Mit ihrer einzigartigen Mischung aus genreübergreifender Musik, theatralischer Präsentation, sozialem Engagement und Fanverehrung hätte es The Sensational Alex Harvey Band verdient, mehr Platten zu verkaufen. Als Live-Act jedoch waren sie so aufregend wie überragend.
Text: Martin Kielty Titelbild: Janet Macoska
Im Victoria Ground Stadion, wo sonst der Stoke City FC spielt, warten am 17. Mai 1975 Tausende ungeduldig auf Yes. Noch aber steht das Vorprogramm, The Sensational Alex Harvey Band, auf der Bühne – allerdings ohne Sänger, der seit fünf Minuten nicht zu sehen ist. Als der Gitarrist, geschminkt und als Harlekin verkleidet, in dieser Situation sein bereits scheinbar endloses Solo weiter in die Länge zieht, beginnt die Stimmung zu kippen.
Ein Teil des Publikums beginnt mit Rangeleien. Als die Lage kurz davor ist, zu eskalieren, kehrt Harvey zurück auf die Bühne. „Zu viel! Kein Applaus!“, brüllt er. Dann richtet er sich direkt an die Störer im Publikum: „Hey, Arschlöcher! Wenn ihr nicht sofort aufhört, komme ich runter und trete euch allen in den Arsch! Bei unseren Konzerten wird nicht gekämpft.“
Er lässt nicht locker, beschimpft sie weiter – und wechselt dann plötzlich den Ton.
„Wir bleiben jetzt cool. Ist das okay? So was passiert. Die Stimmung kann nun mal hochkochen. Ich kenne mich mit Gewalt aus. Die bringt nichts.“ Und tatsächlich, die Streithähne beruhigen sich.
Die Geschichte, wie die Sensational Alex Harvey Band mit ihrer Ausstrahlung einen Aufruhr bei einem Yes-Konzert stoppte, ging im Sommer 1975 durch die Musikpresse – genau zu der Zeit, als die schottische Rockband auf ihrem absoluten Höhepunkt war. Wenn man sich 50 Jahre später Harveys eindrucksvolle, überwältigende Präsenz anhört (auf dem neuen Live-Boxset „Good Evening, Boys And Girls!“ von Snapper Music), wird klar, warum er so oft ganz oben auf den „Bester Frontmann“-Listen der 70er stand
Und das war nicht nur Show. Harvey, geboren im industriellen Herz von Glasgow, war mehr als 15 Jahre älter als die meisten seiner Fans und Bandmitglieder Zal Cleminson, Chris Glen, Hugh McKenna und sein Cousin Ted McKenna. Er hatte schon alles erlebt – und während er das Publikum unterhielt, wollte er ihm helfen, die Fehler zu vermeiden, die er selbst gemacht hatte.
TSAHB verkauften nie haufenweise Platten. Aber sie live zu sehen, löste immer extreme Reaktionen aus. Ein Konzert begann oft damit, dass Harvey auf die Bühne kam und provokativ gestikulierte. Wenn es ein Publikum war, das ihn nicht mochte (wie Slade- oder Yes-Fans), dann nahm er eine Dose Bier, schüttete sie sich über den Kopf und formte seine Haare zu einem Entenschwanz, bevor er leise, aber gefährlich sagte: „Guten Abend, Jungen und Mädchen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, meine Band vorzustellen. Die Sensational. Alex. Harvey. Band.“
Alex Harvey war in den 50ern fast ein Teenager-Idol gewesen, dann in den 60ern fast ein Popstar und fast ein Hippie-Star am Ende jenes Jahrzehnts. Alle wollten, dass er es schafft. Doch erst, als er sich mit der schottischen Heavy-Prog-Band Tear Gas zusammenschloss, fügte sich alles. Von Anfang an waren ihre Shows – Harvey als Zirkusdirektor, Gitarrist Cleminson als ehrgeiziger Sidekick, Bassist Glen als aufstrebender Junge und die McKennas (Keyboarder Hugh und Schlagzeuger Ted), die alles zusammenhielten – eine Mischung aus Musik, Theater und Soziologievorlesungen. Im Fokus stand die Frontlinie aus Harvey, Cleminson und Glen. Wenn die drei Seite an Seite an die Bühnenfront marschierten, grinsend, starrend und knurrend, wich das Publikum zurück.
