Kings of Leon – Was ist schon normal?

Kings Of LeonStreits, Schlägereien, Alkoholeskapaden, Abbruch der Tournee. Im Herbst 2011 sah es nicht gut aus um die Zukunft der Kings Of Leon. Doch mit ihrem sechsten Album MECHANICAL BULL zeigt Familie Followill, dass eine Trennung auf Zeit funktionieren kann.

Kürzlich habe ich auf einer Hochzeit einen Amerikaner kennen gelernt, Steve. Steve ist in Iowa unter Mennoniten groß geworden, hat das alles hinter sich gelassen, ist nach Europa regelrecht geflohen. „Das schlimmste sind die Revival-Wochen“ schaudert er. „Einmal im Jahr kommt der Revival-Priester. In dieser Woche versammelt sich der ganze Ort im großen Zelt zum täglichen Gottesdienst. Man muss sich von den Sünden eines ganzen Jahres reinigen. Intensive Rituale.“ Ihm fällt etwas ein. „Unser Revival-Priester war immer mit seinen kleinen Söhnen unterwegs. Die spielten im Gottesdienst dann Gitarre. Das waren die kleinen Kings Of Leon. Hundertpro.“ „Sowas – die habe ich neulich erst interviewt!“ erzähle ich. „Echt? Oh Mann, wenn du sie das nächste Mal sprichst, MUSST du sie nach ihrem Vater fragen! Das war ja nicht nur irgendein Wanderprediger – er war der verdammte REVIVAL PRIEST, Mann!! Der große Zampano! Mann, es muss einen ja völlig kaputt machen, so aufzuwachsen! Aber er wurde exkommuniziert, weißt du?“ (Ivan Leon Followill wurde von der United Pentecoastal Church tatsächlich auch bei Mennoniten im ländlichen Minnesota als Revival-Priester eingesetzt.)

Wissen wir. Die Geschichte der Kings Of Leon ist schließlich so unglaublich, dass sie wieder und wieder erzählt wurde, seit das Quartett 2003 auf der Bildfläche des Rock erschien. Sollen wir das alles noch mal rauskramen? Doch, wir tun‘s. Die Story ist so einzigartig. Und sie erklärt uns, wo die Kings Of Leon heute stehen. Warum ihr taufrisches sechstes Album MECHANICAL BULL so klingt, wie es klingt. Nathan Followill, mit 33 Bändältester, Sprachrohr und Drummer der Vier, war unser Gesprächspartner zu dem Thema. Doch streiften wir natürlich auch Entwicklung und Vergangenheit. Also los.

Vier kleine Südstaaten-Boys also, die drei Brüder Nathan, Caleb und Jared sowie ihr Cousin Matthew Followill, werden in den 90ern in der abgeschirmten Welt der United Pentecoastal Church groß. Mit ihrem Dad ziehen sie von Revival zu Revival durch die Örtchen des mittleren Westens. Bis Pappa aus der Kirche verstoßen wird – er war entgegen seiner Predigten weder Wein noch Weib abgeneigt. So finden sich die vier als Teenager plötzlich im weltlichen Leben wieder. Erstmals hören sie auch Rock‘n‘Roll – bis vor kurzem hatte man sie vor solchem Satanswerk noch bewahrt. Die großen Brüder Caleb und Nathan werfen sich begeistert mitten rein. Sie schreiben erste Songs, so rau und so unmittelbar, wie sie nur der eben geborene, unschuldige Enthusiasmus schreiben kann. Ohne Angst und Scheuklappen prallt in ihren Liedern Südstaatenrocktradition auf Indierock-Biss – für sie ist beides gleich neu. Nashville-Veteran Angelo Petraglia mischt sich ein und schon winkt ein Label mit einem Plattenvertrag. Also müssen der kleine Bruder Jared (16) und Cousin Matthew (17) Gitarre und Bass lernen, um eine Band zu komplettieren. Die vier nennen sich Kings Of Leon. Nach ihrem immer noch prägendsten Einfluss: Vater Ivan Leon Followill, dem gefallenen Priester.

