Metallica: …AND JUSTICE FOR ALL

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Metallica: …AND JUSTICE FOR ALL

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„Ich war so fertig“, sagte Newsted mehr als zehn Jahre später. „Ich war so enttäuscht, als ich den finalen Mix hörte. Das habe ich dann mehr oder weniger verdrängt, wie Leute das nun mal tun bei solchem Scheiß. Wir waren total heiß, es lief blendend für uns. Also machte ich einfach mit und blickte nach vorne. Was hätte ich auch tun sollen? Verlangen, dass es neu abgemischt wird?“ Es seien eben „immer noch eigenartige Gefühle im Spiel“ gewesen. „Das erste Mal, dass wir für ein richtiges Metallica-Album im Studio sind, und Cliff ist nicht dabei.“

Er arbeitete alleine mit dem Tontechnik-Assistenten Toby Wright und verwendete dieselbe Ausrüstung wie bei den Auftritten. „Es wurde keine Zeit auf De­­tails verschwendet wie ‚Du platzierst dieses Mikro hier, und das klingt besser als das… solltest du ein Plektrum verwenden oder mit den Fingern spielen?‘ Nichts von alledem, wie ich es heute kenne.“ Er nahm drei oder vier Songs pro Tag auf, bei denen er „im Wesentlichen James’ Gitarrenparts verdoppelte“, und verbrachte in den drei Monaten, die der Rest der Band mit Rasmussen arbeitete, weniger als eine Woche alleine im Studio. „Heutzutage würde ich normalerweise einen Tag für einen Song brauchen. So mache ich das bei Alben… Aber damals wusste ich nichts über den ganzen Scheiß. Ich habe es einfach gespielt und das war’s, nicht wahr?“
Mike Clink sagt, das Fehlen des Basses war schon ein Problem, als er noch mit ihnen arbeitete. „Sie ließen nicht genug Platz im Klangbild, um den Bass einzubauen. Aber das war ihr Konzept, und ich denke, das wäre anders gelaufen, wenn Cliff dabei gewesen wäre. Doch das neue Mitglied schien nichts zu melden zu ha­­ben. Ich denke, Jason war in dem Moment einfach nur glücklich, dazusein. Er sagte, glaube ich, einfach nur: ‚So ist es nun mal, lasst uns das Beste daraus machen‘. Und dann ist da noch der Klang der Gitarre. Sie nimmt viel Platz im Spektrum ein. Doch das war letztendlich die Entscheidung der Band und des Mixers.“

Rasmussen sagt dasselbe über den Mix. „Ich habe das Album aufgenommen, also weiß ich, dass darauf ein genialer Bass gespielt wurde.“ Doch genau wie Clink war Flemming nicht für den Mix zuständig. Diese Aufgabe fiel dem Produktionsteam aus Mike Thompson und Steven Barbiero zu, die zuvor schon für Whitney Houston, Madonna, die Rolling Stones, Prince und Cinderella gearbeitet hatten – und APPETITE FOR DESTRUCTION von Guns N’ Roses abgemischt hatten.

JUSTICE wurde im Mai 1988 in den Bearsville-Studios in Woodstock gemixt, wo James und Lars Thompson und Barbiero im Nacken saßen. In einem damaligen Interview mit „Music & Sound Output“ bestätigen die Kommentare von Lars und James auf jeden Fall die Behauptungen von Clink und Rasmussen, dass sie und nicht die Produzenten die wahren Architekten des Sounds der Platte waren.

Auf die Frage, wie sie sich von MASTER unterscheide, antwortete Hetfield. „Trockener… Alles ist ganz vorne, es gibt nicht viel Reverb oder Echo. Wir haben uns die größte Mühe gegeben, damit das, was auf dem Tape landete, genau das war, was wir wollten, damit der Prozess des Abmischens so einfach wie möglich werden würde.“

Beide Musiker wollten nicht, dass es wie RIDE THE LIGHTNING klang, wo „Flemming in einem Reverb-Rausch war.“ Noch vielsagender war Hetfields Antwort auf die Frage, was sie aus dem „direkten, rohen“ Sound der GARAGE- DAYS-EP gelernt hatten: „Wir lernten, dass der Bass zu laut war.“ „Und wann ist der Bass zu laut?“, warf Lars ein. „Wenn man ihn hören kann!“, sagten sie gemeinsam und lachten.

