatsch, der tief hängende Himmel hält den Smog gefangen und jegliches Licht auf Distanz, während die trost- wie gesichtslosen Fassaden des gigantischen Messegeländes und des gegenüber liegenden Hotels den Eindruck von erstarrendem Leben im nuklearen Winter nur verstärken. Einziger Schimmer von Freude: die Ankündigung, dass hier in wenigen Tagen die Süßwarenmesse ein Lachen ins Gesicht ihrer Besucher (und der Hersteller von Diabetes-Medikamenten) zaubern wird. Ein ziemlich passendes Szenario, um in das jüngste Werk dieses rastlosen Perfektionisten namens Steven Wilson einzutauchen, denn erstmals bettet er seine Musik in das Konzept einer klassischen Geistergeschichte.

Auch in anderer Hinsicht ist THE RAVEN THAT REFUSED TO SING (AND OTHER STORIES) ein Richtungswechsel für den umtriebigen Briten. Nach dem Vorgänger GRACE FOR DROWNING, der auf Doppelalbumlänge in die entlegensten Winkel des Wilson‘schen Musikkosmos blickte, ist sein drittes Album unter dem eigenen Namen nicht mal eine Stunde lang und darf als eines seiner zugänglichsten Werke bezeichnet werden. „Findest du? Interessant“, kontert der Maestro. „Ich kann das wohl nicht beurteilen, denn für mich ist die Musik, die ich mache, natürlich immer zugänglich. Klar, es ist nicht ganz so ausladend, und vielleicht auch etwas wärmer, aber eigentlich finde ich, dass die Musik auf dieser Platte sehr komplex geworden ist.“ Ja, komplex. Das kleine Wörtchen hängt sich fast jeder gerne um den Hals, der in diesem weitläufigen Gebiet namens Progrock was auf sich hält – ist etwas nicht komplex, kann es auch nicht Prog sein. Eine Sichtweise, der Wilson sich vehement entgegen stellt. „Ich würde nie absichtlich komplizierte Musik schreiben, damit sie kompliziert ist. Ich hasse diese Vorstellung! Leider ist vieles, was heute unter dem Begriff Prog erscheint, ein Triumph von technischen Fähigkeiten über Herz und Seele. Dabei war das ursprünglich gar nicht so. Es ging in den Anfangstagen des Prog nicht darum, seine Versiertheit möglichst eindrucksvoll unter Beweis zu stellen, sondern einfach um eine neue, andere Form der Kreativität. Dieser Ansatz ging aber leider immer mehr verloren und irgendwann schien es wirklich nur noch darum zu gehen, wer die schwierigsten Tonfolgen spielen oder die ausgeklügeltste Technik bedienen kann. Vor allem amerikanische Bands schießen da weit über das Ziel hinaus und haben ein ziemlich befremdliches Verständnis davon, worum es geht. Und genau das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass Prog heute so marginalisiert wird. Da gibt es keinen Platz mehr für Sinnlichkeit, für den Sex in der Musik, für die menschliche Qualität. Wenn du in der Malerei solche Fähigkeiten hättest, wärst du eben kein Maler, sondern vermutlich Grafikdesigner. Und wenn du so mit Worten umgehen könntest, wärst du wohl kein Dichter, sondern ein technischer Autor.“

Doch zurück zur Platte. Wenn die Komplexität kein Selbstzweck ist, wieso kam es dann trotzdem dazu, dass die neuen Kompositionen diesbezüglich neue Höhepunkte erreichen? Ganz einfach: Teamgeist und Inspiration. „Nach GRACE FOR DROWNING stellte ich eine Band zusammen, um auf Tour zu gehen. Das ist nie einfach, wenn man gewisse Ansprüche hat, doch ich landete mit diesen Leuten den absoluten Jackpot. Allesamt tolle Musiker, mit denen es auch menschlich bestens klappte und die genau verstanden, was ich wollte, worum es mir ging, und wie man das live umsetzen konnte. Die Chemie in der Band habe ich auf dieser Tour so genossen, dass ich erstmals seit langer Zeit wieder dazu inspiriert war, Musik zu schreiben, die spezifisch auf diese Musiker zugeschnitten war. Das letzte und einzige andere Mal, dass das der Fall war, war bei Porcu­pine Tree. Es war also ein ziemlich großer Schritt, denn der Schaffensprozess verändert sich durch diesen Perspektivwechsel von der eigenen Person zu anderen sehr. Vor allem aber war es eine riesengroße Herausforderung, denn eines ist sicher: Diese Jungs sind allesamt weitaus bessere Musiker als ich.“

Einer von ihnen ist Bassist Nick Beggs, ein äußerst gefragter Session-Musiker, dessen Geschichte ihn vielleicht nicht als erste Wahl für „anspruchsvolle“ Musik erscheinen lässt, denn seine Anfänge lagen in der 80s-Chartpopband Kajagoogoo. Kein Problem für jemand, der neben THE DARK SIDE OF THE MOON auch Donna Summer und Abba zu seinen frühesten Einflüssen zählt. „Es wäre doch dumm, da snobistisch zu sein. Vieles von der Musik aus den 80ern war viel besser, als viele heute glauben wollen. Und wovon waren diese Leute denn beeinflusst? Genau, sie waren in den 70ern selbst mit Prog, Pink Floyd und Led Zeppelin aufgewachsen!“ Beggs jedenfalls ist ein wahrer Meister, dessen Talent Wilson weit mehr Kopfzerbrechen bereitete als seine Vergangenheit. „Ich musste mich ganz schön anstrengen, um Stücke zu schreiben, die meine eigenen Fähigkeiten übersteigen. Das muss man sich erst mal vorstellen können, um es zu Papier zu bringen und dann kohärente Musik daraus zu machen. Als es dann an die Aufnahmen ging, war es für diese Truppe natürlich überhaupt kein Problem, die Sachen zu spielen. Ich musste sie sogar immer wieder einbremsen, damit sie nicht zu viel spielen! Denn bei aller Komplexität lege ich doch großen Wert darauf, dass Herz und Seele nicht zu kurz kommen. Das ist wie gesagt viel wichtiger als alle Fingerfertigkeit der Welt.“

