Canned Heat: Die Geschichte von der blinden Eule & dem Bär

-

Canned Heat: Die Geschichte von der blinden Eule & dem Bär

- Advertisment -

Canned Heat liveCanned Heat genossen die Vorzüge des Erfolgs. Sie waren nicht gerade attraktiv, aber dennoch wurden sie immer von einer endlosen Parade an Groupies empfangen, darunter bekannte Figuren wie The Butter Queen (die in ›Rip This Joint‹ von den Rolling Stones unsterblich gemacht wurde) und „Sweet“ Connie Hamzy, die Favoritin von Grand Funk Railroad. Und da waren noch die Plaster Casters, das berüchtigte Duo aus Chicago, das Gipsmodelle von Rockstar-Schwänzen anfertigte. Cynthia und Dianne Plaster Caster verfolgten Gitarrist Harvey Mandel, der 1969 bei Canned Heat eingestiegen war. „Harvey hieß nicht ohne Grund ‚The Snake’“, sagt Fito heute.

Doch wo die anderen damit beschäftigt waren, sich das Hirn aus dem Leib zu vögeln, bevorzugte Alan Wilson den Dialog mit der Natur. „Alan interessierte sich viel mehr für Vögel und Blumen als Frauen“, so Skip Taylor. „Er war äußerst belesen und hatte immer einen Stapel Bücher dabei. Wenn alle anderen sich auf Tour flachlegen ließen, war er in einem Museum.“ Seinem Erfolg beim anderen Geschlecht stand auch seine eher laxe Hygiene im Weg. Taylor versuchte frustriert, ihn zum Waschen zu bringen, damit er etwas präsentabler aussah – und roch. „Ich kaufte ihm frische Kleidung, steckte ihn in die Badewanne und zog ihn an, aber innerhalb von Minuten war er wieder voller Dreck. Es war kein Wunder, dass er bei der Damenwelt nicht landen konnte. Einmal bezahlte ich eine Freundin, damit sie sich ‚um ihn kümmert‘, und sie nahm ihn auf ihr Zimmer mit. Zwei Stunden später kam sie heraus und sagte, ‚Yeah, Skip, hier hast du dein Geld zurück‘.“

Bob Hite hatte wenig Verständnis für derlei Probleme: „Ich sah, wie er mal ein Groupie anrief, sie zum Konzert einlud und dazu, die Nacht mit ihm zu verbringen. Doch dann ließ sie ihn stehen und ging mit einem anderen Typen mit, als sie ins Hotel zurückkamen. Er weinte echte Tränen, wegen eines Groupies! Also wusste ich, dass er sich sehr für Frauen interessierte, aber er verstand nie, dass man Mundgeruch durch Zähneputzen loswird – und dass die Mädels darauf stehen.“

Die Spannungen zwischen Hite und seinen Bandkollegen wuchsen derweil. So genial der Bär auch war, konnte er auch ein Tyrann sein. Er machte sich lustig über Henry Vestines Versuche, die Musik vom Blues in Richtung psychedelischer Ragas zu verändern. Schlimmer war aber, dass er es oft auf Wilson abgesehen hatte, den er für ein Muttersöhnchen hielt. Für Wilson, der die Schlüssel für den gesamten Sound der Band in der Hand hielt, war diese Gehässigkeit schwer zu ertragen.
„Bob sagte immer zu Al, dass er scheiße war“, so Larry Taylor. „Er stichelte: ‚Hey Alan, wieso singst du nicht am Vocal-Mikro statt am Harp-Mikro? Benutz die fucking Anlage, Mann.‘ Das war mehr oder weniger als Witz gemeint, aber er verzweifelte auch an Alan.“

Diese Verbitterung erreicht einen Höhepunkt, als Henry Vestine im Sommer 1969 bei einem Konzert im Fillmore West in San Francisco gefeuert wurde – wenige Tage, bevor die Band beim Woodstock-Festival auftreten sollte. Der zugedröhnte Gitarrist hatte sich in so vielen Improvisationen in der falschen Tonart verrannt, dass Larry Taylors Geduld am Ende war. Der Bassist stürmte von der Bühne und erklärte: „Ich spiele nie wieder mit diesem Arschloch!“

