Elton John: Captain Fantastic

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Elton John: Captain Fantastic

Im August 1970 gab Elton John, noch völlig unbekannt in den USA, sein Live-Debüt auf amerikanischem Boden im Troubadour in Los Angeles, einem Club mit einem Fassungsvermögen von 300 Zuschauern. Dieser eine Auftritt begeisterte das Publikum und erwies sich als entscheidender Wendepunkt in seiner Karriere.

Bei einer Umfrage des britischen Musik-Wochenblatts Record Mirror wurde Elton John 1970 in der Kategorie „Vielversprechendster Pop-Act des Landes“ auf den fünften Platz gewählt. Doch selbst dieses minimale Versprechen schien sich zunächst nicht einzulösen. Seine ersten Singles hatten es in den Charts nicht weit gebracht, und auch sein Debütalbum, EMPTY SKY, hatte nur wenig Eindruck hinterlassen. Der selbstbetitelte Nachfolger lief dann zwar wesentlich besser und erreichte Platz 5 in Großbritannien, doch seine Konzerte fanden hauptsächlich an Universitäten und in kleinen Clubs statt. Noch entmutigender angesichts der Tatsache, dass seine Singstimme ziemlich unverhohlen Richtung amerikanischer Akzent tendierte, war, dass alle US-Labels außer einem darauf verzichteten, ihm einen Vertrag anzubieten. Das Interesse an Elton war sogar so gering, dass UNI Records, ein Ableger von MCA sowie die Heimat von Neil Diamond und sonst praktisch niemandem, ihn für einen Vorschuss von exakt null Dollar an Land ziehen konnte. Eltons Geschäftsführer, der mächtige Musikverleger Dick James, stand schon kurz davor, das Handtuch zu werfen, doch machte einen allerletzten Versuch und investierte
weitere 10.000 Dollar, um ihm in den USA zum Durchbruch zu verhelfen.

„Zunächst war die Idee, dass ich mit Jeff Beck im Troubadour auftrete“, sagte Elton. „Ich hatte ihn in London getroffen und mich bestens mit ihm verstanden. Doch Jeffs Manager schritt ein und sagte, weil Jeff schon so groß in den Staaten war, würde ich zehn Prozent bekommen und er 90. Er sagte zu meinem Manager Dick: ‚Jeff bekommt an manchen Orten 10.000 Dollar pro Abend und Elton würde sechs Jahre brauchen, um so weit zu kommen‘. Da saß ich also, war mit dem Deal einverstanden und dachte: ‚10.000 Dollar pro Abend, wow!‘ Und dann hörte ich, wie Dick sagte: ‚Hör zu, ich garantiere dir, dass dieser Junge innerhalb von sechs Monaten so viel verdienen wird!‘ Ich dachte nur: ‚Dick, du bist ein dummer alter Sack!‘ Also wurde nichts aus der Sache mit Jeff Beck und ich schmollte.“ Doch dann kam überraschend eine Allianz britischer und amerikanischer Industriegrößen zusammen, die fest entschlossen waren, Elton John gegen alle Widrigkeiten zu einem Star zu machen. In London ließ zum Beispiel Eltons Booking-Agent Vic Lewis die transatlantischen Telefonkabel rauchen, um Auftritte in den USA zu ergattern. Eltons persönlicher Manager Ray Williams erinnert sich an lächerliche Angebote wie 50 Dollar für eine Show in New York.