„Wir waren laute Menschen, aber nicht so laut wie Alex auf der Bühne“, sagt Glen. „Er hat sich vor dem Auftritt selbst hochgeputscht, hat ‚Arschlöcher! Arschlöcher! Arschlöcher!‘ in den Spiegel gebrüllt, und wir sind ihm alle aus dem Weg gegangen. Es war sehr schauspielerhaft, wie er in seine Rolle schlüpfte, aber wenn eine andere Band im Backstage-Bereich war, dachten die, wir würden uns auf eine Schlägerei vorbereiten!“
„Good Evening, Boys And Girls!“ umfasst 14 Live-Tracks, aufgenommen zwischen den ersten Clubshows 1973 und ihrem letzten Auftritt beim Reading Festival 1977. In einer Zeit, in der Journalisten nicht fassen konnten, dass Harvey in seinen Vierzigern war – und jeder wusste, dass man damit zu alt für Rock’n’Roll war –, hatte er eine Beziehung zu seinen Fans, von der jeder Bandleader träumen würde. Jeder im Publikum hätte geschworen, dass seine Performance persönlich an ihn gerichtet war.
„Das hier ist wirklich, wirklich wahr: Ihr habt die Macht“, sagt er zum Publikum bei einem Gig im Londoner Marquee Club 1973. „Ihr habt sie wirklich. Ihr müsst sie nur nutzen.“ Später fügt er hinzu: „Es ist eure Welt. Macht es nicht falsch. Ihr könnt es besser machen als wir.“ Und als freche Zugabe: „Und wenn die Polizei kommt, gebt ihnen nicht euren richtigen Namen!“
Außer den Aufforderungen auf der Bühne, sich zu benehmen, ruhig zu bleiben, mitzusingen, aufzupassen und sich gegenseitig zu respektieren, hielt Harvey den jungen Leuten straßenpolitische Vorlesungen – vielleicht interessierte das damals nicht jeden so sehr wie heute, oder sie diskutierten nicht so oft über den Zustand der Welt, wie junge Leute es heute tun. Er predigte wie ein Lehrer: „Wer sich danebenbenimmt, sieht mich morgen früh in meinem Büro!“ Doch natürlich war seine Botschaft in Unterhaltung verpackt.
Dave Batchelor hatte sich aus Tear Gas zurückgezogen, um Platz für Harvey zu machen, und wurde TSAHBs Tonmann und später ihr Produzent – ein Wechsel, den er genoss.
„Die Show zu beobachten war wie ein Film, den man liebt und bei dem man jedes Mal etwas Neues entdeckt“, sagt er. „Es war immer so: ‚Hat er das gerade echt gesagt? Schau dir das an! Was haben die jetzt wieder gemacht?‘ Jede Performance hatte eine kleine Abweichung, und ich war darauf eingestellt, darauf zu reagieren, einen Sound zu verstärken, zu verändern oder was auch immer.“
TSAHB veröffentlichten in fünf Jahren acht Platten – ein neuntes, verworfenes Album erschien später doch noch –, aber in Rezensionen wurde oft erwähnt, dass es ihnen nicht gelang, die Magie ihrer Live-Auftritte einzufangen. Aufnahmen von Songs wie „The Faith Healer“, „Midnight Moses“ und Vaudeville-Interpretationen von „Framed“, „Next“ und ihrem größten Hit, einer Coverversion von Tom Jones’ „Delilah“, haben viel zu bieten, ebenso wie Prog-Epen wie „Isobel Goudie“, „Give My Compliments To The Chef“ und „The Tale Of The Giant Stone Eater“.
„Ich weiß, dass einige der Jungs dachten, das Studiozeug sei halbgar“, sagt Batchelor. „Wir hatten immer Zeitdruck. Es gab immer etwas anderes zu tun. Aber auf der Bühne war das eine andere Geschichte – Alex bremste alles richtig ab, und es fühlte sich an, als hätten sie alle Zeit der Welt. Als sie in Amerika durch eine Menge Jethro-Tull-Fans marschierten, angeführt von zwei Dudelsackspielern, wusste man, dass die Zuschauer sich hieran für immer erinnern würden.“
Es ist geradezu ein Verbrechen, dass TSAHB nie für einen Konzertfilm gefilmt wurden. Nur wenige YouTube-Clips von TV- und Festivalauftritten zeigen, was man öfter zu sehen hätte bekommen sollen. Eine Fülle an Audiobeweisen findet sich im Boxset, besonders von ihren Weihnachtskonzerten 1975/76.
