Die wahren 100 besten Alben der 80er: Platz 59

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59
Fleetwood Mac
MIRAGE
WARNER, 1982

Zeitzeugen: „Fleetwood Mac haben sich nie als große Denker ausgegeben. Doch wie ‚E.T.‘ ist MIRAGE ebenso ein freudvoller Lichtblick im Entertainment von 1982: Es klingt toll am Morgen und wunderschön bei einem Sonnenuntergang mit Wein.“ („Rolling Stone“)

Christine McVie blickt bedeutungsvoll-einladend, während sie ihre Hand auf Lindsey Buckinghams Schulter legt. Sie berührt dabei fast die linke Hand seiner temperamentvollen Ex-Freundin Stevie Nicks, während diese ihre andere Hand in seine legt und sich in seinen Armen zurücklehnt, um zu tanzen. Buckingham seinerseits sieht wie ein Bild brütender Romantik aus, der Heathcliff von Hollywood, komplett in Schwarz gekleidet, während dunkle Schatten über allen dreien liegen. Er sieht McVie mit einem vorwurfsvollen Blick an, der schon fast abweisend ist. Mick Fleetwood und John McVie stehen unterdessen verloren im Hintergrund dieses Albumcovers von MIRAGE, dem Millionenseller von Fleetwood Mac, den man am ehesten vergessen haben könnte. Doch die Botschaft an potenzielle Käufer 1982 war klar: hereinspaziert in den Mac-Zirkus für noch mehr Verstrickungen à la RUMOURS.

„Oh ja, genau – das war es, was es ausdrücken sollte“, sagt Christine McVie. Wir sitzen in einem Penthouse-Zimmer in den West-Londoner Büros des dankbaren langjährigen Labels der Band, Warner. Sie trägt eine graue Netzjacke und knöchelhohe Stiefel im Leoparden-Look – eingelebte Glamour-Akzente für eine 73-jährige Rock-Königin, die immer noch Birmingham-Dialekt spricht und nie groß Aufhebens macht. Sie hält die LP-Hülle der neuen, um viele Outtakes erweiterten Reissue von MIRAGE in der Hand und denkt über den damaligen Zustand der Band nach.

„Ich versuche hier, mich an John [McVie] zu erinnern“, sagt sie. „Ich denke, er trank damals immer noch wie ein Loch. Und er“ – sie zeigt auf Mick Fleetwoods Gesicht – „war komplett durchgedreht. Ich bin sicher, ich habe damals viel getrunken, aber ich nahm keine Drogen. Er [Buckingham] rauchte Marijuana. Und Stevie war auf … irgendetwas. Alle nahmen dies oder jenes. Aber ich kann mich an keine Animositäten bei dieser Platte erinnern. Es war eine ziemlich angenehme Erfahrung. Wir scherzten viel. Und ich glaube, es gab damals keine großen romantischen Melodramen. Alle verstanden sich bestens.“
MIRAGE war der Nachfolger zu TUSK, dem von Buckingham produzierten 1979er Doppelalbum, Torheit und Meisterwerk zugleich und seinerseits der kommerziell enttäuschende nächste Schritt nach dem Megaseller RUMOURS.

„Ich glaube, Lindsey sagte, ‚Warum fucking Frankreich?‘ oder etwas in der Richtung? Er mochte Frankreich nicht, weil er französisches Essen nicht mochte. Er mag amerikanisches Essen. Stevie sah den romantischen Aspekt darin.“ (Christine McVie)

„Ich schwamm einfach nur so mit“, antwortet McVie auf die Frage, ob sie irgendwelche Zweifel an TUSK hatte. „Im Studio sagte ich nur, ‘was soll‘s‘. Damals wurden unglaublich viel Alkohol und Drogen konsumiert, ich hatte gerade Dennis Wilson von den Beach Boys kennengelernt, wir gingen aus und ich war ich ihn verliebt, da führte eins zum anderen. Und wenn Lindsey ins Bad gehen und auf einer leeren Kleenex-Schachtel trommeln wollte, war mir das egal. Warum nicht?“