Denn auch wenn dem 45-Jährigen der Ruf des besessenen Klangalchemisten anhaftet, sind Herz und Seele doch genau das, worum es immer geht. „Ich habe in meiner Musik schon immer über dieselben Dinge geschrieben, Beziehungen, Erfahrungen, Gefühle. Nur habe ich mich diesmal für einen anderen Rahmen entschieden, um den Inhalt einzubetten. THE RAVEN THAT REFUSED TO SING basiert auf einer Serie von Kurzgeschichten über Geister, was auf den ersten Blick ungewöhnlich für mich sein mag. Aber Geistergeschichten sind im Prinzip auch nicht wesentlich anders als andere. Auch hier geht es primär um Emotionen, um Verlust, Trauer, Angst, Reue. Das ist doch so ähnlich wie mit den technischen Fähigkeiten im Prog. Eigentlich sind sie sekundär, und genauso ist das übernatürliche Element oder der Horror in solcher Literatur nur ein Vehikel, um eine Story zu transportieren. Ich fand das in diesem Fall sehr reizvoll, und die Deluxe-Edition des Albums wird auch mit einem Buch und Illustrationen zu drei dieser Geschichten aufwarten. Das soll ein bisschen wie ein kindliches Märchen aussehen. Ich habe eben schon immer die Schönheit in der Traurigkeit gesehen.“

Alles andere als kindlich sind dagegen die Inhalte der sechs Stücke. „Das Titelstück handelt von einem alten Mann, der in seinem Haus sitzt, auf den Schnee draußen blickt, so wie wir jetzt, und auf sein Leben zurücksieht. Dabei erinnert er sich an seine Kindheit. Seine Schwester starb, als er klein war, und diesen Verlust, die jäh unterbrochene Verbindung hat er nie ganz verkraftet. Dann erscheint ein Rabe in seinem Garten, der immer und immer wieder kommt. Irgendwann glaubt der Mann, der Rabe sei die Manifestation seiner Schwester, die zurückgekehrt ist. Sie hatte immer zu ihm gesungen, als er ein Kind war, also versucht er nun, es dem Raben auch beizubringen. Doch der weigert sich…“

Auch ›The Watchmaker‹ befasst sich mit dem Blick zurück. „Dieser Uhrmacher ist seit 50 Jahren mit derselben Frau verheiratet und ihm wird klar, dass er sie eigentlich nie wirklich geliebt hat. Er kam mit ihr zusammen in dem Glauben, es sei nur vorübergehend und dass die Richtige noch kommen werde. Jetzt weiß er, dass das nicht mehr passieren wird, aber er wollte lieber irgendjemand an seiner Seite haben als allein sein. Mich interessiert es, solche Gefühlskonflikte auszuloten. Wenn du eine Beziehung nur aus Bequemlichkeit und Trägheit führst statt aus Leidenschaft, wie wirkt sich das auf dich aus?“

Einen kleinen Ausflug ins Fantastische gönnt er sich dann aber doch im Stück ›The Holy Drinker‹. Nein, nicht Großbritanniens Liebe zum Alkoholismus wird hier thematisiert, stattdessen formuliert Wilson hier eine Art Hommage an Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“. „Es geht um einen Mann, der den Teufel zu einem Wettsaufen herausfordert. Und es ist wohl ziemlich klar, dass man gegen den Teufel eigentlich nie gewinnen kann, was dieser Mann dann auch begreifen muss…“ Worum es ebenfalls nicht geht, wie man angesichts des Titels und Stevens bestens dokumentierter Meinung zu dem Thema vermuten könnte, ist Religion. Läge nahe, schließlich neigen diverse glaubensbefeuerte Eiferer zu fast rauschhafter Selbstgerechtigkeit. Genau das sieht Steven als eines der größten Probleme der heutigen Zeit. „Ich bin der Meinung, dass der Instinkt, ein guter Mensch zu sein, uns allen innewohnt. Wir kennen tief im Inneren alle den Unterschied zwischen gut und böse, richtig und falsch. Organisierte Religion dagegen versucht, uns genau das zu nehmen. Sie verspricht uns etwas im Gegenzug für Gehorsam und nimmt uns die Fähigkeit, eigenständig zu denken. Und aus diesem blinden Gehorsam entsteht der Wille, im Namen des Glaubens Böses zu tun. Ich finde es ziemlich erstaunlich, dass darauf noch immer so viele Menschen herein fallen.“

An dieser Stelle endet das Interview, Steven muss zum Flughafen, raus in diese mittlerweile in Dunkelheit getauchte Kälte. Die Spukgeschichten auf THE RAVEN THAT REFUSED TO SING (AND OTHER STORIES) passen perfekt in diese Stimmung, nicht etwa als Gänsehautlieferanten zur klimatisch wie optisch manifestierten Winterdepression, sondern vielmehr als ätherischer Kontrapunkt. Ob die furiosen drei Akte des Openers ›Luminol‹ oder die kompakte Wucht des gerade mal fünfminütigen ›The Pin Drop‹, Steven Wilsons Klanglandschaften sind wie ein Expressticket in eine andere Welt, eine andere Daseinsebene, in der Genres, Instrumente, Egos und feste Schemata keinen Belang mehr haben. Wie sein Idol Frank Zappa lebt er Musik mit jedem Atemzug, jedem elektrischen Impuls, der seine Synapsen verbindet, jedem Pulsschlag. Die perfekte Balance aus Herz, Seele und Begabung – wenn jemand sie gefunden hat, dann er.

 

Saxon – Jeans und Lederjacke

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Saxon 2011 @ Kai Swillus (3)Saxon landen einen Doppelschlag: Mit dem neuen Album SACRIFICE kehren sie zur Härte der Anfangstage zurück. Dazu erschien jüngst ein BBC-Dokumentarfilm, der Licht und Schatten ihrer Karriere zeigt.

»Ich war jung damals“, zuckt Biff Byford mit den Schultern, „es waren schwierige Zeiten…“ Wir sitzen in den großzügigen Räumen der Berliner Dependance einer weltbekannten Gitarrenfirma. Der Sänger von Saxon ist ein imposanter Silberrücken mit langer weißer Mähne, er trägt Jeans und Lederjacke. Biff erinnert sich an die Anfangstage seiner Band, die damals noch Son Of A Bitch hieß. Als junger Mann hatte er seine Frau mit zwei Kindern verlassen. „Man muss Entscheidungen fällen, wenn man in einer Band ist“, erklärt er seine damalige Handlung. Seine Kinder seien inzwischen erwachsen, er habe ganz normalen Kontakt zu ihnen. „Danach gründete ich noch eine Familie, mit der ich vier Kinder habe.“

