Ronnie James Dio: Kleiner großer Mann

Das andere Kernstück des Albums, ›Rainbow In The Dark‹, war definitiv ein Gemeinschaftswerk. Das Riff stammte von einem Sweet-Savage-Stück namens ›Lady Marianne‹. „Wir spielten es Ronnie vor und er fing sofort an, die Melodie dazu zu singen“, so Campbell. „Und dann ging Jimmy an seine kleine Yamaha und kam mit dem Keyboard-Motiv rum. Das fucking Stück war in zehn Minuten geschrieben.“

Augenscheinlich funktionierte die Zusammenarbeit gut. Für das krachende ›Straight Through The Heart‹ spielten Bain, Campbell und Appice mit einem Riff herum, das der Bassist von den Wild Horses mitgebracht hatte, bis Dio die Melodie dazu beisteuerte. Der Klang des donnernden ›Invisible‹ dagegen kam viel zufälliger zustande. „Wir hatten eins der Riffs“, erinnert sich Appice. „Dann kamen wir am nächsten Abend rein, rauchten einen ganzen Haufen Gras und der Soundmann spielte das Band rückwärts ab. Es fing an und wir saßen alle lachend da und sagten, ‚Du Arschloch!‘ Aber dann sagten wir, ‚Warte mal, das klingt gut!‘ Also lernten wir das Riff schließlich rückwärts. Und das ist der andere Teil von ›Invisible‹. Das Riff einmal vorwärts und einmal rückwärts.“
Eine völlig stressfreie Umgebung war es jedoch nicht. „Wenn Ronnie zu den Proben kam, war immer mehr Anspannung im Raum“, so Campbell. „Er war der Boss. Er brachte jede Woche die Löhne mit und zählte sie in Bargeld ab – dann ließ er uns bis in die Morgenstunden proben, weil er wusste, dass wir es eilig hatten, in einen Club zu gehen und die Kohle auszugeben.“

Trotz solcher Probleme war HOLY DIVER ein sofortiger Klassiker: ein modernes Metal-Album, das auch auf Zeppelin, Lizzy und natürlich Rainbow Bezug nahm. „Es ist eins der Dinge, auf die ich am stolzesten bin“, sagte Ronnie, als wir Jahre später darüber redeten. „Das waren tolle Songs, großartig interpretiert.“
Aber während es musikalisch gut lief, wurde die Saat für den Zerfall des Original-Line-ups schon längst gesät. Für Bain war ein weiteres Anzeichen dafür, dass etwas faul war, die Entscheidung – von Ronnie allein getroffen –, die Band Dio zu nennen. „Ich dachte, es ist ein beschissener Name“, sagt er. „Es wäre mir lieber gewesen, sie hätten die Band The Carpets genannt als Dio.“ Laut Wendy wurde der Name aus rein praktischen Gründen ausgewählt. „Weil Ronnie damals einen Solo-Plattendeal hatte, war es schlichtweg einfacher, es so zu machen“, sagt sie. „Und ohne die anderen kleinmachen zu wollen, war es ja wohl Ronnies Name, der die Platte verkaufen würde, und zu der Zeit stand das Label eigentlich überhaupt nicht hinter uns. Wir mussten alles in unserer Macht Stehende tun, um es zu schaffen. Und wenn es funktionierte, würden alle davon profitieren.“

Und wie es funktionierte. Mit einem typischen Metal-Cover, auf dem ein Teufel und ein ertrinkender Priester zu sehen waren, erschien HOLY DIVER am 25. Mai 1983 zu stehenden Ovationen von Fans und Medien – was die im selben Jahr erschienenen Alben von Ronnies alten Bands Rainbow und Black Sabbath nicht gerade von sich behaupten konnten. Ein Jahr später bekam es in den USA die Gold-Auszeichnung. „Wir ahnten nicht, dass es sich so gut verkaufen würde, wie es dann letztlich der Fall war“, so Wendy. „Nach allem, was wir durchgemacht hatten, all den Hindernissen, kein Geld zu haben, und dann passierte es plötzlich…das war fantastisch. Kein ‚Ich hab‘s euch doch gesagt‘, sondern vielmehr ‚Ich hab‘s euch gezeigt!‘“

Die erste Tour als Dio begann im Juli 1983 in der Convert Barn in Antioch, Kalifornien (Kapazität: 3000). „Ich werde es nie vergessen“, so Campbell. „Jimmy kam bei ›Invisible‹ zu mir rüber und wollte sich auf mich stützen, genau in dem Moment, als ich mich wegdrehte, also fiel er von der Bühne. Doch er ließ sich davon nicht durcheinander bringen. Er war kurz weg, aber dann ging‘s weiter.“ Tatsächlich war Bain am Beginn eines gewaltigen Absturzes. Als der älteste und erfahrenste der drei Musiker, die Dio rekrutiert hatte, ärgerte ihn vor allem die fehlende Anerkennung für die Rolle der Band in der Entstehung von HOLY DIVER – vor allem von Ronnie und Wendy. „Ich bin nicht als Leiharbeiter eingestiegen, sondern unter dem Eindruck, dass wir eine richtige Band sein würden“, sagt er heute. „Ronnie hatte immer die Kontrolle, ja“, entgegnet Wendy. „Aber wir hatten alles finanziert. Sie hatten ihren Vorschuss bekommen, ob sie arbeiteten oder nicht. Und sie bekamen alle ihre Tantiemen, und bekommen sie bis zum heutigen Tag. Darüber sprechen sie natürlich nicht. Lass es mich so sagen: Die Band hieß Dio. All diese anderen Leute waren unbekannt.“

