ELVIS PRESLEY: Der Messias

VON TUPELO NACH MEMPHIS

„Das habe ich nie gesagt“, erklärte Sam Phillips, der Gründer von Sun Records in Memphis, zeitlebens immer wieder und bezog sich auf das geflügelte Wort, man gebe ihm einen Weißen, der wie ein Schwarzer singen kann, und er werde Millionen verdienen. Und damit sind wir schon mittendrin in der Mythen- und Legendenbildung rund um den King. Doch wie heißt es so schön: Ist die Geschichte besser als die Wahrheit, dann erzähl die Geschichte. Und überhaupt: An die Wahrheit zu kommen, gleicht dem Versuch, Wasser in einem Tuch nach Hause zu tragen. Überliefert ist aber immerhin dies: Dass es Marion Keisker war, Sam Phillips’ Sekretärin und Vorzimmerdame, die Elvis’ Talent erkannte und ihn entdeckte. „Guter Balladensänger“, vermerkt sie nach einem Vorsingen in den Sun Studios, „im Auge behalten“, und notiert sich die Anschrift des jungen, gutaussehenden Mannes mit der Tolle und den Koteletten. Eine Handlung mit Folgen, auch wenn es die Sekretärin nicht ahnt.

Denn Aufbruch und Rebellion liegen keineswegs in der Luft. Ruhe und eine dumpfe Gelassenheit herrschen im Süden der Vereinigten Staaten, alles hat seine Ordnung. Farbige (die man noch straffrei Nigger rufen darf) sitzen hinten im Bus, der Ku-Klux- Klan geht weitgehend unbehelligt seinen rassistischen Neigungen nach, Bigotterie und Fortschrittsgläubigkeit, wohin man auch sieht, und aus den Radios und Juke-Boxes tönen glattgebügelte Nummern von Frank Sinatra, den Chordettes und Johnny Ray. Was Marion Keisker, die Sun-Records- Sekretärin, nicht ahnt: Die Sozialisation des jungen Mannes, den sie als guten Balladensänger einstuft, vollzog sich für einen im Süden der USA aufwachsenden Weißen ein wenig anders als üblich.

Die Eltern des späteren King, Gladys und Vernon Presley, sind arm. Bitterarm sogar. In den USA herrscht 1935 immer noch die Wirtschaftskrise. Als Sohn Elvis zur Welt kommt, ist Mutter Gladys Näherin und Vater Vernon fährt Milch aus. Von seinem Arbeitgeber Orville Bean hat er ein Grundstück und Holz zugewiesen bekommen, mit dem er eigenhändig ein Zwei-Zimmer- Häuschen mit Außenklo zimmert, das allerdings Eigentum des Arbeitgebers bleibt und für das die Presleys Miete bezahlen.

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