Werkschau: Scorpions

Scorpions 2015Deutschlands Rock-Urgestein hat Grandioses produziert – aber auch weniger Überzeugendes. Wir trennen die Spreu vom Weizen.

Als Gitarrist Rudolf Schenker die Scorpions 1965 gründete, konnte er gewiss nicht ahnen, was für bewegende, enttäuschende und glücklicherweise überwiegend schöne, motivierende Momente und Erfahrungen in den folgenden 45 Jahren auf ihn zukommen würden. Etwa Tourneen und Auftritte mit Deep Purple, Iron Maiden und Rainbow, mit AC/DC, Alice Cooper, Aerosmith und Michael Jackson (!). Die Scorpions rockten die ganze Welt, spielten in exotischen Ländern wie Ägypten, Libanon, der Mongolei, in Neu-Kaledonien, auf den Philippinen, in Südkorea, Trinidad-Tobago und Albanien.

Als zweite westliche Band überhaupt gaben sie Konzerte in Russland mit zehn aufeinanderfolgenden Gigs in Leningrad vor jeweils 20.000 Fans, dreimal hintereinander wurde der New Yorker Madison Square Garden ausverkauft. 1984 bei „Rock In Rio“ traten die Niedersachsen vor 500.000 Menschen auf, fünf Jahre später beim „Moscow Peace Festival“ vor immerhin 300.000. Und im Jahr 2000 eröffnete man gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern die Expo. Ihr Lebenswerk wurde mit einem „Echo“ belohnt, ihr ›Wind Of Change‹, die Hymne zum Ende des Kalten Krieges, mit einer per-sönlichen Einladung des damaligen russischen Regierungschefs Michail Gorbatschow.

Viel Licht also, und wenig Schatten. Denn Negatives wie der haltlose Pädophilie-Vorwurf für das Cover von VIRGIN KILLER oder der Verlust der Supergitarristen Michael Schenker und Uli Jon Roth rücken gegen all die Glanztaten dann doch komplett in den Hintergrund. Die Scorpions werden dem Rock’n’Roll einige unzerstörbare Werke hinterlassen. Eine kleine Orientierungshilfe bieten die nachfolgenden Besprechungen.

Unverzichtbar

freecovers.netBLACKOUT
EMI, 1982

Während der Vorproduktion verlor Klaus Meine seine Stimme, wurde zweimal in Wien an den Stimmbändern operiert und fiel ein halbes Jahr lang aus. BLACKOUT geriet dennoch zum härtesten, kraftvollsten Scorpions-Album und nebenbei zu einem formidablen Hard Rock-Klassiker. Mit fulminanten Songs wie ›Blackout‹ und ›Dynamite‹, dem Hit ›No One Like Me‹, dem unterbewerteten ›You Give Me All I Need‹ und der Ballade ›When The Smoke Is Going Down‹ eroberten die Scorpions nach Japan nun auch den Rest der Rockwelt. Bemer-kenswert: Gitarrist Matthias Jabs trat endgültig aus den Fußstapfen von Uli John Roth und Michael Schenker.

Scorpions Love at first stingLOVE AT FIRST STING
EMI, 1984

600.000 Vorbestellungen, ohne dass die Fans auch nur einen Ton des neuen Albums gehört hatten, bedeuteten für die Scorpions Gold in den USA. Keiner der Risikofreudigen dürfte seine Entscheidung bereut haben. Zwar nicht ganz so hart und wild wie BLACKOUT, offerierte LOVE AT FIRST STING griffige Songs mit markanten Melodien: Die Mixtur aus anspruchsvollen Kompositionen und packender Eingängigkeit ergab einen ganzen Sack voller Hits. ›Rock You Like A Hurri-cane‹ trug seinen Titel zu Recht, aber auch ›Bad Boys Running Wild‹, ›Big City Nights‹, ›Still Loving You‹ und ›Crossfire‹ haben nichts von ihrem Reiz verloren.

Wunderbar

Scorpions Taken By Force

TAKEN BY FORCE
RCA, 1977

Hier könnten auch die großartigen Siebziger-Scheiben IN TRANCE und VIRGIN KILLER stehen. TA- KEN BY FORCE klingt im Ver-gleich jedoch noch ausgereifter und zwingender. Das atmosphärische ›We’ll Burn The Sky‹ taucht sogar heute noch im Live-Set der Scorpions auf, und das für damalige Verhältnisse extrem harte ›He’s A Woman, She’s A Man‹ erwies sich ebenfalls als Klassiker. Aber auch Rocker wie ›Steamrock Fever‹ und ›The Sails Of Charon‹ zeigten, dass die Band dabei war, international für Furore zu sorgen. Gitarrist Uli Jon Roth stand der zunehmend härteren Ausrichtung jedoch skeptisch gegenüber und nahm seinen Hut.

Scorpions Tokyo Tapes

TOKYO TAPES
RCA, 1979

Für viele ist gewiss WORLD WIDE LIVE von 1985 das definitive Live-Werk der Scorpions. Schließlich entstand es während der um-jubelten Tournee für LOVE AT FIRST STING, das den weltwei-ten Durchbruch bedeutet hatte. TOKYO TAPES bildete jedoch den Abschluss der Ära Uli Jon Roth und zählt bis heute zu den char-mantesten und intensivsten Live-Alben aller Zeiten. Man spürt die Begeisterung der Japaner, und die Scorpions belohnten die enthusiastischen Fans mit authentischem, hochwertig inszeniertem Rock – und der Interpretation eines japanischen Volksliedes. TOKYO TA- PES ist keine Hochglanzproduktion, aber dafür enorm direkt.