„Da haben wir alles gegeben“, sagt Glen. „Keine Ausgabe wurde uns erklärt! Das Modell der Bühne kostete mehr, als wir je für eine Show ausgegeben hatten. Wir haben sonst immer alles spontan gemacht, mit Sachen, die wir backstage fanden, oder wir kauften billige Requisiten, und manchmal klauten wir sogar Dinge von der Straße.“
Batchelor erinnert sich: „Wir sind nie nach Hollywood gegangen. Die Idee war, alles ‚à la Kinning Park‘ zu halten – der Ort, an dem Alex geboren wurde.“
„Sogar unsere Kostüme begannen günstig“, sagt Glen und bezieht sich auf die Overalls, die er und Cleminson trugen, während Harvey ein gestreiftes Oberteil und eine Piratenjacke anzog. „Zal traf eine Kunststudentin, die sagte, sie könnte unsere frühen Kostüme verbessern, und sie lag absolut richtig. Später zahlten wir plötzlich Londoner Designern das Sechsfache, aber die verfehlten völlig, was wir erreichen wollten. Das war ein ständiges Problem.“
Der Heimatauftritt der Sensational Alex Harvey Band im legendären Glasgow Apollo im Dezember 1975 ist ebenso elektrisierend wie beängstigend. Die Aggression im Publikum ist erschreckend spürbar – wenn da nicht die offensichtliche Liebe wäre, fragt man sich, ob es sicher gewesen wäre, dort zu sein. „Wir versuchen, intelligente Rock’n’Roll-Songs zu machen – ist das okay?“, fragt Alex das Publikum, um später seinen Markenspruch hinzuzufügen: „Pisst nicht ins Trinkwasser!“
Wenn es doch nur Videoaufnahmen von Cleminsons Solo „April Kisses“ gäbe – das Publikum ist mit „Oohs“ und „Aahs“ zu hören, aber wir müssen uns die Performance vorstellen, während Harvey seinen Kollegen mit einer anderen Gitarre provoziert, die er verlockend außer Reichweite hält. Dann gibt es noch den Talentwettbewerb, bei dem Bandmitglieder um den Applaus der Fans konkurrieren und Hugh McKenna immer mit einer Akkordeondarbietung gewinnt.
Harvey nutzte jede Gelegenheit, sich aufs Glatteis zu wagen, auch wenn ihn das Fans kostete. Mitte der 70er hatte er eine Kunstfigur geschaffen: Vambo war ein rauer Straßenheld mit klarer Regel: „nie ein Vandale sein“. Die Idee griff: In Großbritannien gründeten junge Fans sogenannte Vambo-Liberation-Front-Clubs und engagierten sich in ihren Vierteln. Doch er provozierte, als er begann, den Blues-Song „Framed“ als Adolf Hitler verkleidet aufzuführen. Und das in Berlin. In voller Naziuniform.
„Falls ihr falsche Ideen bekommt: Hitler war ein Arschloch“, sagt Harvey in der Aufnahme von 1976. „Und wenn euch Faschismus begegnet, schickt die Typen zu mir und ich trete ihnen in den Arsch. Faschismus funktioniert nicht – niemals.““
„Ich wusste nicht, dass er sich als Hitler verkleiden würde. Ich glaube, niemand wusste das“, sagt Batchelor. „Ich erinnere mich, wie ich mich unter dem Mischpult verstecken wollte, weil das Publikum überall um mich herum war! Aber niemand hatte ein Problem damit. Es schien zu dem zu passen, was TSAHB waren. Alex machte ein Statement, bekam eine Reaktion, und es das Ergebnis war brillant.“
Sie spielten auch die Nazihymne „Tomorrow Belongs To Me“, der Harvey eine Warnung voranschickte: „Wir werden einen sehr, sehr gewalttätigen Song spielen, und ich will, dass sich alle benehmen … Es ist ein faschistischer Song. Wir schicken ihn zurück gegen diese Bastarde.“
Es ist bemerkenswert, dass sozial bewusste Aktivisten (wie z. B. die Gruppe „Led by Donkeys“ – Anm. der Redaktion) heute mit dem Prinzip arbeiten, rechtsextreme Narzissten breitenwirksam öffentlich der Lächerlichkeit preiszugeben – genau das also, was man Harvey vor 50 Jahren schon tun hörte.
Der Rockstar-Ruhm war, wie sich herausstellte, nicht das, was er sich vorgestellt hatte. Er hatte oft darüber gesprochen, lieber Regisseur als Anführer zu sein, und fand die Last der Führung schwer zu tragen. „Was wollen die alle von mir?“, fragte er gegen Ende von TSAHB, wie sich enge Freunde erinnerten.
