Bryan Ferry: Frankfurt, Alte Oper (18.09.15)

-

Bryan Ferry: Frankfurt, Alte Oper (18.09.15)

Bryan Ferry 2007 @ Julian Broad (1) 1Nur an den Schläfen ergraut.

Ein wenig zu groß wirkt das Sakko zur Hose in gedeckten Farben. Zumal der einstige Inbegriff von elegantem Schick sein Hemd ohne Krawatte trägt. Einen Hauch zu nachlässig frisiert der nunmehr an den Schläfen ergraute, noch immer volle Haarschopf. Wieder intakt sind Bryan Ferrys Stimmbänder, die vergangenen Herbst den Abbruch der Europatournee herbeiführten. Alles wieder paletti für den 70-jährigen Briten. Einzig die Fangemeinde signalisiert Widerspruchsgeist, teilt sich die Anhängerschaft, seit Ferrys Solokarriere ab Mitte der achtziger Jahre mit dem Platinwerk BOYS AND GIRLS eine Wende zum Gefälligeren nahm, doch in zwei Lager: Auf der einen Seite stehen die Befürworter von Roxy Musics experimenteller Frühphase, auf der anderen die Wohlklangfanatiker, die erst in der Yuppie-Ära Zugang zum ehemaligen Kunstlehrer fanden. Roxy Musics dunkle Art-Rock-Hymne ›Ladytron‹ von 1972 lässt in notengetreuer Wiedergabe mit Ferrys Einsatz am E-Piano noch immer Avantgarde-Bewusstsein erkennen. ›Slave To Love‹ wiederum von 1985 besitzt außer glattem Ohrwurmgewese nichts, was auf Tiefgründigkeit schließen ließe. So oszilliert Ferry, der mit zwei Songs von der aktuellen CD AVONMORE den aufgeweckten Karrierequerschnitt startet, und zwei weitere später folgen lässt, zwischen beiden Polen. Als Ausnahmen, die die Regel bestätigen, nehmen sich Interpretationen seines Komponistenfavoriten Bob Dylan aus. Sowohl bei ›Bob Dylan’s Dream‹ als auch bei ›Don’t Think Twice, It’s All Right‹ greift Ferry zur Mundharmonika. Da liegt ein Hauch von Schwitzigkeit in der Luft. Zumal das exzellente zehnköpfige Begleitensemble Kantenlosem wie ›Bête Noire‹ (’87) ein etwas ausgeprägteres Profil verleiht. Davon profitiert auch das seichtere Spätwerk von Roxy Music wie ›Avalon‹ und ›More Than This‹ (’82). Doch gelingt es erst den auf Glam Rock geeichten Frühwerken mit der Diskothekengranate ›Love Is The Drug‹ als Startsignal im letzten Konzertdrittel, das Publikum aus der Reserve zu locken. John Lennons balladeskes ›Jealous Guy‹ sorgt noch einmal für Besinnlichkeit. Mit ›Virginia Plain‹, ›Do The Strand‹ und finalem ›Editions Of You‹ von 1972/73 unterstreicht Bryan Ferry in vehementer Wucht noch einmal seine Stärken.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Das Neueste

Ghost: Neue Version von ›Spillways‹ mit Joe Elliott

Mit einem witzigen Video mit dem Titel "Meanwhile in Dublin" haben Ghost eine neue Version ihrer Single ›Spillways‹ vom...

Tom Petty: Bisher unveröffentlichte Aufnahmen von 1997

Auf Tom Pettys Youtube-Kanal wurde gestern ein neuer Kurzfilm mit dem Titel "The Fillmore Houseband (1997)" veröffentlicht. 1997 spielten...

Black Star Riders im Interview: „Eine Band ist kein Gefängnis“

2023 feiern die Black Star Riders mit dem neuen WRONG SIDE OF PARADISE ihr 10-jähriges Bestehen und müssen gleichzeitig...

Mötley Crüe: Erste Bandproben mit John 5

Auf der kommenden Welttournee von Mötley Crüe wird Gitarrist Mick Mars aufgrund der zunehmenden Beschwerden, die seine Krankheit verursacht,...

Plattensammler: Robin Zander (Cheap Trick)

Robin Zander (auf Bild rechts) von Cheap Trick verriet CLASSIC ROCK seine fünf Lieblingsalben. Für Robin Zander (65) scheint...

Video der Woche: Guns N’ Roses ›It’s So Easy‹

Wir widmen unser Video der Woche dieses Mal Steven Adler. Der erste Schlagzeuger von Guns N' Roses feier heute...

Pflichtlektüre

Plattensammler: U.D.O.

Udo Dirkschneider hat in den 1990er Jahren einen Schallplattenladen...

Seht den deutschen Trailer zum Brian Wilson-Biopic

Heute kommt der Spielfilm "Love & Mercy" über das...

Das könnte dir auch gefallen
Für dich empfohlen