Werkschau: Meat Loaf

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Werkschau: Meat Loaf

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Seine besten Ergebnisse erzielte er im Tandem mit Songwriter Jim Steinman. Ihr bombastischer, wagnerianischer Rock ist fast schon ein eigenes Genre.

Vielleicht mit Ausnahme von Tiny Tim ist Marvin Lee Aday, der Mann, der Meat Loaf wurde, wahrscheinlich der am wenigsten zu einem solchen prädestinierte Rockstar, der je die Bühnen der Welt eroberte. Der übergewichtige Exzentriker mit strähnigem Haar, einem Faible fürs Theatralische und einer Stimmgewalt, die Mauern zum Einstürzen bringt, verbrachte die ersten Jahre seiner Karriere als Mitglied des unterschätzten Soulrock-Duos Stoney And Meatloaf in den Niederungen der Charts. Dann setzte er eine kleine, aber denkwürdige Duftmarke in der Geschichte der Popkultur mit seiner Rolle als Motorrad-Wahnsinniger Eddie in einer Broadway-Produktion von 1974, deren Filmadaption ein Jahr später folgen sollte: „The Rocky Horror Picture Show“. Zwei Jahre später stieg er dann so plötzlich wie schockierend zum absoluten Superstar auf. Meat Loaf ist zu 50 Prozent verantwortlich für BAT OUT OF HELL von 1977, eines der meistverkauften Rockalben aller Zeiten – bis heute über 50 Millionen Exemplare – und wahrlich eines der grandiosesten.

Meat und sein halb verrückter, schwarze Handschuhe tragender Songwriting-Partner Jim Steinman waren ein unvergesslicher Act. BAT OUT OF HELL markierte den Zenit des bizarren, aber majestätischen Rockexzesses der 70er und wird wohl nie mehr übertroffen werden. Was nicht heißen soll, dass Meat es nicht versucht hät te. In den folgenden Jahrzehnten probierte er sich als Schauspieler (mögen wir nie seine brillante Darbietung des großmöpsigen Revolutionärs in „Fight Club“ vergessen, oder seine Rolle als leidgeplagter Busfahrer in „Spice World“), reizbarer Reality-TV-Star („The Apprentice“, neben Donald Trump) und Bestsellerautor. Und er machte weiter Musik, manchmal wieder mit Steinman, etwa beim überraschenden Comeback Mitte der 90er mit der supereingängigen, textlich verwirrenden Pop-Goth-Powerballade ›I’d Do Anything For Love (But I Won’t Do That)‹.

Auf jeden Fall war es eine denkwürdige Reise . In einer sechs Jahrzehnte umspannenden Karriere hat Meat Loaf viele Höhen und Tiefen erlebt, aber man wird sich an ihn zweifellos immer als den triefend nassen, keuchenden, geilen Gossenopern-Fleischberg erinnern, der sich seine eigene bombastische Vielfraßrock-Nische in die Popkultur schnitzte und den Rock’n’Roll so noch größer und seltsamer machte. Hier werfen wir einen Blick auf die wilde Welt der Meat-Loaf-Alben. Dabei mag es Momente des Fremdschämens geben, doch der Mann, der ›Bat Out Of Hell‹ sang, hat unseren Respekt verdient.

UNVERZICHTBAR

BAT OUT OF HELL
CLEVELAND INTERNATIONAL/EPIC, 1977

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Die Kombination aus den notgeilen Minisymphonien des durchgeknallten Songwriters Jim Steinman und Meat Loafs seismischoperatischem Heulen war nicht aufzuhalten und nicht zu toppen. Diese Hits werden noch die nächsten tausend Jahre nachhallen, und selbst unsere Enkelkinder werden noch den Text zu ›Paradise By The Dashboard Light‹ und ›Two Out Of Three Ain’t Bad‹ auswendig können.

BAT war die perfekte Mischung aus den Teenager-Todesballaden der 50er, Broadway-Pomp und polterndem Hardrock, erschaffen in einer längst vergangenen Welt, in der die Rock’n’Roll-Götter über die Erde stampften und niemand das so wuchtig tat wie Meat Loaf. Der Begriff „Classic Rock“ wurde praktisch für diese Platte erfunden.

BAT OUT OF HELL II: BACK INTO HELL
PURE MUSIC, 1993

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Schon der Erfolg des Originals von 1977 schien unwahrscheinlich, doch wie würden die Chancen der Fortsetzung am Höhepunkt des Alternative-Hypes der 90er stehen? Das Letzte, was 1993 irgendjemand hören wollte, war irgendein schwachsinniges Album von knattrigen alten Dinosauriern wie Meat und Steinman. Und doch riss sich das ewig zankende Duo noch mal zusammen und erschuf sein zweitbestes Album: eine Sammlung wirklich atemberaubenden Rock’n’Roll-Bombasts, inklusive der vielleicht wunderschön absurdesten und fast grotesk aufgeblasensten Powerballade aller Zeiten, ›I’d Do Anything For Love (But I Won’t Do That‹). Der Rest der Platte ist kein bisschen weniger abgedreht. Was für ein Comeback!

WUNDERBAR

DEAD RINGER
EPIC, 1981

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1980 schonte Meat seine von einer ewigen Tournee ruinierten Stimmbänder, daher nahm Jim Steinman den BAT-Nachfolger BAD FOR GOOD ohne ihn auf. Bei der Arbeit an jenem Album schrieb er aber auch dieses, und als Meats Stimme wieder belastbar war, machte er daraus diese gelungene Rückkehr zu alter Form. Dezenter als BAT, befriedigt es dennoch das Verlangen nach epischem, wagnerianischem Rock’n’Roll und wird von drei starken Singles verankert: ›Read ’Em And Weep‹, ›I’m Gonna Love Her For The Both Of Us‹ und dem Titelstück, einem Duett mit Cher. Einer von Meats größten Schätzen.