„Wie oft habt ihr gehört: ‚Warum zum Teufel habt ihr die Weihnachtskonzerte nicht gefilmt?‘“, sagt Batchelor immer noch ungläubig. „Aber der Manager, Bill Fehilly, sagte jedem von uns einzeln, dass wir immer versorgt wären. Als Bill 1976 bei einem Flugzeugabsturz starb, versuchte Alex, die Firma an sein Versprechen zu binden. Das passierte nicht.“
Glen erinnert sich: „Einmal hatte Bill ein neues Auto und ich sagte ihm, dass ich es toll fand. Da gab er mir die Schlüssel – ‚Es gehört dir.‘ So lief das vorher – nach Bills Tod war es dagegen so, dass keiner mehr wusste, woher das Geld kam oder wohin es ging. Das war nicht einfach. Und Alex nahm vieles persönlich. Er begann, Fragen zu stellen. Wie: ‚Wer ist dieser „A. Driver“ auf der Hotelliste? Ist das ein Betrug?‘ Dabei stand das da nur, weil niemand wusste, wer den Truck fahren würde, als die Hotels gebucht wurden. Das Vertrauen war weg, und das erhöhte den Stress. Statt es langsamer anzugehen, nahm er Pillen gegen die Schmerzen, trank mehr und nahm Drogen, um sich aufzuheitern, weil die Pillen ihn runterzogen.“
Harvey brach 1976 auf der Bühne zusammen, kurz nach Fehillys Tod, und musste ein Jahr pausieren, während seine Kollegen als „TSAHB (Without Alex)“ weiter tourten. Er kehrte zurück, um das Reading Festival 1977 zu headlinen und einen neuen Zyklus von Shows für das neue Album „Rock Drill“ zu starten. Niemand wusste, dass es sein letzter Auftritt mit der Band sein würde.
Die Aufnahme aus Reading zeigt, wie er als zurückkehrender Held begrüßt wird: Das Publikum hat ihm lautstark die Erlaubnis gegeben, zu tun, was er will, und zusammen mit einer Band, die nie so tight war, tut er genau das. Nach einer freudvollen Performance, die viel für eine Zukunft verspricht, die nie kommen sollte, verabschiedet sich die Sensational Alex Harvey Band mit einer Coverversion von Carl Perkins’ Rock’n’Roll-Klassiker „Blue Suede Shoes“, bekanntlich auch ein Hit für Elvis Presley.
Es ist eine überlegte Wahl für das Ende eines Sets und eines Kapitels der Rockgeschichte. Harvey ließ sich stark von Presley inspirieren, und der Tod des Kings wenige Wochen zuvor könnte der Moment gewesen sein, in dem der Schotte begann, über seine eigene Situation nachzudenken. Während der Proben für die Tour nahm Harvey ein Taxi nach Hause und kam nie wieder zurück. Er starb 1982 auf Tour mit seiner New Band, einen Tag vor seinem 47. Geburtstag – ein Alter, das für einen Rockmusiker heute kriminell jung wirkt.
„Ich blieb mit Alex in Kontakt“, sagt Chris Glen. „Er fragte mich einmal, ob ich ihn managen wolle, aber ich entgegnete: ‚Was weiß ich schon über Management?‘ Ich glaube, er wollte alles wieder zusammenbringen. Ich glaube, wenn er nicht gestorben wäre, wäre es passiert. Es gab definitiv unvollendete Angelegenheiten – er hatte immer noch eine Botschaft, die die Leute hören mussten.“
Batchelor erinnert sich: „Von TSAHB wurde so viel erwartet, dass die Shows weniger spontan wurden. Es ging nie nur darum, das zu tun, was funktionierte, aber es wurde schwieriger, die Stimmung und die Erwartungen in Einklang zu bringen. Und Alex war ein Typ, der aus dem Bauch heraus handelte. Er lebte für unvorhersehbare Momente. Die wurden weniger, aber er gab trotzdem alles, was er konnte.“
Wenn man sich ihren letzten Auftritt anhört, ist es schwer vorstellbar, dass Harvey in einem geschwächten Zustand war. „Wir haben alles am Start – ihr und wir“, sagt er mit dieser gefährlichen Ruhe-vor-dem-Sturm-Stimme. Er führt „Framed“ als Jesus auf und lässt sein Styropor-Kreuz in die Security-Grube fallen, wo es auf DJ Alan „Fluff“ Freeman landet, während er der Menge sagt: „Wunder passieren nicht schnell.“
Harveys Wunder war das Konzept von Vibrania, einem mythischen Ort, den er viel ausführlicher illustrieren wollte, als es ihm gelang. „Es geht um eine perfekte Gesellschaft“, sagt er seinen Berliner Fans 1976. „Ich wünschte, ihr würdet mit uns kommen und dort leben. Alle sind in Frieden.“ In seinen kurzen Jahren nach TSAHB sprach er über das Retten von Walen und andere ökologische Themen.