Auf ihrer ersten EP HOLLY ROLLER NOVOCAINE sowie dem Debütalbum YOUTH AND YOUNG MANHOOD klingen die Frischlinge kernig, dirty, erdig. Wie ein Pixies Clearwater Revival. In den Staaten nimmt noch niemand Notiz, doch die Hype-Maschine Grossbritanniens schaltet sofort auf Overdrive. „Auf unserer ersten Show in den USA waren acht Typen mit Cowboyhüten“ erinnert sich Nathan in unserem Gespräch. Die erste Show auf der Insel dagegen: „Der Laden war bei Tag ein Stripclub und bei Nacht ein Rockclub. Als wir ankamen, mussten wir erst mal draußen warten, weil die Girls in unserer Garderobe noch Lapdances gaben! Aber die Show war Wahnsinn. Irgendwie hatte man 200 Kids in ein Venue gepresst, der vielleicht für 40 geeignet war.“

Ein passendes Setting für das, was kommen sollte. Die Band geht auf der Insel sofort durch die Decke. Nathan: „Ich schätze mal, es kam für die Briten als erfrischend rüber, dass Jungs einfach nur ihre Gitarre umschnallen, verschwitzte Zweieinhalb-Minuten-Rocksongs spielen und nach 40 Minuten alles vorbei ist. Dass so was überhaupt noch gemacht wurde.“ So ist‘s. Alles reißt sich um die bärtigen Boys (ihr uriger, aus der Zeit gefallener Look fiel den stylebesessenen Insulanern natürlich als erstes auf) und schon sind sie mittendrin, im Sündenpfuhl. Nathan: „Klar, zu Beginn unserer Karriere, da wurden all diese Verbindungen gezogen: ‚Die Priestersöhne machen jetzt das Werk des Teufels.’ Aber hey, ob Christ oder kein Christ, der Hintergrund ist doch egal. Wenn du vier Teenager nimmst und ihnen alles gibst, was sie wollen, zum ersten Mal in ihrem Leben – wenn du sie in ein Land bringst, wo sie trinken dürfen und wo sich ihnen die Mädels an den Hals werfen, Nacht für Nacht – da würde doch jedes Kid so reagieren, wie wir es taten. Ich werde es offen sagen: Wir waren so richtig dreckige Sünder. Aber ich würde im Nachhinein nichts dran ändern wollen. Wir hatten einen solchen Spaß!“

Und weil die Staaten weiterhin schlummern oder dem Braten nicht trauen (von Dave Grohl ist das Zitat überliefert „Wenn deine Band ausschaut, als sei sie dem Film ‚Almost Famous’ entsprungen, werde ich sie verdächtig finden“), stehen die ersten Jahre der Kings Of Leon ganz im Zeichen Großbritanniens. „Mann, wir haben so viele Shows gespielt! Die Acts, die groß waren, als wir damals in Europa waren, das waren Bands wie The Strokes, The Datsuns, The Libertines, Franz Ferdinand, My Morning Jacket, Interpol. Und wir als die Neulinge, wir haben das unterbewusst aufgesogen wie Schwämme. Als die Zeit kam, die zweite Platte zu machen, da waren wir zweifellos von diesen Bands beeinflusst. Wir wussten jetzt: ‚Mann, es gibt noch so viel mehr, was wir aus unseren Instrumenten raus holen können! Musik kann aus mehr als zwei Akkorden bestehen, die man so schnell und hart wie möglich spielt!’ So haben wir auch die Melodien entdeckt.“

Die zweite Platte AHA SHAKE HEARTBREAK erscheint schon 2004 und zeigt direkt die erstaunliche Entwicklung – die Energie und das Traditionelle des Debüts werden mit echter Experimentierfreude und zackiger Indierhythmik aufgepeppt. Der Erfolg der Followills in Europa festigt sich, breitet sich aus. In den USA bleibt es still. Die Kings Of Leon leben jetzt in zwei Welten. In Nashville, wo man sich niedergelassen hat, ungestört, unerkannt. Ein Flug nach London dagegen bedeutet einen Trip nach Sodom und Gomorrha.

Album drei, BECAUSE OF THE TIMES, 2006. Die Hallen in Europa werden immer größer, auf der Insel sind es schon Stadien. Der Sound wird raumgreifender. In den USA wird aufgehorcht.

Und dann, 2008: ONLY BY THE NIGHT. Stadionrock. ›Sex On Fire‹. Bombastische Balladen. ›Use Somebody‹. ›Notion‹. Über 6 Millionen weltweit verkaufte Alben, ein Drittel davon auch in den Staaten. Die sind fortan kein Rückzugsgebiet mehr, auch hier können Caleb, Nathan, Jared und Matthew nicht mehr unerkannt vor die Tür. Die Kings Of Leon sind jetzt eine der größten Bands der Welt – inklusive der Vereinnahmung durch den Mainstream, die das zwangsweise bedeutet. In Europa beginnt damit die Übersättigung. Frühe Fans erkennen ihre Lieblingsband nicht mehr wieder – was hat dieser Wildwest-U2-Sound noch mit den schroffen Wadenbeißern des Debüts gemein?
Unter diesen Voraussetzungen folgt im Herbst 2010 COME AROUND SUNDOWN. Nathan: „Im Nachhinein herrschte schon ein ganz schöner Druck auf uns. Man denkt, das prallt an einem ab – aber dieses ewige ‚Werdet ihr den Erfolgslevel von der letzten Platte halten können?’, das hat uns unterbewusst wohl doch sehr zugesetzt.“

