Canned Heat: Die Geschichte von der blinden Eule & dem Bär

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Canned Heat: Die Geschichte von der blinden Eule & dem Bär

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Für Wilson war es auch noch aus einem anderen Grund ein denkwürdiger Tag. Seine Eltern hatten ihn verstoßen, als er ihnen gesagt hatte, dass er Musiker werden wolle. Als sie sahen, wie ihr schüchterner Sohn vor 25.000 euphorischen Hippies in Monterey aus seinem Schneckenhaus kam, änderten sie ihre Meinung.
Das selbstbetitelte Debütalbum von Canned Heat, produziert von R&B-Veteran Cal Carter, erschien im folgenden Monat. Angesichts ihrer Verlagskonditionen war es ironisch, dass es so viele Blues-Covers enthielt, die diesbezüglich keinen Profit einbringen würden. CANNED HEAT erreichte im Juli 1967 Platz 76 der US-Albumcharts. Trotz ihres Erfolgs in Monterey war ihr authentischer Country-Blues zu weit entfernt von den psychedelischen Klängen, die damals dominierten.

Larry „The Mole“ Taylor, einstiger Sessionmusiker bei Jerry Lee Lewis, war unterdessen als Vollzeit-Bassist eingestiegen. Seinen Spitznamen hatte der Neuzugang aufgrund seiner scharfen Zähne verpasst bekommen – und der Tatsache, dass er Noten aus dem Boden zu graben schien. Von Anfang an wusste er, wer die treibende musikalische Kraft in der Band war. „Bob war zu seinen besten Zeiten grandios, aber ohne Alan Wilson wäre aus Canned Heat nie irgendwas geworden“, so Larry Taylor heute. „Es herrschte damals großer Widerstand gegen den Blues, aber Alan hatte nicht nur die Aufrichtigkeit, sondern auch den Sound.“

Taylor hatte zunächst Probleme, eine Verbindung zu seinem neuen Kollegen aufzubauen. „Zuerst dachte ich, Al sei einfach zu seltsam, bis ich ihn dann besser kennenlernte und wir zusammen zum Campen fuhren. Er wies mir den Weg und ich lernte viel über den Blues von ihm. Er wusste gar nicht, wie talentiert er war, aber die Musik war ihm wichtig. Wenn man ihm sagte, wie gut er war, schämte er sich.“

Wilsons Liebe zur Natur war auch der Grund dafür, dass er im Oktober 1967 nicht in eine Razzia der Polizei verwickelt war. Er war unterwegs beim Blättersammeln, als die Behörden, angeblich auf einen Hinweis, das Hotelzimmer der Band stürmten. „Ein Freund von Bob Hite war zum Informanten geworden“, so Skip Taylor. „Er ließ Gras und Hasch in ihrem Hotelzimmer unter einem Stuhl platzieren. Die Polizei von Denver brach die Tür auf und ‚fand‘ es. Ich war in einem anderen Zimmer mit einer Frau im Bett und hatte tatsächlich Drogen bei mir, aber als sie das Mädchen mit meinem Hasch in der Hand sahen, dachten die Polizisten, es sei Schokolade, und ließen uns gehen.“

Die Obrigkeit in Denver war strikt gegen Drogen und der Band drohten bis zu zehn Jahre Haft. Taylor ging zu Al Bennett, der sich bereit erklärte, einen Anwalt zu engagieren. Er sorgte dafür, dass sie aufgrund einer Formalie mit einer Ordnungswidrigkeit davon kamen. Doch dazu war eine Kaution von 10.000 Dollar nötig – Geld, das die Band nicht hatte. Bennett zahlte unter der Bedingung, dass die Vertragskonditionen, die wenige Monate zuvor festgelegt worden waren, aufgehoben wurden. Bis heute, so Taylor, haben Canned Heat nicht einen Cent Tantiemen von Liberty erhalten.

Zwei Monate später, im Dezember 1967, ersetzte Fito de la Parra den Original-Schlagzeuger Frank Cook und das klassische Line-up war geboren. Fito erinnert sich daran, wie er Wilson zum ersten Mal auf der Bühne sah. „Ich dachte, ‚Was macht dieser kleine Nerd mit diesen Typen?‘. Ich sah ihm zu und er stand stocksteif da, lächelte nicht und war total weggetreten. Seine Brille wurde von Klebeband zusammengehalten. Aber dann kam all diese wunderschöne Musik aus ihm heraus. Die Enttäuschung wurde verdrängt von der Erkenntnis, dass er ein musikalisches Genie war. Wenn man ihn erst mal Mundharmonika spielen gehört hatte, war man gebannt.“
Fito stieß zur richtigen Zeit dazu. Das zweite Album BOOGIE WITH CANNED HEAT war im Vergleich zum Debüt ein deutlicher Fortschritt.