„Er zog die Band auf sein Niveau herunter“, so Taylor heute. „Die Drogen und der Erfolg hatten ihn zerstört. Henry nahm alles – viele Beruhigungsmittel – und trank dazu. Er war auf der Bühne oft im Halbschlaf oder spielte falsch. Wir verschenkten unsere große Chance. Man bekommt die nicht allzu oft und Henrys Einstellung bedeutete, dass wir sie verschwendeten. Ich liebte Henry, aber er war eine Bürde.“

Es war purer Zufall, dass Mike Bloomfield an genau jenem Abend im Publikum war, als Vestine rausflog. Er war der Teufelskerl an der Gitarre, der sich bei der Paul Butterfield Blues Band und bei Bob Dylan auf HIGHWAY 61 REVISITED seinen Namen gemacht hatte. Canned Heat fragten ihn, ob er einspringen wolle. Er lehnte ab, aber wies sie darauf hin, dass auch Harvey Mandel im Publikum war, der ein perfekter Ersatz für Vestine sei. Zwei Tage später gab Mandel im Fillmore East in New York seinen Einstand, wo Canned Heat nach Santana, Three Dog Night und Sha Na Na als Headliner auftraten. Zwei Wochen darauf stand er mit ihnen in Woodstock auf der Bühne.

Die Band stand am Samstag, dem zweiten Tag des Festivals, auf dem Programm. Aber sie waren erschöpft vom Touren und schlecht gelaunt. Fito wollte sogar nicht spielen. „Wir schliefen im Frachtbereich des Flugzeughangars“, erzählt der Schlagzeuger. „Ich sagte Skip, er solle mich in Ruhe lassen, weil ich nicht nach Woodstock wollte.“ Die Situation wurde nicht besser dadurch, dass der Hubschrauber, der sie zum Festivalgelände bringen sollte, nicht kam. Die Band beschloss, die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen. Sie sahen einen Helikopter voller Nachrichtenreporter und Bob Hite entschied, ihn zu kapern. „Fuck you, wir werden für eure Nachrichten sorgen!“, brüllte er. „Wir sind Canned Heat! Es ist wichtiger, dass wir da hinkommen als ihr, also nehmen wir diesen Hubschrauber!“
Die Band schaffte es zu ihrem Auftritt und feierte vor 400.000 Zuschauern. Aber natürlich gab es das eine oder andere Problem. Der Tag wurde gefilmt, doch The Heat waren aufgrund eines Disputs über Tantiemen nie in Michael Wadleighs Doku „Woodstock“ von 1970 zu sehen (dafür aber später im Director’s Cut).
Was zu dem Zeitpunkt schon keine Rolle mehr spielte. Canned Heat hatten ihren Zenit erreicht. Das Doppelalbum LIVING THE BLUES von 1968 und HALLELUJAH aus dem Folgejahr waren sowohl kohärent als auch kommerziell. Liberty bezahlte sogar für diverse Gastauftritte. Dr. John lieferte Klavier- und Bläser-Arrangements, während die Gitarristen John Mayall und Alan Wilsons alter Freund John Fahey für Extra-Farbtupfer sorgten. Der bedeutendste Gast war aber Session-Saxofonist Jim Horn, der auf ›Going Up The Country‹, der Reinterpretation von Henry Thomas‘ ›Bull Doze Blues‹, das unverwechselbare, gedoppelte Flötensolo beisteuerte. Der Song wurde zum größten Hit ihrer Karriere und erreichte sowohl in den USA als auch in Großbritannien die Top 20.