Was auch immer die Wahrheit sein mag, waren Metallica schon wieder auf Tour, als das Abmischen in Woodstock begann, und zwar mit der US-Version des Monsters-Of-Rock-Festivals: 25 Termine in Amerikas größten Stadien vor mehr als 90.000 Menschen pro Abend. Metallica standen an vierter Stelle im Line-up unter den Headlinern Van Halen, den Scorpions und Dokken.

Ich reiste damals mit der Band zu den ersten beiden Shows in der Miami Orangebowl und dem Tampa Stadium. „Das muss die leichteste Tour sein, die wir je gemacht haben“, sagte mir Lars mit einem Lachen. Man konnte sehen, was er damit meinte. Metallica traten zwar mitten am Nachmittag auf, doch sie galten als die heiße neue Band der Tournee und das Publikum war durchweg ekstatisch. Angesichts eines nur 40-minütigen Sets hatte man zudem auch ungewöhnlich viel freie Zeit zur Verfügung. „Ich trinke, seit ich heute Morgen aufgewacht bin“, verkündete James mit einem Rülpsen, bevor sie in Tampa auf die Bühne gingen.

Da gab es schon bei jedem Konzert eine kleine Gruppe „harter Häschen“, wie sie sie nannten – Mädchen, die nackt in den Duschen warteten, Mädchen in Bikinis, denen sie am Vorabend Pässe gegeben hatten und an deren Namen sie sich schon nicht mehr erinnern konnten, und die Freundinnen männlicher Fans, die der Band fast schon ritualistisch angeboten worden waren. „Ich konnte nicht begreifen, warum ich plötzlich schön sein sollte“, sagte Kirk. „Niemand hatte mich je zuvor so behandelt.“ Kirk und Lars koksten nun auch häufiger. Lars vor allem, weil „es mir ein paar Stunden mehr zum Saufen gab“, Kirk, weil es ihn aus seinem Schneckenhaus holte. Und weil es ihm gefiel, total high zu sein und dabei Horrorfilme zu sehen, manche im Fernsehen, andere, die sich live vor seinen Augen in seinem Hotelzimmer abspielten.

Doch der größte Säufer war immer noch James, der sich immer wieder eine halbe Flasche 70-prozentigen Jägermeister genehmigte. Er stand auch auf Wodka, trank aber mittlerweile immerhin eine bessere Marke: Absolut. „Diese ganze Tour war für mich ein einziger Nebel“, sagte er später. „Es war ziemlich übel, später in einige dieser Städte zurückzukehren, denn da waren so einige Väter, Mütter, Ehemänner und Freunde, die nach mir suchten. Nicht gut. Die Leute hassten mich und ich wusste nicht, warum…“

Doch er gab zu, dass es alles andere als lustig war, wenn er so betrunken war, und dass er gewalttätig wurde. „Es gab die fröhliche Phase. Dann wurde es hässlich, wenn die Welt am Arsch war und ich alle hasste. Ich wurde… zum Clown, dann zum Punk-Anarchisten, der alles zertrümmern und Menschen verletzen wollte. Es gab Prügeleien – manchmal mit Lars. So wurden Animositäten kanalisiert, durch Schubsen und Rempeln, ich warf Sachen nach ihm… Er will ständig im Mittelpunkt stehen und das nervt mich, weil ich das auch will. Er ist da draußen und umgarnt die Leute mit seinem Charme. Also werde ich furchteinflößend sein, damit sie mich auf diesem Weg respektieren.“

Unterdessen wuchs der Hype um die Band mit jedem weiteren Auftritt. Als bekannt wurde, dass die Metallica-T-Shirts sich mit Ausnahme des offiziellen Event-T-Shirts besser als alle anderen verkauften, nahmen sogar die Headliner Van Halen von ihnen Notiz. Deren Frontmann Sammy Hagar machte viel Aufhebens darum, dass er an beiden Abenden, die ich mit ihnen verbrachte, persönlich bei ihnen vorbeischaute.

