Gitarrenhelden: Gary Moore

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Gitarrenhelden: Gary Moore

Er war der begnadete Gitarrist, der alle Genres beherrschte. „Er erschien nur eben später als all die großen Gitarrenhelden auf der Bildfläche, also erhielt er nie die verdiente Anerkennung“, sagt Bernie Marsden.

Er war einer der größten Rockgitarristen seiner Generation, doch er wandte sich und verzog das Gesicht, wenn man es wagte, ihm das zu sagen. „Ich höre nicht mal mehr Rockmusik“, meinte er mit einem verächtlichen Schulterzucken, als wir das letzte Mal miteinander sprachen, kurz vor seinem Tod 2011. Dass er ein wichtiges Mitglied von Thin Lizzy gewesen war, einer der großartigsten Rockbands aller Zeiten, zählte nicht. „Ich bin zu alt, um mich zu verkleiden“, ätzte er zurück. Aber wenigstens einer
der besten Bluesgitarristen seiner Zeit? „Auch falsch“, bekräftigte er. „B.B. King, das ist ein großartiger Bluesgitarrist. Nicht irgendein weißer Typ aus Belfast.“ Er war nicht unbedingt dafür bekannt, sich
große Mühe dabei zu geben, anderen zu gefallen. Doch genau diese Gleichgültigkeit – Feindseligkeit gar – gegenüber der Meinung anderer war es, die Gary Moore zu einem so eklatant souveränen und unverwechselbaren Gitarristen machte. Und, paradoxerweise, einem der unterschätztesten.

Eric Bell, Moores Vorgänger bei Thin Lizzy und ebenfalls aus Belfast, war ihm erstmals im Alter
von elf Jahren begegnet und sagt heute: „Bei Gary gab es nie halbe Sachen. Wenn wir alleine waren,
war er ein so lieber Kerl, wir lachten und scherzten. Doch wenn er etwas nicht mochte, sagte er schnell: ‚Fuck off!‘“ Dieses „Fuck off!“ bekamen auch Lizzy zu hören, und zwar gleich dreimal. Und das trotz der Tatsache, dass fast alle nennenswerten kommerziellen Erfolge, die Moore je verbuchen konnte, aus seiner Hassliebe zu Lizzy-Kopf Phil Lynott entstanden waren. „Phil war wie ein großer Bruder für mich“, sagte er über die Zeit vor dem Ruhm, als die beiden sich eine kleine Wohnung in Dublin teilten. „Er war
ein solcher Workaholic, man glaubt es kaum.“ Doch das allein war nicht genug, um Moore lange in der Band zu halten. „Gary hatte immer sein eigenes Ding am Laufen“, sagt der einstige Lizzy-Schlagzeuger Brian Downey. „Er sah sich nicht als jemand, der die zweite Geige hinter irgendjemandem spielt, nicht mal hinter Phil.“


Als Moore 1974 Eric Bell ersetzte, galten Thin Lizzy als Eintagsfliege. Es war ihnen nicht gelungen, ›Whiskey In The Jar‹ einen weiteren Hit folgen zu lassen. Moore spielte gerne auf den Demos zu ihrem nächsten Album NIGHTLIFE, doch er war auch schon als Frontmann seiner eigenen Gary Moore Band beschäftigt, deren Album GRINDING STONE die Bandbreite seines Talents zeigte, von Rock und Blues zu Klavierballaden und verträumten Instrumentals à la Santana. Als diese Platte sich nicht verkaufte, während Lizzy mit der neuen Doppelspitze aus Brian „Robbo“ Robertson und Scott Gorham genüsslich
in eine neue Richtung stürmten, stieg Moore beim progressiven Jazzrock-Ensemble Colosseum II ein.
„Gary konnte wirklich ALLES spielen“, sagt sein alter Freund Bernie Marsden, der einstige Gitarrist
von Whitesnake. „Doch dieses ganze Gebiet, wo es mehr Jazz als Rock ist, war wohl der Bereich, wo er sich musikalisch am wohlsten fühlte.“ Es war die Ära des Mahavishnu Orchestra, der Experimente, die eine ganze Vinylseite einnehmen konnten, ein großer Schmelztiegel von Ideen, Risiken und Innovation.

Und es war, jedenfalls im Fall von Colosseum II, ein kommerzieller Flop. Drei äußerst fordernde Alben, drei Bruchlandungen – als die Band sich Ende 1977 auflöste, fand Moore, es sei zu rechtfertigen, dass er, wie er es formulierte, „eine Weile mit Thin Lizzy die Füße hochlege“. Lizzy waren gerade wieder von einem erratischen Gitarristen im Stich gelassen worden – diesmal Robbo, dessen Temperament genauso feurig war wie sein Haar – und Moore war eingesprungen, um ihnen durch eine äußerst wichtige US-Tournee als Vorgruppe von Queen zu helfen. „In Limousinen chauffiert und wie ein Rockstar behandelt zu
werden, war für mich damals definitiv sehr attraktiv“, sagte er. „Ehrlich gesagt, brauchte ich das Geld.“
Aber nicht so sehr, dass er Lynotts Angebot annahm, wieder ein Vollzeitmitglied zu werden. „Für Leute wie Phil war es einfach normal, jeden Abend zu einer Party zu machen. Aber nach einer Weile zerstört mich das.“

„Oh Mann, Gary war so ernst“, sagt Lizzys berühmtester Gitarrist Scott Gorham. „Phil und ich ließen es richtig krachen mit all den Drogen, dem Alkohol und den Frauen. Gary war das komplette Gegenteil. Kein Alkohol, keine Drogen. Es ging ihm nur um die Gitarre, die Musik. Ich erinnere mich, wie wir auf den Bahamas waren. Phil und ich lagen die ganze Zeit in unseren Badehosen am Pool, doch Gary kam in schwarzer Hose, schwarzem T-Shirt an und setzte sich unter einen Schirm. „Gary, mach dich locker. Komm schon, Mann!“ „Nein, ich gehe wieder rein und spiele meine Gitarre.“ „Pfff, na gut.“ Sein Talent wurde jedoch nie angezweifelt. Gorham erinnert sich an ihre erste Probe: „Als er sich die Gitarre umschnallte und zu spielen begann, dachte ich nur: ‚Heilige Scheiße, Mann! Damit soll ich mithalten? Der Typ wird mich total alt aussehen lassen!

1 Kommentar

  1. Meiner Meinung nach einer der begnadetsten und völlig unterschätzten Gitarristen- Musiker in dieser Zeit-Epoche, Da bin ich bei Bernie Marsden der selbst einer der Besten seiner Zeit war und noch immer ist. Alles Musiker, hervorragende Gitarristen die meiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit und Respekt verdient gehabt hätten, sei es von uns Konsumenten oder von den Labels bei denen sie unter Vertrag standen, die man eigentlich nicht als Verträge auf Gegenseitigkeit bezeichnen kann, sondern die einseitig zu Gunsten der Labels und deren Management ausgelegt waren. Das Rock-Musik-Geschäft war und ist ein Hai-Fisch-Becken. Wer da nicht die Übersicht behalten konnte und das konnten leider die wenigsten der Musik-Schaffenden hatte verloren, wurde gnadenlos ausgenutzt, bis heute. Gary Moore war einer der sein Ding machte, versuchte zu machen. Letzt endlich wurde er wie viele andere vor ihm und nach ihm ein Opfer seiner Lebensweise die geprägt war von Stress, Alkohol und den üblen Machenschaften der Musik-Industrie. R.I.P. Gary Moore, Deine Musik, Dein handwerkliches Können an der Gitarre wird uns alle überdauern.

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