Die fünf Gesichter von Deep Purple: Ian Gillan

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Die fünf Gesichter von Deep Purple: Ian Gillan

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Ian Gillans Laune ist nur schwer zu trüben, da überrascht es also kaum, dass er sich keine allzu großen Sorgen um die Auswirkungen der weltweiten Pandemie auf seine Band macht. Ihr 21. Album WHOOSH! hätte ursprünglich im Frühsommer erscheinen sollen, während sie auf Tour gewesen wären, doch sowohl die Veröffentlichung als auch die Konzerte mussten verschoben werden.

„Sowas passiert nun mal, und es hilft nichts, sich darüber aufzuregen“, sagt der Mann, der mal behauptete, er habe keinerlei Ehrgeiz und sei zufrieden damit, mit einem dummen Grinsen im Gesicht durchs Leben zu treiben. „Das ist eine alte Maxime: Musiker werden nicht dafür bezahlt, Musik zu machen, sondern zu warten. Wir sind das also gewohnt.“ Und das ist nicht nur als Scherz gemeint. Der Sänger und seine Bandkollegen – Schlagzeuger Ian Paice, Bassist Roger Glover, Gitarrist Steve Morse und Keyboarder Don Airey – scheinen dieselbe Einstellung zu pflegen, als sie in den folgenden Tagen aus den verschiedenen Ecken der Welt anrufen, in denen sie die hoffentlich letzten Phasen der Ausgangssperren aussitzen (Gillan weilt im südenglischen Seebad Lyme Regis). Aber auch an WHOOSH! ist nichts, wie man es erwartet hätte, nicht zuletzt seine Existenz an sich. Das vorige Album INFINITE von 2017 war als letzte Platte geplant, das Sprungbrett für eine Tournee unter dem Titel „The Long Goodbye“.

INFINITE und dessen Vorgänger NOW WHAT?! von 2013 standen für einen unerwarteten Höhenflug so spät in der Karriere der letzten Band der ursprünglichen Heiligen Hardrock-Dreifaltigkeit, die noch auf den Beinen ist. Alben, die Souveränität und Verspieltheit in einer Weise verbanden, die nur eine Gruppe
von Deep Purples Format meistern kann. WHOOSH!, ebenfalls von Bob Ezrin produziert, setzt diese beeindruckende Reihe nun fort.

Wenn jemand vorschlägt, ein neues Deep-Purple-Album zu machen, denkst du dann: „Oh Gott, nicht schon wieder“?
Nein, nein, nein, ganz im Gegenteil! Vor ein paar Jahren hatten wir eine Phase, in der jeder aus diversen Gründen gesundheitlich angeschlagen war, dann fühlten sich alle wieder besser und die Energie kam zurück. Und dann muss man ein Ventil für sie finden.

WHOOSH! ähnelt den vorigen beiden Platten, denn es klingt ebenfalls wie ein Haufen Kumpels, die miteinander Spaß haben.
Völlig richtig. Alles wird zusammen gemacht. Wir schreiben gemeinsam die Songs, arrangieren sie gemeinsam, nehmen sie gemeinsam auf. Hoffentlich hört man die Freude und Unmittelbarkeit
darin. Das kann man nicht künstlich erzeugen.

Ein paar lustige Textstellen gibt es auch. Auf ›No Need To Shout‹ singst du: „You stand there on your soapbox without fear, chanting like a demented auctioneer“.
Das ist ein allgemeiner Seitenhieb auf Politiker.

Auf bestimmte Personen? Boris? Trump?
Nicht wirklich. Sie sind alle Taugenichtse. Sie treten mit Idealen und Elan auf den Plan, und nach fünf Jahren reden sie dann nur noch Mist. Bei Musikern ist es dasselbe.

›What The What?‹ dagegen klingt wie ein guter alter Feelgood-Rock’n’Roll-Song.
Das ist ein Tour-Song in einem anderen Format. Es geht darum, wie es mal war – Klaviere in Pubs, Dixieland-Songs. Ich suchte nach einer guten Formulierung, und das Erste, was mir einfiel, war natürlich: „What the fuck happened to you last night?“ Und dann dachte ich: „Das passt nicht wirklich für Radio 2“. Nicht, dass es jemals dort gespielt werden würde …

Nach Little Richards Tod hast du eine wirklich rührende Hommage auf deiner Website gepostet. Trifft dich der Tod von Menschen, die du bewundert hast?
Ich habe eine kleine Regel in meinem Leben, die ich über Jon Lord in dem Song ›Above And Beyond‹ geschrieben habe: „Souls having touched are forever entwined“. Dieser physische Abschied war also nicht so emotional. Ich dachte eher: „Gott sei Dank sind sie noch bei mir“. Ich weine nicht sehr oft, aber als Pavarotti starb, habe ich geweint. Ich stand ihm sehr nahe.