Als Ronnie nach London flog, um Videos für ›Holy Diver‹ und ›Rainbow In The Dark‹ zu drehen, flog auch Bain mit zurück und lud Campbell in sein Haus in Richmond ein. Das einzige Problem dabei war, dass der Rest der Band gar nicht in den Videos zu sehen sein sollte. „Der einzige Grund dafür, warum Jimmy und ich im ›Rainbow In The Dark‹-Video sind, ist, dass wir unerwünscht auftauchten“, so Campbell. „Es war Jimmys Idee. Er war echt sauer. Wir fuhren nach Soho, wo sie das Video drehten, tranken ein Bier und liefen dann rum. Der Regisseur sagte: ‚Großartig! Ihr solltet beim Video dabei sein!‘ Also ließen sie ein paar Instrumente auftreiben. Ronnie war natürlich nicht gerade begeistert, aber wir dachten, fuck it. Er sagte nichts, er sah uns nur mit diesem Blick an.“

Trotz aller Probleme hielt das erste Dio-Line-up noch zwei weitere Alben lang durch (THE LAST IN LINE von 1984 und SACRED HEART von 1985), obwohl Campbell und Bain ihre Unzufriedenheit zunehmend zum Ausdruck brachten. Es gab keine Raufereien, kein gegenseitiges Anbrüllen, aber jene Saat, die bei der Entstehung von HOLY DIVER gesät worden war, trug nun ihre Frucht. Laut Campbell kam alles auf Ronnies gebrochenes Versprechen zurück, dass Dio eine Band von Gleichberechtigten sein würden und nicht nur seine Backing-Gruppe. „Als wir HOLY DIVER machten, hatte Ronnie es so gesagt: ‚Natürlich wird das meine Band sein, die ich finanziere, also streiche ich die ganze Kohle ein, aber bis zum dritten Album werden wir eine gerechte Lösung finden‘“, so der Gitarrist. „Das führte zu meiner Entlassung, weil ich ihm damit auf die Nerven ging, ihn ständig daran erinnerte. Ronnie wurde wie ein wütender Vater. Wir fühlten uns in der Gesellschaft des anderen nicht mehr wohl.“
Campbell stieg 1986 nach einem Streit über einen Vertrag bei Dio aus. Jimmy Bain blieb trotz seiner Kritik an den herrschenden Verhältnissen bis 1990 dabei und kehrte sogar von 1999 bis 2004 zurück. Vinny Appice, Dios stets loyaler Leutnant, stieg zur selben Zeit wie Bain aus und kehrte seinerseits von 1993 bis 1998 zurück (er spielte bei Heaven & Hell Schlagzeug).
Dio hatte zweifellos seine Eigenheiten. Er war sehr sensibel, was seine Größe und sein Alter betraf. Und, wie Jimmy bemerkt, er hatte Probleme aufgrund der Vergangenheit. „Er hatte immer einen Knacks wegen der Tatsache, dass er mit Ritchie Blackmore und Tony Iommi gearbeitet hatte, Gitarristen, die die Band angeführt hatten, bei der er nur der Sänger war, und dass er alles auf seine Art machen würde, sobald er die Chance bekäme“, so Bain. „Ich wusste nur nicht, dass er es ihnen fast exakt gleich tun würde.“

„Sie sagen, dass sie die ganzen Songs geschrieben haben“, erwidert Wendy. „Sie brachten alle Riffs und Bruchstücke von Musik zu Ronnie, die dann zu einem Lied wurden. Es macht mich ein bisschen wütend, denn Ronnie war fair zu ihnen. Sie wollten gleichberechtigte Bandmitglieder sein und genauso viel Geld wie er bekommen. Und es tut mir leid, aber dazu sagte ich Nein. Ronnie hat die Kritik dafür einstecken müssen, aber ich war da die Böse. Ronnie hätte es wahrscheinlich getan.“
Es gab böses Blut, als Ronnie noch lebte, und es ist auch nach seinem Tod im Mai 2010 nicht komplett versiegt. Doch jene Sturheit, die teilweise der Grund für diese Probleme war, gab Ronnie gleichzeitig auch seine größte Stärke: seine Entschlossenheit, es zu schaffen, egal, wie groß die Hindernisse waren. „Ronnie war ein Arbeitstier“, so Campbell. „Ich fand ihn furchteinflößend. Und nein, ich finde immer noch nicht, dass wir fair behandelt wurden, was das Geld oder später auch die Musik betraf. Aber er war ein fucking fantastischer Sänger und HOLY DIVER ist immer noch ein fucking fantastisches Album. Und ich bin stolz, sagen zu können, dass ich dabei geholfen habe, es mit ihm zu machen. Das sind wir alle.“

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