Die Zeiten, in denen München als weltweit gefragte Adresse für die internationale Rockszene galt, müssen nicht vorbei sein. Die fünf von VIPER QUEEN versuchen, aktiv ihren Teil für die Wiederauferstehung zu leisten.
Früher Mittwochabend im Wolf, einer Bar im Münchner Glockenbachviertel. Noch sind sie keine Rockstars, aber die Leute drehen sich um nach Sänger John Hall und den Gitarristen Michi Wolf und Jimmy Foxx. Sie sehen aus, wie eine Metalband aussehen soll. Die drei Fünftel von Viper Queen stehen heute auf keiner Bühne, aber ihre langen Haare und Denim-Outfits tragen sie auch im normalen Leben. Jimmy kriegt seinen Lieblingswhiskey schon serviert, bevor er richtig Platz genommen hat. So muss das sein.
München und Rock, das war mal eine enge Liebesbeziehung. „Gleich hier ums Eck ist das ehemalige Old Mrs. Henderson. Da hat Freddie Mercury seinen 39. Geburtstag gefeiert und seinen verlorengegangenen Ehering suchen sie da heute noch“, begeistert sich Jimmy. „Es gab eine Riesenszene in den 80ern mit unzähligen Bars und Läden. Auf der Leopoldstraße und hier im Glockenbach, es gab die Musicland Studios und und und“, weiß auch Michi. Die zwei waren da noch nicht geboren. Aber sie haben sich ein Ziel gesetzt: der Landeshauptstadt mal wieder Feuer unterm Hintern zu machen. Make Munich sexy again. Das erste Album trägt den Titel einer Kult-Sampler-Reihe aus der Ära der gebrannten CDs: „Munich City Nights“. Hard Rock & Sleaze aus der goldenen Ära ist die Inspiration. „Wobei wir nie eine bestimmte Band gepickt haben, um zu sagen: Wir wollen sein wie W.A.S.P. oder Dokken, Ratt, Cinderella oder Priest“, so Michi. „Lieber eine Kombination aus all dem, und uns selbst.“
Viele hatten schon längst mit dem Viper-Queen-Longplay-Debüt gerechnet. Achtungserfolge sammelt die umtriebige Formation, die schon auf einigen Festivals spielte und einige größere Namen supporten konnte, schließlich schon seit 2019. „Wir dachten, 2020 wird unser Jahr!“, lacht Michi. Dann kam nicht nur Corona. Der erste Sänger verließ die Gruppe, um sich auf seine Familie zu fokussieren. Die Suche nach einem Nachfolger wurde zum Härtetest.
„Ich sag’s, wie’s ist, diese Bandproben ohne Sänger waren zum Kotzen“, erinnert sich Jimmy mit Schaudern. „Da spielt jeder so sein Zeug runter und am Ende gibt man sich die Hand und fährt wieder nach Hause. Wir haben das trotzdem über zwei Jahre durchgezogen, um im Saft zu bleiben – und dann kam zum Glück der John.“
„‚Sucht ihr noch?‘, habe ich gefragt“, grinst der Sänger. „Ja, händeringend!“, antworten Jimmy und Michi und klingen immer noch erleichtert.
Mit John Hall ist nun endlich das fehlende Puzzlestück an der Front gefunden. Bekannt war der Sänger den Jungs schon länger aus der Szene, da er bereits in einer befreundeten Oldschool-Metalband sang. „Ich bin schon immer Fan der 80er-Rockmusik und konnte mich daher auch mit dem Stil, Style und der musikalischen Idee von Viper Queen identifizieren. Der Gesang ist halt irgendwo das Aushängeschild einer Band. Daher ist es schon eine Aufgabe, seine Stimme passend in die Songs einzubringen und nach vorne hin auch auszustrahlen“, so John.