Die Fünfte ist keine schlechte Platte, aber ihre gleichförmigste. Auch ihre langsamste, es dominieren fast ausschließlich die breitflächigen Schleicher. Respektable zwei Millionen Alben gehen wieder über die Ladentische, aber nach 13 Monaten auf Tour ist die Stimmung in der Band am Boden. Nathan: „Touren ist kein Zuckerschlecken. Man wird müde und einsam, man hat die Schnauze voll voneinander. Die Leute denken, ‚Oh, du spielst eine Stunde lang in einem Stadion und hast den ganzen Tag sonst für Dich!’ Nein! Du steigst nach dem Gig um zwei Uhr früh in den Tourbus, du erreichst das Hotel in der neuen Stadt irgendwann am Morgen, du schläfst bis halb zwei, kommst im Stadion schon zu spät für den Soundcheck an und am Ende merkst du: ‚Scheiße, mein ganzer Tag in Barcelona, und ich habe ihn verpennt!’“

Wer selbst Geschwister hat, weiß: Unter Brüdern herrscht keine Höflichkeit. Wenn gestritten wird, wird GESTRITTEN. Dass es im Camp Followill auch zu Prügeleien kommt, dass Alkohol und Egos außer Kontrolle geraten, lässt sich nicht verheimlichen.

Am 27. Juli 2011 die Eskalation in Dallas: Ein schon zu Konzertbeginn sichtlich angeschlagener Caleb verabschiedet sich mitten in der Show, „um mal eben zu kotzen“, und wird nicht mehr gesehen. Am nächsten Tag wird die Tour abgebrochen. Die Gerüchteküche kocht über. Sind die Kings of Leon am Ende? Zerstritten, zerrüttet, künstlerisch ausgelaugt?

Und damit sind wir angekommen bei MECHANICAL BULL, dem sechsten Album. Bei Nathan Followill, der entspannt auf all das zurück blicken kann. In dem Wissen, alles richtig gemacht zu haben, als man spontan die Vollbremsung reinhaute.

Nicht, dass das Management dem Frieden traut. Eigentlich soll unser Gespräch vor dem KoL-Konzert in den Katakomben der Festhalle Frankfurt stattfinden, doch die Band erlaubt sich eine mehrstündige Verspätung. Erst, als der support The Weeks schon auf der Bühne steht, kommt die Nachricht: „Sie sind da!“ Dann auch die Zusage für ein kurzes Treffen. Ein muskelbepackter, böse drein blickender Bodyguard bewacht die Tür, hinter der Nathan und Caleb warten. Völlig angespannt, vermutlich. Bei der ersten falschen Bemerkung werden sie mit dem Silberbesteck auf uns losgehen. Dieser Eindruck wird geweckt. Als würden da zwei zähnefletschende Pitbulls bewacht.

Aber die Tür geht auf und zwei Sonnenscheinchen lächeln einen an. Gelöst stören sich Sänger und Schlagzeuger auch nicht an den banalsten Fragen der Kollegin vom Rundfunk. „Welchen Ratschlag gebt Ihr Robbie Williams, auch der ist doch jetzt Papa?“ Antwort: „Bring a Nanny“. Wir erfahren so: Die vier haben während der Europatournee ihre Zentrale in London aufgeschlagen, wo sie mit Ehefrauen und Kindern (alle vier sind inzwischen verheiratet, Matthew, Nathan und Caleb Väter) im Hotel residieren. Sie spielen nur jeden zweiten Tag, dazwischen geht‘s zur Familie. Man hat gelernt aus der früheren Unrast auf Tour. Sich einen Ankerplatz geschaffen, wo Tour-Hektik und Überdruss sofort entladen werden können.

Warum, wenn die Band selbst gerade so relaxed ist, dann das übervorsichtige Auftreten des Umfelds backstage? Wo penibel darauf geachtet wird, dass nichts, aber auch gar nichts bei einem der Kings auch nur das minimalste Missfallen erregen könnte? Ist es überhaupt korrekt, vier erwachsene Männer wie rohe Eier zu behandeln? Alles von ihnen abzuschirmen? Verzieht man sie damit nicht erst recht?