Trotz dieses Erfolgs nahm Alan Wilson Absturz seinen Lauf. Henry Vestines Rausschmiss war ein Teil des Problems. Wilson liebte es, mit Vestine in einer Band zu sein, und hatte keine großen Sympathien für Harvey Mandel. Doch es gab noch weitaus größere Schwierigkeiten. „Al wohnte bei mir und meiner Frau“, so Hite 1970 zum „Rolling Stone“. „Bis vor etwa sechs Monaten machte er sich wirklich gut. Dann hörte er auf, mit uns zu reden und zu lachen. Alles nervte ihn, der Smog in L.A., was mit den Mammutbäumen passierte… Das ging ihm unter die Haut. Er sagte zu mir: ‚Ich weiß nicht mehr, was meine Probleme sind. Es fällt mir schwer, jeden Tag aufzustehen‘.“

Alan Wilson von Canned Heat - Woodstock

Wilson zog sich immer mehr von seinen Kollegen zurück und schrieb Songs, die seinen Weggang und seinen zunehmend fragilen Gemütszustand andeuteten: ›My Mistake‹, ›Change My Ways‹ („I’m so, so tired of sleeping by myself“ – ich habe es so, so satt, alleine zu schlafen) sowie das verbittert paranoide ›Get Off My Back‹, das an seinen De-facto-Vermieter Hite gerichtet zu sein schien („When I visit my baby we’re not alone…you’re there, you listen“ – wenn ich mein Baby besuche, sind wir nicht allein…du bist da, du hörst zu).

Laut Bob Hite versuchte Wilson zweimal, sich das Leben zu nehmen. „Eines Abends kam er mit einem halben Pint-Glas Gin aus dem Topanga Corral Club. Er hatte 50 Reds [Barbiturate] versteckt und wollte sich so umbringen. Aber irgendjemand hatte die Reds gestohlen. Am nächsten Tag fuhr er seinen Van zu Schrott, aber bekam nicht mal einen Kratzer ab. Er war so enttäuscht.“

Skip Taylor ließ Wilson in eine Nervenheilanstalt einweisen. Als er zurückkam, ging er wieder mit der Band auf Tour, um dann in South Carolina auszusteigen. Bald war er wieder da und fragte, ob er wieder einsteigen könne. „Wir sagten ‚klar’“, so Hite, „und er wollte auf der Europatour dabei sein.“
Im August 1970 spielten Canned Heat im Hump Club des Marco Polo Resorts in Miami, Florida. Jim Morrison war im Publikum und feierte das Ende seines berüchtigten Gerichtsprozesses wegen seines angeblichen Bühnenstrips. Morrison und seine alten Kumpels jammten auf vier Stücken, u.a. Howlin‘ Wolfs ›Back Door Man‹, das die Doors auf ihrem Debüt gecovert hatten. Danach saßen Morrison und Wilson zusammen an einem Tisch und unterhielten sich über Blues. Der Sänger respektierte Wilson und erkannte in ihm vielleicht eine ebenso geplagte Seele.

Anfang September sollten Canned Heat zu ihrer Europatour aufbrechen, die mit einem Festival in Berlin begann. „Zwei Tage vor unserer Abreise sagte ich Al, er solle dafür sorgen, dass seine Klamotten gewaschen sind“, erinnerte sich Hite. „Dann verschwand er, was nichts Ungewöhnliches war. Niemand wusste, wohin. Wir suchten und suchten… Unser Flug ging bald… Wir stiegen ohne ihn ein. In Berlin sagten sie uns, er sei tot auf einem Hügel gefunden worden. Er hatte vier Reds bei sich.“

Skip Taylor hatte Wilsons Leiche am 3. September 1970 gefunden. Der Manager war geschickt worden, um den Gitarristen zu suchen, während die anderen ins Flugzeug stiegen. Hite behauptete später, er habe die Leiche gefunden, nicht Taylor. „Das tat er nicht“, entgegnet Fito de la Parra, „denn Bob war zu fett, zu faul und zu stoned, um sich den Stress zu machen, Alan zu suchen.“
Taylor fand Wilson in einem Schlafsack, wenige Meter vom Hintereingang von Hites Haus entfernt. Sein rechter Arm lag auf seinem Brustkorb. Neben seinem Kopf lagen die vier Reds – Barbiturate. Er hatte keinen Brief hinterlassen. Die Szene erinnerte an Wilsons Lied ›My Time Ain’t Long‹, wo er sang: „Don’t the moon look pretty, shining down through the trees“ (sieht der Mond nicht schön aus, wie er durch die Bäume scheint). „Er lächelte und sah in den Himmel“, so Skip Taylor heute. „Er sah glücklich aus.“