Dass das Genre der Gruppe das ein oder andere Klischee mit sich bringt, ist Viper Queen bewusst. Ihnen ist es wichtig, eine gute Balance zu finden. Michi beschreibt es so: „In jeder Kunst ist Authentizität mit das Wichtigste, einfach ehrlich zu sich selbst sein und die Stärken ausspielen. Ich finde es gut, wenn sich eine Band so ernst wie nötig nimmt, aber dabei auch so spaßig wie möglich gibt.“ Jimmy ergänzt dazu: „Man möchte sich jedoch auch ein Stück weit selbstverwirklichen und seine Leidenschaft zur Musik ausdrücken. Ich übe viel und gerne an meiner Gitarre und habe einfach Spaß an Melodien, Harmonien und Riffs und wenn aus vielen Ideen dann ein Stück wird – bei dem es lyrisch im besten Fall dann noch um etwas halbwegs Sinnvolles geht – dann erfüllt das einen selbst schon irgendwie. Wenn dann noch Fans einem sagen, dass es sie berührt, begeistert oder begleitet, bestätigt das einen umso mehr und motiviert auch ungemein.“
Die Basis der Songs auf „Munich City Nights“ stammt zum Großteil aus Michis Feder und wurde dann gemeinschaftlich aufgearbeitet. Auch alte Lieder, die schon 2020 auf der Debüt-EP der Band veröffentlicht wurden, finden sich auf dem Album. Michi erklärt: „Zum Zeitpunkt der EP standen wir noch in den Kinderschuhen, heute sind wir musikalisch weiter. Auch durch den Sängerwechsel kamen nochmal zusätzliche Impulse rein. Wir waren der Meinung, dass wir heute mehr aus dem Song-Material rausholen konnten.“
Zu einem unerwarteten Diskussionspunkt hat sich ausgerechnet die Heimat der Königsvipern entwickelt. „Wenn man von Leuten außerhalb der Stadt den Satz hört: Ich war letztens in München – dann ist die Chance hoch, dass gleich eine negative Geschichte kommt. Dass hier nicht alles rosig ist, wissen wir auch. Aber dass sie so polarisiert, war uns auch nicht bewusst“, wundert sich Sänger John. Gerade im Rock und Metal ist Provokation jedoch ein gängiges Stilmittel. „Wenn es scheinbar eine Stadt gibt, die besonders das deutsche Volk ärgert, dann ist es München! Wir lieben es hier, aber viele sagen uns, dass sie es echt mutig finden, uns so klar zur Heimat zu bekennen und die Debütplatte ‚Munich City Nights‘ zu nennen“, amüsiert sich Michi.
Dass die bayerische Landeshauptstadt nicht überall in Deutschland wohlgelitten ist, liegt auch an der Dominanz eines roten Sportclubs, der so gut wie jedes Jahr Bundesliga-Meister wird. Die Fußball-Sympathien von Viper Queen verteilen sich zwar über den TSV 1860 und FCA – einig ist man sich allerdings bei einem Verein aus einer anderen Sportart: Ihr Song „Dealing With Fire“ ist eine Stadionhymne des DEL-Eishockeyclubs EHC Red Bull München. Ex-Verteidiger Koni Abeltshauser und Stadionsprecher Wolfi Dittrich geben bei den Aufnahmen sogar ihre Backing-Vocals zum Besten. „Letztes Jahr wurde im ausverkauften SAP Garden ein Rock-Spieltag veranstaltet. In diesem Rahmen wurde auch unser Musikvideo zu ‚Dealing With Fire‘ auf dem großen Videowürfel gespielt. Hätte mir jemand vor ein paar Jahren noch gesagt, dass wir mal vor 11.000 Leuten in einem Eishockey-Stadion präsentiert werden, dem hätte ich wahrscheinlich den Vogel gezeigt“, erinnert sich Foxx.
Der Eishockey-Song ist nicht der einzige Titel auf der Platte mit originellem Thema. So beruht der Album-Opener „Undercover Lover“ auf den wahren Geschichten eines ehemaligen verdeckten Polizisten, der eingeschleust in München und Bayern ermittelte. Michi: „Er ist jetzt im verdienten Ruhestand. Früher aber hatte er mehrere Identitäten und ließ unter anderem kriminelle Bikerclubs hochgehen. Bei manchen seiner Geschichten, da denkst du dir: Daraus müsste man eine Fernsehserie drehen! Ich mag den Song, weil wir den Text offen genug lassen. Wenn du den Hintergrund nicht kennst, kann ‚Undercover Lover‘ auch was ganz anderes bedeuten.“