TUSK wurde auf einer anstrengenden Tour präsentiert, die „das Beste und das Schlimmste, was man je von Fleetwood Mac sehen würde“, provozierte. So erinnerte sich Mick Fleetwood in seiner Autobiografie. Die Band sei bei den späteren Shows von instinktiver Genialität zu ausgelaugter Gleichgültigkeit verkommen, als sie die Ochsentour im Notlaufprogramm zu Ende brachte.

„Nach TUSK hatten wir zwei riesige Welttourneen gespielt“, bestätigt McVie. „Nach dem letzten Flug mussten sie uns aus der Maschine kratzen, und wir verflüchtigten uns einfach und zogen davon. Ich weiß nicht mehr genau, was ich damals tat. Aber Stevie machte BELLA DONNA [ein Soloalbum, das zehn Millionen Käufer fand] und Mick fuhr nach Ghana, um THE VISITOR aufzunehmen. Außerdem waren wir wohl vertraglich zu noch einer Platte verpflichtet und die Zeit war uns nicht gewogen. Mick dachte darüber nach, alle von ihren Werten weg zu holen und in eine Blase zu stecken, so wie in Sausalito, als wir RUMOURS machten, um zu sehen, ob uns noch mal etwas in dieser Art gelingen würde, nicht noch mal etwas so Verschrobenes wie TUSK.“

Angeführt von Fleetwood – der sich mit Immobilienkäufen übernommen hatte und bald vor dem Bankrott stand – und mit Bandkollegen, die fragten, wohin nach diesen riesigen Tourneen das Geld geflossen sei (größtenteils in ihre Nasen und in Learjets), gab man Buckingham ein Ultimatum, bevor man sich wieder an die Arbeit machte.

„Wir wollen immer noch, dass du uns produzierst, aber wir wollen nicht mehr diesen Prozess“, erinnerte sich Buckingham an die Anweisung. Sein eigenes Solodebüt LAW AND ORDER hatte nicht mal annähernd den Erfolg von Nicks‘ Bestseller, also kniete er sich übellaunig in sein neues, reduziertes Arbeitsleben. Fleetwood Mac, so erzählte er einem Reporter, seien „mehr und mehr wie ein Job“. „Das hat Lindsey gesagt?“, lacht McVie säuerlich. „Das wundert mich nicht.“

Hatte es bei MIRAGE den Anschein, dass er nur seine Pflicht erledigte, nachdem er bei TUSK seinen Willen bekommen hatte? „Diesen Eindruck kann man bei ihm in Teilen immer gewinnen, ein beleidigtes ‚Egal‘ oder ‚Okay‘ … Doch dann findet er wieder seinen Ansporn und wird ganz enthusiastisch über etwas. Vor einem Jahr zum Beispiel nahmen wir ein paar Songs im Studio auf, denn wir haben ein neues Album in Angriff genommen. Und wenn man sieht, wie ihm Tränen in die Augen schießen, weiß man, das ist echt. Dass er es wirklich genießt. Ich habe nie gehört, wie er das über einen Job gesagt hat – aber so wie du es beschreibst, kann ich das absolut nachvollziehen. Ja, ich bin mir sicher, dass ein großer Teil davon ziemlich gewöhnlich war.“ Bei MIRAGE gab es also keine Tränen in seinen Augen? „Nein, ich glaube nicht.“

Mick Fleetwoods Wahl für die entlegene „Blase“, in der sie aufnehmen sollte, fiel auch aus Gründen der Steuerminimierung auf Le Château in Hérouville, Frankreich – das Studio, das Elton Johns Honky Château berühmt gemacht hatte.