Die schwere Entscheidung, die Peter Rodney „Biff“ Byford damals traf, steht am Anfang des BBC-Dokumentarfilms „Heavy Metal Thunder – The Movie“, der kürzlich erschienen ist. Er offenbart auch jene Seite des Rock’n’Roll, die Bands für gewöhnlich nicht öffentlich machen. Der Film zeigt zudem, in welch harten Zeiten die Gruppe entstanden ist. In den frühen 80ern erschütterten flächendeckende Streiks Großbritannien, am erbittertsten fochten die Bergarbeiter, um am Ende gegen die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher zu verlieren. „Als ich die Schule verlassen hatte“, so Byford, „wurde ich Zimmermann. Die Lehre dauerte fünf Jahre, doch man verdiente kaum Geld. Nur in den Bergwerken bekam man gutes Geld, also arbeitete ich später in den Kohleminen, um Gitarren kaufen zu können.“ Schon am ersten Tag, den er unter Tage verbrachte, sah er einen Kumpel, dem bei einem Unfall der Arm abgerissen wurde. „Von 1980 bis ‘82 liefen die großen Streiks und Aufstände. Zu der Zeit wurden Saxon und Iron Maiden richtig erfolgreich. Es war die richtige Zeit für eine neue Musik. Unser Publikum bestand aus Jugendlichen, die wenig Geld hatten. Punkrock war immer sehr modebewusst, es kostete viel Geld, sich wie ein echter Punk zu kleiden. Unser Publikum stammte aus der Arbeiterklasse, unsere Klamotten kauften wir in Oxfam-Läden. Wir sahen aus wie Rebellen.“ Die Menschen waren unzufrieden damals, deshalb sei immer eine Menge Polizei auf den Straßen gewesen, weiß Byford zu berichten. „Thatcher war sehr herausfordernd und provokativ. Vielleicht waren die Privatisierungen einiger staatlicher Unternehmen nötig, aber sie war zu radikal.“

In diesem sozialen Klima blühten Saxon auf. Bei ihren Konzerten hatten die Fans ein Gefühl des Miteinander, im Gegensatz zu den Konfrontationen, denen sie in den Straßen und Familien ausgesetzt waren. Die Stärke von Saxon bestand stets in mitreißenden Hymnen. Titel wie ›Motorcycle Man‹, ›747 (Strangers In The Night)‹ oder ›Wheels Of Steel‹ zählten zu ihren frühen Gassenhauern. 1981 gelang ihnen ein Song, der das Erkennungsmerkmal einer ganzen Generation von Metal-Fans beim Namen nannte, sein Titel war so schlicht wie genial: ›Denim And Leather‹, Jeans und Leder. Saxon gehörten zu den Vorläufern der New Wave Of British Heavy Metal, die in Großbritannien und Kontinentaleuropa riesige Erfolge feierte. Die „Power & Glory Tour“ von 1983, mit Accept im Vorprogramm, war Saxons Krönung in den 80ern. Ein junger dänischer Anhänger zählte zu den leidenschaftlichsten Fans von Saxon. Lars Ulrich, heute Trommler der Metal-Titanen Metallica, räumt in der BBC-Dokumentation freimütig ein, dass seine eigene Kapelle nachhaltig von Byford & Co. beeinflusst war.

Wie viele andere europäische Bands versuchten Saxon, auch den amerikanischen Markt zu knacken. Hier regierte Glam Metal, folglich stiegen Saxon in Glitzerklamotten und wandten sich kommerzieller Musik zu. So coverten sie – zur Verblüffung ihrer alten Fans – ›Ride Like The Wind‹ von Christopher Cross. Das Album INNOCENCE IS NO EXCUSE (1985) verprellte mit seinem seichten Material viele Sympathisanten. Das Unternehmen „Durchbruch in den USA“ wurde zum Flop. „Heute können wir in bestimmten Gegenden der USA touren, aber in anderen Ecken haben die Leute noch nie von uns gehört“, bekennt Biff. „Unsere US-Tourneen dauern drei Wochen, was für Amerika nicht besonders viel ist.“

Deutschland war dagegen stets eine Saxon-Hochburg und wurde umso wichtiger, als die NWOBHM in England in den späten 80ern abflaute. „Unsere Musik war nicht mehr angesagt, Bruce Dickinson hatte Iron Maiden verlassen, Judas Priest bekamen Probleme. Bands aus ­Seattle wie Nirvana und Pearl Jam waren groß, viele Fans wechselten die Seiten und hörten den frischeren Grunge-Sound“, erläutert Biff. „1989 hat uns der deutsche Ableger von Virgin Records angesprochen und wir brachten ein Jahr später SOLID BALL OF ROCK heraus. Das Album wurde sehr erfolgreich, nicht nur in Deutschland, es hat unser Comeback eingeläutet. Motörhead und wir überlebten durch unsere deutschen Fans. 1992 spielten wir zum ersten Mal in Wacken, am Ende der Welt, fast schon in Dänemark. Die Festivalmacher mögen unsere Musik, inzwischen haben wir acht Konzerte dort oben gespielt.“ Die Besucher des Wacken Open Air lieben die unwiderstehlichen Mitgröhl-Hymnen von Saxon, Kracher wie das erwähnte ›Denim And Leather‹, ›Strong Arm Of The Law‹, ›Crusader‹ und ›Heavy Metal Thunder‹ dürfen nie fehlen. Thomas Jensen, einer der beiden Gründer des WOA, ist heute übrigens Manager von Saxon.

Eine anderes, fast unglaubliches Kapitel in der Geschichte von Saxon ist der handfeste Betrug, den ihr ehemaliger Gitarrist Graham Oliver an der Band beging. Auch dieses prekäre Thema wird von der BBC-Dokumentation ausführlich behandelt. Oliver hatte versucht, hinter dem Rücken der anderen Mitglieder die Aufnahmen des klassischen Saxon-Auftritts von 1980 in Donington zu verkaufen. Die Band feuerte ihn auf der Stelle. „Ich habe bis heute keine Ahnung, warum er das gemacht hat. Er hat wohl geglaubt, das wäre kein Grund, ihn rauszuschmeißen. Wir waren Freunde, die durch Höhen und Tiefen gegangen sind. Dann baut der Idiot so einen Bockmist. Er glaubt sogar, dass wir ihn eines Tages wieder aufnehmen würden“, fasst sich Biff an den Kopf. „Er war stets das Spinal Tap-Element in der Band“, urteilt der Frontmann mit den schlohweißen Haaren. Bekanntlich war Harry Shearer, einer der Autoren, Musiker und Schauspieler des Rockumentarys „This Is Spinal Tap“ – wohl die bissigste Rockparodie aller Zeiten – mit Saxon auf Tour gegangen. Viele Ideen zum Film stammen aus dem Alltag von Saxon.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt in der Karriere von Saxon, in dem sich die Band von vielen Kollegen unterschied: Byford & Co. nahmen keine Drogen. Stattdessen tranken sie literweise Tee zu jeder Tageszeit. Ihr damaliger Manager musste ständig Nachschub besorgen, wenn sie auf Tour waren. „Okay, daneben haben wir auch gerne ein Gläschen Wein getrunken, aber ich habe nie Drogen genommen“, bekräftigt Biff. „Sie haben mich nie interessiert. Jemand wie Lemmy von Motörhead, mit denen wir viel unterwegs waren, ist anders als ich. Der nimmt alles Mögliche, aber du merkst ihm das kaum an. Er wird höchstens etwas lustiger. Ich habe mal gesehen, wie er eine ganze Flasche Jack Daniel‘s trank hat und er hat sich nicht wirklich verändert, abgesehen davon, dass seine Witze besser wurden.“

