Das letzte Wort: Bob Mould

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Das letzte Wort: Bob Mould

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Vielen gilt er mit seiner einstigen Band Hüsker Dü als wichtiger Wegbereiter des Alternative-Booms der 90er, doch auch solo gehört Bob Mould seit nunmehr über 30 Jahren zu den interessantesten Stimmen des US-Rock. Seine Rolle in der Rockhistorie mag in Stein gemeißelt sein, doch das hat Mould nie davon abgehalten, seinen ganz eigenen Weg zu gehen. Ob Punk, Gitarrenpop, Aggro-Rock oder auch ausgiebige Ausflüge in die Elektronik – Grenzen waren ihm immer schnurz. Seit einigen Jahren nun scheint er an einer Goldader zu sitzen, denn nach den höchst gelungenen Alben PATCH THE SKY und SUNSHINE ROCK folgt nun mit BLUE HEARTS ein weiteres Highlight seiner langen Karriere.

Hallo Bob, wie geht’s?

Nicht schlecht unter den Umständen. Ich habe es vermieden, mich mit Covid-19 anzustecken, und hier in San Francisco scheinen die Leute zumindest vernünftig zu sein und sich an die Regeln zu halten. Im Januar war ich noch drei Wochen auf Tour gewesen. Direkt danach fuhr ich nach Chicago und habe die Platte aufgenommen. Ich bin dankbar, dass das alles noch passieren konnte, bevor der Wahnsinn losging. Und dieser Wahnsinn ist ja gerade für Musiker ein großes Problem, die jetzt ihr wichtigstes Einkommen verloren haben. Das wird auch noch eine ganze Weile so bleiben. Live-Musik wird wohl das Letzte sein, das wieder losgeht, und ich werde der Allerletzte sein, der wieder zur Arbeit zurückkehrt, denn ich habe die lauteste Singstimme überhaupt. 75 Minuten Brüllen und Schwitzen … im Moment völlig undenkbar. Es sind verrückte Zeiten, da werden wir kreativ sein müssen. Und was das Virus betrifft, denke ich, dass es ein Prophylaktikum geben wird, bevor wir eine Impfung finden, ähnlich wie PrEP für HIV. Aber wir wissen einfach immer noch viel zu wenig. Das ist ein unbekanntes Virus. Und bekanntlich ist das nicht die einzige Krise, die es gerade zu meistern gilt … Ja, wer hätte gedacht, dass ein Song, den ich im April 2018 schrieb, so aktuell sein würde?

›American Crisis‹ erschien zwei Tage, nachdem die Tragödie um George Floyd den nationalen Diskurs zu dominieren begann …

Viele sagen, das Pendel schwinge immer weiter Richtung Dystopie. Andere sagen, dies ist das letzte verzweifelte Aufbäumen der alten Garde, bevor eine neue Ära beginnt.

Wo stehst du zwischen diesen Positionen?

Was wir jetzt auf den Straßen von Amerika sehen, das ist die Zukunft. Die Teenager und Twentysomethings lassen sich diesen Mist nicht mehr bieten. Sie stehen vor diesem Scherbenhaufen, sie haben begriffen, dass das jetzt ihre Welt ist, und sie sind wirklich ernsthaft engagiert. Seit den 80ern trampeln diese reichen, alten, weißen Männer auf allen herum mit ihrer Lüge von der Trickle-downTheorie. Unter Obama haben wir dann acht Jahre Fortschritte gemacht und sind aus diesem finanziellen Loch herausgekrochen, das uns die Deregulierung durch die Vorgängerregierung beschert hatte. Tja, und dann haben diese Reality-TV-Clowns in den letzten dreieinhalb Jahren mal eben die Uhren um 150 Jahre zurückgedreht. Sie halten uns umklammert in diesem eisernen Todesgriff. Doch sie sind die Letzten ihrer Art und werden bald nicht mehr da sein. Es könnte sogar das Ende der Republikaner als Partei sein. Wie haben normale Menschen nur zugelassen, dass ihre Partei so aus dem Ruder läuft?

Das klingt sehr optimistisch.

Wir steuern definitiv auf einen Knall zu, einen Bruchpunkt, und ich denke, er ist in Sichtweite, denn so, wie die Dinge im Moment sind, können sie nicht mehr lange weitergehen. Das ist das Positive an dem Tod von George Floyd. Wie die Jugend darauf reagiert hat und die Dinge jetzt in die Hand nimmt.

Du leistest auch deinen Beitrag mit dieser wunderbar angepissten Platte.

Na ja, ich hatte nie die Absicht, mit 59 noch so krakeelen zu müssen, eigentlich würde ich lieber leise singen! So viel Stimme habe ich in meinem Alter wohl nicht mehr übrig. Aber ich stehe der Jugend gerne in beratender Funktion zur Seite. Wie laut kann ich brüllen? Wer wird es überhaupt noch hören? Aber ich tue auf jeden Fall alles, was ich kann, um zu helfen. Ich habe das ja alles schon mal erlebt. Eine gesundheitliche Krise, ein charismatischer Anführer mit kaum oder in diesem Fall überhaupt keiner Erfahrung in der Politik, gestützt von christlich-fundamentalistischen Fanatikern … Es ist wieder wie damals in den 80ern.

Die Platte hört sich auch an wie das Werk eines deutlich jüngeren Menschen …

Das liegt vielleicht auch daran, dass ich sie wieder gemacht habe wie seit den 80ern nicht mehr. ›American Crisis‹ hatte ich, wie gesagt, schon vor über zwei Jahren geschrieben, doch der Rest entstand Ende 2019, kurz nach meiner Rückkehr aus Berlin in die Staaten. Inspiriert von diesem Song und dem alltäglichen Geschehen spürte ich eine Dringlichkeit, diese Songs zu schreiben. Dann bin ich gleich mit ihnen auf Tour gegangen und habe sie im Anschluss sofort aufgenommen. Ein sehr unmittelbarer Prozess, und das Ergebnis ist ziemlich ungeschminkt, roh und direkt.

Und ausgerechnet diese Songs wirst du erst mal nicht live spielen können.

Oh Mann, diese Ironie! Von allen Platten war das diejenige, die perfekt für den Live-Kontext war! Aber ich bin mir sicher, dass wir sie eines Tages auch wieder auf eine Bühne bringen können.

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