Brian May: Eine neue Welt, ein neues Ich

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Brian May: Eine neue Welt, ein neues Ich

Nur wenige Menschen kann man mit Fug und Recht als lebende Legende bezeichnen, doch auf Brian May trifft das ohne jeden Zweifel zu. Als Gitarrist von Queen lieferte er gleich dutzendweise Klassiker für die Ewigkeit ab und brachte Freude in das Leben so vieler Menschen, wie es sonst wohl nur noch Künstler vom Kaliber der Beatles, Led Zeppelins, AC/DCs oder ABBAs von sich behaupten können. Sein Soloschaffen bekam unterdessen nie auch nur annähernd die Aufmerksamkeit, die es verdient hätte, doch mit der Reissue seines zweiten
Alleingangs ANOTHER WORLD bekommen wir nun die Gelegenheit, andere, faszinierende und teils auch überraschende Facetten an dem Briten kennenzulernen. Wir sprachen mit ihm aber auch über andere Facetten seines Lebens, nicht nur seine Musik, und seine Erlebnisse der jüngeren Vergangenheit. Und durften dabei feststellen, dass er nicht nur einer der größten Musiker aller Zeiten ist, sondern ein durch und durch liebenswürdiger, warmherziger, bodenständiger und charmanter Mensch, mit dem man gerne ganze Wochenenden verplaudern würde. Never (Zoom-)meet your heroes? Schwachsinn. Eine Audienz mit diesem
Helden ist eine Ehre und eines der größten Vergnügen, die man in diesem Beruf erleben kann.

Zwei Jahre Pandemie … und du hast dir nicht nur Ende 2021 Covid eingefangen, sondern hattest auch noch andere gesundheitliche Schreckmomente.
Ja, diese Pandemie hat so viele Löcher in unser aller Leben geschossen. Ich muss sagen, ich habe mich ziemlich schwer damit getan und tue es auch jetzt noch. Aber wir sollten natürlich dankbar sein, dass unsere
Häuser gerade nicht von Putin bombardiert werden, das ist so schrecklich.

Bei dir ging die Covid-Zeit ja gleich schon mal heftig los …
Ja, der Herzinfarkt. Ich glaube, das hatte schon mit Covid zu tun, ich hatte es vielleicht schon sehr früh, denn diese ganze Tournee in Fernost über hatte ich diesen Husten. Der Arzt sagte, ich hätte Asthma, aber ich hatte in meinem Leben noch nie Asthma, also schien mir das ziemlich unwahrscheinlich. Und das Virus verdickt ja angeblich das Blut, denn eigentlich bin ich alles andere als ein Kandidat für einen Herzinfarkt. Ich rauche nicht, trinke nicht, bin nicht übergewichtig. Aber dann hatte ich eben den Infarkt, und das war alles andere als angenehm. Jetzt geht es mir aber sehr gut, wahrscheinlich besser als vorher.

Das freut uns sehr! Doch zu weniger schmerzhaften Themen: Nach langer Zeit ist dein Soloalbum ANOTHER WORLD endlich wieder erhältlich.
Bis vor einem Jahr oder so war mir gar nicht bewusst, dass es überhaupt nicht mehr zu haben war. Es war nie auf Spotify oder Apple Music etc., also wärmt es mir das Herz, zu wissen, dass es jetzt einem breiteren internationalen Publikum verfügbar gemacht wird, das vorher vielleicht nie davon Notiz genommen hatte. Ich habe jede Menge Arbeit investiert, um es zu optimieren, und die Videos dazu zu drehen hat auch großen Spaß gemacht!

Wie lange hattest du dir diese Platte selbst nicht mehr angehört? Und wie war es, sich dann wieder so intensiv mit dem Material auseinanderzusetzen?
Ich hatte sie mir wahrscheinlich über 15 Jahre lang nicht mehr angehört. Doch es war wunderbar, wieder da einzutauchen, überraschend, und natürlich auch schwierig und schmerzhaft, denn das transportiert einen wieder zurück zu all den Dingen, mit denen man damals zu kämpfen hatte. Unterm Strich war es aber sehr erleuchtend, diese Erlebnisse aus der Distanz mit so viel mehr Lebenserfahrung zu betrachten.

Und wie war deine Gemütslage, als du das Album damals gemacht hast? Ende der 80er und Anfang der 90er hast du ja eine sehr düstere Zeit durchlebt, mit deinem ersten Soloalbum konntest du dich dann etwas freischwimmen, bevor du schließlich noch MADE IN HEAVEN fertiggestellt hast, was ja offenbar ziemlich anstrengend war …
… oh ja, enorm anstrengend. Doch mit MADE IN HEAVEN hast du den Schlussstrich unter Queen gezogen, zumindest als Band, die neue Musik veröffentlicht.

War ANOTHER WORLD für dich dann der Befreiungsschlag, ein echter Neubeginn?
Ja, in gewisser Weise schon. Auf dem Song ›On My Way Up‹ geht es darum. Der Weg wird freigeräumt, ich bin auf dem Weg nach oben an einen anderen Ort, an dem alles neu ist und glänzt. Die andere Seite war aber auch, dass es gar nicht so anders war und immer noch schwer. Man findet heraus, dass man sich nach wie vor denselben Problemen stellt, nur dass man nun neue Wege finden muss, um alte Probleme zu lösen. Das war wohl eine wichtige Lehre daraus, zu erkennen, dass das Leben nie nachlässt. Man erreicht nie einen Gipfel oder eine Hochebene, auf der alles großartig ist, die Vögel singen und die Sonne scheint.

Das ist sicher wahr. Wenn man sich die Platte jetzt anhört, fällt auf, wie drangvoll sie ist. Es gibt ein paar leisere Stücke, aber die rockenden Nummern rocken dafür umso heftiger.
Ja, das stimmt. Ich fühlte mich damals einfach frei, ich konnte es mir rausnehmen, so hart zu rocken, wie ich wollte. Und das liebe ich daran. Ein Stück wie ›Business‹ etwa hätte im Kontext von Queen nie funktioniert. In dem Sinne war es also auf jeden Fall befreiend, meine eigenen Sachen zu machen, und ich habe es auch vermisst, also sollte ich wohl irgendwann wieder damit anfangen!

Noch bemerkenswerter finde ich ›Cyborg‹, das sich schon in Richtung Prog-Metal bewegt.
Ich bin froh, dass du das erwähnst, und es fand tatsächlich wenig Beachtung. Ich mag das Stück sehr, und Taylor Hawkins am Schlagzeug zu haben, war auf jeden Fall eine Extradosis jugendlicher Power. Er war damals ja noch sehr jung und kein globaler Superstar. Aber was für ein unglaublicher Schlagzeuger und was für ein
wundervoller Mensch er doch ist. Er hat eine schier unfassbare Energie, und die hat er grandios in diesen Song gesteckt. Für mich war das auch ei sehr interessantes Experiment mit der technischeren Seite des Gitarrenspiels. Ich würde mich ja nicht als besonders technischen Gitarristen bezeichnen, aber ich fand es damals faszinierend, mit diesem Basisriff in alle möglichen Richtungen zu gehen.

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