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    D-A-D: „Das beste Gefühl der Welt”

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    D-A-D: „Das beste Gefühl der Welt”

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    Ihre spezielle Nische gefiel D-A-D schon immer recht gut, schließlich ist es nur wenigen Bands vergönnt, ein Doppelleben zwischen überdimensionalem Mainstream-Startum und dem Dasein eines beliebten Club-Acts zu führen…

    Die vor einem Rechtsstreit mit Disney als Disneyland After Dark bekanntgewordenen Künstler – die sich trotz ihres Einflusses auf den Cowpunk des europäischen Festlands und diverser experimenteller Phasen gern als „einfache Rock’n’Roll-Band“ bezeichnen – sind in ihrer Heimat Dänemark gefeierte Stars, während sie in den restlichen Teilen der Welt im Rahmen intimer Shows ihrer wahren Leidenschaft nachgehen können: vor Fans spielen, denen sie wirklich am Herzen liegen. Nach achtjähriger Sendepause kommt jetzt endlich das neue Album A PRAYER FOR THE LOUD heraus: ein geradliniges Rockalbum und laut Frontmann Jesper Binzer (übrigens ein überaus sympathischer Gesprächspartner) ein mit viel Arbeit verbundenes Filtrat aus authentischen D-A-D-Ideen.

    Zwischen eurem letzten und dem neuen Album liegen acht Jahre. Wann in dieser Zeit habt ihr begonnen, an neuem Material für D-A-D zu arbeiten?
    (lacht) Ja, ganze acht Jahre. Manche Ideen hatten wir direkt nach DIC.NII.LAN.DAFT.ERD.ARK, aber die meisten sind recht neu. Etwa vor drei Jahren nahmen die meisten Songs ihre erste Form an, dann mussten wir jedoch eine Pause machen, weil sich einer von uns sehr ausgebrannt fühlte. Im Herbst letzten Jahres gingen wir dann ins Studio…

    Definitiv ein längerer Prozess also.
    Ja, aber zumindest die guten alten Bands wissen, dass man ungefähr zehn Songs schreiben muss, um den einen zu finden, den man wirklich liebt. Das ist harte Arbeit. Und jedes Lied ist wie ein kleines Baby und immer ist man erst mal überzeugt, dass es das nächste große Ding ist. So durchläufst du diesen Prozess, immer wissend, dass du 50 Songs schreiben musst, um ein gutes Album zu machen.

    Dann gibt es da wohl einiges an Demo-Material in den Kellern von D-A-D?
    Oh ja! Halbfertige und nur zu einem Viertel durchgebackene Songs, auch komplett fertige Lieder, die irgendwie nicht auf die Platte passten. Aber so soll das sein, auch wenn es manchmal schwierig ist, sich von seinen Träumen oder Visionen zu verabschieden. Aber die elf Tracks sind wirklich die besten und passen sehr gut zusammen.

    Als ich A PRAYER FOR THE LOUD zum ersten Mal anhörte, war ich überrascht, wie gut mir das Album auf Anhieb gefiel. Das passiert mir nicht so oft.
    Oh, dankeschön. Ich fühle da mit dir, das passiert selten. Und du musst ja beruflich echt eine Menge Rockalben anhören…

    Ich mag den eher klassischen Sound. Ihr habt weniger experimentiert, man bekommt ein relativ pures D-A-D-Filtrat vorgesetzt.
    Wir haben wirklich viel Zeit in jeden Schritt investiert und wollten die besten Refrains, die besten Texte, einfach alles schreiben. Irgendwann kann es passieren, dass man versucht, etwas nachzumachen. Das ist okay, denn du musst dir selbst komplette Freiheit einräumen. Du musst all deine Träume und all deine Alpträume anpacken, vor allem am Anfang sollte man nie zu wählerisch mit seinen eigenen Ideen umgehen, weil man nie weiß, wohin sie einen führen. Aber ab einem gewissen Punkt hast du dann eine Zeitlang mit dem Song gelebt und bekommst ein Gefühl dafür, ob er richtig oder falsch ist. Dann zeigst du ihn einem Außenstehenden, dem Produzenten zum Beispiel, und merkst noch mal ganz genau, ob du wirklich dir selbst gefolgt bist oder etwas imitiert hast. Ich glaube einfach, wenn man sein Ego beiseite lassen kann, man sich selbst treu bleibt und den Mainstream ignoriert, dann hat man am Ende ein authentisches Ergebnis. Trotzdem entscheidet am Schluss immer das Publikum, du musst einfach nur auf deinen Bauch hören und schauen, was passiert.