Vermutlich ja. Andererseits: Das Management hat die Jungs ja auch schon wiederholt explodieren sehen. Daher ein Vergleich: Diese Jungs sind Nitroglyzerin. Detonieren sollen sie im kontrollierten Rahmen, Abend für Abend auf der Bühne. Aber nur dann. Im falschen Moment aber kann der kleinste Anstoß alles hoch gehen lassen. So werden die Followills vom Management jedenfalls gehandhabt. Weswegen unser Gespräch mit Nathan auf den nächsten Tag gelegt wird und am Telefon stattfindet.

„Wir sind eine Familie, als solche werden wir immer beieinander bleiben“, das stellt Nathan vom Hotelzimmer aus klar. Die Entscheidung, nach dem Tour-abbruch für sechs Monate der Musik, der Band, dem Business völlig zu entsagen, sich um Ehefrauen und Kinder zu kümmern, richtete sich nicht gegen die Geschwister. Man traf sich ja weiterhin. „Aber es war gut, mal wieder von Bruder zu Bruder abzuhängen. Nicht als Sänger, Drummer und Bassist essen zu gehen oder so.“

Als man sich dann wieder an die Musik machte, kapselte man sich ab. „Wir haben uns ein Gebäude in Nashville gekauft und in ein Aufnahmestudio umgewandelt. Und nachdem wir dann so lange keine Instrumente angefasst hatten, war es einfach super angenehm, so ein Clubhaus / Proberaum / Studio zu haben. Denn so haben wir das behandelt. Es war komplett unser eigener Freiraum. Da gab es keine Leute von der Plattenfirma, die uns über die Schulter gelinst haben und Songs hören wollten. Da waren keine Manager unterwegs, da war niemand außer der Band. Wir konnten uns so viel Zeit nehmen, wie wir brauchten und wir haben wirklich gesagt: Das ist UNSERE Platte. Die machen wir, wie wir sie wollen. Wenn man jetzt zurück guckt, lastete sehr wohl eine Menge Druck auf dieser Platte, aber ich glaube, wenn wir diesen Druck an uns ran gelassen hätten, hätte es ein anderes Ergebnis gegeben. So aber ist das Resultat einfach eine Platte, die Spaß macht.“

Hier darf man dem Schlagzeuger Recht geben. Auf MECHANICAL BULL finden sich tatsächlich wieder so einige Brecher wie ›It Don‘t Matter‹ und ›Temples‹, die das Tempo und den Biss der ersten KoL-Alben aufgreifen. Experimentiert wurde auch: Das groovige ›Family Tree‹ und der Krautrock-Beat von ›Coming Back‹ zeigen Seiten, die wir von der Band bisher noch nicht gehört haben. ›Use Somebody‹-eske alt.Country-Balladen wie ›On The Chin‹ oder ›Beautiful War‹ fehlen natürlich dennoch nicht.

„Wenn wir später mal auf dieses Album zurück schauen, werden wir sagen: ,Das war die erste aus dem eigenen Studio‘“ hofft Nathan, eine Tradition zu begründen. „Wir haben jetzt ja auch unsere eigene Plattenfirma (,Serpents And Snakes‘) und ich bin mir ziemlich sicher, dass das letztlich so etwas wie das Label-Aufnahmestudio wird. Wir werden auch die anderen Bands (The Weeks, The Features u.a.) dort aufnehmen lassen, klar.“ Wenn London also auf Tour der Ankerplatz ist, sollen Studio und Nashville der sichere Heimathafen sein. „Nashville ist ein Glücksfall für uns. Wenn du in einer Stadt lebst, in der es völlig normal ist, beim Gemüsekauf einen Country-Sänger zu treffen, dann geht das in die Kultur der Stadt über. Dann lässt man dich in Ruhe. Dann will keiner ein Autogramm“, freut sich der Drummer und klingt fast stolz, wenn er sagt. „Für die Leute in Nashville bin ich einfach nur Nathan, der zwei mal die Woche in den 12 South Taproom geht und seine Wings und sein Bier bestellt.“

Sieh an. So ist das, was wir als Kernaussage aus dem Gespräch mitnehmen: Die Kings Of Leon, diese vier mit der kurzen Zündschnur und der schrägsten aller Vergangenheiten, die früher von Erweckungserlebnis zu Erweckungserlebnis reisten und die nun, quasi in ihres Vaters Fußstapfen folgend, ganze Hallen und Stadien in Ekstase versetzen – auch sie wünschen sich ganz banal nur eins: Normalität. Keinen Druck, Ruhe. Schauen wir mal, wie lange Familie Followill den Zustand beibehalten kann. Die nächste Detonation bleibt nicht ausgeschlossen.

Henning Furbach