Ein Hoffnungsschimmer in der Finsternis war Travis Michael Holder, Talent-Koordinator für den winzigen, aber wichtigen Club Troubadour in Hollywood. Holder erinnert sich an wiederholte Diskussionen mit dem Besitzer des Clubs, Doug Weston, „über mein Interesse daran, einem jungen britischen Unbekannten namens Elton John, den
ich im Jahr zuvor in einem Studio in England getroffen hatte, wo er ›Your Song‹ aufnahm, für seinen ersten Auftritt in den USA zu buchen“. Obwohl Weston bekräftigte, dass sein Talent-Koordinator keine Ahnung hatte, was er da tat, buchte Holder Elton als Support für Jerry Jeff Walker. Weston genehmigte es, aber berüchtigt für die harten Deals, die er schmiedete, handelte er Eltons Trio auf magere 500 Dollar für acht Gigs in einer Woche herunter. Für Holder war es ein kalkuliertes Risiko. Er wusste, dass Walker gerade mit Hochdruck an der Fertigstellung eines Albums arbeitete, und setzte darauf, dass die Buchung verschoben und Elton dann zu Headliner-Status befördert werden würde. „Ich weiß nicht, ob Doug meinen Schachzug je ganz begriffen hat“, sagte er, „aber die Publicity um diesen einen historischen Auftritt brachte dem Troub großes Prestige ein – und meinem Arbeitgeber neuen Respekt für mich.“ Mit dem Engagement im Troubadour für sechs Abende in der Tasche überzeugte Dick James MCA davon, die Hälfte der Kosten für eine Reise in die USA beizusteuern, und Vic Lewis machte sich daran, noch eine Handvoll weitere Termine zu buchen, darunter sechs Abende im Troubadour North in San Francisco, ein Abend im Playboy Club in New York und zwei in The Electric Factory in Philadelphia.

Und so kam es, dass Ende August vom Flughafen London Heathrow ein Flugzeug Richtung Los Angeles abhob,
mit Elton, Schlagzeuger Nigel Olsson, Bassist Dee Murray, Eltons Texter Bernie Taupin, Produzent Steve Brown,
Coverdesigner David Larkham, Tourmanager Ray Williams und Roadie Bob Stacey an Bord. Der Flug kam am Sonntag, den 23. August 1970, an, nur zwei Tage vor Eltons erster Show im Troubadour. „Wir waren nach Los Angeles geflogen“, beklagte Elton später, „13 Stunden über den Nordpol in diesem Jumbo-Jet, kamen an und fanden diesen dicken fetten Bus vor … ‚Elton John ist angekommen!‘ und sowas …“ Elton war ohnehin nervös, wie gut seine relativ unerfahrene Band vor dem anspruchsvollen Publikum in L.A. ankommen würde, und war nun
noch beunruhigter darüber, welche Erwartungen seine Ankunft in einem Londoner Doppeldecker-Bus schüren würde. Norm Winter, der überschwängliche Pressesprecher von UNI Records, bestätigte das: „Wir holten ihn in
einem authentischen englischen Bus ab, im Ernst. Ich mietete diesen strahlend roten englischen Bus, einen Doppeldecker, und brachte ein großes Schild daran an: ‚Elton John ist angekommen‘. Das haute ihn um. Er fand es wirklich toll.“ Es haute ihn in der Tat um, aber nicht unbedingt so, wie Winter sich das offenbar vorstellte. „Ich fand das extrem peinlich“, sagte Elton im Rolling Stone. „Alle duckten sich und versuchten, sich unterhalb der Fenster zu verstecken. Ich weiß nicht, das kam mir wie ein billiger Trick vor. Ich konnte es wirklich nicht glauben, ich dachte nicht, dass das passiert. Ich meine, ich bin ein großer Fan von Dingen, die geschmackvoll ausgeführt werden … aber Doppeldecker-Busse fallen nicht darunter.“

In der BBC-Dokumentation „The Making Of Elton John“ erinnerte sich Schlagzeuger Nigel Olsson: „Wir kamen am Sunset Strip an und es war wie eine Parade. Es war einfach unglaublich. Die Sonne Kaliforniens und überall die hübschen Mädchen. Es war großartig.“ An Bord des Busses dauerte es zwei Stunden, bis sie ihr Hotel erreichten, das Continental Hyatt House, wo Elton unter dem Namen William A. Bong eincheckte. Doch obwohl sie von dem
langen Flug ausgelaugt waren, hatten sie keine Zeit, um sich auszuruhen. „Nachdem wir eingecheckt hatten, wurden wir wieder eingesammelt und ins Troubadour verfrachtet, wo The Dillards spielten … Sie waren grandios, sie beeindruckten mich sehr“, erinnerte sich Elton.

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