…AND JUSTICE FOR ALL erschien schließlich am 5. September, just als MASTER OF PUPPETS offiziell zum Platinseller erklärt wurde. Dafür hatte es 18 Monate gebraucht – JUSTICE würde in nur neun Wochen die Million in den USA schaffen und stieg bis auf Platz 6, die bislang höchste Chartposition der Band. In Großbritannien, wo das Album Platz 4 erreichte, waren die Kritiken durchweg positiv. Bei der Plattenfirma machte man sich jedoch ernsthafte Sorgen. Dave Thorne, der A&R-Mann von Metallica bei Phonogram, verbrachte viel Zeit damit, das Album „vor einer großen Anzahl von Leuten innerhalb des Labels zu verteidigen, die bei mir an die Tür klopften und sagten: ‚Diese Platte ist scheiße, was ist da los?‘“

Trotzdem war die „Damaged Justice“-Tournee in Europa ausverkauft. Die größte Überraschung dabei war die neue Bühnenshow, ihr erster Versuch, etwas Aufwendiges auf die Beine zu stellen, inklusive einer sechs Meter hohen Replik der gefesselten Freiheitsstatue mitsamt verbundenen Augen vom Albumcover. Sie wurde – nach Iron Maidens Eddie – Edna getauft und brach jeden Abend nach dem endlosen Höhepunkt von ›…And Justice Of For All‹ melodramatisch zusammen, wobei der Kopf abfiel wie in einer Guillotine.

Es war die Ära, in der solche Theatralik im Heavy Metal akzeptiert war, angeführt von Maidens allgegenwärtigem Eddie, der nun jeden Abend zur Zugabe zum Leben erweckt wurde, und Dios noch albernerem Drachen (Spitzname: Denzel), den Ronnie James Dio auf der Bühne „niederrang“. In diesem Umfeld war Ednas allabendlicher Kollaps beinahe würdevoll. Dennoch konnte es unfreiwillig komische „Spinal Tap“-Momente geben, z.B. wenn die Statue einfach ganz blieb, nur der Kopf abfiel und ins Publikum rollte oder nur ein halber Arm sich löste, sanft baumelte und dann auf das Schlagzeugpodest purzelte.

Was das Album aber wirklich in die Stratosphäre katapultierte, war der Erfolg von ›One‹, als es im Februar 1989 als Single veröffentlicht wurde.
Das Video, aufgenommen in einer brachliegenden Lagerhalle in Long Beach, war ein umwerfendes Stück visueller Kunst. Die Filmszenen aus „Johnny zieht in den Krieg“ mit Jason Robards wurden zusammengeschnitten mit nackten, stroboskopblitzenden Bildern der Band, die den Song spielt. Der Clip erreichte das, was keine ihrer Platten oder Live-Shows, mit oder ohne Cliff, bislang erreicht hatte: sowohl ihren Ruf als musikalische Innovatoren zu festigen und sie dabei auch als echte Mainstream-Rockstars zu etablieren.

Die ungeschnittene Fassung war acht Minuten lang, doch ebenso wie bei der Single gab es auch einen TV-Edit ohne die Filmszenen und die letzten beiden Minuten des Songs. Dennoch stand das Video in so krassem Gegensatz zu den damals vorherrschenden Trends im Rock, dass ein MTV-Manager zu Cliff Burnstein sagte, dass man es nur in den Nachrichten zeigen würde. Tatsächlich feierte die Langversion ihre MTV-Premiere bei „Headbangers Ball“ am 22. Januar 1989 – und wurde sofort zum meistgeforderten Video des Senders.

Im Februar wurde ›One‹ die erste Metallica-Single, die je die US-Top-40 knackte, und erreichte Platz 35, während sie in Großbritannien gar auf Platz 13 kam. ›One‹ wurde in noch einer Hinsicht bahnbrechend für die Band, als es das Interesse der Grammy-Granden weckte und sie auf die Nominierungsliste der neu geschaffenen Kategorie „Best Hardrock/Metal Performance Vocal Or Instrumental“ gesetzt wurden.