Trotz des Altersunterschieds blieb er fest auf der Seite der Jugend, in dem Wissen, dass sie die Welt erben würden, die die vorherigen Generationen hinterließen. Daher seine häufigen Ermutigungen, die man im gesamten Boxset hört, immer mit Zuneigung in der Stimme. „Eure Begeisterung macht mich glücklich. Ich wünschte, die meisten von euch wären meine Kinder“, sagt er 1975 im Londoner Mayfair. Später fügt er hinzu: „Ihr seid die Kinder von morgen, ob es euch gefällt oder nicht.“ Im selben Jahr sagt er in Manchester: „Das Einzige, was ich euch versprechen kann, ist Ehrlichkeit.“ Ein Jahr später fragt er in derselben Stadt: „Ihr wisst doch, wie Erwachsene sind? Ja, sie vermasseln alles.“ Und es gibt eine lange Vorlesung im Londoner Rainbow Theatre 1975, bei der das Publikum klatscht, während er ihm die Wahrheit sagt.
Wie viele Menschen werden sich, fünf Jahrzehnte später, Harveys Botschaft anhören – die auf „Good Evening, Boys And Girls!“ erstaunlich aktuell klingt – und denken: „Ich hätte damals mehr darauf achten sollen“? Zum Glück ist es noch nicht zu spät.
Mord auf der Tanzfläche
Das missverstandene Tom-Jones-Cover, das zur größten Hitsingle der Sensational Alex Harvey Band wurde.
Die Vorstellung, dass The Sensational Alex Harvey Band eine progressive, sozial bewusste Aktivistengruppe waren, wird viele überraschen, die nur ihren größten Hit kennen – ihre Coverversion von Tom Jones’ „Delilah“ von 1975.
Von ihrem Livealbum desselben Jahres entnommen, wurde der Song ohne Wissen der Bandmitglieder veröffentlicht, doch als er die Top 10 erreichte, brachte er ihnen ein neues Maß an Aufmerksamkeit. Allerdings war das nicht nur positiv, da der Song in manchen Kreisen als Witznummer galt – besonders wegen des leichtfüßigen Tanzes, den Harvey, Cleminson und Glen während des Solos aufführten.
„Die Leute hielten uns für One-Hit-Wonder“, sagte der verstorbene Schlagzeuger Ted McKenna einst. „Sie dachten, wir wären eine Comedy-Truppe. Außerhalb des Kontexts konnte man nicht erkennen, wie subversiv der Song ist. Es geht um einen Mann, der durch Verrat wahnsinnig wird und der die Frau, die er liebt, ermordet und ihr die Schuld für seine Tat gibt. Was ist daran lustig?“
„Wir haben den Tanz nur erfunden, weil wir auf der letzten Tour Del Shannons ‚Runaway‘ mit einem Tanz gemacht hatten und etwas brauchten, das das ersetzt“, sagt Chris Glen. „Es sollte die Leute zum Nachdenken bringen: ‚Sie singen davon, ein Messer in der Hand zu halten und das Lachen einer Frau zu beenden – aber sie tanzen? Was zum Teufel soll das?‘“
Vielleicht lag das Problem mit „Delilah“ in seiner Zugänglichkeit – einer der Gründe, warum Harvey von dem Song angezogen worden war. TSAHB hatten zuvor bereits Jacques Brels „Next“ gecovert, ein ebenso dunkles Stück über einen Mann, der durch die Erlebnisse mit den Grausamkeiten seiner eigenen Armee im Krieg in den Wahnsinn getrieben wird. Ihr Auftritt in der Musiksendung „The Old Grey Whistle Test“ 1973 machte absolut klar, worum es ging, auch wenn dort noch ein Hauch schwarzer Humor mitschwang. Der Stil des Songs ließ sich jedoch unmöglich missverstehen.
Im Kontext eines TSAHB-Konzerts war die Absicht hinter „Delilah“ klar. In „Top Of The Pops“ neben den zuckersüßen Songs der Zeit gezeigt, war das weit weniger offensichtlich. Es prägte das Image der Band dauerhaft – und nicht immer zum Guten.
In einer Zeit, in der die Nummer neu bewertet wurde und der walisische Rugbyverband das Singen dieses Songs als inoffizielle Fanhymne wegen seines Themas verboten hat, bleibt Produzent Dave Batchelor überzeugt, dass die Veröffentlichung eine gute Entscheidung war. „Es ist eine der besten Coverversionen aller Zeiten“, behauptet er. „Eine wirklich clevere und freche Version. Es hätte ein viel größerer Hit werden sollen, und es verdient Respekt.“