    Ihr habt ja schon ein paar neue Songs live gespielt. Wie kamen sie bisher an?
    Ja, sechs Stücke haben wir bisher bei Shows in Dänemark gespielt. Und klar, es ist immer so, dass die Leute auf ihre Lieblingshits warten, einfach nur feiern wollen, und plötzlich kommst du mit neuem Zeug daher und sie müssen sich auf einmal konzentrieren. Da wird die Party dann zum Kulturereignis. Aber trotzdem waren die meisten sehr zufrieden, wir haben viele positive Reaktionen erhalten.

    Fühlt ihr euch einem dänischen Publikum stärker verbunden? Gibt es da irgend­etwas, das wir Außenstehenden nicht nachvollziehen können?
    Nein, ich fühle mich Leuten verbunden, denen D-A-D wichtig sind. Wir alle in der Band sind da derselben Meinung: Ein deutscher Rockclub mit circa 1500 Menschen, das ist das Beste überhaupt. Denn in Deutschland kennen uns die Leute, sie kennen unser Material, sie haben einen kulturellen Bezug zu unserer Musik. Ich meine, wir sind einfach nur eine Rockband, aber in Dänemark sind wir diese Mainstream-Gruppe, die vor echt großem Publikum auftritt. Das ist auch schön, aber da sind vielleicht nur 30 Prozent der Anwesenden so richtig dabei. Unser Stand in Dänemark ist eine Abnormalität und das ist natürlich großartig, weil wir so einige unserer Rechnungen bezahlen können. Und weil wir in Dänemark fast schon gezwungen sind, größer zu denken, können wir diese Ideen auch sehr gut auf Festivals und auf kleine Clubs übertragen. Du bekommst also eine große Rockshow in einer sehr intimen Umgebung.

    Du bist also zufrieden mit dieser speziellen Nische, in der ihr euch bewegt?
    Ja. Ein Rockclub bedeutet für mich Freiheit, die großen Shows interessieren mich gar nicht so arg.

    Das Cover-Artwork spielt mit einem religiösen Kontext: Molly hängt wie Jesus am Kreuz, auch in einigen Songs wird das Thema aufgegriffen. Wie viel Provokation steckt da drin?
    Ach, ich weiß nicht. Klar, wir sind Dänen, wir nehmen vieles nicht allzu ernst. Es wird vielleicht hier und da eine kleine Kontroverse auslösen, aber es ist einfach so: Dieser ganze religiöse Bullshit, der aktuell wieder am Laufen ist, dass jeder eine Seite wählen muss und das alles, das ist ein riesiges Problem für unsere Welt. Ich weiß, dass unsere Kultur tief in Religion und der christlichen Tradition verwurzelt ist, aber es ist wichtig, diese Symbolik in einen neuen Kontext zu stellen. Wir möchten sie gar nicht zerstören, aber wir wollen diese Machtsymbole entmachten, sodass etwas Neues, Weltoffenes an ihre Stelle treten kann. Und das alles auf eher lustige Art und Weise.

    Ist der Rock’n’Roll eine Ersatzreligion?
    Hm… Mich hat es 30 Jahre gekostet, bis ich herausgefunden habe, dass der Rock’n’Roll einfach eine unfassbar starke Energie hat, die mich konstant anzieht. Er ist so ein großer Teil von mir, von uns. Der Rock’n’Roll ist nicht sonderlich clever, nicht sonderlich intellektuell, und doch ist es für 50.000 von uns immer noch das Beste überhaupt, Angus Young in kurzen Hosen performen zu sehen. Es ist das Schönste, das wir jemals erleben durften. (lacht) Keine Ahnung, ob das eine Religion ersetzen kann, aber es ist das beste Gefühl der Welt.

