Lemmy Kilmister: Er spielte Rock’n’Roll

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Doch Lemmy war auch loyal und äußerst ehrenhaft. Nachdem er die Metallica-Doku „Some Kind Of Monster“ gesehen hatte, machte ihn nur der Gedanke an den sogenannten „Performance Enhancement Coach“ Phil Towle wütend. „Ich wollte ihm den fucking Hals umdrehen. Er hat ihnen nur das Geld aus der Tasche gezogen. ‚Wollt ihr, dass ich noch etwas länger bei euch bleibe?‘ Er ging nicht, bis ihr Geld weg war. Was für ein Wichser.“

In den letzten Monaten seines Le­­bens, als die zunehmende Schwäche seiner körperlichen Hülle zu immer mehr Konzert- und Tourneeabsagen führte, war er zerrissen. In Bezug auf einen komplett absolvierten Gig in St. Louis, Missouri, sagte er in seinem letzten Interview mit CLASSIC ROCK: „Es herrschte ein Gefühl von ‚na Gott sei Dank‘. Es ist scheiße, wenn man die Leute enttäuschen muss. Ich hasse es, wenn es alles deine Schuld ist, y’know? Auch wenn ich leider nichts daran ändern kann.“

Lemmy wollte einfach nur so lange wie möglich Rock’n’Roll spielen, und glücklicherweise erfüllte sich dieser Wunsch. Wie soviele Männer seiner Ge­­­neration hatte er Probleme damit, seine Gefühle auszudrücken. Er heiratete nie, und eine Beziehung mit Gil Weston, der verstorbenen Ex-Bassistin von Girlschool, war eine seiner ernstesten, auch wenn er ebenso mit deren Gitarristin Kelly Johnson ausging (die 2007 starb). Als er von uns ging, hatte er eine Freundin namens Cheryl, die bei ihm wohnte und bei seiner Ge­­denkfeier untröstlich war.

Vielleicht war er aufgrund seiner eigenen Vaterprobleme so immens stolz auf seinen Musikersohn Paul Inder Kilmister, den er erst traf, als er sechs Jahre alt war. „Allein, damit er erfährt, was er mir bedeutet, war der Film [die Leinwand-Autobiografie „49% Motherfucker, 51% Son Of A Bitch“] es wert, gemacht zu werden. Paul ist ein guter Junge und spielt wie ein Dämon. Er klingt tatsächlich wie Hendrix.“

Mit ihrem letzten halben Dutzend Alben zeigten sich Motörhead in einer Topform, die wohlwollend mit den Klassikern aus der Drei-Amigos-Ära verglichen wurde, doch Lemmys Ge­­sundheit schwand zusehends. Nachdem ihm ein Defibrillator eingesetzt worden war, wurde der letzte Auftritt in Wacken nach sechs Liedern abgebrochen und eine Europatour abgesagt. Er musste die meisten seiner Lieblingssachen aufgeben oder stark einschränken, inklusive Jack Daniel’s und Zigaretten.

„In meinen 25 Jahren bei Motörhead habe ich Lemmy nie mit Husten oder einer laufenden Nase erlebt, und dann rannte er vor drei Jahren plötzlich ge­­gen eine Wand“, erzählte Mikkey Dee bei der Beerdigung. Doch das Touren wollte er nicht aufgeben. Sein letztes Interview mit CLASSIC ROCK war eine unangenehme, leicht verstörende Erfahrung. Als ich ihn fragte, ob er seinen Frust in Worte fassen könne, feuerte er selbst mit einer Frage zurück: „Wie alt bist du nun, Dave?“ „52“, antwortete ich. „Yeah“, sagte er mit einem etwas makabren Lachen, „dann geht’s dir noch gut. Wenn du mal die 60 er­­reichst, geht es abwärts. Alle glauben, es sei einfach, alt zu werden, aber man denkt nie so richtig darüber nach. Es ist ein ziemlicher Schock. Aber die Sache ist nun mal, dass ich mich dem nicht ergeben will.“

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