Werkschau: Muddy Waters

Muddy Waters WerkschauEr ist der Electric Warrior des Blues, der die Stones und Clapton zum Musizieren brachte. Wir blicken auf die Höhen und Tiefen des ruhmreichen Mud.

Das Chicago der 50er Jahre war kein Ort für Leute mit schwachen Ner­ven. Wer sich in die Blues-Spelun­ken im Süden der Stadt wagte, betrat eine brutale und eingefleischte Subkultur. Am deutlichsten beschrieb sie Buddy Guy in einem Kapitel seiner Memoiren, in dem ein Betrunkener mit wahnsinnigem Blick in einer Bar auftauchte, in der Hand den abgetrennten Kopf seiner Frau.

Das Klientel allein war schon furchterregend, der Wettstreit unter den Musikern noch übler. Jede Nacht konnte man in jeder Bar eine Legende spielen sehen, von Otis Rush und Magic Sam bis hin zu den weißen Eindringlingen Paul Butterfield und Mike Bloomfield. Immer zu finden war auch der große böse Howlin‘ Wolf.

Doch Muddy Waters war zweifellos die Nummer eins. Der als McKinley Morgan­field in Mississippi geborene Blueser nahm seine ersten Stücke 1941 auf, entdeckt wurde er vom Archivisten Alan Lomax. Diese erste Pressung verlieh ihm das nötige Selbstbewusstsein, um in den Norden nach Chicago zu ziehen.

Dort unterschrieb er beim frisch gegründeten Label von Leonard und Phil Chess. Verstärkt durch eine Band, die unter anderem aus dem Blues-Harpisten Little Walter und dem Pianisten Otis Spann bestand, feuerte Waters in den frühen 50ern einen Hit nach dem anderen heraus. Nummern, die noch heute zu seinen Klassikern zählen. ›Mannish Boy‹, ›Hoochie Coochie Man‹, ›Got My Mojo Workin’‹, ›I Just Wanna Make Love To You All‹ zeichneten sich alle durch seinen frischen Bariton, revolutionäre Sli­de-Gitarren-Parts und einen Hauch gerechtfertigter Arroganz aus.

Trotzdem geriet sein Siegeszug erst einmal kurz ins Stocken, bevor sich seine Fans auf der anderen Seite des Atlantiks für ihn stark machten. 1958 wurde er von der Jazz-Legende Chris Barber nach Groß­britannien geholt und lieferte durch seine Auftritte dort den Startschuss des britischen Blues-Booms. Alexis Korner und Cyril Davies gründeten daraufhin die Londoner R&B-Szene. Außerdem inspirierte er Eric Clapton und die Rolling Stones (selbst ihr Bandname stammt von Waters‘ Single aus dem Jahr 1950).

Nicht jeder Ton, den Muddy schrieb, war herausragend, aber seine Werke haben bis heute Bestand. 1977 kehrte er schließlich mit dem von Johnny Winter produzierten HARD AGAIN zu alter Hochform zurück. Und auch heute, 33 Jahre nach seinem Tod durch einen Herzinfarkt, lebt seine Legen­de weiter. Joe Bonamassa sagte einmal: „Am Ende eines jeden Tages gibt es nur einen, und das ist Muddy Waters.“
Henry Yates

Unverzichtbar

At Newport 1960
Chess, 1980

Muddy Waters Newport
Er war immer der König von Chicago, aber am 3. Juli 1960 eroberte Muddy Waters den Mainstream, indem er aus den verrauchten Kneipen ausbrach und an einem Sonntagnach­mittag für eine Gruppe weißer Hipster spielte. Im selben Jahr wurde das Live-Album von diesem Konzert veröffentlicht und machte das Unmögliche möglich. Unterstützt von einer All-Star-Band (u.a. mit James Cotton und Otis Spann), geht Muddy in seiner Rolle des Frontmanns völlig auf. Er legt sogar seine Gitarre beiseite und verzaubert das Publikum mit seiner schmachtenden Stimme und seinem unvergleichlichen Charisma. Nie haben Songs wie ›Hoochie Coochie Man‹ und ›Got My Mojo Workin’‹ eine solche Gänsehaut hervorgerufen.

Anthology
Not Now, 2011

Muddy Waters Anthology
Es ist sicher ungewöhnlich, eine Compilation zu den außergewöhnlichen Werken eines Mu­­sikers zu packen, doch wenn man es vermeiden möchte, die nächsten zehn Jahre nach raren Platten zu suchen, bietet diese aus 75 Songs bestehende Zusammenstellung einen perfekten Überblick über Waters‘ Jahre bei Chess. In den 50er Jahren waren diese Songs einfach elektrisierend. Sie versahen den Blues der Hinterhöfe mit einem frischen urbanen Touch. Und auch wenn die großen Hits (›Hoochie Coochie Man‹, ›I Just Wanna Make Love To You‹) meist aus Willie Dixons Feder stammten, so war es doch Muddys Charisma, das sie verkaufte. Und auch in der heutigen Zeit haben diese Songs immer noch die Macht, einen richtiggehend umzuhauen.

Wunderbar

The Complete Plantation recordings
Chess, 1993

Muddy Waters Complete Plantation Recordings
Wer Muddy nur als Meister der elektrischen Gitarre kennt, wird bei diesen raren Akustik­stücken (aufgenommen von Alan Lomax im Jahr 1941) eine völlig neue Seite von Waters erkennen. Seine besten Mo­­mente hat Muddy, wenn er auf das Wesentliche reduziert sein pures Talent zeigt, wobei man schon erahnen kann, wozu dieser Mann noch fähig sein wird. Diese Aufnahmen wurden in der Library Of Congress entdeckt, was beweist: Muddys Songs sind längst als wichtiger Teil der amerikanischen Ge­­schichte anerkannt.

