Die wahren 100 besten Alben der 80er: Die Plätze 4 bis 1

Die wahren besten Alben der 80e

Ihr glaubt, die besten Alben dieser oft belächelten Dekade zu kennen? Dann lasst euch eines Besseren belehren. Wir präsentieren die Platten, die wirklich wichtig waren.

Willkommen zu unserem monumentalen Countdown der WAHREN 100 besten Alben der 80er – der Auswahl für echte Kenner. Bitte hereinspaziert zu Platz vier bis eins:

4
David Bowie: SCARY MONSTERS (AND SUPER CREEPS)
VIRGIN, 1980

Nie zuvor war die Musikwelt so bereit für ein neues Album von David Bowie wie 1980. Die meisten der Urpunks von 1976 waren entfremdete Bowie-Fans gewesen. Seit der Stagnation in dieser Szene hatten viele von ihnen den Weg zu Rusty Egans Bowie-Abenden im Londoner Club Billy‘s gefunden. Er verband dessen Backkatalog mit aktueller elek­tronischer Musik (also nach LOW), Disco (ergo YOUNG AMERICANS) und Ziggys Glam-Zeitgenossen. Was diese Abende, geprägt von immer ausgefalleneren Klamotten und strikt durchgesetzter Exklusivität, bald in eine eigene Futuristen-Szene verwandelte, die sich 1980 vom Billy‘s zum benachbarten Blitz-Club in Covent Garden, zum Pips in Manchester und zum Rum Runner in Birmingham ausgebreitet hatte. Womit die Keimzelle der New Romantics und somit der nächsten Welle des 80s-Pop geboren war.

Dass SCARY MONSTERS sehnlichst erwartet wurde, ist eine krasse Untertreibung. Die Vorabsingle ›Ashes To Ashes‹ stieg auf Platz 4 der britischen Charts ein und erreichte später Platz 1. Das futuristische Video von Regisseur David Mallet war ein perfekt den Zeitgeist einfangender Klassiker und zeigte Bowie im Pierrot-Kostüm mit Blitz-Ikone Steve Strange an seiner Seite.

Bowie sagte später: „SCARY MONSTERS war für mich immer eine Art Säuberung. Ich löschte die Gefühle in mir aus, die mir unangenehm waren.“

Auf ›Ashes To Ashes‹ fanden wir so einen zugedröhnten („strung out“) Major Tom – eine Metapher für Bowies Drogensucht – an seinem absoluten Tiefpunkt, dem „all-time low“. „Ich habe viele Zweifel an dem, was ich getan habe“, erzählte er dem „NME“. „Ich habe das Gefühl, dass vieles davon keinerlei Bedeutung hat.“ Dann war da ›Fashion‹, augenscheinlich unverzichtbar für Bowie als ständig im Wandel begriffene Ikone, aber es wurde damals abgetan als sklavisches Zugeständnis an die faschistischen Forderungen der dummen Trendsetter.

Das Titelstück wiederum (Subtext: Klaustrophobie, Entfremdung, Verzweiflung) spiegelte seine Zeit perfekt wider: Im Jahr darauf gab es in Großbritannien immer wieder Unruhen, entfacht von nuklearer Paranoia und der Hoffnungslosigkeit der Innenstädte. Doch ebenso wie der Eskapismus der New Romantics sich der düsteren Realität von Streiks und Sparmaßnahmen entgegenstellte, wurden Bowies selbstkritische Texte von einem unwiderstehlich erhebenden Soundtrack konterkariert.

Die inspirierte Produktion von Tony Visconti mit den neuesten Methoden schuf eine einzigartige Umgebung. Präzise Drums setzten unaufhaltsam programmierte Bassläufe in Gang, verfremdeter Gesang schwankte zwischen spukhaften, kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehenden Urschreien und unheimlicher Schlaflied-Süßlichkeit. Robert Fripps außerordentliches Gitarrenspiel – leidenschaftlich und absolut unverwechselbar – war ein weiteres Schlüsselelement, aber nicht allein: Carlos Alomars Breitwand-Riffs waren überall, während Pete Townshend auf ›Because You‘re Young‹ und Chuck Hammer auf ›Ashes To Ashes‹ zum Einsatz kamen.

Doch so konsequent progressiv jede einzelne Nuance von SCARY MONSTERS war, konnte man doch vorzüglich dazu tanzen. In der Clubkultur der 80er war das essenziell, selbst für einen Visionär, dem in seinem selbstauferlegten Exil in Berlin von einer äußerst einflussreichen Fanschar überzeugter Futuristen ein gottgleicher Status verliehen worden war.