Ein weiteres köstliches Erlebnis von Saxon soll hier nicht ausgespart werden: der Ventilator-Vorfall. In den frühen 80ern spielten die Briten im berühmten Whisky A Go Go am Sunset Strip von Los Angeles. Mit viel Mühe hatte ihr früherer Superfan Lars Ulrich seine blutjunge Truppe Metallica ins Vorprogramm von Saxon geboxt. Es war eine heiße Nacht, der Saal war stickig und Frontmann James Hetfield fragte an, ob man nicht den Ventilator anschmeißen könnte, damit Metallica etwas Kühlung bekämen. Der Saxon-Chefroadie schlug Hetfield die Bitte ab, der Ventilator sei schließlich für die Hauptattraktion bestimmt und nicht für die Vorgruppe. „Davon habe ich nichts gewusst“, beteuert Byford, „das war die Entscheidung unseres Roadies.“ Dennoch ist der „Ventilator-Vorfall“ ein running gag in der Metalszene geworden. Wann immer die Namen Saxon und Metallica zusammen auftauchen, wird diese Geschichte erzählt. „Kürzlich spielten wir Rock am Ring. Nach der Show kamen James und Lars in unsere Garderobe. Wir fühlten uns sehr geehrt! Zusammen haben wir die ganze Nacht gequatscht. Es gibt definitiv kein böses Blut zwischen beiden Bands wegen dieser Sache im Whisky.“

Für Fans von Saxon gibt es noch einen zweiten Grund, aufzuhorchen. Er heißt SACRIFICE und ist das neue Album der Marathon-Metaller. Produziert von Andy Sneap, fällt die Scheibe sehr hart aus, mehrere Songs erinnern an den Thrash Metal früherer Zeiten. „Wir haben die Thrash-Bewegung schließlich beeinflusst“, sagt Biff nicht ohne Stolz. „Damals hatten wir viele Songs mit schnellen, harten Gitarrenriffs, die meist von Paul Quinn stammten. Diese Riffs kannst du bei vielen amerikanischen Thrashbands wiederfinden, die sich mit ihrem Sound gegen die etablierten AOR-Kapellen wandten.“ Thematisch behandelt Textautor Byford eine illustre Reihe von Inhalten. ›Wheels Of Terror‹ etwa, fast eine Industrial-Metal-Nummer, handelt von Panzern. Sie wird übrigens auch im Videospiel „Tank“ zu hören sein. „Die Lyrics basieren auf einem Buch des deutschen Autoren Sven Hassel, der viele Werke über seine Zeit bei der deutschen Armee im Zweiten Weltkrieg geschrieben hat. Eins heißt eben ‚Wheels Of Terror’ [deutsch: ‚Die Galgenvögel’].“ Das AC/DC-beeinflusste ›Standing In A Queue‹ behandelt die Tatsache, „dass wir einen Teil unseres Lebens mit Schlangestehen verbringen. Im Supermarkt, auf dem Flughafen – überall siehst du viele Wichtigtuer, aber wenig Leute, die arbeiten. Also müssen wir Schlangestehen.“ Der Titelsong ›Sacrifice‹ geht zurück auf die Mayas in Mexiko. „Wir waren auf Tour dort und haben die berühmten Ruinen besichtigt. Ein alter Fremdenführer berichtete uns von Massenopfern der Maya. An mehreren Tagen haben sie 20.000 Menschen das pochende Herz herausgerissen, um die Götter zu bewegen, Regen zu bringen. Hat leider nicht funktioniert, die Trockenzeit ging weiter.“

Henning Richter

Vodoo Circle – 1987 Revisited

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Man muss nicht lange suchen, um herauszufinden, woher die Inspirationen des neuen Albums MORE THAN ONE WAY HOME der deutschen Allstar-Band Voodoo Circle stammen: Die strammen Gitarren-Hooks und -Licks sind unverkennbar an John Sykes und Doug Aldrich orientiert, die bluesig-rockigen Gesänge an David Coverdale. Alle drei, also Sykes, Aldrich und Coverdale, haben die Karriere der Hard Rock-Gruppe Whitesnake maßgeblich beeinflusst, Letzterer als Frontmann, Gründer und Kopf der Band. Insbesondere das Album 1987, in ebenjenem Jahr erschienen und mit den Rockklassikern ›Here I Go Again‹, ›Is This Love‹ und ›Still Of The Night‹ ausgestattet, gehört zu jenen zehn Werken, die jeder Fan des Hard & Heavy-Genres auf die berühmte einsame Insel mitnehmen würde. Heute leiten Coverdale und Aldrich die Geschicke der Band und wandeln ebenso auf den Spuren ihrer 1987er-Hammerscheibe wie damit sind wir wieder beim Thema – Voodoo Circle.

Deren Gitarrist Alex Beyrodt hat nach Jahren einer fast manischen Stratocaster-Affinität die Les Paul-Gitarre für sich entdeckt und sprüht nun geradezu vor (Whitesnake-)Ideen: „Ich fing wie gewohnt an, auf meiner Stratocaster zu komponieren, als ich bemerkte, dass die Riffs, die mir einfielen, weitaus besser zu einer Les Paul passen würden. Also stürzte ich mich auf das Abenteuer, diese Gitarre zu entdecken und mich dabei als Musiker neu zu erfinden.“ Neu erfunden hat Beyrodt die Musik zwar nicht, aber immerhin kann man ihm ein erstklassiges Rockwerk attestieren, an dem vor allem Sänger David Readman entscheidenden Anteil hat. Readman siedelte Mitte der Neunziger von England nach Deutschland über und trat bei den Karlsruher Hard Rockern Pink Cream 69 die Nachfolge des zu Helloween abgewanderten Andi Deris an. Fest steht: Was der Brite auf MORE THAN ONE WAY HOME singt, hätte man auf Whitesnake-Scheiben nicht besser finden können. Beyrodt: „David und ich sind wie Brüder im Geiste. Er weiß intuitiv, auf welche Art Gesang ich stehe, und hat zu jedem meiner Riffs sofort die ultimative Gesangsmelodie. Ich konnte es manchmal kaum glauben, wie reibungslos wir beide Hand in Hand gearbeitet haben.“