Das letzte echte Canned-Heat-Album mit „Blind Owl“ war FUTURE BLUES, das einen Monat vor seinem Tod erschienen war. In der Gatefold-Plattenhülle war ein kurzer Aufsatz von Wilson mit dem Titel „Grim Harvest“ über den

1 Kommentar

  1. Hallo Max,
    mit Interesse habe ich Deine Ausführungen zu Canned Heat gelesen.
    Vieles davon ist wohl wahr, z. B. die Meinung, das man die Leistung der Band neu zu bewerten hat. Sie spielt bis heute eine spezielle Mischung aus verschiedenen Stilrichtungen, die unverkennbar ist.
    Auf der anderen Seite lässt Du Dich aber meines Erachtens zu sehr davon leiten, eine reißerische Reportage abzuliefern. Äußerungen wie die, dass man der Band Latzhosen verpasst habe, damit ihr schäbiges Äußeres nicht so auffalle (z. B. Henry wegen angeblicher Ölflecken oder Bob und Alan wegen verschmutzter Kleidung) sind einfach an den Haaren herbeigezogen und reduzieren die Band auf eine Ansammlung dreckiger Raufbolde.
    Das hat die Band nicht verdient!
    Sicher, sie sind oft in ihren Alltagsklamotten aufgetreten, so wie viele andere Bands auch, das kann man in unzähligen alten Clips sehen, aber, wie sagte Bob: „My mother grew up a clean son.“
    Der „Bär“ und die „blinde Eule“ brachten Musiker dazu, wieder ihren eigenen Stil zu spielen, z. B. Son House ,respektierten Rechte an Veröffentlichungen, bevor sie ein Cover herausbrachten, und vieles mehr.
    Bitte achte bei Deinen Beschreibungen mehr auf Fakten als auf vielleicht gern gelesene Überschriften, die nur Leser sammeln sollen.
    Vielen Dank für Dein Verständnis.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Das Neueste

Toto: Neues Line-Up

Steve Lukather und Joseph Williams haben gestern bekannt gegegeben, in Zukunft mit einem veränderten Line-Up von Toto...

Titelstory: Tom Petty – America’s Sweetheart

Mit HYPNOTIC EYE bewiesen Tom Petty & The Heartbreakers in der vierten Dekade ihrer Karriere erneut eindrucksvoll, dass sie...

Sturgill Simpson: Überraschungsalbum veröffentlicht

Am 16. Oktober hat Sturgill Simpson überraschend das Album CUTTIN' GRASS VOL. 1 (BUTCHER SHOPPE SESSIONS) herausgebracht....

Zeitzeichen: Elton John

„Ich versuche lieber, eine Brücke zu den Menschen auf der anderen Seite zu bauen, als eine Mauer...
- Werbung -

Skurrile Albumcover: Riot mit NARITA (1979)

Der Bullshit-Quotient von Metal-Artworks dürfte über dem Durchschnitt liegen, denn der genretypische Drang zu gar schröcklichen Monstern...

Video der Woche: Chuck Berrys und Keith Richards‘ Streit im Proberaum

Zum Geburtstag von Chuck Berry hier eine legendäre angespannte Probe von ihm und Keith Richards. Und der...

Pflichtlektüre

Cheap Trick – THE COMPLETE EPIC ALBUMS COLLECTION

Laut Billy Corgan „die coolste Band auf dem Planeten“....

Review: DeWolff – THRUST

Holland‘s finest! Bereits sein sechstes Studio­album veröffentlicht das holländische Trio...
- Advertisement -

Das könnte dir auch gefallenÄHNLICH
Für dich empfohlen

Welcome

Install
×