Tatsächlich?
Yeah. Ich sang zweimal mit ihm und lernte ihn ziemlich gut kennen. Er war ein ganz normaler Typ. Vor unserem ersten gemeinsamen Singen rief er mich zuhause an und sagte [imitiert italienischen Akzent]: „Wir werden also einen Song zusammen singen. Was sollen wir singen? ›Child In Time‹?“ Und ich antwortete: „Danke, aber nicht wirklich. Wie wär’s mit ›Nessun dorma‹?“ Schweigen. Und dann sagte er: „›Nessun dorma‹? Du willst ›Nessun dorma‹ singen? Mit mir? You fucking crazy!“ Er wollte ein Popstar sein. Das stand hinter allem, woran er dachte. Er wollte, dass wir zusammen ein Coversalbum machen.

Wow. Wie weit seid ihr gekommen? Habt ihr eine Auswahl an Songs getroffen?
Nein, wir haben uns nur darüber unterhalten. Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee gewesen wäre.

Du hast gesagt, dass die jüngeren Alben wieder das „Deep“ zu Deep Purple gebracht hätten. Das ist ein schönes Zitat, aber was bedeutet es eigentlich?
„Deep“ ist das Gegenteil von seicht, und das wollte ich damit wohl sagen. Eine Zeitlang hatten wir uns etwas verloren, vor allem nach [dem 1984er Comeback-Album] PERFECT STRANGERS, denn wir waren nicht wirklich dem Ethos der Band gefolgt, das so erfolgreich war. Nämlich mutig und kühn zu sein und aus dem Herzen zu schreiben. Es hatten sich Anflüge von Kommerz in die Band geschlichen. Das war ja der Grund gewesen, dass ich 1973 ausgestiegen war.

Warum habt ihr euch verloren?
Ritchie – ein brillanter Mann, er hatte ein Ohr für kommerzielle Melodien, für die massentauglicheren Sachen. Und das war sehr erfolgreich. Aber ich fand, das konnte so nicht überleben, denn das setzte auf eine bestimmte Mode, und Mode kommt und geht nun mal. Wenn du erst mal nicht mehr in Mode bist,
bleibst du es auch. Als der Fokus also mehr auf die kommerziellen Elemente gelenkt wurde, fingen wir an, Songs zu schreiben. Und jeder kann SONGS schreiben. Die Sache an Purple war, dass es immer darum ging, etwas Aufregendes zu entdecken. Die Vielfalt der Einflüsse der einzelnen Musiker – von Orchesterkompositionen über Bigband-Swing und Blues bis hin zu Rock’n’Roll und Soul – lieferte genug Energie und Musik für ein ganzes Leben.

Wann kam diese Energie zurück?
Als Steve Morse [1994] einstieg, begannen wir, die Schäden zu reparieren, denn wenigstens arbeiteten wir ab da wieder miteinander. Aber ich glaube, es war [Produzent] Bon Ezrin, der sagte: „Wenn ihr einfach nur Songs schreiben und aufnehmen wollt, vergesst es. Ich will wieder dahin zurück, wo ihr 1968 wart – mutig, nicht mit Blick aufs Radio“. Und das war fantastisch. Plötzlich hatten wir jemanden, der die Zügel in die Hand nahm.

Letztes Jahr war das 50. Jubiläum deines Einstiegs bei Deep Purple. Hast du das mit einer Party gefeiert?
(lacht) Ich feiere nicht mal meinen eigenen Geburtstag. Ehrlich gesagt, war das keinem in der Band bewusst. Wir denken nicht über solche Sachen nach.

Hat es dich nicht mal innehalten und nachdenken lassen?
Ich enttäusche dich nur ungern, aber nein. Es gab so viele Jahrestage: der Einstieg in der Band, die Aufnahmen zu IN ROCK, zu MACHINE HEAD. Sie haben alle ihren Platz in der Geschichte, aber wir sitzen nicht herum und machen uns über sowas Gedanken. Wir haben alle ein ausgefülltes, aktives Leben außerhalb der Band.

Du hättest dich zur Ruhe setzen und das süße Leben genießen können. Warum machst du all das noch?
Mich zur Ruhe setzen? Wovon? Wir gehen keiner geregelten Arbeit nach. (denkt nach) Ich wüsste nichts Besseres, das ich tun könnte. Es ist einfach so großartig, so voller Freude.

Also kein Ruhestand für dich oder Deep Purple?
In dem Moment, in dem meine körperliche Energie nachlässt, werde ich damit aufhören. Wir sind Realisten. Wir werden es wissen, wenn es uns ins Gesicht schlägt.

Text: Daryl Easlea

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