Frank Turner: Warum nicht mal wieder Punkrock?

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Frank Turner: Warum nicht mal wieder Punkrock?

Eineinhalb Dekaden lang feierte Frank Turner große Erfolge als Folkrock Troubadour. Mit FTHC kehrt der Brite nun zu seinen Wurzeln zurück. Nach einer langen Reihe von (übrigens fast durchgehend sehr guten!) Scheiben mit meist akustischem Folkrock und zuletzt sogar Elektronik-Experimenten macht der Ex-Frontmann der Post-Hardcore-Veteranen Million Dead nun wieder knackigen Punkrock. „Ich habe schon eine Weile mit einer Rückkehr zu diesem Sound geliebäugelt“, gesteht er. „Wenn die Pandemie nicht gekommen wäre, hätte es aber vielleicht noch zwei, drei Alben gedauert. Aber so hatte ich eine Menge Zeit zum Grübeln und dachte mir irgendwann: ‚War um nicht jetzt?‘. Dann legte ich einfach los.“ Einer der Auslöser dieses Gedankens war ein Punk-Festival in Slowenien im Sommer 2019, bei dem Turner und seine Band auftraten. „Bevor wir auf die Bühne gingen, lief ich ein wenig herum und schaute mir das Treiben auf dem Gelände an“, erinnert er sich. „Ich fühlte mich augenblicklich wie zu Hause und realisierte, dass dies meine Leute sind – Typen wie ich einer war und im Grunde bis heute einer bin. Kurz danach kam dann die Anfrage einer meiner ewigen Heldenbands, NOFX, ob ich nicht Lust hätte für ein Split-Album ein paar ihrer Songs zu covern, während sie eine Handvoll meiner Kompositionen aufnahmen.“


Die daraus im Sommer 2020 entstandene, WEST COAST VS. WESSEX getaufte Disc machte Turner so viel Spaß, dass er nun beschloss, für sein nächste eigenes Werk unverändert gefühlvolle, aber auch wieder deutlich deftiger zur Sache gehende Nummern aufzunehmen. Ein großartiger Einfall wie FTHC – das Kürzel steht übrigens für „Frank Turner Hardcore“ – zeigt. Enthalten sind viele mitreißende, sowohl intellektuell wie emotional bewegende Lieder. Die meisten davon bieten einen Blick in Turners Seelenleben. ›Haven’t Been Doing So Well‹, ›My Bad‹ oder ›Farewell To My City‹ etwa sind autobiografischer Natur ohne dabei in eine plumpe oder gar selbstgefällige Nabelschau abzugleiten. Vielmehr dürfte so gut wie jeder von uns hier die eigene Situation zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben wiedererkennen. Diese Art des „persönlich Universellen“ war schon immer eine der großen Stärken des sympathischen Künstlers.

Aus den 14 Songs des neuen Longplayers stechen ›Fatherless‹ und ›Miranda‹ besonders heraus. In ihnen beleuchtet Turner die Beziehung zu seinem Vater. ›Fatherless‹ handelt davon, wie er sich als von seinem jähzornigen, gefühlskalten Erzeuger in ein Internat abgeschobenes, mit psychischen Problemen alleingelassenes Kind von ihm abwandte und dann als Erwachsener lange keinerlei Kontakt zu ihm pflegte. In ›Miranda‹ geht es dagegen um die Gegenwart: „Nach Jahren der Entfremdung teilte er mir plötzlich mit, dass er eine Gender-Transition begonnen hätte. Mittlerweile ist mein Vater eine Frau und eine nahezu komplett andere Person – rücksichtsvoll, verständnisvoll, liebevoll. Ich habe ihr den Song vorgespielt und ich glaube, sie genießt diese Form der Aufmerksamkeit sogar ein wenig. Jedenfalls können wir uns zum ersten Mal seit Dekaden wieder normal unterhalten und sogar zusammen lachen.“

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