Grant-Lee Phillips: Die Stimme der Hoffnung

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Grant-Lee Phillips: Die Stimme der Hoffnung

Klanglich gibt sich Grant-Lee Phillips auf seinem neuen Album betont traditionalistisch, inhaltlich allerdings ist der US-Singer/Songwriter nah am Puls der Zeit. Mit ALL THAT YOU CAN DREAM wirft er Schlaglichter auf die persönlichen wie gesellschaftlichen Herausforderungen unserer verwirrenden Gegenwart und versucht sich mit der Idee abzufinden, dass einst unerschütterliche Institutionen nun zerbrechlich oder fehlbar erscheinen.

Anfang des Jahrtausends verkörperte Grant-Lee Phillips in der Fernsehserie „Gilmore Girls“ den Stadt-Troubadour, der an der Ecke stehend für ein paar Cent seine Lieder zu Gehör brachte und gleichzeitig das Geschehen in der Stadt kommentierte. Eine echte Paraderolle für den früheren Frontmann der großartigen Grant Lee Buffalo, schließlich ist der inzwischen 58-jährige Amerikaner seit mehr als 30 Jahren der Inbegriff des altmodischen fahrenden Musikers, der in die Stadt kommt, um sein Publikum mit ulkigen Geschichten und ungemein lebendigen Songs im Dunstkreis von Folk, Country und Americana zu faszinieren.

Durch die Pandemie genau dieser Chance beraubt, widmete er sich daheim in Nashville der Frage, wie er auf sich allein gestellt das Meiste nur aus Stimme und Gitarre machen konnte – und stieß dabei auf Songs mit einem neuen Fokus. „Wenn ich zu Hause bin und nur für mich spiele, blende ich die Gedanken an die Performance aus“, erklärt er. „Ohne das Gefühl, Publikum im Raum zu haben, ist das für mich eher ein nach innen gerichteter Prozess, der in gewisser Hinsicht meinem wahren Ich stärker entspricht.“ Auch wenn Phillips am Ende eine Reihe alter Weggefährten wie Drummer Jay Bellerose und Bassistin Jennifer Condos einlud, die Songs aus der Ferne dezent auszuschmücken, ging es ihm dieses Mal dennoch besonders um den Kern der Sache. „Wenn man Platten produziert, muss man sich vor zu viel Raff inesse hüten“, ist er überzeugt. „Sie hat ihren Platz, aber bisweilen verlierst du genau das aus den Augen, was den besonderen Reiz ausgemacht hat. Mir gefällt der
Prozess des Erkundens. Ich mag es, Fehler zu machen, und schätze die Erkenntnisse, die daraus resultieren.“

Dem entgegen steht einmal mehr die elegante Eloquenz, mit der Phillips seine Gedanken zum Lauf der Dinge in Worte fasst und den Dingen auf den Grund geht. Die Angriffe auf das US-Kapitol im Januar 2021 haben ebenso tiefe Spuren in den Texten der neuen Lieder hinterlassen wie der Brand von Notre Dame und die fragwürdige US-Einwanderungspolitik. Ein Patentrezept, um die immer weiter auseinanderdriftende Welt zu kitten, hat auch Phillips nicht, trotzdem möchte er die Stimme der Hoffnung sein. „Natürlich leben wir in ver-
störenden Zeiten, aber ich bin überzeugt davon, dass uns das am Ende zu besseren Menschen machen wird. Wir haben es selbst in der Hand. Darauf spielt auch der Titel ALL THAT YOU CAN DREAM an: Wenn wir uns die Veränderung erträumen können, wenn wir unsere Aufmerksamkeit darauf konzentrieren können, dann haben wir eine Chance, all den Herausforderungen zu begegnen.“

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