Dritter im Bunde dieser erstklassigen Band, die bereits mit ihren zwei ersten Veröffentlichungen VOODOO CIRCLE (2009) und BROKEN HEART SYNDROME (2011) angemessene Aufmerksamkeit generierte, ist der umtriebige Matthias Lasch. Die Musikszene kennt ihn unter seinem Künstlernamen Matt Sinner, zurückgehend auf seine Band Sinner. Lasch ist Bassist, ein passabler Produzent und vor allem ein hervorragender Organisator. Unter seinen geschickten Fingern entwickelte sich das Projekt „Rock Meets Classic“ zu einem Publikumsmagneten. Lasch ist es, der das kompositorische und handwerkliche Können seiner beiden Voodoo-Kollegen Beyrodt und Readman in die richtigen Bahnen lenkt. „Matt zählt seit 20 Jahren zu meinen besten Freunden“, sagt Beyrodt, der genau weiß, dass man geschäftliche Belange besser in die Hände des gewieften Schwaben legt. „Matthias und ich beraten uns in allen Dingen, ich lege sehr viel Wert auf seine Einschätzung. Bei ihm bekomme ich immer eine fundierte Meinung, was mir sehr wichtig ist, auch wenn wir mal unterschiedliche Standpunkte haben.“

Zu MORE THAN ONE WAY HOME kann man indes nur einen Standpunkt haben: fabelhaft! Nörgler werden vielleicht die allzu große stilistische Nähe zur Coverdale-Truppe bemängeln, aber die Perfektion, mit der diese Leidenschaft hier ausgelebt wird, dürfte selbst notorischen Zweiflern Hochachtung abnötigen.

 

Heaven’s Basement – Mit mächtig Biss

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Die Briten haben ein großes Ziel: Nicht nur ihre Fans, sondern auch deren Kinder und Kindeskinder sollen Heaven‘s Basement hören. Die Band für die ganze Familie?

Es war keine einfache Aufgabe, doch Heaven’s Basement meisterten sie mit Bravour. Das Publikum im Berliner C-Club war eigentlich gekommen, um den düsteren Grunge von Seether zu erleben, der pralle Partyrock der Vorband wirkte wie ein Kontrastprogramm. Dennoch schafften es Heaven’s Basement, einen großen Teil der versammelten Menge auf ihre Seite zu ziehen. Ohrwürmer wie ›Unbreakable‹ und ›Fire Fire‹ versetzten die Hauptstädter in Schwung, Frontmann Aaron Buchanan hatte keinerlei Probleme, genug Besucher für einen stimmgewaltigen Chor zu mobilisieren. Der Vierer erinnert stilistisch an die jungen Bon Jovi, frühe Mötley Crüe und The Darkness. Jedenfalls: Wo Heaven’s Basement auftreten, steigt die Stimmung.

Vokalist Buchanan ist eine echte Entdeckung, zählt allerdings nicht zu den Gründungsmitgliedern. 2008 war die Band mit einem anderen Sänger gestartet, hatte u.a. mit Papa Roach, D-A-D, Buckcherry, Shinedown, Thunder, Hardcore Superstar und vielen anderen gespielt. Plötzlich merkte der frühere Shouter, dass ihm die Arbeit mit der Band zu viel wurde, er warf das Handtuch. In einem höchst aufwendigen Auswahlverfahren pickten die übrigen Musiker 2011 Aaron aus 500 Bewerbern heraus. „Unser früherer Sänger war einfach nicht entschlossen genug, er hatte nicht den Biss, den die anderen Mitglieder zeigten“, kritisiert Trommler und Gründungsmitglied Chris Rivers. Für Gitarrist Sid Glover „ging es nicht nur um einen Sänger mit einer tollen Stimme. Wir waren schon in anderen Bands, die gute Vokalisten hatten, aber das waren einfach nicht die Richtigen für uns. Es geht um einen Typen, der zu uns passt. Wir brauchen jemanden, der wirklich in der Band ist, und keinen Mietsänger…“

Aaron Buchanan rechtfertigt das Vertrauen der übrigen Bandmitglieder nicht nur auf der Bühne, sondern auch auf dem jüngst erschienenen Debütalbum FILTHY EMPIRE. „Das Album musste Material enthalten, das wir gerne live spielen und das beim Publikum gut ankommt“, meint Aaron nach dem Konzert, während er sich die schweißnassen Locken mit einem Handtuch trocken reibt: „Ich möchte, dass uns nicht nur Fans zuhören, sondern auch ihre Kinder und Kindeskinder.“ Hier spricht ein Entertainer mit erkennbaren Ambitionen – kein Wunder, dass er den großen Freddie Mercury als Vorbild nennt. Auch in seine Texte investiert Buchanan jede Menge Energie. „Sie behandeln verschiedene Themen. Hängt immer davon ab, was uns zusammen oder einzeln passiert ist. Der Albumtitel FILTHY EMPIRE sprach uns auf verschiedenen Ebenen an. Er hat eine politische Ebene, verweist aber auch auf die Musikbranche und die Pornoindustrie – er besitzt viele Deutungsmöglichkeiten. Wir sind keine politische Kapelle, aber unsere Texte sollen den Hörern die Freiheit lassen, sie in alle möglichen Richtungen zu interpretieren.“

Der Auftritt und das folgende Interview in der Garderobe zeigen eine Band, deren Entschlossenheit beeindruckt. Ihr Plattenlabel (eine weltbekannte Brausefirma, für die Sebastian Vettel Auto fährt) hält große Stücke auf Heaven’s Basement. Das Label hielt sogar an der Band fest, obwohl sie eine Zeitlang ohne Sänger dastand. Das nennt man wohl Vertrauensvorschuss. Sympathisch auch, dass die Gruppe nicht hierarchisch geführt wird, sondern demokratisch vorgeht. „Ich und Sid sind zwar stolze Gründungsmitglieder, aber die Band ist genauso unser Baby wie das von Rob und Aaron“, stellt Chris Rivers fest. „Wir diskutieren alle Entscheidungen. Nichts geschieht, bevor nicht alle vier von uns damit glücklich sind.“

 

Golden Earring

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Die Kurven der Sophia Loren wirken auf die nicht mehr ganz jungen Herren von Golden Earring immer noch höchst anregend. Ein Foto des wohlgeformten italienischen Filmstars stand im Zimmer von Sänger Barry Hay. „Meine Schwiegermutter glaubte, das Foto sei das neue Cover. Ich entgegnete ihr, dass wir uns die Rechte daran nie leisten könnten, wir würden schlicht pleite gehen. Diese Geschichte erzählte ich George (Kooymans, Gitarre und Gesang), so kamen wir schließlich auf TITS ’N ASS.“ Ein ziemlich drastischer Titel, doch Hay weist darauf hin, dass der Begriff im Amerikanischen so viel heißt „wie picobello im Italienischen oder affentittengeil im Deutschen, alles ist perfekt“.