    Die Euphorie aus jungen Tagen diesbezüglich hat bei dir also nicht nachgelassen?
    Nein, das hat bestimmt auch was mit meiner Generation zu tun. Das, was ich mit 14 Jahren gehört habe, hat meine Seele nachhaltig geprägt. Und du kannst nicht wirklich… diesen ersten Rausch, das kannst du wieder und wieder erleben. Es ist einfach, was wir sind, was uns und unsere Kultur definiert, die Festivals, die Rockclubs. Auf eine Art und Weise wurde es… okay, vielleicht hattest du doch Recht, es wurde zu einer Art Religion. (lacht)

    Zumindest zu einem sehr leidenschaftlichen Lebensstil. Seit Anfang an ist vor allem euer Tourplan sehr beeindruckend. Auch das wurde dir wirklich nie zu viel?
    Es gab da mal einen Zeitpunkt in den späten 80ern, dann 90ern, als der Grunge kam und dann irgendwann der Britpop und ich mich selbst fragte: Was ist Rock’n’Roll für mich eigentlich? Ich meine, wir fingen als Punkband an und wir suchten immer nach dieser Energie, die der Punk in uns ausgelöst hatte. Aber nach der zweiten oder dritten Grunge-Welle wurde nur noch etwas imitiert, das irgendwann mal frisch war… Damals war ich kurz etwas verwirrt. Aber bis heute hatte ich es noch nie satt, live zu spielen, im Proberaum zu sein, aufzunehmen.

    Denkst du, Texte wie beispielsweise in ›Burning Star‹ hättest du in jungen Jahren auch schon schreiben können?
    Nein, vielleicht sind die Texte vielleicht sogar das perfekte Alibi, um das hier weiterhin tun zu können. Denn hier kannst du zeigen, was du über das Leben gelernt hast. Viele Rockbands ziehen bis heute ihren „Oh baby“-Stiefel durch, das ist okay, war aber bei D-A-D niemals der Anspruch. Wir wollen, dass die Lyrics irgendeine Art von Wert besitzen, wir wollen tiefer graben.

    Und wie hat das Altern deine Denkweise und dein Texten beeinflusst?
    Erst mal lernt man mit dem Alter, dass man gar nichts weiß. Aber natürlich wird man weiser und hat vielleicht auch mehr Mut, tiefer zu graben, Dinge anzusprechen, sich selbst näher zu kommen. Das Leben ändert dich, es verlangt von dir, dass du dich entwickelst. Eine kleine Geschichte: Früher gab es eine Zeit, da fielen mir keine Texte mehr ein, deswegen brach ich zuhause grundlos einen Streit mit meiner Frau vom Zaun, damit ich wieder etwas fühlte. Aber so kann man das nicht machen, es ist wichtig, in sich hineinzuspüren und rauszufinden, was einen stört. Ich rede hier von Dingen, an die du vor dem Einschlafen denkst, beim Aufwachen oder in der Dusche. Im Rock macht man das nicht oft, aber wir sind einfache Mittelklasse aus Dänemark, das ist unser Weg.

    Der größte Unterschied zwischen dem Jesper vor 30 Jahren und dem Jesper heute?
    Um ehrlich zu sein, wollte ich früher dieses Rock’n’Roll-Ding komplett von mir abspalten, ich versuchte, zwei Leben zu leben. Ich wollte nicht zu diesem
    Klischeerocker werden, von dem Monster aufgesaugt werden, das war fast schon etwas schizophren. Heute bin ich komplett bei mir, weil der Rock’n’Roll nun mal meine Lebensdefinition ist, ich sperre nichts mehr aus. Ich fühle mich zu 100 Prozent ganz.

    Viele junge Leute wollen ja unbedingt von dem Rock’n’Roll-Monster aufgesaugt werden…
    Genau, aber wir haben so viele Menschen an Drogen sterben sehen. Für uns standen immer Kreativität und Kommunikation im Vordergrund, nicht die Drogen und der „Ab in die Hölle“-Teil.

    Bist du eigentlich immer noch komplett gegen eine Kurzhaarfrisur? Was bedeuten deine langen Haare für dich?
    Es ist ein Symbol dafür, nicht ganz gesellschaftskonform zu sein. Klar, in meinem Alter wirkt das bestimmt für viele erbärmlich, aber das ist mir egal. Wenn ich sie schneiden würde, würde ich mich immer noch als Langhaariger fühlen. Selbst wenn ich mal eine Glatze kriege, dann laufe ich halt herum wie der Butler bei der „Rocky Horror Picture Show“. (lacht)

    Ich habe gesehen, dass bisher nur eine Deutschlandshow in Wacken geplant ist.
    Ja, aber es wird weitere Konzerte geben. Circa 50 Shows in Europa, davon ab Herbst einige in Deutschland. Das ist bloß noch nicht ganz offiziell.

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