Scorpions LovedriveLOVEDRIVE
EMI, 1979

LOVEDRIVE bildet das Bindeglied zwischen der streckenweise ex-perimentellen Siebziger-Phase und der sich anbahnenden stär-keren Zugänglichkeit für die breite Masse. Das erste Album ohne Uli John Roth enthielt einige brillante Gitarren von Michael Schenker, mit dem die Scorpions gerne wei-terhin zusammengearbeitet hätten – was jedoch an dessen übermäßigem Drogenkonsum scheiterte. Die gebotene Vielfalt mit dem brutalen, chaotischen ›An- other Piece Of Meat‹, dem be-schwingten ›Is There Anybody There?‹, dem düsteren Instru-mental ›Coast To Coast‹ und der Ballade ›Holiday‹ ist beeindruckend. Ein Must-Have.

Scorpions Animal MagnetismANIMAL MAGNETISM
EMI, 1980

Der Nachfolger von LOVEDRIVE ist wegen der düsteren Grundstimmung ein eher schwer zugängliches Album, das bis heute massiv unterschätzt wird. In der Retrospektive kristallisiert es sich jedoch als Meilenstein auf dem Weg zum Mainstream-Erfolg heraus. Aus vielerlei Gründen: Erstens durfte sich der vereinzelt bereits auf LOVEDRIVE einge-setzte Gitarrist Matthias Jabs als vollwertiges Mitglied präsentieren, was dem Bandgefüge nur gut tat. Zudem war mit ›The Zoo‹ ein kommender Klassiker mit an Bord – und auch die Amerikaner nahmen von den Scorpions jetzt erstmals Notiz.

Anhörbar

Scorpions Savage Amusement
SAVAGE AMUSEMENT
EMI, 1988

Vielleicht das schwierigste Album ihrer Karriere. Es schien kaum möglich, die Leistungen von BLACKOUT und LOVE AT FIRST STING qualitativ und kommerziell zu toppen. Neben den zwar glorreichen, aber anstrengenden Tourneen zehrten zudem Konflikte mit dem langjährigen Produzenten Dieter Dierks an der Substanz. Die Scorpions gingen auf Nummer Sicher und ver-öffentlichten ein Album mit einigen gelungenen Songs, dem es insgesamt aber an Ecken, Kanten und phasenweise auch an der nötigen Spielfreude mangelte. Den übermächtigen Vorgängern konnte SAVAGE AMUSEMENT nicht das Wasser reichen.

Scorpions-UnbreakableUNBREAKABLE
BMG, 2004

Im Zusammenspiel mit den Berliner Philharmonikern – auf MOMENT OF GLORY – und dem Album ACOUSTICA hatten die Scorpions zweifellos künstlerisches Neuland betreten und Experimente gewagt – was völlig legitim war. Doch die Freunde früherer Hardrock-Epen atmeten dann doch erleichtert auf, als nach diesen etwas blutleeren Alben und der für viele nur schwer nachvollziehbaren Irrfahrt von EYE II EYE endlich wieder die Gitarren die Hauptrollen übernahmen. UNBREAKABLE war kompositorisch gewiss keine Offenbarung, rockte aber leidenschaftlich und kompetent. Eine Rückkehr zu ihren Wurzeln, die zumindest Hoffnungen weckte.

Scorpions Humanity Hour I

HUMANITY: HOUR I
Sony, 2007

Die Fans schienen nach UNBREAKABLE versöhnt, und die Scorpions zogen aus der wiedergewonnenen Zuneigung Kraft und Mut, noch einen Schritt weiter zu gehen. Die fette, moderne Produktion von HUMANITY: HOUR 1 drückte wie die Sau. Die Scorpions waren jetzt endgültig im neuen Jahrtausend angekommen, ohne ihre Anhängerschaft vergrault zu haben. Unter den überwiegend starken Songs waren Perlen wie ›The Game Of Life‹, ›We Were Born To Fly‹, ›The Future Never Dies‹, ›Humanity‹ und ›The Cross‹, das eigentlich bei jeder Live-Show zum Standard gehören müsste. Ihr erstes Konzeptalbum und das beste Scorpions-Werk seit langer, langer Zeit.

Sonderbar

Scorpions Pure Instinct

PURE INSTINCT
EastWest, 1996

Wer an dieser Stelle EYE II EYE erwartet, ist ungerecht. Die Scorpions wollten sich neu erfinden und den sinkenden Verkaufszahlen entgegenstemmen. Sie wagten kühne Experimente, setzten modernste Aufnahmetechnik ein und scheiterten, weil ihnen all das niemand abnahm. Allerdings gingen daraus die beiden superben Kompositionen ›Mind Like A Tree‹ und ›Skywriter‹ hervor. Eine weit bessere Ausbeute als bei PURE INSTINCT, denn hier schlingerten die Scorpions ins kreative Vakuum. Nichts gegen ruhige Klänge – grandiose Balladen finden sich im Scorpions-Katalog zuhauf. Aber so platt und uninspiriert wie auf PURE INSTINCT waren sie einfach nur ärgerlich.

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