„Es war mitten im Nichts“, erinnert sich McVie. „Ich glaube, Lindsey sagte, ‚Warum fucking Frankreich?‘ oder etwas in der Richtung? Er mochte Frankreich nicht, weil er französisches Essen nicht mochte. Er mag amerikanisches Essen. Stevie sah den romantischen Aspekt darin. Ich weiß noch, wie sie eines Tages auf einem Pferd daher galloppierte, in einem Samtkleid – warum, weiß ich nicht mehr.“

Nicks nutzte die Gelegenheit auch, um sich die Haare von fünf französischen Friseuren gleichzeitig machen zu lassen, während die Zimmer der beiden Damen im Château für die Dauer ihres Aufenthalts nach ihren Vorstellungen eingerichtet wurden. „Angeblich spukte es dort, was es noch lustiger machte. Wir wohnten alle dort, und es gab einen Koch, der ebenfalls dort lebte und uns versorgte. Doch so lebhaft sind meine Erinnerungen daran nicht – wahrscheinlich, weil wir so viel französischen Wein tranken …“

McVie hatte sich erst kurz zuvor von Dennis Wilson getrennt, den einzigen Goldjungen und nun ausgebrannten Beach Boy, der am 28. Dezember 1983, ein nach Jahr nach der Veröffentlichung von MIRAGE, im Alkoholrausch ertrank. Seine Selbstzerstörung war so extrem, dass sie es nicht mehr ertragen konnte. Ihre Liebeslieder auf TUSK und MIRAGE basierten auf jenen schwierigen Monaten ihrer Beziehung.

„Klar gibt es ein paar Songs über ihn. ›Never Make Me Cry‹ etwa. Ja, es ging in vielen Stücken um Dennis.“ Wenn dieses Beziehung so extrem war, gab es auch Teile dieses Extremen, die sie liebte? „Mit Dennis? Oh Gott … Er brachte mich immer zum Lachen. Es war nicht so, dass er diesen tollen, ausgeflippten Sinn für Humor gehabt hätte. Es waren die Dinge, die er tat, die mich zum Lachen brachten. Ja, er war ein durch und durch nervtötender Mensch, der sich mit Drogen das Hirn weggeblasen hatte. Aber er hatte auch eine sehr charmante Seite. Und er hatte eine große Seele. Eine sehr, sehr verletzte Seele, aber eine große. Und wenn er mal nüchtern war, konnte er großartige Songs schreiben. Er hatte eine sehr liebenswerte Seite, wenn er mal wieder von einer dieser Wochen des Exzesses runterkam. Da war er dann ganz normal, saß mit einer Tasse Tee auf der Couch, und dann kam dieses Lächeln, der wahre Dennis zum Vorschein. Es gab einige schöne Zeiten. Aber nicht viele. Der wahre Dennis ließ sich nicht oft blicken.“

Eher typisch waren Momente wie jener, als sie an ihrem Geburtstag nach Hause nach L.A. kam, wo ihr manischer Freund ein Loch in Herzform in ihren Garten gebuddelt hatte. „Das ist wahr. Ich habe nicht sehr gut darauf reagiert. Meine Gärtner auch nicht. Vor allem, als ich die Rechnung bekam!“ Sie lacht herzhaft bei der Erinnerung an Wilsons Eskapaden. „Er ließ alle um das Herz herumstehen und eine Kerze halten, während sie im Schlamm versanken und auf mich warteten, um ›Happy Birthday‹ zu singen. Das kam nicht so gut an.“

„I‘m out of my mind“, singt McVie auf einem ihrer Songs auf MIRAGE, ›Only Over You‹. War sie eine Zeitlang Hals über Kopf verliebt gewesen? „Oh ja. Ich war süchtig nach ihm. Es ist sehr leicht, nach jemandem wie ihm süchtig zu sein, weil er die Leute so anzog – man musste ihn einfach mögen. Doch am Ende war er einfach zu sehr abgestürzt. Er hatte den Verstand verloren.“

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