SCARY MONSTERS (AND SUPER CREEPS) fing seine Zeit perfekt ein und wurde zur triumphalen Rückkehr für David Bowie.

03
Def Leppard: HIGH’N’DRY 
VERTIGO, 1981

Keine Band war in den 80ern größer als Def Leppard. Mit zwei brillanten Alben, PYROMANIA (1983) und HYSTERIA (1987), hatten die Söhne Sheffields State-of-the-art-Stadionrock erschaffen, dessen erklärtes Ziel – das Knackige von AC/DC plus die Intelligenz von Queen – vom genialen Produzenten „Mutt“ Lange perfektioniert wurde. Beide Platten fanden jeweils mehr als zehn Millionen Käufer in den USA. Doch wenn es um reine Hardrock-Power, glühende Intensität und die schiere Gewalt der Riffs geht, kommt keines ihrer Alben an HIGH‘N‘DRY heran.

Ihr zweites Werk und ihr erstes mit Lange war ein Quantensprung vom Debüt ON THROUGH THE NIGHT, das auf der Höhe der NWOBHM-Welle erschienen war und entsprechend roh klang. HIGH‘N‘DRY hatte die besseren Songs, mehr Energie, mehr Atmosphäre und mehr Klasse. Die erste Seite war makellos: die unmittelbare Aggression von ›Let It Go‹ und ›Another Hit And Run‹, die Saufhymne des Titelstücks und die Powerballade ›Bringin‘ On The Heartbreak‹ gingen in das rauschende, gitarrenlastige Instrumental ›Switch 625‹ über. Auch auf Seite 2 waren grandiose Songs, vor allem der Kracher ›Mirror, Mirror (Look Into My Eyes)‹. HIGH‘N‘DRY war das erste großartige Album von Def Leppard, und analog zu POWERAGE von AC/DC ihr Kultklassiker. 

Zeitzeugen:
„Eine alle Sinne betäubende Fünf-Sterne-Sensation.“ (Sounds)

02
Van Halen: WOMEN AND CHILDREN FIRST 
WARNER BROS., 1980

In der Dämmerung der 80er versuchten Van Halen weiterhin, das größte Hardrock-Debüt aller Zeiten zu übertreffen. Wo VAN HALEN II die schillernd-hyperaktive Pop-Intelligenz des Vorgängers nachahmte, kam Album Nr. 3 deutlich härter daher, was ihm sehr gut zu Gesicht stand. Dave Lee Roth war redselig wie nie, die krustigen Cover-Versionen gehörten der Vergangenheit an und keine einzige der 33 Minuten hier ist verschwendet. Das Covermotiv – ein umkippender Eddie Van Halen, der von seinen Bandkollegen aufgefangen wird – war ein Paradebeispiel für lässige Coolness. Und wenn man Glück hatte, erwischte man vielleicht sogar ein Exemplar mit einem Poster des charakteristisch schüchtern-zurückhaltenden Diamond Dave, der oben ohne an einen Zaun gekettet war (abgelichtet vom renommierten Fotografen Helmut Newton).

Musikalisch hatte die Band keine Angst, Neues auszuprobieren. Die Songs groovten und stampften, Eddie fing schon an, zu experimentieren, eine verzerrte Wurlitzer war zu hören. Auf Stücken wie ›Take Your Whiskey Home‹ kombinierten sie eine akustische Gitarre mit Eddies weitläufigen, röhrenden Riffs, die Midtempo-Nummer ›Could This Be Magic?‹ baute auf schrägen Skiffle, doch sie waren auch nach wie vor in der Lage, in klassisch-wuchtiger Van-Halen-Manier loszupreschen, wie die bissigen Opener ›And The Cradle Will Rock…‹ und ›Everybody Wants Some!!‹ eindrucksvoll bewiesen.