Darauf fanden sich größtenteils Originalstücke, u.a. ›My Crime‹ – inspiriert von der Razzia in Denver – und das vor Drogen warnende ›Amphetamine Annie‹, rückblickend ein ziemlich ironisches Thema. Das Highlight des Albums war jedoch eindeutig ›On The Road Again‹. Wilson sang es als Hommage an einen seiner Helden, Skip James, in einem geisterhaften Falsett, was sowohl erdig als auch außerirdisch klang. Augenscheinlich ein typisches Blues-Klagelied, beschrieb es seinen komplexen Gefühlszustand. Als Wilson in dieser wehklagenden Stimme sang, „My dear mother left me when I was quite young“ (meine liebe Mutter verließ mich, als ich noch ziemlich jung war), machte er sich nicht die Traurigkeit anderer Leute zueigen – er sang über sich selbst. Seine Eltern hatten sich scheiden lassen, als er vier war, und das quälte ihn für den Rest seines Lebens.

Jeder, der ihn kannte, sagte, Wilson sei ein distanzierter Einzelgänger gewesen, der nicht für das raue Leben in einer Band gemacht war. „Als Kind war Alan schüchtern“, erzählte Bob Hite 1970 dem „Rolling Stone“. „Sein Vater war ein Funkamateur und versuchte, ihn dafür zu begeistern. Ohne Erfolg. Dann Briefmarkensammeln. Auch nichts. Alan ging in sein Zimmer und blieb dort, hörte Platten und las Bücher.“

Wilson hatte nie ein eigenes Zuhause in Kalifornien. Er bevorzugte es, im Freien zu schlafen, normalerweise bei Hite. Er kochte Reis auf einem Primuskocher und brütete über Botanikbüchern. Er schrieb Artikel über das Schicksal der kalifornischen Mammutbäume und häufte Sammlungen von Zapfen, Blättern und Bodenproben an, die aus seinen Taschen quillten, während er durchs Unterholz huschte.

Hite erkannte Wilsons Verschrobenheit schon im ersten Moment: „Er war…schräg. Er müffelte und pflegte weder sich noch seine Klamotten oder sein Haar. Meine Mutter konnte es nicht fassen, als ich ihn mit nach Hause brachte. Al verstellte sich nie. So war er einfach. Wir gingen in ein Restaurant und ich fragte ihn immer zuerst, was er wollte. Dann bestellte ich, denn wenn irgendwas Neues auf der Speisekarte stand, kam er damit überhaupt nicht klar.“

1 Kommentar

  1. Hallo Max,
    mit Interesse habe ich Deine Ausführungen zu Canned Heat gelesen.
    Vieles davon ist wohl wahr, z. B. die Meinung, das man die Leistung der Band neu zu bewerten hat. Sie spielt bis heute eine spezielle Mischung aus verschiedenen Stilrichtungen, die unverkennbar ist.
    Auf der anderen Seite lässt Du Dich aber meines Erachtens zu sehr davon leiten, eine reißerische Reportage abzuliefern. Äußerungen wie die, dass man der Band Latzhosen verpasst habe, damit ihr schäbiges Äußeres nicht so auffalle (z. B. Henry wegen angeblicher Ölflecken oder Bob und Alan wegen verschmutzter Kleidung) sind einfach an den Haaren herbeigezogen und reduzieren die Band auf eine Ansammlung dreckiger Raufbolde.
    Das hat die Band nicht verdient!
    Sicher, sie sind oft in ihren Alltagsklamotten aufgetreten, so wie viele andere Bands auch, das kann man in unzähligen alten Clips sehen, aber, wie sagte Bob: „My mother grew up a clean son.“
    Der „Bär“ und die „blinde Eule“ brachten Musiker dazu, wieder ihren eigenen Stil zu spielen, z. B. Son House ,respektierten Rechte an Veröffentlichungen, bevor sie ein Cover herausbrachten, und vieles mehr.
    Bitte achte bei Deinen Beschreibungen mehr auf Fakten als auf vielleicht gern gelesene Überschriften, die nur Leser sammeln sollen.
    Vielen Dank für Dein Verständnis.

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