Das letzte Wort: Justin Hayward im Interview

Justin Hayward InterviewIn den letzten Jahren mag er vermehrt als Solokünstler in Erscheinung getreten sein. Für die Welt wird Justin Hayward dennoch auf ewig die Stimme der Moody Blues sein. Erst kürzlich wurde jene visionäre Band, die im Musikkanon immer noch zu wenig Aufmerksamkeit bekommt, mit allen Ehren in die Rock And Roll Hall Of Fame aufgenommen. Danach war der 71-jährige Engländer erst einmal wieder ausgiebig in Europa unterwegs – mit eigenen Songs und vielen Stücken der Moody Blues. Das stört ihn nicht. Im Gegenteil: Der Künstler, der mit ›Nights In White Satin‹ eine der größten Balladen des 20. Jahrhunderts geschrieben hat, umarmt seine musikalische Vergangenheit und ist vollkommen zu Recht stolz auf sie.

Du wurdest erst vor wenigen Wochen an der Seite von den Dire Straits und der 2003 verstorbenen Nina Simone in die Rock And Roll Hall Of Fame in Cleveland aufgenommen. Was hat dir das bedeutet?
Deutlich mehr, als ich mir je hätte träumen lassen! Die Zeremonie fand in einer riesigen Arena statt, die Fans schwenkten Banner und es herrschte eine euphorische, festliche Atmosphäre. Es werden ja jedes Jahr nur sechs Künstler aufgenommen, das ist natürlich durchaus et­­was Besonderes – auch für die Fans, de­­nen unsere Musik so viel bedeutet. Dazu kommt, dass ich als riesiger Buddy-Holly-Fan natürlich besonders ergriffen war, nun dieselbe Ehre zu erfahren wie er oder die großartigen Everly Brothers. Mal ganz zu schweigen von Nina ­Simone, die ein riesiges Vorbild für mich war.

Das warst du aber auch. Wann wur­de dir das erste Mal bewusst, dass The Moody Blues vielleicht nicht die bekannteste Rockband der 60er sind, dafür aber durchaus die Stimme einer Generation waren?
So etwas bekommt man immer erst später mit – wenn überhaupt. Es ist richtig, dass wir für eine gewisse Zeit durchaus so etwas wie ein Sprachrohr waren, doch uns ging es immer nur um die Songs. The Moody Blues waren nie eine Band, die auf Single-Erfolge abzielte oder von den Menschen angebetet werden wollte. Wir hatten außerdem das große Glück, ein Label auf unserer Seite zu haben, das uns letztlich einfach machen ließ, was wir wollten.

Mal abgesehen von einer kurzen Pause in den 70ern waren die Moody Blues nie getrennt. Was macht es mit einem Menschen, wenn er bald drei Viertel seines Lebens in ein und derselben Band spielt?
Für mich ist es so, als würde ich ein riesiges Gesichts-Tattoo tragen, auf dem „The Moody Blues“ steht. Weißt du, es gab eine Zeit, da störte mich das. Zu Beginn der 70er-Jahre hingen wir immer nur zusammen herum, waren im Studio, auf Tour, im selben Hotel. Deswegen nahmen wir uns ein paar Jahre lang eine Auszeit. Heute weiß ich, dass es ein Privileg ist, wenn die Menschen dich mit einer bestimmten Band verbinden. Sicher, ich bin auch Solokünstler, sicher, in meiner Nachbarschaft bin ich für manche einfach der Typ, der mit seiner Gitarre auf der Bühne steht. Aber ich bin eben auch der Sänger, Gitarrist und Komponist der Moody Blues.

„The Moody Blues waren nie eine Band, die auf Single-Erfolge abzielte oder von den Menschen angebetet werden wollte.“

Das spürt man auch bei deinen Solokonzerten, bei denen immer viel Moody-Material dabei ist. Wie fühlt es sich an, die alten Songs zu spielen?
Musik hat die Macht, die Zeit zurückzudrehen. Wenn ich alte Stücke spiele, fühle ich sofort wieder, was ich damals fühlte. Ich weiß, wann und wo ich den Song schrieb, ich weiß, wo er aufgenommen wurde. Dieses Gefühl genieße ich sehr.

Und wie ist die Geschichte zu ›Nights In White Satin‹? Es kursieren ja diverse Geschichten…
Ich war noch sehr jung, als ich diesen Song schrieb. 19, vielleicht 20. Damals lebte ich mit unserem Schlagzeuge Graeme Edge und unseren beiden Freundinnen in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Ich kam gerade von einem Konzert nach Hause und wusste, dass wir am nächsten Tag ein Studio gebucht hatten. Das Problem war nur: Außer mir hatte niemand etwas Neues geschrieben und selbst ich war mit dem Song noch nicht ganz fertig. Also saß ich auf der Bettkante auf den Satinlaken, da muss es schon früher Morgen gewesen sein, und schrieb die beiden Strophen des Liedes. Es waren einfach nur Gedankenfragmente, vollkommen ungeordnet und nach meiner damaligen Ansicht auch nicht unbedingt sinnvoll. Erst viel später fiel mir auf, dass ich wirklich viele Briefe geschrieben hatte, die ich nie abschicken wollte („Letters I’ve written – Never meaning to send“) – und dass ich immer daran geglaubt habe, dass jeder am Ende der ist, der er sein will („Just what you want to be, you will be in the end“).

Auf deinem letzten Soloalbum SPIRITS OF THE WESTERN SKY hast du dann aber auch gezeigt, dass du immer noch gerne etwas Neues ausprobierst. Wie kam es denn zu diesem Country- und Bluegrass-Schwerpunkt?
Wie ich schon sagte, hege ich größte Bewunderung für die Everly Brothers, trage diese Musik also schon lange in mir. Initialzündung war aber das Projekt The Moody Bluegrass, bei dem einige Nashville-Musiker un­­sere Songs im Bluegrass-Stil coverten. Auf ihrem zweiten Album war ich auch als Gast dabei und war so angefixt von diesem Sound, dass mich das nicht unerheblich beeinflusste. Nach meiner aktuellen Tour geht es für mich auch wieder zurück nach Nashville, um weiteres Material mit den Jungs aufzunehmen. Es fühlt sich großartig an und eröffnet mir eine vollkommen neue Welt.

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