BAT OUT OF HELL III: THE MONSTER IS LOOSE
VIRGIN, 2006

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Ein etwas trügerischer Titel, denn Steinman und Meat standen damals vor Gericht im Streit um die Rechte an der Phrase „bat out of hell“, also gab Steinman die Produktion an Desmond Child ab. Dennoch ist das Album unglaublich over the top. Die meisten Songs hatte Steinman geschrieben, aber nicht als Fortsetzung des BOOH-Themas (was auch immer das sein mag). Trotzdem eine solide Sammlung von Meat-Jams mit einer weiteren Killer-Powerballade (›It’s All Coming Back To Me Now‹) und einem knackigen, metalartigen Opener, ›The Monster Is Loose‹, geschrieben von Nikki Sixx und John 5.

STONEY & MEAT LOAF
RARE EARTH, 1971

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Der Beweis dafür, dass Meat auch vor Steinman schon angenehm großspurig war. Dieses Kleinod entstand, als er und Shaun „Stoney“ Murphy zum Ensemble des Hippie-Musicals „Hair“ gehörten. Sie unterschrieben bei Rare Earth, dem kurzlebigen Rockableger von Motown, und S&Ms einzige Veröffentlichung passte als überschäumendes Gebräu aus Bläsern, Donner, bluesigem Vollfett-R’n’B und aufgebohrtem Gospelrock bestens zur Motown-Vision. Das Highlight ist der Opener ›(I’d Love To Be) As Heavy As Jesus‹, der wohl meatloafigste Satz aller Zeiten.

BAD ATTITUDE
ARISTA, 1984

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Ähnlich wie Alice Cooper schielte auch Meat Loaf bei der Arbeit an seinen Alben immer auf die gerade aktuellen Trends in der Rockmusik. Entstanden in der Glam-Metal-Welle Mitte der 80er, ist dies sein härtestes Album, eine wahre Orgie aus Shredding und „Woo-hoo“s. Befeuert von der furiosen Single ›Modern Girls‹ (die floppte, aber damals waren eben alle mit Billy Idol und Van Halen beschäftigt), fanden sich auf BAD ATTITUDE Gitarren von Bruce Kulick (Kiss) und ein Duett mit Roger Daltrey. Dies war Meats Versuch, mit den Kids mitzuhalten. Und größtenteils gelang ihm das auch.

ANHÖRBAR

HANG COOL, TEDDY BEAR
MERCURY, 2010

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Hier zog Meat alle Register. Steinman war nicht beteiligt, aber statt obskure Songwriter zu engagieren, entschied er sich für große Kaliber wie Justin Hawkins, Jon Bon Jovi, und Desmond Child. Dazu kamen Gastauftritte von u. a. Brian May, Steve Vai und Jack Black. Das Resultat ist ein Feuersturm aus fiebrigen Visionen, vertont mit wagemutigem, wahnwitzigen und bombastischem Theater-Rock. Hier und da gleitet das Ganze zwar in Kitsch ab, doch dies ist womöglich Meats ambitioniertestes und monumentalstes
Album – und das will wirklich was heißen.

MIDNIGHT AT THE LOST AND FOUND
EPIC, 1983

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Enstanden während einer Sendepause zwischen Meat und Steinman, fand sich hier eine Studioband aus Rockgrößen ein (u. a. Rick Derringer und Syknyrd-Gitarrist Gary Rossington). Randinfo: Zwei der Songs, die Steinman ursprünglich für diese Platte geschrieben hatte und dann anderen Künstlern verkaufte, wurden zu Riesenhits: Air Supplys ›Making Love (Out Of Nothing At All)‹ und Bonnie Tylers ›Total Eclipse Of The Heart‹. Doch auch so hat MIDNIGHT den klassischen Meat-Sound, und selbst wenn er es hasste, hat es den Charme von 70er-Radio-Deepcuts.

WELCOME TO THE NEIGHBOURHOOD
VIRGIN, 1995

Zwei Jahre nach dem gigantischen Erfolg von BAT II servierte Meat dieses Konzeptwerk über eine gescheiterte Beziehung. Das warf zwar keine nennenswerten Hits ab, wurde aber trotzdem zum Platinseller. Die siebenminütige Single ›I’d Lie For You (And That’s The Truth)‹ war Meat in Reinkultur, doch das Album ist mit angenehm eingängigem Hardrock ziemlich energisch. Unter den Songwritern finden sich Legenden wie Steinman, Sammy Hagar und Steven Van Zandt. Zwar nicht der überragende BAT-II-Nachfolger, den sich alle erhofft hatten, aber eine solide Sammlung von kraftvollem AOR.

SONDERBAR

BLIND BEFORE I STOP
ARISTA, 1986

Blind Before I Stop - Cherry Red Records

In Meat Loafs Karriere gab es einige Grausamkeiten, als seine Stimme völlig hinüber war und er sich für sehr fragwürdige Kollaboratoren entschied (vergessen wir nicht, dass er 2011 einen Song mit Lil’ Jon und dem Typen von Sugar Ray machte), doch dieses Album ist noch übler. Auf der verzweifelten Suche nach einer Nische, in der er die 80er überleben könnte, tat sich Meat mit Milli-Vanilli-Produzent Frank Farian zusammen und erschuf einen pastellfarbenen Brei aus Synthie-Fanfaren und Funk-Bässen. Mit ›Masculine‹ und dem stürmischen ›Rock’n’Roll Hero‹ gab es zwei kleinere Highlights, der Rest ist Müll.

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