„›One‹ zeigte uns, dass Dinge, die wir für böse gehalten hatten, nicht so böse waren, wie wir dachten“, sagte Lars, „solange wir die Dinge auf unsere Art machen.“ Die Grammy-Verleihung fand am 22. Februar im Shrine Auditorium in Los Angeles statt, wo die Band eingeladen wurde, ihren vieldiskutierten Song auch live zu spielen. Es war ein großer Moment, das erste Mal überhaupt, dass eine richtige Heavy-Metal-Formation bei den Grammys auftrat – auch wenn es nur die kurze Fünf-Minuten-Fassung war.

In Schatten gehüllt und so spärlich beleuchtet, dass sie fast schwarzweiß aussahen, lieferten Metallica eine überwältigende Performance ab. Kirk gab später zu, „sehr nervös“ gewesen zu sein, vor all diesen Anzugträgern zu spielen. „Wir waren wie Diplomaten oder Vertreter dieses Genres.“ Es folgte jedoch große Empörung, als der Grammy unerklärlicherweise an Jethro Tull für ihr Album CREST OF A KNAVE ging – eine Entscheidung, die so unerwartet kam, dass kein Mitglied von Jethro Tull anwesend war, um den Preis entgegen zu nehmen.

Doch Metallica ließen sich nichts an­­merken und taten so, als sei die ganze Sache unter ihrer Würde. Sie schlugen sogar vor, das Album mit einem Aufkleber zu versehen: „Grammy Award Losers“. Doch hinter verschlossenen Türen war Lars stinksauer. „Seien wir doch ehrlich, sie haben Mist gebaut“, sagte er mir. „Jethro Tull die beste Heavy-Metal-Band? Fucking come on!“

Im Mai traf ich sie wieder in Japan bei zwei Shows im Yoyogi Olympic Pool in Tokio. Zu dem Zeitpunkt waren sie schon fast ein Jahr auf Tour gewesen, doch abgesehen von James’ Magenproblemen, die er mit Unmengen von Sapporo-Bier und heißem Sake bekämpfte, schienen sie gut drauf zu sein. Das Geld hatte zu fließen begonnen und sie wohnten zwar nicht mehr zusammen, gingen aber immer noch als eine Gang aus – zumindest auf Tour.

Spätabends gingen sie ins Lexington Queen, ein bekannter Treffpunkt für Rockbands seit den Tagen von Led Zeppelin und Deep Purple, wo man angeblich einen Drink umsonst bekam, wenn man nur den Namen von Gitarrist Ritchie Blackmore erwähnte. Ich saß beim Essen mit den vier zusammen und hörte zu, wie sie über die neuen Häusern sprachen, die sie entweder gerade gekauft hatten oder bald kaufen würden, über gute Ratschläge von ihren Buchhaltern, die in jenem Jahr bereit für ihre Rückkehr als künftige Millionäre waren.

Der Wohlstand war aber immer noch neu genug für sie, um so zu tun, als wäre er ihnen egal. Lars jammerte, dass er immer noch in einem „beschissenen Honda“ herumfuhr, und James in einem Pickup. Doch ich sah sie immer nur in den Li­­mousinen und dem Privatjet, mit denen sie sich auf Tournee in den USA bewegten – dasselbe Flugzeug, das schon Bon Jovi und vor ihnen Def Leppard benutzt hatten. „Wir stecken einiges von dem Geld in unsere Transportmittel auf Tour“, sagte Lars, „denn wir sind lange unterwegs und das macht die Sache einfach leichter.“ Doch je mehr er redete, desto mehr kicherten die anderen und schnitten Grimassen. „Was ist mit dem Haus, das du gerade gekauft hast?“, neckte ihn Kirk. „Wo ist es, auf einem Berg?“. Lars warf ihm einen giftigen „Halt’s Maul“-Blick zu.

Wie sich herausstellte, war sein Haus so weit oben auf einem Hügel gelegen, dass er überlegte, einen Aufzug installieren zu lassen, nur damit die Leute zu seiner Haustür gelangen konnten. „Tu es“, sagte ich. „Wenn du es dir leisten kannst, warum zum Teufel nicht?“ „Yeah“, sagte er, „du hast Recht. Ich werde es tun…“ Und er tat es dann auch.

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