Ersterer Song war verspielt und locker – wer sonst würde eine Pause einlegen, damit der Singer fragen kann: „Hast du die Noten unseres Jungen gesehen?“ –, während letzterer zu einem festen Bestandteil der Live-Sets wurde, wenn auch nur für Daves Lobpreisung an Strümpfe, um die es dabei ging. Doch das Highlight ist wohl ›A Simple Rhyme‹, das ähnlich knackig ist wie ›Won‘t Get Fooled Again‹ The Who, wenn es unter der Sonne Kaliforniens entstanden wäre. PW

Zeitzeugen:
„Sie sind spezialisiert auf Dezibel und schwanzschwingendes Selbstbewusstsein. Ihre Devise lautet ‚Macht geht vor Recht‘, und sie belegen diese These auf ihrer dritten LP sehr überzeugend.“ (Rolling Stone)

01
Black Sabbath: HEAVEN AND HELL 
VERTIGO, 1980

1970 definierten Black Sabbath ein ganz neues Genre der Rockmusik mit nicht nur einem, sondern gleich zwei der besten Heavy-Metal-Alben aller Zeiten: dem selbstbetitelten Debüt und PARANOID. Was sie zehn Jahre später mit HEAVEN AND HELL erschufen, war ein Meisterwerk, dass sie von den Toten zurückholte. „Dieses Album“, sagte Gitarrist Tony Iommi, „gab uns ein zweites Leben.“

Die Schlüsselfigur in dieser Wiederauf­erstehung war der Mann, der die Eier aus Stahl hatte, um Ozzy Osbourne als Sänger abzulösen: Ronnie James Dio. Wie er einmal über HEAVEN AND HELL sagte: „Das waren nicht Black Sabbath mit Ozzy. Das war etwas anderes, und wir waren fantastisch zusammen.“

Schon vor der Entscheidung von 1979, Ozzy zu feuern, war die Band auf dem absteigenden Ast gewesen. Auf ihren letzten beiden Alben – TECHNICAL ECSTASY und NEVER SAY DIE! – klangen sie ausgelaugt und unfokussiert, während sie auf ihrer Tournee 1978 von ihrer Vorgruppe an die Wand gespielt wurden: den jungen, hungrigen Van Halen. Ihr Aushängeschild abzuservieren, war riskant. Trotz aller wilden Alkoholeskapaden, die zu seiner Entlassung geführt hatten, war Ozzy ein enorm charismatischer Frontmann, dessen gequälte Stimme ebenso prägend für den Sabbath-Sound war wie Iommis bleischwere Riffs. In Dio jedoch – der selbst gerade bei Ritchie Blackmore‘s Rainbow rausgeflogen war – fanden sie einen Sänger, der auf seine ganz eigene Weise ebenso einzigartig war wie Ozzy.

Auf den drei Albumklassikern, die er mit Rainbow gemacht hatte, zeigte er, dass er einen riesigen Stimmumfang hatte, jede Menge Kraft und melodische Finesse. Er war außerdem ein so guter Texter, dass er diese Aufgabe von Bassist Geezer Butler übernahm. „Ich wusste, wozu Ronnie fähig war“, so Iommi, „ich hatte ja die Rainbow-Sachen gehört.“
Dio verlieh Sabbath eine neue Größe und epische Wuchtigkeit, was schon auf ihrem allerersten gemeinsamen Stück offensichtlich war: ›Children Of The Sea‹. Es basierte auf „diesem alten Blues-Song“, wie Butler es nannte, und wurde zu einem echten Schwergewicht entwickelt, das so schön wie mächtig war. So wurde es zum Bezugspunkt für das ganze Album.

Am epischsten war das Titelstück, in dem Dio die gegensätzlichen Kräfte von Gut und Böse abwägte und Iommi das beste Solo seines Lebens ablieferte. ›Die Young‹ war so brutal wie unheimlich at­­mosphärisch, ›Lonely Is The Word‹ wiederum ein monströser Heavy-Blues. Der letzte Song, der für die Platte geschrieben wurde, war dann letztendlich ihr Opener: ›Neon Knights‹.

HEAVEN AND HELL erschien im April 1980, fünf Monate vor Ozzys Comeback mit BLIZZARD OF OZZ, und zeigte Black Sabbath in einem völlig neuen Gewand. Dio sollte noch zwei weitere Alben mit ihnen machen, MOB RULES (1981) und DEHUMANIZER (1992), und dann war da noch die Reunion-Platte unter dem Bandnamen Heaven & Hell, sein letztes Vermächtnis vor seinem Tod am 16. Mai 2010. Doch es war auf diesem Album, seinem ersten mit Sabbath, dass Ronnie James Dio seinen Zenit erreichte: der größte Heavy-Metal-Sänger von allen in der größten Heavy-Metal-Band von allen.

Zeitzeugen:
„Ronnie James Dio hat eine völlig neue Energie in die Gruppe gebracht. Einfach zurücklehnen, aufdrehen und spüren, wie einem das Hirn implodiert.“ (Sounds)

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