Jesse Malin: Um Haaresbreite ein Superstar

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Jesse Malin: Um Haaresbreite ein Superstar

Selbst ein Duett mit Bruce Spring­steen konnte den hochtalentierten New Yorker nicht aus der Geheim­tipp-­Ecke holen. Jetzt nimmt er mit seinem Album SAD AND BEAUTIFUL WORLD neuen Anlauf – und ist zuver­sichtlich, wovon wir uns im Zoom-­Inter­view überzeugen konnten. Auch sein neues Album SAD AND BEAUTIFUL WORLD ist: super! 18 tolle Songs. Mal mit folkiger Neil-Young-Melancholie versehen, mal wird tadellos gerockt, das nächste Mal serviert der New Yorker schmissigen 80er-Pop à la Blondie. Ob so oder so: Seine Songs sind zwingend, rund und dazu makellos interpretiert. Da stellt sich die Frage: War um kennt kaum ein Mensch diesen dunkelhaarigen, schlaksigen, schlauen und schlagfertigen Kerl? Noch immer nicht? Wo doch Jesse Malin mit seinen 54 Lenzen auf sage und schreibe 42 Jahre Profi-Musikerkarriere zurückblicken kann.



„Es stimmt, was in Wikipedia über mich steht“, sagt er, in seinem mit Büchern und Schallplatten und Krims-Krams vollgepackten New Yorker Appartement sitzend bei unserem Zoom-Interview, „mit zwölf Jahren hatte ich meine erste Band: Heart Attack. Und mit 14 ging ich mit der Truppe auf Amerika-Tournee.“ Mit 14? Da durfte er doch noch nicht mal einen Live-Club betreten, und ein Bier nach dem Gig trinken schon gar nicht. „Haha, doch, doch“, schallt es aus New York, passend unter malt von einer in seine Wohnung dröhnenden, immer lauter werdenden Polizeisirene, „damals gab es längst noch nicht so viele Regeln und Verordnungen. Ich habe überall mein Bier bekommen .“ Mehr als das. Er hat schon in jungen Jahren seinen Traum des Profi-Musikers gelebt. Seine Mutter, selbst eine leidenschaftliche aber völlig erfolglose Sängerin, hat ihn dabei unterstützt.

Sein Dad: war nie da. Er hatte freie Bahn. Und so gründete der New Yorker Knirps eine Band nach der anderen, spielte hier und da, freundete sich mit ruhigeren Folk-Klängen an und gründete eine Band
mit seinem Kumpel Ryan Adams. Trotzdem: der große Wurf wollte sich ums Verrecken nicht einstellen. Kommt da nicht Frust auf? „Ehrlich gesag t bin ich zunächst einmal total dank bar für mein Leben: Ich habe tolle Phasen in meiner Karriere erlebt, ich habe treue Fans, ich muss mich nicht in einem nine-to-five-Job verbiegen. Ich kann Musik machen, kann die Welt bereisen und bekomme über all Freibier, so schlecht ist das nicht“, lacht er auf, um nach ein paar nachdenklichen Momenten auch die Kehrseite seiner Vita nicht zu verschweigen: „Ich fühle mich immer noch als Newcomer, der es beweisen muss. Mit jeder neuen Platte. Manchmal habe ich schon Tage, da denke ich mir, ich suche mir einen Job als Gebrauchtwagenverkäufer. Aber ich glaube, jeder hat seine tristen Montage.” Er hatte aber auch ein paar ganz fantastische Samstage und Sonntage. Einen davon erlebte er im Jahr 2007, als er – unglaublich, aber wahr – ein Duett mit dem Boss , mit Bruce Springsteen einsang. Noch unglaublicher ist die Entstehungsgeschichte dieses Duetts: „Bruce hat mein Album THE FINE ART OF SELFDESTRUCTION gehört und mich angerufen. E s hat i hm gefallen und er hat gesagt : ,Wenn du bei deiner nächsten CD
etwas mit mir machen möchtest, dann melde dich‘.“

Hat er gemacht. Und der Boss hat Wort gehalten. Ergebnis ist die schöne, Malins verstorbener Mutter gewidmete Ballade ›Broken Radio‹. Im Video, das auf YouTube immer noch fleißig gestreamt wird, geben Jesse Malin und Bruce Springsteen ein großartiges, prima harmonierendes Zweigespann ab. „Das war schon toll , ein echter Samstag-Plus-Tag”, erinnert er sich. Mit Springsteen sei er immer noch in Kontakt. Sporadisch. Erst kürzlich hätten die zwei telefoniert. Wer weiß, vielleicht kommt es ja zu einem weiteren Duett. Und vielleicht startet Jesse Malin ja doch nochmal durch. Verdienen würde er es, so viel steht fest.

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