Guns N’ Roses: Live im Münchener Olympiastadion (08.07.)

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Guns N’ Roses: Live im Münchener Olympiastadion (08.07.)

Paradise Munich City

Nachdem die Guns-N’-Roses-Show in Glasgow am Dienstag sehr spontan abgesagt worden war, zitterten Fans aus und um München bis zur letzten Sekunde, ob sie die Gunners an diesem Abend wohl wirklich live erleben würden. Doch nicht nur der Medizin-, auch der Wettergott scheint an diesem Freitag einen gnädigen Tag zu haben und so brennt nicht nur unerwartet die Sonne vom Himmel, auch der angeschlagene Axl Rose erweist seinem Publikum knappe drei Stunden die Ehre.

Doch lange bevor Guns N’ Roses ihr Konzert mit ›It’s So Easy‹ eröffnen, stehen Dirty Honey auf der Bühne und versuchen dem europäischen Publikum ihre in den Staaten bereits begehrte Mischung aus Hard und souligem Vintage Rock, der irgendwo zwischen den Rival Sons und Greta Van Fleet anzusiedeln ist, näher zu bringen. Nach einer beschwingten halben Stunde Set und für 17:15 Uhr wirklich überschwänglichem Applaus aus den vordersten Reihen, stürmt schließlich ein energiegeladener Gary Clarke Jr. auf die Bühne und liefert zusammen mit seiner talentierten und sympathischen Band seine genuine Mischung aus Blues, R’n’B, Soul und Jazz punktgenau ab und gleichzeitig auch den Soundtrack für die Nahrungssuche der Autorin, die sich aufgrund ihrer vegetarischen Vorlieben als nicht ganz so einfach gestaltet.

Bisher wurde der Zeitplan penibel genau eingehalten, wenn alles weiterhin so punktgenau läuft, müssten Guns N’ Roses um 19 Uhr ihre Show beginnen. Dass es dann doch 19:30 Uhr wurde, ist gut verkraftbar, schließlich hatte man sich über den frühen Beginn des Konzertes eh schon gewundert und hat so wenigstens die Chance, einen kleinen Teil des Sets in der ihm gebührenden Dunkelheit bestaunen zu können. Mit Spannung erwartet man vor allem Axl Rose und dessen gesundheitliche und stimmliche Konstitution. Selbiger ist – zumindest im ersten Drittel der Show – angenehm unaufdringlich mit Schmuck und Tand behangen (Axl, steht dir besser, lass das so), springt agil und gut gelaunt über die Bühne und singt – nun ja, wie Axl eben in den letzten Jahren singt. Rose liefert eine solide Performance, die nur bei den CHINESE-DEMOCRACY-Nummern teilweise unerträglich in den Ohren klingelt. Der Velvet-Revolver-Track steht ihm auch nicht so, ansonsten ist er jedoch wirklich gut, auch wenn er sich merklich durch die von seinem jüngeren Ich vorgelegten Stimmfrequenzen quälen muss. Um ihm die nötigen Verschnauf- und Shirt-Wechsel-Pausen hinter der Bühne einzuräumen, singen Duff und Keyboarderin Melissa sowie Dizzy Reed engagiert mit. Die Textsicherheit des Publikums im Front-Of-Stage-Bereich ist ebenfalls hilfreich. Zwischendurch gibt die Band eine coole Version von ›I Wanna Be Your Dog‹ mit Duff am Gesang (sogar Slash singt beim Refrain mit) zum Besten, Slash’s ausufernde Soli tun ihr Übriges, um Rose und seinen angeschlagenen Kehlkopf zu entlasten. Beim upgecycelten ›Absurd‹ merkt man dann, wie gut Axl heute in tieferen Tonlagen zurecht kommt – würden die Gunners endlich ein neues Album aufnehmen, würde es gesanglich wohl größtenteils so klingen. Und das wäre völlig in Ordnung. Natürlich fehlt dem Signature-Rose-Krähen inzwischen die juvenile Leichtigkeit. Ein Schicksal, das fast alle außergewöhnlichen Sänger und Sängerinnen der 70er und 80er Jahre irgendwann ereilt. Ist das schlimm? Nein. Wer übermenschliche Jungbrunnenversprechen von seinen Rockstars fordert, kann die Karten ja auch einfach nicht kaufen. Im Gegensatz zum überaus fitten Duff McKagan und Slash, der sein Zylinder-Alter-Ego auch heute noch perfekt verkörpert, mag Rose stärker gealtert sein. Er hat jedoch auch den Nachteil, dass sein Instrument – anders als bei seinen Kollegen – mit ihm mit altert. Als kleiner Trost an Axl sei gesagt: Slash war auch nicht immer ganz hundertprozentig im Timing. Doch wie meinte mein Nebenmann so schön: „Ist doch scheißegal, so waren Guns N’ Roses schon immer, sloppy Motherfuckers mit Attitüde.“

Ein schöner Moment des fast dreistündigen Konzerts: Als bei ›Civil War‹ groß die Ukraine-Flagge eingeblendet wurde und selbige auch Axls Shirt zierte. Außerdem ein Highlight: die knappe und doch sympathische Bandvorstellung. Als die Nennung von Slash an der Reihe ist und das Publikum prophylaktisch schon einmal ausflippt, wandert Rose gespielt nachdenklich über die Bühne und tut schelmisch grinsend so, als würde ihm der Name seines weltberühmten Gitarristen nicht einfallen. Schließlich geht ihm doch noch ein Lichtlein auf und sachlich meint er: „Slash“. Das Stadion bebt und Slash kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Um 22:30 Uhr ist das Set nach ›Paradise City‹ vorbei und nach einem kurzen Ärgernis, weil man das Mikrofon, das Axl Rose am Schluss in die Menge geworfen hatte, um nur zwei Meter versäumt hat, wandert man selig mit Abertausenden von Guns-N’-Roses-Fans gen Heimat.

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