Rechnet man ihre Gründungsphase als Instrumentalband ein, dann gibt es Golden Earring seit 1961 – damit existiert der Vierer länger als die Rolling Stones. Benannt nach einem Lied von Marlene Dietrich, hießen sie anfangs The Golden Earrings, das s wurde 1969 abgehängt. Im Gegensatz zu den rollenden Steinen feiern die Holländer ihr 50. Jubiläum standesgemäß mit einem kompletten neuen Album. „Eigentlich hassen wir solche Formalien“, knurrt Hay, „aber die Die-Hard-Fans sahen das anders,“ sie hätten die 50 Jahre wohl auch ohne die Musiker zelebriert. Zudem brachte die niederländische Post aus diesem Anlass eine Sondermarke heraus. Für Hay ist TITS ’N ASS die beste Art, zu feiern, beweisen die wettergegerbten Vollblutrocker doch einmal mehr, über welche Klasse sie verfügen. Die neuen Lieder wachsen stetig, jeder Hörgang offenbart neue Details. Die Texte erscheinen anfangs plakativ, später zeigen sie immer neue Deutungsebenen auf, von denen sich viele mit dem Thema „Jugend und Alter“ befassen.

Angesichts der Güte des Albums könnte man als Fan fast sauer werden, dass das letzte Studiowerk, das ebenfalls großartige MILLBROOK U.S.A., geschlagene neun Jahre zurückliegt. „Wir waren halt immer unterwegs“, meint Kooymans etwas hilflos, „ich habe auch keine Erklärung dafür.“ Hay gibt den sinkenden Verkaufszahlen die Schuld: „Für uns sind Studioaufnahmen ein teures Hobby. Stattdessen haben wir lieber Live-Alben herausgebracht. Du bist natürlich enttäuscht, wenn du ein gutes Studioalbum veröffentlichst und es sich nicht verkauft…“ Inzwischen hat bei beiden ein Umdenkprozess eingesetzt. „Letztendlich machst du Musik doch für dich selbst. Du musst dir selbst beweisen, dass du immer noch kreativ bist. Sonst wirst du eine Jukebox deines eigenen Materials“, findet George. Und Barry berichtet, er habe kürzlich drei neue Songs geschrie-ben, leider für eine befreundete Band…

Zusätzlich zogen sich die Aufnahmen in die Länge, weil George unter einer hartnäckigen Virusinfektion seiner Stimmbänder litt. Außerdem hatte die Band eine Aufnahmesession in den Abbey Road Studios in London abgebrochen, weil sie mit den Ergebnissen nicht zufrieden war. „Am Ende haben wir wie in alten Zeiten gearbeitet und die Lieder in zehn Tagen in einem anderen englischen Studio eingespielt“, freut sich der Gitarrist. Es fällt auf, dass jeder Song einen anderen Charakter hat, die Band entwickelt eine enorme Vielfalt an Ideen. „Ich halte mich nicht an die Regeln, wechsle häufig die Gitarren und verbringe viel Zeit mit dem Schreiben. Das Songwriting ist das Wichtigste!“, betont George. Die Weiterentwicklung des Gitarristen hängt auch mit seinem neuen Partner Frank Carillo zusammen. Schon an MILL­BROOK U.S.A. hatte Carillo mitgewirkt, später bildeten er und George die Band Kooymans/Carillo. Zusammen nahmen sie das Album ON LOCATION (2010) auf, das hiermit allen Golden Earring-Fans noch einmal wärmstens empfohlen sei. „Frank ist sehr gut für ­George!“, findet Hay. „Ihr Stil ist völlig unterschiedlich, das wirkt sehr inspirierend. Wenn wir touren, versuchen wir stets, Frank einzufliegen.“ Während Carillo amerikanischen Roots-Rock und Blues spielt, kommt George eher aus der europäischen Melodic-Rock-Schule. „Heraus kommt Americana mit Golden Earring-Seele“, beschreibt Kooymans die Früchte ihrer Arbeit.

Zu den großartigen Melodien von TITS ’N ASS gesellt sich die farbige Lyrik von Barry Hay. Der Frontmann wurde in Indien geboren und wuchs mit der englischen Sprache auf. Nicht zuletzt deshalb nahmen die anderen den „native speaker“ 1970 in die Band auf. Er ist ein Meister der Wortspiele, der Provokationen und Poesie. „Wenn du älter wirst, denkst du über Jugend und Alter nach“, sagt er zum Hauptthema der Texte. „Einige Dinge habe ich selbst erlebt, andere denke ich mir aus. ›Over The Cliff Into The Deep Blue‹ handelt von einem persönlichen Erlebnis in Seattle, ›Still Got The Keys To My First Cadillac‹ dagegen ist ein romantischer Traum, eine Metapher, die dafür steht, dass du immer noch die gleichen Gefühle hast wie damals, dein Herz schlägt immer noch auf demselben Fleck.“

Zu den Charakteristika von Golden Earring zählen nicht zuletzt die Stimmen von Barry Hay und George Kooymans. Zum reifen Organ Hays gesellt sich die jugendlich hohe Stimme von Kooymans, singen beide zusammen, ergibt das eine ganz neue Farbe. Zu den nachdenklichen Liedern zählt ›Wanted By Women‹, das George alleine singt. Der Text stammt wiederum von Barry Hay. „Die Nummer handelt von einem Freund, er ist Architekt und Womanizer, er ist immer an Frauen interessiert. Sie mögen ihn, weil ihnen sein Stil gefällt. Ich wollte nicht, dass es von mir handelt, so stellte ich mir vor, es gehe um ein altes Rennpferd, das von Frauen geliebt wird. So wurde der Text interessanter für mich.“

Die Golden Earring der 60er, 70er und 80er stehen auch für das liberale Holland, Magnet der Hippies, Kiffer, Hausbesetzer, Feministinnen, Träumer und Freiheitsliebenden. Heute ist davon nicht mehr viel zu spüren. Nahezu alle Aspekte des kleinen Landes sind strikt reglementiert, jeder Quadratzentimeter Boden wird bewusst genutzt. Die Offenheit und Freundlichkeit ist einer Reserviertheit gewichen, die gelegentlich gar in Fremdenhass und Gewalt umschlägt. Kooymans war 1974 nach Belgien gezogen, um den hohen Steuern zu entgehen. „Mittlerweile ist es fast egal, wo man wohnt. Hier in Belgien zahlen wir beinah die höchsten Steuern in Europa. Aber ich will nicht zurück ziehen nach Den Haag. Ich verstehe inzwischen den Akzent der Leute hier, habe ein schönes Haus und ein Stückchen Wald, ich bleibe hier.“ Der Gitarrist ist seit 43 Jahren mit der Schwester des Bassisten Rinus Gerritsen verheiratet. Barry Hay lebt inzwischen auf der Karibikinsel Curaçao vor Venezuela, einem autonomen Landesteil des Königreichs Niederlande. „Damals herrschte eine andere Atmosphäre in Holland, früher war alles viel freier. Holland war ein Beispiel für andere Länder. Die Leute kamen her, um Haschisch zu rauchen – das hat sich alles stark verändert, heute kann man diese Freiheit nicht mehr tolerieren, es gibt zu viele Leute…“ Das rigide politische Klima im aktuellen Holland habe jedoch nichts mit seiner Entscheidung zu tun, nach Curaçao zu ziehen. „Es war Zufall, dass ich nach Curaçao kam. Eine Band hatte mich eingeladen, einen Gig mit ihr zu spielen. Meine Frau und ich haben uns sofort in die Insel verliebt, alles war entspannt und cool. Ich lebe jetzt seit sechs Jahren dort und habe es nie bereut, im Gegenteil. Die Sonne tut mir gut. Jeden Monat fliege ich hin und her.“

