Hole: PRETTY ON THE INSIDE

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Hole: PRETTY ON THE INSIDE

Selbst gemessen an dem voller Überraschungen steckenden Jahr 1991 waren nicht viele Menschen bereit für den Hurricane namens Courtney, der erbarmungslos wütete und alles auf den Kopf stellte. Courtney Love, eine personifizierte Naturgewalt, trieb sich schon eine Weile in der West-Coast-Szene herum, hatte mit Kat Bjelland die Band Pagan Baby in Portland gegründet, später dann die Babes In Toyland. Die beiden akquirierten Schlagzeugerin Janis Tanaka und Bassistin Jennifer Finch, die später dann bei den ebenso prägenden L7 einstiegen. Nachdem sie es als Schauspielerin versucht und sich ihr Geld als Stripperin verdient hatte, zog
Love 1988 nach Los Angeles und suchte per Annonce nach einer Band. „Meine Einflüsse sind Big Black, Sonic Youth und Fleetwood Mac.“ Gitarrist Eric Erlandson, Bassistin Jill Emery und Drummerin Caroline Rue vervollständigten das Line-up, die genannten Einflüsse sind auf dem brutalen und einschneidenden Debüt deutlich spürbar. Loves Liebe zu Sonic Youth, der Truppe, die den Weg für so viele Alternative-Bands geebnet hatte, zahlte sich aus, als Kim Gordon zustimmte und PRETTY ON THE INSIDE zusammen mit Gumball-Frontmann Don Fleming co-produzierte. Sie enttäuschte die beiden nicht und entfesselte die Form von roher Energie, die Holes ruppigstes, punkigstes und textlich gesehen aggressivstes Album ausmachten und es dadurch wie Lichtjahre entfernt von dem kalifornischen Pop der späten Malibu-Ära klingen ließ.

Es war absolut kompromisslos. Love schreit sich die Seele aus dem Leib, ist angriffslustig und verletzlich zur selben Zeit. Ihre furchteinflößende, kaputte Stimme zimmerte sie sich mit Whiskey und Kettenrauchen
zusammen – nicht unbedingt gesund, aber es funktionierte – und war so besessen von den Songs, dass sie sich während des Singens die Klamotten vom Körper riss. „Courtney war großartig“, erzählt Fleming seitdem. „Sie war der leidenschaftlichste Mensch, den ich je getroffen habe. Sie wollte das beste Album aller Zeiten machen. Ich mag diese Haltung im Studio.“ Ihr Geheul wurde von Erlandsons gequälten, mahlenden Gitarren unterstützt – absichtlich hässlich und fast schon schmerzhaft beim Anhören. Diese Platte ist organisiertes Chaos par excellence, der perfekte Rahmen, um textlich die weibliche Sexualität in all ihrer unordentlichen, widersprüchlichen Pracht zu erkunden – voller Selbsthass, Trauma und dem gesellschaftlichen Druck, als Frau einfach nur „lieb“ zu sein. ›Teenage Whore‹, überraschenderweise ein kleinerer Hit im UK, zeichnet die Geschichte einer jungen Protagonistin nach, die mit ihrer Mutter kämpft, weil diese sie emotional nicht annehmen konnte. Es ist wunderbar schrecklich und brodelt durch eine toxische Kombination aus Selbsthass und Trotz, wobei unter all diesen Schichten voller Dreck auch Melodien heraushörbar sind. Love köderte ihre Gegner von Tag eins an – auf ›Sassy‹ hört man eine wütende Anrufbeantworter-Nachricht von Inger Lorre von den Nymphs, die sie über ihren fürchterlichen Ruf in Los Angeles informiert.

›Clouds‹ hingegen ist ein nicht mehr wiedererkennbares Cover von ›Both Sides Now‹, einem Song, der durch Joni Mitchells süß-melancholische Version bekannt gemacht und hier in eine Spirale aus Wut und Lärm verdreht wurde. Love selbst bezeichnet PRETTY ON THE INSIDE als „nicht anhörbar“ und meint: „So bin ich eben und ich ziehe auch nicht den Schwanz ein. Ich bezeichne mich selbst als Fo*ze“. Aber dieser abgefuckte Tagebuch- Stil, voller jugendlicher Zweifel und Ängste, machte nicht nur den Weg frei für das leichter rezipierbare LIVE THROUGH THIS, es beeinflusste auch Punks wie Brody Dalle von The Distillers. Bis heute ist es ein Werk voller umwerfender Kraft. Nicht, dass die Sängerin einen Scheißdreck darauf geben würde, was man davon hält.

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