Joan Baez im Interview: Der letzte Friedensmarsch

Dennoch ist heutzutage das Gros der Musiker insbesondere im Pop-Bereich alles andere als politisch aktiv. Verurteilen Sie eine solche Haltung?
Verurteilen kann ich sie nicht, denn das würde nichts bringen. Doch ich kann darüber sprechen, warum es mir so wichtig ist, mich für diese Dinge einzusetzen – und das tat ich erst kürzlich, bei meiner Aufnahme in die Rock And Roll Hall Of Fame. Mein Aktivismus gab meinem Leben erst einen Sinn, mein Aktivismus brachte mich dorthin, wo ich heute stehe. Diese Dinge bedeuten etwas. Meine Schwester Mimi tat etwas ganz Ähnliches, als sie noch lebte: Sie sorgte in Krankenhäusern und Hospizen für musikalische Unterhaltung und spannte regelmäßig Leute dafür ein, die so etwas zuvor noch nie gemacht hatten. Durch die Bank alle waren danach begeistert, wie gut es sich anfühlte, etwas mit Bedeutung zu tun. Man muss es eben nur mal ausprobieren.

Joan Baez 2018

Wo sehen Sie heute Künstler, die Ihrer Rolle ebenbürtig sind?
Oh, die gibt es überall. Es gibt auch heute Künstler, die wichtige Musik machen. Menschen, die auf Märschen spielen, die ihre Stimme einsetzen. Das einzige, was ihnen fehlt, ist eine Hymne. Eine Hymne, die all diese hunderttausenden Demonstranten vereinigt und die alle singen können.

Warum schrieben Sie nicht eine?
Oh, ich wünschte, ich könnte. Aber erstens habe ich seit einem Vierteljahrhundert nichts geschrieben und zweitens kann man eine Hymne nicht einfach aus dem Hut zaubern. Sie muss ganz natürlich entstehen. Viele Menschen mögen vielleicht etwas zu sagen haben, doch ihnen fehlt das Talent. Und die, die das Talent haben, haben nicht unbedingt etwas zu sagen. Eine verzwickte Situation. (lächelt)

Anstatt selbst zu komponieren, haben Sie es immer schon vorgezogen, die Stücke anderer Künstler und Weggefährten zu interpretieren – Bob Dylan, Tom Waits, die Beatles, die Rolling Stones. Warum eigentlich? Sie haben immerhin mehr als oft genug bewiesen, dass Sie auch selbst Songs schreiben können.
Das ist auch für mich immer noch ein Ge­­heimnis. Ich höre einen Song – und spüre förmlich, dass ich ihn spielen will, dass ich ihn mit meinem Leben füllen will. Manchmal klappt das – und manchmal muss ich ihn auch wieder aufgeben. Wo und wann und wie das entschieden wird, ist mir ein Rätsel.

Ihre Stimme hat sich im Verlauf Ihrer Karriere hörbar gewandelt. Fiel es Ihnen leicht, diese neue, tiefere und etwas raue Tonlage zu finden?
Das war alles andere als leicht. Die letzten 20 Jahre waren eine große Herausforderung für meine Stimme. Die Stimmbänder ermüden und werden steif, wie der Arm eines Tennisspielers. Es braucht immer mehr Zeit und Arbeit, um sie in Form zu halten. Das ist wahrscheinlich auch der Hauptgrund, warum ich dieses Jahr das letzte Mal in einen Bus steige und teilweise drei Nächte hintereinander singen werde. Als ich um die 30 war, fragte ich meine Gesangslehrerin, woran ich merken würde, dass es an der Zeit wäre, mit dem Singen aufzuhören. Und sie sagte: Deine Stimme wird es dir sagen. Ich muss allerdings betonen, dass ich den Klang meiner Stimme mittlerweile sehr mag. Auch wenn es sehr viel Kraft kostet, ein ganzes Konzert zu singen.

Treten Sie immer noch gern auf?
Das tue ich. Ich liebe meine Musik, ich liebe mein Publikum und meine Tour-Familie. Ob mir das alles fehlen wird? Vielleicht. Nein, ziemlich sicher sogar. Doch ich freue mich schon darauf, mehr Zeit für die Malerei zu haben.

Sehen Sie diese Songs auf Ihrem vielleicht letzten Album WHISTLE DOWN THE WIND deswegen als Ihr finales Statement zur aktuellen Weltlage?
Das ist diesmal so und das war auch schon immer so, ja. Darin bin ich immer noch ich, auch nach all den Jahren. Ich fürchte, meine Erwartungen an die Menschheit waren nie besonders hoch. Und doch bin ich heute angewidert und enttäuscht, obwohl ich eigentlich gar nicht schockiert sein dürfte.

Sie sagten einmal, Sie seien kein Pessimist, sondern ein Realist. Dieser Tage scheint es keinen großen Unterschied zwischen diesen beiden Einstellungen zu geben.
Das Interessante ist: Ich bin fest entschlossen, nicht unglücklich zu sein. Wenn ich nun also eine fleißige Pessimistin werde, ende ich mit einer ausgewachsenen Depression. Aber wenn Sie mich fragen, ob ich der Meinung bin, dass meine Enkelkinder ein sorgenfreies Leben führen können, dann muss ich verneinen. Die Frage ist also: Wie kann ich dennoch ein glückliches Leben führen? Wie kann ich lieben, wie kann ich für andere da sein, wie kann ich lachen und tanzen, wie kann ich die Welt verändern?

Wie?
Indem ich einfach weitermache. Und gegen alle Hoffnung hoffe.

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