Zur Zeit ihres größten Hits ›Radar Love‹ (1973), der bis heute in keiner Classic Rock-Sammlung fehlen darf, versuchte die Band, auch in den USA Fuß zu fassen. „Wir hatten einen kleinen Mercedes-Bus und tourten ausgiebig durch die Staaten. Dummerweise waren wir nach der Rückkehr völlig erschöpft und hatten keine Power mehr, in Deutschland und anderen Ländern zu spielen. Das war ein Fehler, wie ich zugeben muss“, blickt Hay zurück und setzt knapp hinzu: „schlechtes Management“. Dabei managen sich die Musiker bekanntlich schon lange selber. Zusammen fällten sie Mitte der 90er eine weitere umstrittene Entscheidung, sie wollten nur noch in den Benelux-Staaten touren und höchstens für Festival- und Rockpalast-Auftritte nach Deutschland kommen. „Damals wollten wir entweder mit einer großen Produktion gastieren oder gar keine Konzerte geben“, erinnert Kooymans. „Die letzte große Tour haben wir 1991 gefahren, sie lief nicht so gut, wir wissen also, was es heißt, Geld zu verlieren. Folglich haben wir uns auf Benelux beschränkt.“ Trotzdem spielten Golden Earring immer noch bis zu 120 Gigs im Jahr, keine holländische Schulaula, kein belgisches Kulturhaus blieb verschont. Auch heute noch geben die kostenbewussten Veteranen 80 Konzerte im Jahr – und sichern sich so stetig fließende Einnahmen. Neben ›Radar Love‹ zählen ›Mad Love Is Comin’‹ (1976), ›Long Blond Animal‹ (1980), der MTV-Hit ›Twilight Zone‹ (1982) und ›Albino Moon‹ (2003) zu den großen Hits, die bei keinem Gig fehlen dürfen.

Ohne Zögern geben Hay und Kooymans zu, dass sie in ihrer langen Karriere das eine oder andere schwache Album abgeliefert haben. „Ich hatte einfach keine Ideen, wir hatten eine schwache Phase“, räumt Hay ein. „Wir nahmen die falschen Drogen. Damals haben wir nachts gearbeitet, heute arbeiten wir tagsüber. Das ist ein großer Unterschied! THE HOLE war ein schwarzes Loch und TO THE HILT ist auch nicht so doll, das waren Alben, die schwer für uns waren. Es war hart, etwas Vernünftiges auf dem Tonband zu finden“, sagt Barry über das kreative Tal, das die Band durchschritt. „Es ist immer schwierig, die Qualität hochzuhalten“, verteidigt sich Kooymans, „allerdings sind diese Aufnahmen auch übel produziert worden. Wir überlegen ernsthaft, sie noch einmal neu zu mixen.“ Doch wer würde sich angesichts der überwältigenden Fülle großartiger Songs und knackiger Alben über die wenigen Ausrutscher beschweren? Dafür gibt es einfach zu viele Geniestreiche, wie sie auch TITS ’N ASS zu bieten hat. Und so stellt sich zum Schluss die entscheidende Frage: Wie lange werden die Fans auf ein neues Album warten müssen? „Wir arbeiten daran“, antwortet George Kooymans, „gib uns zwei Jahre.“ Golden Earring krönen ihr 50-jähriges Jubiläum mit einem rassigen Album – während die niederländische Post ihnen zu Ehren eine Sondermarke herausbringt.

 

Hardcore Superstar

Stagnation ist ein Fremdwort für Drummer Adde „Moon“ Andréasson. Auf ihrem neunten Album C’MON TAKE ON ME gehen Hardcore Superstar zwei Schritte nach vorne, haben jedoch immer ein Auge auf den Rückspiegel.

Adde, dieses Jahr wird deine Band 16 Jahre alt, aber ihr klingt immer noch so hungrig wie auf eurem Debüt IT’S ONLY ROCK’N’ROLL…
Hui, wo soll ich da nur anfangen? Zuerst einmal ist es die Tatsache, dass wir alle immer noch riesigen Spaß an Hardcore Superstar haben. Wir probieren ständig neue Wege aus, Songs zu schreiben. Wenn wir kurz vor den Aufnahmen eines Albums stehen, fühlt man im Proberaum die Leidenschaft, die jedes Bandmitglied in die Sache steckt. Jeder bringt – und das finde ich immer wieder erstaunlich – neue Inspirationen, Spieltechniken und Ideen mit. Natürlich läuft es nicht immer rund. Falls ich mal in einer kreativen Sackgasse stecke, hasse ich mich dafür, denn der Schlüssel zu Hardcore Superstar ist Kreativität.

Was denkst du über Gruppen, die ähnlich lange im Geschäft sind und sich nur noch wiederholen?
Ehrlich gesagt kann ich das überhaupt nicht nachvollziehen. Was bringt es einem, dasselbe Album wieder und wieder aufzunehmen? Mich würde das nicht befriedigen. Natürlich ist jede Veränderung bezüglich des Sounds ein großes Risiko, man weiß nie, wie die Fans darauf reagieren. Aber bevor wir auf Autopilot schalten und dabei wie viele andere unser Feuer verlieren, nehme ich lieber dieses Wagnis in Kauf. Ohne Mut ist man in diesem Geschäft sowieso fehl am Platz.

Und davon besitzt ihr eine ganze Menge, sonst hättet ihr es nicht von den hinterletzten Kaschemmen auf die größten Open Airs geschafft.
Normalerweise werde ich nicht nostalgisch, aber wenn ich zurückblicke, macht mich schon stolz, was wir bisher erreicht haben. Und alles kam von Herzen. Ich hoffe, das merken die Leute, denn egal ob 30 oder 30.000 vor der Bühne stehen, wir nehmen jede Show ernst.

Diese Einstellung hört man auch auf C’MON TAKE ON ME. Man merkt, dass in jeder Note Gefühl steckt.
Dankeschön. Wir gingen diesmal ohne konkrete Vorstellungen in die Songwriting-Phase. Früher gab es immer einen Plan, wo die Reise hinführen sollte, und wir werkelten teilweise ewig an den Stücken. Spontaneität war bei C’MON TAKE ON ME das Zauberwort. Manche Songs hatten gerade mal fünf Tage auf dem Buckel, bevor wir sie im Studio eintüteten.