Muddy Waters Sings Big Bill/Folk Singer
Chess, 1960/1964

Muddy Waters Sings Big Bill Folk Singer
Der Reissues-Markt ist überflutet mit Doppel-Compila­tions, aber auf dieses Set sollte man nicht verzichten. Auf BIG BILL präsentiert sich Mud in ehrfürchtiger und doch rauer Form. Er widmet sich den Stücken von Big Bill Broonzy und profitiert dabei von Songs wie ›Mopper’s Blues‹. Das rein akustische FOLK SINGER ist weniger spannend, bis man das klagende ›My Home Is In The Delta‹ (mit einem Gast­auftritt von Buddy Guy) und ›Feel Like Going Home‹ hört. Die klare Produktion unterstützt sein unglaublich weites Stimmvolumen.

Fathers And Sons
Chess, 1989

Muddy Waters Fathers And Sons
Den Stein brachte Mike Bloom­field ins Rollen, indem er Mar­­shall Chess sagte, „er wolle gerne mit Muddy zusammenarbeiten”. Das war die Geburts­stunde dieses Allstarprojekts. Im April 1969 versammelten sich die Blues-Schwergewichte Paul Butterfield, sein Schlag­zeuger Sam Lay und Booker T-Bassist Donald „Duck” Dunn in Chicago für eine dreitägige Aufnahmesession, in der Muddy Champagner schlürfte und sich an einigen weniger be­­kannten musikalischen Klein­oden heiser sang. Die Studio­aufnahmen wurden mit Live-Aufnahmen ergänzt, die in der selben Zeit entstanden sind.

Hard Again
Blue Sky, 1977

Muddy Waters Hard Again
Mitte der 70er Jahre war Muddy ein Relikt am Ende sei­­ner Kräfte. Er musste mit ansehen, wie das einst stolze Chess Records immer mehr zu einem Reissues-Label verkam. Er verließ Chess und drehte erst einmal Däum­chen. Die Erlösung kam in Gestalt von Produzent und Blueser Johnny Winter. Er stellte eine erstklassige Truppe zusammen (James Cotton, Pianist Pinetop Perkins und Schlagzeuger Willie „Big Eyes” Smith wa­­ren an Bord) und kitzelte eine Leistung aus Muddy, wie er sie seit Jahren nicht mehr abgeliefert hatte.

Anhörbar

Muddy ‘Mississippi’ Waters Live
Blue Sky, 1979

Muddy Mississippi Waters
Auch mit weit über 60 war Muddy immer noch ein Ber­serker auf der Bühne. Diese Zu­­sammen­stellung von Live-Aufnahmen erreichte zwar nicht den erhabenen Standard von Newport, bei ›She’s Nine­teen Years Old‹ und ›Nine Below Zero‹ entfesselte er jedoch einen Sturm, seine Slidegitarre klang noch nie so feurig. Johnny Winter unterstützt ihn zwar virtuos, kommt jedoch nicht an den alten Haudegen heran, der seinen zweiten Frühling genießt. Ein Jahr später setze er seinem Comeback den finalen Stempel auf, als er für dieses Album den Grammy für „Best Ethnic or Traditional Recording” erhielt.

The London Muddy Waters Sessions
Chess, 1972

Muddy Waters London
1970 verschwand Howlin‘ Wolf mit seinen Mitmusikern bei Nacht und Nebel in die britische Hauptstadt, um dort in Ruhe aufzunehmen – was ihm hörbar gut tat. Also warum sollte diese Taktik nicht auch bei einem weiteren Star aus Chicago aufgehen? Komischer­weise hatte er kein so gutes Händchen bei seinen Gast­musikern, denn an Stelle von den Stones oder Clapton suchte er sich Steve Winwood, Rick Grech und Mitch Mitchell aus. Trotzdem sollte jeder Blues-Fan dieses Album einmal gehört haben – und sei es nur wegen des grandiosen Gitarrenspiels von Rory Gallagher.

King Bee
Blue Sky, 1981

Muddy Waters King Bee
Durch Johnny Winters Hilfe konnte Waters 1978 einen Hit mit ›I’m Ready‹ landen, dieser Schwanengesang läutete je­­doch das Ende ein. Muddy war mittlerweile in schlechter körperlicher Verfassung, was vielleicht erklärt, warum die Auf­nahmen schnell und eher mürrisch vonstatten gingen (die Studioarbeit wurde durch finanzielle Streitigkeiten behindert). Auch wenn Winter nicht wirklich zufrieden war, konnte man doch mit ›Champagne & Reefer‹ und dem fröhlichen ›(My Eyes) Keep Me In Trouble‹ feiern. In kommerzieller Hinsicht war das Album jedoch ein Flop und er­­reichte gerade einmal Platz 192 in den Charts.

Sonderbar

Electric Mud
Cadet, 1968

Muddy Waters Electric Mud
Muddy selbst nannte diese Platte „Hundescheiße”. Zum einen muss man wohl Marshall Chess die Schuld dafür geben, denn es war seine Idee, Waters mit den Avantgarde-Psyche-Rockern Rotary Connection zu umgeben. Doch auch der Blueser selbst hatte sein Au­­genmerk darauf gelegt, bei der weißen Hörerschicht den ein oder anderen Dollar zu verdienen. („Ich habe so oft für diese sogenannten Hippies gespielt, dass ich glaubte, ich könne sie musikalisch erreichen”). Und auch wenn sich ELECTRIC MUD gut verkaufte, hörte man Muddy doch immer an, dass er sich mit diesem Sound nicht wohlfühlte.

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