Die Wahl des Mixers scheint jedoch weniger spontan gewesen zu sein, denn ihr habt euch einen bekannten Mann ins Boot geholt…(lacht) Als Randy Staub auf der Bildfläche erschien, brachte uns das noch mal auf ein ganz neues Level – immerhin ist das der Typ, der bei Mötley Crüe und dem BLACK ALBUM von Metallica an den Reglern saß.

C’MON TAKE ON ME wurde nach der Fertigstellung doch sicher ähnlich ausschweifend gefeiert wie SPLIT YOUR LIP, als du mit zuviel Jägermeister in der Sauna landetest, oder?
(lacht) Zuerst muss ich betonen, dass ich mich diesmal an alles erinnern kann, was passiert ist! Anstatt ein Hotel auf den Kopf zu stellen, kochte ich zu Hause für die ganze Mannschaft und alles fing wirklich zivilisiert an. Was soll ich sagen, nach dem Essen tranken wir bis sieben Uhr am nächsten Morgen und irgendwann standen zwei Rentiere vor der Tür! Wenn ich auf dem Land leben würde, hätte mich das wenig gewundert – aber mitten in der Stadt? Ich dachte schon, dass ich der einzige sei, der sie sieht. Zum Glück waren die anderen aber genauso erstaunt über unsere Besucher. (lacht)

 

Dee Snider: Die 13 Lebensweisheiten des Twisted-Sister-Frontmanns

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Nach 40 Jahren ließen Twisted Sister den letzten Vorhang fallen. Doch bevor sie das Gebäude verließen, blickte ihr Sänger mit dem Maschinengewehr-Mundwerk zurück und resümierte, was ihn das Leben an der Rock‘n‘Roll-Front gelehrt hat.

Dee Snider nimmt nie ein Blatt vor den Mund. Ob er in den 80ern beim Reading Festival oder Monsters Of Rock das Publikum be­­drohte oder alte (Manowar, Hanoi Rocks) wie aktuelle (Gene Simmons, Paul Stanley, Edward Van Halen und zahllose andere) Fehden führte: Der Twisted-Sister-Frontmann kennt die Bedeutung des Wortes „Filter“ nicht.

Während die Band ihre finale Welttournee plant, erzählt die neue Dokumentation „We Are Twisted Fucking Sister“ von ihrem Aufstieg aus den kleinen Clubs in die Oberliga. Hier verrät uns der 61-Jährige, wie er tickt.

1. Nur Loser geben auf

Unser Film beginnt damit, dass wir 1982 in der britischen Fernsehsendung „The Tube“ auftreten. Die meisten werden nicht wissen, dass wir uns von unseren Freunden und Familien – sowie von örtlichen Club-Besitzern in Form von zukünftigen Einnahmen – Geld leihen mussten, um nach England zu kommen. Das war wirklich unsere letzte Hoffnung. Wir hatten zehn Jahre lang in jeder beschissenen Spelunke im Nordosten der USA existiert, bevor der durchschnittliche Rockfan von uns gehört hatte. Wenn also Leute be­­haupten, dass wir Glück hatten, können sie mir einen blasen. Waren wir dumm? Vielleicht. Aber war unser Erfolg Zufall? Natürlich nicht. Mit dem Kopf immer wieder gegen die Wand zu rennen, ist kein Zufall, sondern eine ganz bewusste Entscheidung.

2. Bewahre dir immer deinen Sinn für Humor

Nach so vielen Beinahe-Durchbrüchen sagt im Film Jay Jay [French; Gitarrist] halb im Scherz voraus, dass das Flugzeug abstürzen würde, in dem ein interessierter Labelboss aus England anreisen würde, um uns zu signen, oder dass unsere Anlage ihm auf den Kopf fallen würde. Wir waren so pessimistisch geworden. Die Namen der Plattenfirmen, mit denen wir zu tun hatten, sagten eigentlich alles – Handshake Records, X Records, Kamaflage, und dann Secret. Secret Records nahmen uns also unter Vertrag und ließen Pete Way von UFO unser Debüt UNDER THE BLADE produzieren. Und natürlich ging das Label kurz nach dessen Erscheinen bankrott. Noch eines dieser Desaster, die Twisted Sister verfolgten.

3. Ein Mangel an Optionen macht dich fokussierter

Es waren zwei wichtige Dinge, die uns durchhalten ließen. Erstens die absolute Gewissheit, dass wir Recht hatten und der Rest der Welt Unrecht. Die Absagen häuften sich an, doch die Fans gaben uns täglich unser Selbstwertgefühl, wenn sie an jedem Abend der Woche Schlange vor den Clubs standen, um uns zu sehen. Das bedeutete uns viel mehr als die Meinung eines Typen, der nicht mal sein Büro verließ, um uns anzuhören. Aber zweitens: Was waren unsere Optionen? Aufgeben und im Lager eines Kaufhauses arbeiten? Wir verdienten immerhin genug Geld, um gerade so unsere Rechnungen zu bezahlen, und der Hunger auf den Erfolg war immer noch da.

4. Ruhm ist ein totaler Mindfuck

Als der große Durchbruch kam, hat mich das total verändert. Der Ruhm brachte in jeder Hinsicht meine schlimmsten Seiten zum Vorschein, weil ich endlich bestätigt worden war, also wusste ich es besser als alle anderen. Er gab mir die Genehmigung, die Gedanken und Gefühle anderer völlig zu missachten. Schlag die Definition von „Größenwahn“ nach – das bin ich. Plötzlich stritt ich mich mit jedem in meiner Welt. Meine Arroganz führte fast zur Trennung von meiner Frau und Freunde wandten sich von mir ab.

5. Tipper Gore hat mich unterschätzt

Twisted Sister wurden als eine Band bezeichnet, die Amerikas Moral gefährdet. Aber ich ließ mir nichts gefallen von Tipper Gore und ihrem Parents Music Resource Centre. Sie hielten ›We‘re Not Gonna Take It‹ für gewalttätig, also setzten diese selbsternannten Richter des guten Geschmacks es auf eine Liste von 15 Songs, die sie anstößig fanden. Im September 1985 wurde ich gebeten, bei einer Anhörung im Senat in Washington zu sprechen. Sie hielten mich zwar für einen Idioten, aber ich bin doch einigermaßen in­­telligent. Da wurden komplette Lügen vorgetragen, also war es ein Kinderspiel. Ich stürzte mich auf die Chance, den harten Rock‘n‘Roll zu vertreten, und zerlegte sie und ihre lächerlichen Anschuldigungen komplett. Hey, das hätten andere genauso gut wie ich gekonnt, Gene Simmons oder Blackie Lawless wären toll gewesen. Oder Nugent, als er noch etwas zahmer war. Es gibt ein paar ziemlich kluge Köpfe im Rock‘n‘Roll. Ich bin nur froh, dass sie mich ausgesucht hatten und nicht Vince Neil.